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Kriminologie 1 - Zusammenfassung

Definition der Kriminologie

  • Kriminologie ist die Lehre/Wissenschaft vom Verbrechen, dem Rechtsbrecher und der Kontrolle dieses Verhaltens.
  • Moderne Definition: Kriminologie befasst sich mit Kriminalität als sozialem Phänomen und analysiert empirisch die Ursachen, Bedingungen und Folgen von Straftaten. Sie betrachtet Täter, Opfer, Gesellschaft und Strafverfolgungsbehörden.
  • Kurzdefinition: Study of lawmaking, lawbreaking and reactions to lawbreaking
  • Empirische Analyse von Verbrechen, Verbrechern und Verbrechenskontrolle unter Berücksichtigung von Opferbelangen und Kriminalitätsprävention.
  • Anwendung von Methoden der Sozialwissenschaften (quantitativ und qualitativ).
  • Verbrechen = Einzelerscheinung, Kriminalität = Massenerscheinung, Delinquenz = Neigung zu Rechtsüberschreitung.

Wissenschaftliche Beschäftigung mit Recht

  • Juristische Dogmatik: Geltung und Auslegung des Rechts (Sollens-Wissenschaft).
  • Rechtsphilosophie: Gerechtigkeit des Rechts (Wert-Wissenschaft).
  • Rechtssoziologie und Kriminologie: Realität des Rechts (Seins-Wissenschaft).
  • Strafrecht (Sollens-Wissenschaft) vs. Kriminologie (Seins-Wissenschaft).

Strafrechtstheorien

  • Klassisches Strafrecht: Vergeltung/Sühne (bis 2. Hälfte des 19. Jh., Kriminologie nicht relevant).
  • Modernes Strafrecht: Präventionswirkung (nach Franz von Liszt, empirische Befunde zu Kriminalitätsursachen und Sanktionen benötigt).
  • Postmodernes Risikostrafrecht: Integrationsprävention (symbolische Funktionen des Strafrechts, Wiederherstellung des Vertrauens in die Rechtstreue).

Verbrechensbegriffe

  • Formell: Verbrechen ist, was nach geltendem Recht strafbar ist.
    • Vorteil: gut abgrenzbar.
    • Nachteil: abhängig vom Gesetzgeber, was nicht kodifiziert ist, kann nicht überprüft werden.
  • Materiell: natürlicher Verbrechensbegriff, rechtsgutsorientierter Verbrechensbegriff (Rechtsgüter werden geschützt), sozialwissenschaftlicher Verbrechensbegriff (Sozialschädlichkeit als Massstab).

Gegenstand der Kriminologie

  • Erforschung von Kriminalisierungs- und Entkriminalisierungsprozessen.
  • Wechselwirkungen zwischen Konformität, Sozialabweichung und Kriminalität.
  • Verbrechen als Einzel- und Massenerscheinung.
  • Delinquenz im engeren und weiteren Sinne.
  • Sozialabweichung.
  • Rechtsbrecher (Persönlichkeitsdynamik, kriminelle Karriere, Behandlung).
  • Verbrechensopfer (Persönlichkeitsdynamik, viktimelle Karriere, Behandlung).
  • Reaktionen auf Verbrechen, Kriminalität, Delinquenz und Sozialabweichung.
  • Informelle und formelle Sozialkontrolle.
  • Sekundäre Devianz, Kriminalität und Delinquenz.

Aufgaben der Kriminologie

  • Grundlagenforschung (z.B. Entwicklung von Kriminalität im Lebenslauf).
  • Produktion von kriminologischem Erfahrungswissen.
  • Theorieentwicklung und -Überprüfung.
  • Praxisorientierte Forschung zur Implementation und Evaluation von Reformgesetzen.
  • Beschaffung von Basisdaten für rationale Kriminalpolitik.

Kriminologie als interdisziplinäre Wissenschaft

  • Psychologie: Kriminalpsychologie.
  • Soziologie: Kriminalsoziologie/Soziologie abweichenden Verhaltens.
  • Pädagogik: Sozialpädagogik/Straffälligenpädagogik.
  • Psychiatrie: Forensische Psychiatrie.
  • Biologie: Kriminalbiologie.

Kriminologie als internationale Wissenschaft

  • Repräsentation durch Forschungsinstitute, Zeitschriften und wissenschaftliche Gesellschaften.
  • Konflikt zwischen wissenschaftlicher Autonomie und praxisdienlicher Wissensproduktion.
  • Kriminologie ist keine „Hilfswissenschaft“, sondern eine Grundlagenwissenschaft mit eigenen Erkenntnisinteressen.

Abgrenzung Kriminologie und Kriminalistik

  • Kriminalistik: Aufklärung von Straftaten, Verbrechensbekämpfung.
  • Kriminaltaktik: Lehre vom taktisch richtigen Vorgehen.
  • Kriminaltechnik: Einsatz naturwissenschaftlicher Methoden zur Ermittlung von Tatverdächtigen.
  • Kriminalstrategie: Planung und Durchführung polizeilicher Maßnahmen.

Kriminalität und Kriminalitätsentwicklung

  • Kriminalität ist nur eingeschränkt erfassbar.
  • Schwankungen der Kriminalstatistiken können verschiedene Ursachen haben (z.B. Migrationsbewegungen, Gesetzesverschärfungen, Anzeigeverhalten).

Messung der Kriminalität

  • Zentrale gesellschaftspolitische Interessen an der Kriminalität.
  • Methodisch begrenzte Antwortmöglichkeiten der Kriminologie.
  • Straftaten treten erst durch gesellschaftliche Wahrnehmung und Ahndung in Erscheinung.
  • Dunkelfeld (nicht entdeckte Straftaten) vs. Hellfeld (statistisch erfasste Kriminalität).

Wege ins Hellfeld

  • Kriminalität ist eine Zuschreibung und wird juristisch bewertet. Daten werden nach subjektiv als bedeutsam erachteten Merkmalen strukturiert.
  • Amtliche Dokumentation aggregierter und statistisch aufbereiteter Kriminalitätsdaten = Kriminalstatistik (bildet nur einen Teilabschnitt ab).

Dunkelfeld

  • Der vollständige Restbestand solcher Kriminalitätsereignisse, die keine offizielle Reaktion ausgelöst haben.
  • Die inoffiziellen Wahrnehmungen von angeblichen Kriminalitätsereignissen, die den Strafverfolgungsinstanzen nicht offiziell zur Kenntnis gelangt sind.
  • Das Gesamtbild der echten Kriminalität kann nie erkundet werden (absolutes Dunkelfeld).
  • Nur etwa 10% der Straftaten werden entdeckt.
  • Gründe für Nichtanzeige: Scham, Opferrolle, Tod, Aufwand, Kosten, Erfolglosigkeit.

Arten von Kriminalstatistiken

  • Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS): Erfasst von der Polizei bearbeitete Vorgänge und ermittelte Tatverdächtige (Ausgangsstatistik).
  • Strafurteilsstatistik (SUS): Erfasst alle im Strafregister eingetragenen Verurteilungen von Erwachsenen (Datum = Entscheidungsdatum).
  • Jugendstrafurteilsstatistik (JUSUS): Erfasst alle im Strafregister eingetragenen Verurteilungen von Jugendlichen.

Weitere Statistiken

  • Schweizerische Strafvollzugsstatistik.
  • Rückfallstatistik.
  • Statistiken zu gemeinnütziger Arbeit, Electronic Monitoring, Bewährungshilfe etc.

Gewalt

  • WHO-Definition: Gebrauch von angedrohtem oder tatsächlichem körperlichem Zwang oder physischer Macht, der zu Verletzungen, Tod, psychischen Schäden oder Fehlentwicklung führt.
  • Gewalt kann von Individuen, Kollektiven, Institutionen, sozialen Strukturen oder Ideologien ausgehen. Sie kann physisch und/oder psychisch ausgeübt werden, ordnend oder zerstörend sein, als legitim oder illegitim empfunden werden.

Methoden und Befunde der Dunkelfeldforschung

  • Methoden: Befragung von Tätern, Opfern oder Informanten, Experimente, Beobachtungen.
  • Befunde: Deutlich mehr Straftaten als in der PKS registriert.

Grenzen der Dunkelfeldforschung

  • Was misst die Dunkelfeldforschung wirklich?
  • Nur ein Teil der tatsächlichen Straftaten wird wahrgenommen.
  • Gesellschaftsschichten werden befragt, was die Verallgemeinerbarkeit in Frage stellt.
  • Verständlichkeit des Fragebogens, subjektive Bewertung der Befragten, Zugänglichkeit der Gruppen, Sprachschwierigkeiten, Gedächtnislücken.
  • Bewusste Falschangaben.

Zentrale Erkenntnisse der Dunkelfeldforschung

  • Deutlich mehr Straftaten als in der PKS registriert.
  • Bagatelldelikte werden von Frauen im Dunkelfeld ähnlich häufig begangen wie von Männern.
  • Migranten im Hellfeld überrepräsentiert, Ergebnisse im Dunkelfeld uneinheitlich.
  • Soziobiografische Parallele zwischen Tätern und Opfern.

Studie zu Kriminalität

  • Einjahresprävalenzen für verschiedene Straftaten.
  • Rückgang der Prävalenz bei den meisten Straftaten.
  • Grosse Diskrepanz zwischen den Arten der Delikte im Anzeigeverhalten.

Dunkelzifferrelationen

  • Verhältnis zwischen angezeigten und nicht angezeigten Delikten für verschiedene Deliktsarten.

Vorrangige Motive einer Anzeige

  • Erlangung von Versicherungsleistungen, Schwere der Verletzungen, Bestrafung des Täters, Hilfe durch die Polizei.

Anzeigeverhalten nach Baier

  • Etwa jede dritte Körperverletzung wird zur Anzeige gebracht.
  • Bekannte Täter werden seltener angezeigt als unbekannte Täter.
  • Einheimische Täter werden seltener angezeigt als Täter mit Migrationshintergrund.

Struktur und Entwicklung der Kriminalität im Hell- und Dunkelfeld

  • Durchschnittsalter für Straftaten eher jung.
  • Überrepräsentation von Jugendlichen.

Ergebnisse der Dunkelfeldforschung zur Jugendkriminalität

  • Ubiquität (allgegenwärtigkeit) und Episodenhaftigkeit der Jugendkriminalität.
  • Bagatellcharakter und keine Schwerdelikte.
  • Jugendliche Delinquenz als Übergangsphase.
  • Alterskriminalität: Unterrepräsentiert im Hellfeld, überwiegend leichtere Delinquenz.
  • Frauenkriminalität: Unterrepräsentiert im Hell- und Dunkelfeld, weniger Gewaltkriminalität.
  • Migrantenkriminalität: Uneinheitliche Befunde zum Dunkelfeld, statistische Verzerrungsfaktoren beachten.

Internationaler Vergleich der Kriminalität

  • European Sourcebook.
  • Verständnis für Rechts- und Sanktionensystem des spezifischen Landes.

Geschichte der Kriminologie

  • Mittelalter: Verbrechen als Sünde.
  • Klassische Schule: Aufklärung des 18. Jahrhunderts, Straftäter als rationale Personen, Forderungen nach Abschaffung der Todesstrafe und Verhältnismässigkeit.
  • Cesare Beccaria: Verbrechen als Kosten-Nutzen-Abwägung, Präventionsansatz.
  • J.P.A. Feuerbach: Theorie des psychologischen Zwangs.
  • Jeremy Bentham: Utilitarismus, Strafeffizienz, Panoptikum.

Anfänge positivistischer Kriminologie

  • Auguste Comte: Erkenntnisse nur aus Tatsachen ableitbar.
  • Verständnis von Kriminalität als Folge äußerer Ursachenketten, nicht als freie Willensentscheidung.

Italienische Schule

  • Caesare Lombroso: Verbrecher von Geburt an prädestiniert zur Delinquenz aufgrund atavistischer Merkmale.
  • Enrico Ferri: Stärkere Berücksichtigung sozialer Faktoren.
  • Raffaele Garofalo: Verbrecher als anthropologischer Typ mit Mangel an Empathie.

Französische Schule

  • Erste kriminalstatistische Untersuchungen durch Adolphe Quételet.
  • Alexandre Lacassagne: Milieu als Nährboden für Kriminalität.
  • Gabriel Tarde: Prinzip der Nachahmung.
  • Emile Durkheim: Funktion von Verbrechen in der Gesellschaft, Anomie durch gesellschaftliche Umbruchprozesse.

Marburger Schule

  • Franz von Liszt: Anlage-Umwelt-Theorie, Präventionsarbeit.

Auseinanderentwicklung deutschsprachiger und nordamerikanischer Kriminologie

  • Gustav Aschaffenburg: Integration von Kriminalsoziologie und Kriminalpsychologie.
  • Durchsetzung des Kraepelin-Paradigmas in Deutschland: Kriminalität als Folge eines endogenen moralischen Defekts.

Aufstieg der nordamerikanischen Kriminologie

  • Verständnis der Kriminologie als vom Strafrecht losgelöste Disziplin.
  • Robert K. Merton: Weiterentwicklung der Anomietheorie Durkheims.
  • Chicagoschule: Sozialökologischer Ansatz zur Erklärung unterschiedlicher Kriminalitätsbelastung verschiedener Stadtteile.
  • Entdeckung der Kriminalität der Oberschichten: White Collar Crime (Edwin H. Sutherland).
  • Entwicklung einer auf gesellschaftliche Definitions- und Ausgrenzungsprozesse bezogenen Perspektive (labeling approach).

Kriminologie in Gegenwart und Zukunft

  • Weiterhin starke nordamerikanische Kriminologie.
  • Zunehmendes Erstarken einer europäischen Kriminologie.
  • Internationale Straftaten, Straftaten des Europäischen Strafrechts, Transnationale Straftaten, Abweichendes Verhalten im Internet, International-vergleichende\ und globale Perspektiven auf Kriminalität und Kriminaljustiz, Kriminologie der Umweltstraftaten.

Kriminalitätstheorien

  • Aussage, in der mindestens eine Bedingung für das Zustandekommen kriminellen Verhaltens angegeben wird.
  • Funktionen: Retrospektive Erklärung, Grundlage für Wahrscheinlichkeitsaussagen und Kriminalprävention.
  • Kriminologische Theorie ≠ normative/dogmatische Theorie.

Voraussetzungen

  • Erklärung ≠ Beschreibung.
  • Allgemeingültigkeit.

Gütekriterien

  • Praxisrelevanz.
  • Empirische Absicherung.

Typen

  • Ebene 1: Individuenbezogen, Gesellschaftsbezogen, Systembezogen/Konstruktivistisch.
  • Ebene 2: Integrative, Multifaktoriell.

Unterscheidungen

  • Nach Erklärungsebene: Mikrotheorie, Makrotheorien.
  • Nach Reichweite: Theorien mittlerer Reichweite, Allgemeine Kriminalitätstheorien.
  • Nach Herkunftsdisziplin: Biologische Kriminalitätstheorie.

Biologische Kriminalitätstheorie

  • Historisch: Verbrechertypen, Fortführung im Nationalsozialismus.
  • Heute: Zwillingsforschung, Adoptionsstudien, Chromosomenanomalien, Einfluss von Hormonen und Neurotransmittern, Neo-biologische Hirnforschung.
    Milgramexperiment und Zimbardos Stanford Prison Experiment zeigten das selbst völlig normale Menschen zu Tätern werden koennen.

Psychologische Kriminalitätstheorien

  • Persönlichkeitstheorien, Stresstheorien, Psychoanalytische Theorien, Psychiatrische Theorien, Aggressionstheorien
  • Theorie des rationalen Wahlverhaltens: Nutzen-Kosten-Abwägung.

Kontrolltheorie (Hirschi)

  • Warum verhält sich ein Mensch konform?
  • Enge persönliche Bindung, Einbindung in konventionelle Aktivitäten, Verpflichtungsgefühl, Glaube an moralische Wertvorstellungen.

Theorie der niedrigen Selbstkontrolle (Hirschi und Gottfredson)

  • Mangel an Selbstkontrolle begünstigt kurzfristige Bedürfnisbefriedigung.

Lerntheorien

  • Differentielle Assoziation (Sutherland): Kriminelles Verhalten wird in der Interaktion mit anderen Personen erlernt.
  • Theorie der Neutralisationstechniken (Sykes & Matza): Ablehnung von Verantwortung, Negierung des Unrechts, Ablehnung des Opfers, Verdammung der Verdammenden, Berufung auf höhere Instanzen.
  • Rape-Myths: Sexualstraftäter bagatellisieren: Frauen wollen gewaltsamen Sex

VL 8: Kriminalitätstheorien 3

Soziologische Kriminalitätstheorien

  • Stellen nicht Individuum, sondern soziale Strukturen in den Mittelpunkt
  • Anomietheorien (Merton)
    • allgemeine Stressbelastungstheorien, Copingstrategien, Anomie ist eine Reaktionsmöglichkeit auf Druck
    • Geht zurück auf Soziologen Dürckheim
    • In der Theorie von Dürckheim, ist die Kriminalität ein ständiger Bestandteil einer Gesellschaft, allerdings erkennt man bei starken Veränderungen /Wandel einen starken Anstieg der Kriminalität -> Anomie (Gesetzlosigkeit)
    • Die Waage halten kulturelle definierte Ziele und legale Mittel, wenn dies im Ungleichgewicht steht gibt es 5 Möglichkeiten um die Balance wiederzubekommen,
    • Was führt genau zu diesem Anstieg?
    • SozialStruktur der Nordamerikanische Gesellschaft der 30er Jahren geprägt durch kulturell definierter Ziele und durch die institutionalen legalen Mittel um dies zu leisten, wenn man die anerkannten Ziele nicht mit den zur verfügung stehenden Mitteln erreichen kann, gibt es 5 Möglichkeiten, wie man darauf reagieren kann:
      • Konformität (es wird einfach akzeptiert)
      • Innovation (man erweitert seine Mittel, auch illegal)
      • Ritualismus, legale Mittel werden weiter verfolgt und Zielnichterreichung wird akzeptiert
      • Rückzug, Mittel und Ziele werden ignoriert, man begibt sich in Scheinwelten
      • Rebbellion, neue eigene Ziele ersetzen kulturell definierte Ziele (Terrorismus)
      • -> kann verschiedene Arten von Delikten erklären
      • Kritik: Kriminalität der Mächtigen kann nicht erklärt werden, damals gab es allerdings nicht sehr starke Diskrepanzen, Individuum ist somit ausgeliefert, man kann für Kriminalprävention kaum etwas ableiten\o Anomie will ausgeglichen warden mit einer der 5 Mittel:
  • Drucktheorien
  • Routineaktivitäts-Ansatz (Felson / Cohen)
    • Die Begehung einer Straftat setzt in der Regel voraus:
      • einen motivierten Täter,
      • ein erreichbares und geeignetes Tatziel und
      • die Abwesenheit schutzbereiter Dritter (Polizei, Nachbarn, technische Sicherungen). (Fehlen eines ausreichenden Schutzes für Tatobjekt) (Weder formelle noch informelle Kontrolle ist vorhanden)
    • Keine Notkriminalität mehr, sondern Wohlstandskriminalität, dadurch dass Frauen Tagsüber auch oft weg waren und zur Arbeit gingen, gab es einen Anstieg an Einbrüchen,
    • situatives Ereignis unabhängig der sozialen Gegebenheiten, dieser Ansatz lässt Kriminalpräventive Massnahmen ableiten und kann auch moderne Kriminalität (Staatsverbrechen/Wirtschaftskriminalität) erklären, man muss die Zahl der Tatgelegenheiten verringern,
    • Kritik: Man ist trotzdem angewiesen auf Individuen zentrierten Theorien, da diese Theorie nicht erklärt, warum manche straffällig werden und andere nicht, Präventionskonzepte führen nur dazu, dass Kriminalität sich verlagert (an Umschlagplätzen Polizei Drogen werden wo anders gehandelt), Rationale > r Mensch wird vorausgesetzt und emotionale, psychische und soziale Faktoren werden ausser Acht gelassen
  • Theorie der differentiellen Tatgelegenheiten
  • Subkulturtheorien (Cohen)
    • Es herrscht keine Desorganisation, sondern bestimmtes Normensystem (in bestimmten Stadteilen, höhere Kriminalität, diese Theorie besagt, dass dies an den Subkulturen liegt, auch diese haben Normsysteme allerdings andere)
    • Abweichendes Verhalten wird damit erklärt, dass die abweichenden Individuen sich nach anderen als den herrschenden Werten und Normen richten.
    • Diese Werte und Normen werden ihnen innerhalb einer Subkultur (z.B. einer Bande) vermittelt.
    • Subkultur lehnt Werte und Normen der Mehrheitsgesellschaft ab und setzt andere (wiederum aus Sicht der Mehrheitsgesellschaft deviante) dagegen.
    • Kritik: die meisten Delinquenten teilen sehr wohl, die Werte und Normen der Mehrheitsgesellschaft
  • Kulturkonflikttheorien
  • Theorie der sozialen Desorganisation/Unordnung
    • Broken-Windows Theorie (Wilson/Kelling)
      • Experiment von Zimbardo in den Bronx und in Palo Alto (1969),
      • Auto mit geöffneter Motorhaube und ohne Kennzeichen zurückgelassen, in Palo Alto wurde es unangetastet gelassen, in Bronx wurde es komplett ausgeschlachtet,
      • Kriminalitätsbelastung ist unterschiedlich stark ausgeprägt, hier geht man davon aus, dass die Struktur ein Problem wird, führte zu restriktiver Kriminalverfolgung
        Es geht um alle Anzeichen von Unordnung auch Urinieren in der Öffentlichkeit, herumliegender Müll, Graffiti etc. erhöhen die Kriminalitätswahrscheinlichkeit
    • Kritik: nicht öffentliche Verfwahrlosung sondern sozialökonomische Struktur als Ursache, Prävention würde die Bürgerlichen Freiheiten erheblich einschränken, Grenzen zwischen Legal und illegal würden verschärft (Kein Alk in der Öffentlichkeit)
    • Kriminalpolitische Auswirkungen: Zero Tolerance Politik
      Klienste Vergehen (Urinieren in Öffentlichkeit) wurden bereits geahndet, diese Strategie soll angeblich in New York auf Erfolg gestossen sein, und somit wurden die Stadtteile wieder begehbar, Kommandostrukturen wurden dezentralisiert, Zusammenarbeit mit Bevölkerung, Aktionspläne und detaillierte Statistiken wurden erstellt somit hatte man einen anderen Umgang mit Kriminalität
      * Kritik: Kausale Beziehung zwischen Unordnung und Kriminalität sondern, dass die soziale Zusammensetzung der Gesellschaft der eigentliche Grund ist, Zero Tolerancepolitik, habe einen rasaten Anstieg der Gefangenen in der Kriminalität geführt und auch nur zu einer Verlagerung (in Ghettos/Gefängnisse) der Kriminalität geführt

Kriminalisierungstheorien

  • Etikettierungsansatz nach Becker
    Fundamentaler Unterschied zu den vorangegangenen ethologischen Prinzipien
    Nicht Ursache für das Verhalten, sondern warum wird ein Verhalten bestraft und anderes nicht? Im Zentrum: Gesellschaftliche Reaktion
    Zuschreibungsprozess Beispiel: Ein älterer etwas verwahrloster Mann kommt aus einer Bar, und greift sich einen Kamelhaarmantel, wird dies von aussen als Diebstahl gewertet? Wenn es sich um einen zerstreuten Professor handelt entscheidet man anders als bei einem chronischen Säufer
    Kriterien: Sprachkompetenz, Intelligenz etc.
    Definitionsmacht: manche haben eine grössere Definitionsmacht (diese definieren, wer als kriminell gilt und nehmen sich selbst somit aus und vor)
    nicht nur bei äusseren Definition stehenbleibend sondern hat auch Einfluss auf das Selbstbild, Zuschreibungen werden in das Selbstbild aufgenommen
    Primäre Abweichung: äussere negative Zuschreibungen haben keine Veränderung des Selbstbildes als Folge, erste Straftat,
    Sekundäre Devianz: äussere negative Zuschreibungen verändern das Selbstbild
    Geht davon aus, dass die Devianz nur steigt, wenn die Täter von der urteilenden Instanz als Kriminelle etikettiert wurden und Label in Selbstbild übernommen haben (Selbsterfüllende Prophezeiung)
    Viele Menschen begehen kriminelle Handlungen, nur wenige werden aber entdeckt und verurteilt.
    Erfolgt jedoch eine Reaktion der Strafverfolgungsorgane auf abweichendes Verhalten einer Person, wird im Wege symbolischer Interaktion dem Betroffenen die Rolle des „Kriminellen“ zugeschrieben. Diese nimmt die betroffene Person
    in der Folge ggf. im Wege einer selbsterfüllenden Prophezeiung auch selbst an .
    Kriminologisch relevant ist daher nach diesem Ansatz nicht die kriminelle Handlung als solche, sondern die gesellschaftliche Reaktion darauf.
    Blickwinkelwechsel sind sehr wichtig, daraus ergaben sich wichtige Ergebnisse für Dunkelfeldforschung, Sanktionierungen fördern Kriminalität durch Stigmatisierung und Ausgliederung aus der Gesellschaft, es fehlen weitere Erklärungsmuster, der Mensch wird zum Objekt äusserer Einflüsse degradiert, wie intensiv muss das Labeling sein, damit es zu weiterer Delinquenz führt?
    Kritik: Mensch wird zum Objekt äusserer Zuschreibungsprozesse degradiert

Mehrfaktorenansätze und integrative Theorien

Theorie der re-integrativen Beschämung: will das Labeling in einem aussergerichtlichen formalisierten Verfahren zur Normverdeutlichung und anschliessender Reintegration nutzbar machen, und geht davon aus, dass die Beschämung durch eine Sanktion
zur Resozialisation führt (Kriminalitätsvermeidungstheorie)Situational Action Theory (Wikström):
Niedrige Selbstkontrolle und schlechte Umwelteinflüsse unter Berücksichtigung von situativen Faktoren in einer Entscheidungssituation erfordert Selbstkontrolle und entscheiden ob jemand zur Kriminalität greift (persönliche Moral hat auch eine grosse Rolle)
Als Generaltheorie: will Kriminalität unabhängig von der Art des Deikts erklären mit Fokus auf Interaktion von Individuum und Umwelt, Zentraler Aspekt persönliche Moralvorstellung
Untersuchung von wahrnehmungs und Entscheidungsprozessen, die sich situativ unterscheiden. Menschliche Handlung erfolgt entweder gewohnheitsmässig oder ist eine Folge einer Entscheidung (moralischer Bewertung), wenn man sich bewusst entscheidet kommt der untere Pfad in Betracht, beim oberen Pfad, wendet der Mensch die gewöhnlichen Methoden an
Kriminalität als Handlungsalternative, wenn die Alternative überhaupt in Betracht gezogen wird, entscheidet schliesslich ein Zusammenspiel aus biologischen und sozialen Faktoren, ob es tatsächlich zur Straftat kommt
Auch abhängig davon: Wie ist die Abschreckung?
Kritik: Erklärt nicht woher Kriminalität als Handlungsalternative herkommt,
Neu: führt sozialökonomische Theorie fort, versucht Wirkfaktoren Person-Umwelt in Wechselwirkung zu bringen, verbindet somit racional-choice Ansatz
Potential: Bezug auf Gemeinsamkeiten aller Straftaten: Verstoss gegen Regeln, versucht Persönlichkeits und Umwelttheorien zu verknüpfen, Kriminalität kann in jedem Setting erklärt werden,

Lebenslauftheorien: Age graded Theorie of informal Social Control (Sampson/Laub)

  • Entwicklungskriminologischer Ansatz: Erklärung der Kriminalität im und aus dem Lebensverlauf
  • Kriminalität als Folge eines dynamischen Prozesses
  • Ähnlich wie in Hirschis Kontrolltheorie Erklärung von Kriminalität durch geschwächte Bindungen zu bestimmten Zeiten im Leben (unterschiedliche Anfälligkeit für Kriminalität)
  • Allerdings Berücksichtigung der über den Lebensverlauf unterschiedlichen Relevanz verschiedener Bindungen (insbesondere im Verhältnis Jugend- zu Erwachsenenalter)
  • Fehlende / schwache Bindungen im Jugendalter begünstigen zudem fehlende / schwache Bindungen im Erwachsenenalter (durch Akkumulation von problematischen Verhaltensmustern und Lebensbedingungen) Keine Starke Bindungen in der
    Kindheit, können zu schwachen Bindungen im Erwachsenenalter führen
  • Dennoch können jederzeit neue Bindungen entstehen, es können Wendepunkte auftreten, an denen kriminelle Karrieren beendet werden (z.B. Heirat, Berufseinstieg)
  • Kriminalität als dynamischer Prozess, Bindungsabhängig (Kinder, Partner) verabschiedet man sich von Kriminalität, in bestimmten Zeiten haben verschiedene Beziehungen einen unterschiedlichen Wert,
  • Zur Kritik der Mehrfaktorenansätze
  • lässt sich die Komplexität kriminellen Verhaltens nicht in ihrer Gänze abbilden, da ein Vielzahl von Faktoren identifiziert werden können
  • die verschiedenen Risikopotentiale liegen vorliegend neben-, nicht aber unbedingt in wechselseitiger Beziehung zueinander vor!
  • (weder) zu einer allgemeingültigen und spezifischen Erklärung dieses Phänomens (noch) zur Entwicklung effektiver Kriminalpräventionsmaßnahmen taugen

VL 9: Kritische Kriminologie

Entstehung

  • Meint bestimmte Perspektive auf Kriminologie einzunehmen (approaching effekt), es gibt personenunabhängige Faktoren, die einen Menschen kriminell werden lassen,
  • Die kritische Kriminologie formierte sich im angloamerikanischen Raum gegen die ätiologische Kriminalsoziologie (Matza: «Delinquency and Drift», 1964).
  • Kritisiert wurde besonders der Mehrfaktorenansatz (Glueck)
  • Hinterfragung von gesellschaftlichen Normen und Kontrollinstanzen, labeling approach.
  • Im deutschsprachigen Raum: Kritische Kriminologie beginnt mit Ideologiekritik an der bis dato von Rechtswissenschaft und Psychiatrie dominierten Kriminologie. «Radikale» Hinwendung zum labeling approach und allen seinen möglichen Auswirkungen --> unterschied in Betrachtung und Erklärung spricht für Paradigmenwechsel, unter neuen Bedingungen/Fragestellungen Betrachtung von tratidionenler Kriminalität, absolutistisch , da diese Individuen zentriert ist und soziale Faktoren ausschliesst
  • Form als pathologisches Verhalten: klassische/traditionelle Kriminologie -> wird von kritischer Kriminologie abgelehnt
  • Abweichendes Verhalten wird dadurch zur Kriminalität, dass es kriminalisierbar gemacht wird und von Gesellschaft kriminalisiert und schon deshalb kann es kein pathologisches Verhalten sein, weil dies auf der Basis sozialer Bedingungen eine funktionale/ vernünftige Problemlösungsstrategie darstellt
  • "Die herkömmliche Kriminologie steht unter Ideologieverdacht, insoweit sie täterorientiert ist, mit dem von Strafrecht vorgegebenen Kriminalitätsbegriff arbeitet und Kriminalität als abnormal und pathologisch begreift. Die Täterorientierung stellt sich dar als Überbetonung individualpsychologischer und psychiatrischer Erklärungen von Kriminalität. Sie führt damit zur Ausblendung der sozialen Reaktionen aus dem Erklärungszusammenhang der Kriminalität. Damit verstellt die täterorientierte Kriminologie den Blick auf die selektiven Mechanismen im gesamten Prozeß der faktischen Krimininalisierung. (Arbeitskreis Junger Kriminologen, Kritische Kriminologie. Positionen, Kontroversen und Perspektiven,
  • --> Versuch zu dekonstruieren und zu neuen Verständnissen zu kommen

Gegenstand

  • Kritik der traditionellen Kriminologie
    • Kriminalität als pathologisches Verhalten
    • Absolutistischer Ansatz
    • Gegen den Besserungsgedanken
    • Additive Interdisziplinarität und Positivismus (Labellingaproch werden ausgeblendet und normative Strukturen werden als objektiv betrachtet und nicht hinterfragt)
      Es gibt keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Kriminellen und Nicht-Kriminellen
      Analyse der Funktionen der klassischen Institutionen wie Gefängnis, Gericht, Sozialarbeit, Psychiatrie
      Analyse der Abweichung im weiteren Kontext von Macht und Autorität (Kriminalität im ganzen Zusammenhang der bestehenden Strukturen betrachten und Gesellschaft als Ganzes verändern)
      Analyse des Phänomens Kriminalität im Kontext sozialen Handelns und sozialstruktureller Bedingungen (sekundäre Devianz (Wiederholungstaten) verhindern)
      Veränderung der gesellschaftlichen Praxis im Umgang mit Kriminalität (dafür sorgen, dass ein ehemalig Krimineller trotzdem Job bekommt nachher und nicht stigmatisiert wird)

Forschungsschwerpunkte der kritischen Kriminologie

  • Die Kriminalität der Mächtigen (soll in ihrem Umfang analysiert werden)
  • Prozesse der Stigmatisierung und sekundären Devianz/Etikettierung
  • Genese der Strafrechtsnormen in ihrer Abhängigkeit von ökonomischen und Machtinteressen der Herrschenden (Wie entsteht Recht und wird es so gestaltet dass es die bestehenden Lager manifestiert (Reiche bleiben reich..))
  • Instanzen sozialer Kontrolle (In wie weit werden Menschen von diesen Instanzen ungerecht behandelt?)
  • Alternative Reaktionen (z.B Täter-Opfer ausgleiche)
  • Methodenkritik

Institutionalisierung

  • Arbeitskreis junger Kriminologen (AJK)
  • Gesellschaft für interdisziplinäre wissenschaftliche Kriminologie (GiwK e.V.)
  • Kriminologisches Journal
  • Hauptthemen heute:
    • Foucault
    • Garland («Culture of control»)
    • Sozio-neuro-wissenschaftliche Handlungstheorie» (Kreissl/Steinert) (ätiologische Wende?)
      Genderperspektive/ Feministische Kriminologie Einfluss
  • Stigmatisierungsprozesse wurden in Mehrfaktorenansätze integriert. (Eigenständige Risikofaktoren können Mehr faktorieller Einfluss sein)
  • Einführung von Diversionsstrategien

Marxistische Kriminologie

  • Die marxistische Kriminologie beschäftigt sich mit Fragen nach den wirtschaftlichen und politischen Determinanten der Strafrechtspolitik, der Rolle der Strafvollzugsinstitutionen in Strategien des Klassenkampfes und der Art und Weise, wie die Strafe der Klassenmacht dient – symbolisch oder materiell (Garland, 1991)
  • Theorien kommen nicht von Marx/Engels selbst, die sich selbst selten, wenn überhaupt, auf die Ideen von Kriminalität, Strafrecht oder Gefängnissen konzentriert haben
  • Grundlegende Texte der marxistischen Kriminologie sind Punishment and Social Structures (1939) von Rusche und Kirschheimer und The Prison and the Factory(1981) von Melossi und Pavarini
    diese Aussagen sollen belegen, dass die Geschichte der Kriminalitätstheorien eine Geschichte sozialer Kämpfe von ungleichen Gesellschaftlichen Gruppen ist.
    zwei fundamentale Thesen:
    Die Ausbeutung der Arbeit war die wichtigste Determinante der strafrechtlichen Entwicklungen Ein ständiges Thema in den Strafvollzugsanstalten war das Anliegen, den Gefangenen die Disziplinen und Einstellungen zu vermitteln, die für die Anpassung an den Arbeitsplatz notwendig sind

Abolitionismus

  • Starke Bewegung in den 1970/80er Jahren
  • ⇒Fällt zusammen mit Entwicklung der kritischen/radikalen Kriminologie
  • Abschaffung totaler Institutionen (Gefängnis, Psychiatrie)
  • Radikaler Ansatz: Abschaffung der Strafjustiz und des Strafrechts an sich
  • Vielfalt der Ansätze und Argumentationen
  • Besonderheit: Fokus liegt auf Gemeinde/Gemeinwesen und nicht auf der (ganzen) Gesellschaft

Gemeinsamkeiten abolitionistischer

Abschaffung des Strafrechts führt zur Entkriminalisierung abweichenden Verhaltens Autonomieder Mitglieder einer Gemeinschaft,mit ihren Konflikten umzugehen/sie zu lösen Beschränkung des staatlichen Gewaltmonopols und der Ausübung sozialer Kontrolle durch die Bürger Entinstitutionalisierungund Informalisierungals zentrale Ziele Labelingapproachals theoretische Grundlage

  • Die feministische Kriminologie
    Vertreten durch kritische Kriminologie

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