Umgang mit Patienten und Verhalten am Einsatzort im Rettungsdienst

Allgemeine Informationen und Kontext zum Lernfeld

  • Präsentationsthema: TB 4 Gefahren – LF 4.3.8 Am Einsatzort
  • Datum: 24.06.202624.06.2026
  • Dozentin: Chantal Schwan (Medizinpädagogin B.A.)
  • Einrichtung: Havelland Kliniken Unternehmensgruppe / Ausbildungszentrum Gesundheit und Pflege Havelland GmbH
  • Zugehörige Institutionen der Unternehmensgruppe:
    • Rettungsdienst Havelland GmbH
    • Gesundheitsservicegesellschaft Havelland mbH
    • Havelland Kliniken GmbH
    • Medizinisches Dienstleistungszentrum Havelland GmbH
    • Soziale Betreuungsgesellschaft Havelland mbH
    • Wohn- und Pflegezentrum Havelland GmbH
    • Ausbildungszentrum Gesundheit und Pflege Havelland GmbH

Gliederung der Ausbildungsinhalte

  • 1. Allgemeines Auftreten
  • 2. Verhalten in spezifischen Umgebungen:
    • In fremden Wohnungen
    • Direkt am Einsatzort
    • Im Klinikum
  • 3. Umgang mit verschiedenen Personengruppen und Objekten:
    • Patienten, Angehörige, Dritte und medizinisches Personal
    • Besondere Patientengruppen (insbesondere Gehörlose und Blinde)
    • Patientenhilfsmittel und Patienteneigentum
  • 4. Informationsbeschaffung
  • 5. Patiententransport: Fokus auf Heben und Tragen
  • 6. Strukturierte Patientenübergabe:
    • SINNHAFT-Schema
    • ISOBAR-Schema
    • ATMIST-Schema

Allgemeines Auftreten im Rettungsdienst

  • Grundregeln des Erscheinungsbildes:
    • Höfliches Auftreten gegenüber allen Beteiligten.
    • Gepflegtes Erscheinungsbild zur Wahrung der Professionalität.
  • Psychologische Wirkung:
    • Kompetenz zeigen und Sicherheit ausstrahlen.
    • Patienten nicht überfordern; eine Vertrauensbasis durch Anteilnahme herstellen.
  • Rechtliche und ethische Pflichten:
    • Strikte Beachtung der Schweigepflicht.
  • Psychosoziale Komponente:
    • Oft ist „nur“ eine psychosoziale Betreuung notwendig.
    • Höfliches Vorgehen und ggf. Vermittlung einer Hilfenummer zum sozialen Dienst.
    • Zuerst erfolgt die Betreuung und der Überblick, ob ein medizinischer Notfall vorliegt.
    • Wichtigkeit des Zuhörens: Besonders alte Menschen sind oft vereinsamt; hier helfen menschliche Ratschläge und Empathie.

Verhalten in der Wohnung, am Einsatzort und im Klinikum

  • Interaktive Reflexion (Fragestellungen für die Praxis):
    • Wie verhält man sich in einer fremden Wohnung? (Respekt vor der Privatsphäre).
    • Wünsche der Patienten: Was würden Sie sich als Patient wünschen? (Sicherheit, Ruhe, Diskretion).
    • Ängste der Patienten: Welche Bedenken könnten vorliegen? (Kontrollverlust, Scham).
    • Zusammenarbeit mit Dritten: Wie verhalten sich Feuerwehr und Polizei? Was wird von Kollegen und Beteiligten erwartet?
  • Verhalten im Krankenhaus:
    • Patientenübergabe: Stets freundlich und kurz, jedoch mit allen wichtigen Details.
    • Unterstützung: Das Klinikpersonal schätzt die Mithilfe beim Umlagern des Patienten.
    • Allgemeines Benehmen: Ruhiges Verhalten; Störungen für andere Patienten minimieren.
    • Umgang mit fremden Patienten im KH: Bei Ansprache zuhören und das Anliegen an das zuständige Personal weitergeben.
    • Praktikumsspezifisches: Aufgaben des Personals unterstützen; eigenständiges Handeln nur nach zwingender vorheriger Absprache.

Umgang mit Patienten, Angehörigen und Fachpersonal

  • Umgang mit Patienten:
    • Ersteinschätzung der Situation erfolgt bereits beim ersten Blickkontakt.
    • Ansprache: Freundlich, auf Augenhöhe, zugewandt, wertschätzend und respektvoll.
    • Anpassung: Kommunikation muss an die soziale Schicht, das Alter oder bestehende Einschränkungen angepasst werden.
    • Aufklärung: Patienten müssen über nachfolgende Untersuchungen und Maßnahmen informiert werden.
    • Diskretion: Abschottung des Patienten vor Gaffern (Gafferschutz).
    • Empathie: Fingerspitzengefühl für die plötzliche Notfallsituation entwickeln.
  • Umgang mit Angehörigen und Dritten:
    • Nutzen für die Fremdanamnese (Vorsicht: Unbewusste Falschaussagen durch Stress möglich).
    • Angehörige beruhigen und über Maßnahmen aufklären.
    • Bei Transport: Telefonnummer des Zielkrankenhauses an Angehörige übergeben.
    • Barrieren: Bei fehlenden Deutschkenntnissen ggf. Dolmetscher hinzuziehen.
  • Umgang mit medizinischem Fachpersonal:
    • In Pflegeeinrichtungen: Nutzung von Epikrisen und Pflegebögen zur Informationsgewinnung.
    • Fachpersonal ist oft in der Lage, fundierte medizinische Auskünfte zu geben.
    • Rechtliches: Bei Patienten mit Vormund Kontaktdaten (Telefonnummer) erfragen und Vormund über das Vorgehen informieren.

Besondere Patientengruppen

  • Differenzierung der Gruppen:
    • Notfallpatienten in Akutsituationen.
    • Angehörige (unter Einbeziehung kultureller Unterschiede).
    • Kinder und ältere Menschen.
    • Menschen mit psychischen Vorerkrankungen.
    • Personen in Sozialnot oder unter Einfluss von Alkohol und Drogen.
    • Körperliche Behinderungen: Fokus auf Gehörlose (Gebärdensprache/Körpersprache) und Blinde.
    • Menschen mit geistiger Behinderung.
    • Opfer von Gewalttaten.
    • Ersthelfer, Zuschauer und Augenzeugen.
  • Spezifische Kommunikation bei Schwerhörigkeit:
    • Anamneseführung erfordert Geduld und ggf. deutliche Artikulation.
  • Umgang mit Blinden:
    • Besondere Vorsicht beim Führen (z. B. Treppen).
    • Jede Bewegung und Handlung verbal ankündigen.

Patientenhilfsmittel und Patienteneigentum

  • Identifizierung von relevantem Eigentum:
    • Wertgegenstände (Schmuck, Geldbeutel).
    • Versicherungskarte (Gesundheitskarte).
    • Medizinische Dokumente: Allergiepass, Medikamentenzettel, Impfpass.
    • Technische Pässe: Schrittmacherpass, Implantatpass.
    • Rechtliche Dokumente: Generalvollmacht, Patientenverfügung, Patientenvollmacht.

Informationsbeschaffung am Einsatzort

  • Quellen und Methoden:
    • Anamnese: Direktes Gespräch mit dem Patienten.
    • Fremdanamnese: Befragung von Angehörigen, Mitbewohnern oder Augenzeugen.
    • Schriftliche Unterlagen: Epikrisen (Arztbriefe), Pflegeberichte, Medikationspläne.
    • Umfelddiagnostik: Überblick über das Umfeld verschaffen (z. B. leere Medikamentenpackungen, Zustand der Wohnung).

Prävention von Rückenschmerzen und Ergonomie

  • Ursachen für Rückenschmerzen (Akut und Chronisch):
    • Mechanisch: Verdrehtes oder zu schweres Heben, überwiegend sitzende Tätigkeit.
    • Umwelt: Nasse/kalte Kleidung, „Zug“ bekommen.
    • Gesundheitlich: Zu wenig Bewegung, Übergewicht, Trauma.
    • Psychosozial: Berufliche Unzufriedenheit, Mobbing, Stress, Depressivität, Disstress.
    • Definition Chronisch: Erkrankung, die länger als 66 Wochen anhält (schleichender Prozess).
    • Definition Akut: Plötzlich auftretende Erkrankung, Verletzung oder Vergiftung.
  • Vorbeugung:
    • Regelmäßige Bewegung und Entspannungstechniken.
    • Ausgleich psychischer Belastungen.
    • Korrektes Verhalten beim Heben und Tragen (Beinarbeit statt Rückenarbeit).

Richtige Körperhaltung beim Heben und Sitzen

  • Heben und Tragen:
    • Falsch: Mit gerundetem Rücken (Buckel) heben.
    • Richtig: Mit geradem Rücken aus den Knien heben.
    • Gewichtsverteilung: Einseitige Belastung vermeiden; beidseitige, gleichmäßige Verteilung sicherstellen.
  • Sitzen:
    • Arme und Beine sollten im rechten Winkel stehen (9090^{\circ}).
    • Sitzhöhe korrekt einstellen.
    • Arbeitsstuhl aktiv und ergonomisch nutzen.

Transportmittel und Rettungstechniken

  • Rautek-Griff (Rettungsgriff):
    • Anwendung bei der Crash-Rettung (z. B. aus einem Auto).
    • Ablauf: Arm fassen, Aufrichten, Abstützen, Ziehen.
  • Verfügbare Transportmittel:
    • Tragestuhl und manuelle Trage (Arretierung in verschiedenen Stufen).
    • Tragetuch, Schaufeltrage und Vakuummatratze.
    • Rollstuhl, Nachtstuhl.
    • Mechanische Hilfen: Rollboard, Lifter, Treppenlift.
    • Manuelle Unterstützung: Hilfestellung beim Gehen, Sitzgriff, Tragering.

Strukturierte Patientenübergabe: Schemata

SINNHAFT-Schema
  • S (Start): Übergebende Person startet; klare Signale; Tätigkeiten am Patienten pausieren; Face-to-Face; Ruhe.
  • I (Identifizierung): Name, Alter, Geschlecht.
  • N (Notfallereignis): Was? (Leitsymptom), Wie? (Ursache/Vorgeschichte), Wann? (Zeitpunkt), Wo? (Ort).
  • N (Notfallpriorität): Priorisierung nach c/xABCDESchemac/x-ABCDE-Schema.
  • H (Handlungen): Maßnahmen (Dosis/Zeitpunkt), Wirkung (z. B. SpO2SpO_2-Anstieg), unterlassene Maßnahmen.
  • A (Anamnese): Allergien, Medikamente, Vorerkrankungen, Infektionen, Soziales.
  • F (Fazit): Wiederholung durch aufnehmendes Personal (Closed-Loop-Kommunikation).
  • T (Teamfragen): Klärung offener Fragen.
ISOBAR-Schema
  • I (Identification): Vorstellung des Patienten.
  • S (Situation): Einsatzort, Ereignis, Erstbefund, Kinematik, Rettungsgrund (z. B. Suizid, PsychKG).
  • O (Observations): Vitalparameter (xABCDE,OPQRST,BEFAST,qSOFA,NASxABCDE, OPQRST, BE-FAST, qSOFA, NAS), Verlauf.
  • B (Background): SAMPLERSAMPLER, Infektions-/Impfstatus, Angehörige (Tel.-Nr.), Patientenverfügung.
  • A (Assessment): Aufgaben und weiteres Vorgehen.
  • R (Request): Rückfragen durch die Klinik.
ATMIST-Schema (Speziell für Trauma-Patienten)
  • A (Age): Alter und Name.
  • T (Time): Zeitpunkt des Unfalls/Ereignisses.
  • M (Mechanism): Unfallmechanismus (Schockraumindikation, Energieaustausch, Kinematik).
  • I (Injury): Festgestellte Verletzungen von Kopf bis Fuß.
  • S (Symptoms): Symptome gemäß xABCDExABCDE.
  • T (Treatment): Erfolgte Behandlung und ggf. SAMPLESAMPLE.

Barrieren und Tipps für die Praxis

  • Negative Einflussfaktoren auf die Übergabe:
    • Starke Hierarchien.
    • Übermäßiger Einsatz von Fachtermini ohne gemeinsames Verständnis.
    • Sprachbarrieren, Müdigkeit und Zeitdruck.
    • Lärmkulisse und fehlender Blickkontakt.
    • Angst vor Verurteilung.
  • Praxistipps für den Alltag:
    • Ressourcen des Patienten nutzen (wenn möglich).
    • „Beinarbeit statt Rückenarbeit“.
    • Gewicht nah am Körper tragen.
    • Gegenstände in passender Höhe lagern.
    • Bei Bedarf Tragehilfe (z. B. Feuerwehr) rechtzeitig nachfordern.
    • Lieber zweimal gehen als sich einmal zu überheben.

Fragen & Diskussion (Praktische Übungen)

  • Aufgabe 1: Transport von Equipment (Notfallrucksack, Beatmungsgerät, Defibrillator) durch mehrere Personen unter Beobachtung.
  • Aufgabe 2: Durchführung des Rautek-Griffs (Crash-Rettung) im Team (Retter, Patient, Beobachter).
  • Aufgabe 3: Korrektes Anheben einer Trage (Wechselseitiges Anheben in Arretierstufen).
  • Aufgabe 4: Anwendung des Tragetuchs bei einem Patienten.