Studiennotizen: Europarecht und Internationales Wirtschaftsrecht

Literatur und Überblick zum Europarecht

  • Lehrender: Univ.-Prof. Dr. Werner Schroeder, LL.M., Institut für Europarecht und Völkerrecht, SS 2026.

  • Empfohlene Literatur:

    • Gesetzestext: Dtv Taschenbuch, Europarecht, 30.30. Aufl. 2025.

    • Lehrbuch: SCHROEDER, Grundkurs Europarecht, 8.8. Aufl. 2024.

  • Stoffüberblick (Schwerpunkt EU-Recht):

    • Grundlagen des institutionellen EU-Rechts.

    • Grundzüge des Binnenmarktes und der Grundfreiheiten.

    • Grundzüge des Wettbewerbsrechts.

    • Grundzüge des Außenhandelsrechts.

  • Einführung in das Internationale Wirtschaftsrecht:

    • Wirtschaftsvölkerrecht und die Rolle von Unternehmen.

    • Überblicke über das WTO-System (GATT, GATS, TRIPS).

    • Internationaler Investitionsschutz.

§ 1 Entwicklung der europäischen Integration

  • Definition Europarecht: Regelt die europäische Integration mit dem Ziel eines „immer engeren Zusammenschlusses der europäischen Völker“ (Präambel AEUV).

  • Rechtsgrundlage Art. 1 Abs. 3 EUV: Grundlage der Union sind der Vertrag über die Europäische Union (EUV) und der Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union (AEUV).

  • Motive für die Integration:

    • Friedenssicherung.

    • Sicherung der Macht der beteiligten Staaten.

    • Förderung des Wohlstandes.

    • Betonung gemeinsamer Werte.

  • Ausgangslage nach 1945:

    • Kalter Krieg (ab 1947: Moskauer Konferenz).

    • Notwendige Einbindung (West)Deutschlands.

    • Wiederaufbau via Marshall-Plan.

    • Europäische Stahlkrise Ende der 1940er Jahre.

  • Der Schuman-Plan (Jean Monnet & Robert Schuman):

    • Jean Monnet (1888-1979): Entwickelte 1950 den Plan; Prinzip der kleinen Schritte (Funktionalismus), kein Föderalismus; Gründung einer unabhängigen europäischen Behörde mit bindenden Entscheidungen.

    • Robert Schuman (1886-1963): Verkündung am 9.5.19509.5.1950 (Europatag) in Paris.

    • Ziele: Zusammenlegung der Kohle- und Stahlproduktion zwischen Frankreich und Deutschland, um Krieg „materiell unmöglich“ zu machen.

    • Gründung der EGKS: Unterzeichnung am 18.4.195118.4.1951, Inkrafttreten am 10.8.195210.8.1952 durch F, D, B, NL, Lux und I.

  • Defizite der „Monnet-Methode“:

    • Primär wirtschaftliche statt politischer Fokus.

    • „Elitenprojekt“ ohne Einbindung der Bürger; sinkende Akzeptanz durch Überregulierung; Mythenbildung (z. B. Gurkenkrümmung).

  • Chronologie der Integration:

    • 19481948: OEEC und GATT.

    • 19491949: Europarat und NATO.

    • 19511951: EGKS.

    • 19571957: Römische Verträge (EWG und EAG).

    • 19601960: EFTA.

    • 19651965: Fusionsvertrag.

    • 19731973: Beitritt DK, IRL, GB.

    • 19811981: Beitritt Griechenland.

    • 19861986: Beitritt ES und PT; Einheitliche Europäische Akte (EEA) mit Mehrheitsprinzip und Binnenmarkt-Plan.

    • 1992/19931992/1993: Vertrag von Maastricht (EU-Gründung); Schaffung des EWR.

    • 19951995: Beitritt Österreich, Finnland, Schweden.

    • 1997/19991997/1999: Vertrag von Amsterdam (VA).

    • 2001/20032001/2003: Vertrag von Nizza (VN).

    • 20042004: Großerweiterung (10 Staaten: EE, LV, LT, MT, PL, SK, SL, CZ, HU, CY); Unterzeichnung des Verfassungsvertrags (VVE).

    • 20052005: Scheitern des VVE (Referenden Frankreich/Niederlande).

    • 20072007: Beitritt Bulgarien, Rumänien.

    • 20092009: Inkrafttreten Vertrag von Lissabon (VL) am 1.12.20091.12.2009.

    • 20132013: Beitritt Kroatien.

    • 20202020: Austritt GB (Brexit).

  • Zentrale Krisen und Themen seit 2008: Euro-Krise, Flüchtlingskrise (2015), Brexit (2016), Pandemie (2019), Ukrainekrieg (2022), Energiekrise.

§ 2 Die Europäische Union: Beitritt und Austritt

  • Beitritt nach Art. 49 EUV:

    • Voraussetzung: Europäischer Staat + Einhaltung der Verfassungswerte nach Art. 2 EUV.

    • Kopenhagen-Kriterien: 1. Übernahme des Acquis (Gesamtbestand des EU-Rechts), 2. funktionsfähige Marktwirtschaft/Wettbewerb, 3. Absorptionsfähigkeit der EU.

    • Verfahren: Antrag an den Rat, Zustimmung der EU-Organe, Ratifizierung des Beitrittsvertrags durch alle MS und den Beitrittsstaat.

  • Austritt nach Art. 50 EUV:

    • Austrittserklärung gemäß verfassungsrechtlichen Vorschriften.

    • EU handelt Austrittsabkommen (Einzelheiten) und Rahmen für künftige Beziehungen aus.

    • Frist: 22 Jahre; Verlängerung möglich.

    • Beispiel Brexit: Erklärung am 29.3.201729.3.2017, Austritt am 31.1.202031.1.2020, Drittstaat-Status ab 1.2.20201.2.2020. Handels- und Kooperationsabkommen in Kraft ab 1.5.20211.5.2021.

  • Ausschluss: Im EUV nicht geregelt; strittig, ob Völkerrecht anwendbar. Sanktionen stattdessen via Art. 7 EUV und Vertragsverletzungsverfahren nach Art. 258 AEUV.

§ 3 Organe und sonstige Einrichtungen

  • Rechtsnatur: Die EU ist eine internationale Organisation sui generis (kein Staat).

  • Organe (Art. 13 Abs. 1 EUV):

    • Europäisches Parlament (EP).

    • Europäischer Rat (ER).

    • Rat (Ministerrat).

    • Europäische Kommission.

    • Gerichtshof der EU (EuGH).

    • Europäische Zentralbank (EZB).

    • Rechnungshof.

  • Sitze der Organe (Protokoll Nr. 6):

    • EP: Straßburg (12 Plenartagungen), Brüssel (Ausschüsse), Luxemburg (Generalsekretariat).

    • Rat & Kommission: Brüssel (Rat teilweise in Luxemburg).

    • EuGH & Rechnungshof: Luxemburg.

    • EZB: Frankfurt.

  • Europäisches Parlament:

    • Max. 750750 MdEP + Präsident:in.

    • Degressiv proportionale Vertretung (Wahl 2024: 720720 Plätze; Österreich: 2020).

    • Aufgaben: Mitwirkung Gesetzgebung, politische Kontrolle, Haushalt. Kein Initiativrecht.

  • Europäischer Rat (Staats- und Regierungschefs): Politisches Leitungsgremium, entscheidet meist im Konsens.

  • Rat der EU (Fachminister): Scharnier zwischen EU und MS. Gesetzgebung und Haushalt.

    • Doppelte Mehrheit: Mind. 55%55\% der Mitglieder (mind. 1515 Staaten), die mind. 65%65\% der Bevölkerung repräsentieren.

    • Luxemburger Vereinbarung (1966): Bestreben nach Einstimmigkeit bei „sehr wichtigen Interessen“.

  • Europäische Kommission: „Motor der Union“ und „Hüterin der Verträge“. Initiativmonopol für Gesetze, Vollzug (z. B. Wettbewerbsrecht).

§ 4 Rechtsquellen und Wirkung des Unionsrechts

  • Stufenbau der Rechtsordnung:

    • Primärrecht: EUV, AEUV, GrCH, Protokolle, Beitrittsverträge.

    • Völkerrecht: Abkommen der Union (Rang zwischen Primär- und Sekundärrecht).

    • Sekundärrecht: Verordnungen (VO), Richtlinien (RL), Beschlüsse.

  • Ungeschriebenes Primärrecht: Allgemeine Rechtsgrundsätze (z. B. Grundrechte), entwickelt durch den EuGH (Art. 19 EUV) via Rechtsvergleichung.

  • Vorrang des Unionsrechts:

    • Erstmals begründet in EuGH, Rs. 6/64, Costa/ENEL.

    • Unionsrecht verdrängt kollidierendes nationales Recht (Anwendungsvorrang, kein Geltungsvorrang).

    • Gilt auch gegenüber nationalem Verfassungsrecht (Rs. 11/70, Internationale Handelsgesellschaft).

  • Unmittelbare Wirkung:

    • Erstmals in EuGH, Rs. 26/62, van Gend & Loos.

    • Bedingung: Bestimmung muss hinreichend klar, eindeutig und unbedingt (kein Ermessensvorbehalt) sein.

  • Rechtsaktstypen (Art. 288 AEUV):

    • Verordnung: Allgemeine Geltung, in allen Teilen verbindlich, gilt unmittelbar in jedem MS.

    • Richtlinie: Verbindlich hinsichtlich des Zieles, überlässt MS die Wahl der Form und Mittel. Umsetzungspflicht. Unmittelbare Wirkung nur bei Nichtumsetzung und inhaltlicher Bestimmtheit (nur vertikal gegen den Staat).

    • Beschluss: Verbindlich für Adressaten.

    • Empfehlung / Stellungnahme: Nicht verbindlich.

  • Besonderheiten der MS:

    • Deutschland: BVerfG prüft Grenzen des Vorrangs („ultra vires“-Prüfung, Identitätskontrolle; siehe PSPP-Urteil 2020).

    • Österreich: Beitritt durch Gesamtänderung der Verfassung (Volksabstimmung); „Beitritts-BVG“ modifiziert Baugesetze.

§ 5 Haftung der Union und der Mitgliedstaaten

  • Haftung der Union (Art. 340 AEUV):

    • Vertragliche Haftung.

    • Außervertragliche Haftung: Handeln von Organen/Bediensteten in Amtstätigkeit; Rechtswidrigkeit (Verletzung einer Schutznorm für Einzelne); hinreichend qualifizierter Verstoß (offenkundig und erheblich).

  • Staatshaftung der Mitgliedstaaten:

    • Gewohnheitsrechtlich durch EuGH begründet (Rs. Francovich; Rs. Brasserie du Pêcheur).

    • Voraussetzung: Verstoß gegen EU-Recht durch Legislative (Nichtumsetzung RL), Exekutive oder Judikative (Köbler-Urteil).

    • Kriterien: Hinreichend qualifizierter Verstoß, unmittelbarer Kausalzusammenhang.

§ 6 Gesetzgebung und Kompetenzen

  • Prinzip der begrenzten Einzelermächtigung (Art. 5 Abs. 2 EUV): Union braucht konkrete Befugnis.

  • Kompetenzkategorien:

    • Ausschließliche Kompetenz (Art. 3 AEUV): Z. B. Zollunion, Handelspolitik.

    • Geteilte Kompetenz (Art. 4 AEUV): Z. B. Binnenmarkt, Agrarpolitik. MS handeln nur, sofern die EU nicht tätig wurde (Subsidiarität).

    • Koordinierungskompetenzen (Art. 5/6 AEUV): Z. B. Bildung, Kultur.

  • Subsidiarität (Art. 5 Abs. 3 EUV): Tätigwerden der EU nur, wenn Ziele auf MS-Ebene nicht ausreichend erreichbar sind. Überprüfbar durch Subsidiaritätsrüge bzw. -klage.

  • Ordentliches Gesetzgebungsverfahren (Art. 294 AEUV): Gleichberechtigung von Parlament und Rat; drei Lesungen plus Vermittlungsausschuss.

§ 7 Vollziehung und Verwaltung

  • Unionsvollziehung: Direkte Verwaltung durch EU-Organe (z. B. Wettbewerbsrecht, Haushalt). Unterstützung durch Agenturen (z. B. EUIPO).

  • Mitgliedstaatliche Vollziehung: Normalfall. MS müssen geeignete Organisationen schaffen (Art. 4 Abs. 3 EUV).

  • Verfahrensautonomie der MS: Vollzug nach nationalem Recht, begrenzt durch:

    • Äquivalenzprinzip: Keine Benachteiligung gegenüber nationalen Sachverhalten.

    • Effektivitätsprinzip: Ausübung von EU-Rechten darf nicht praktisch unmöglich gemacht werden.

§ 8 Rechtsprechung und Verfahrensarten

  • Vertragsverletzungsverfahren (Art. 258 AEUV): Klage der Kommission gegen MS. Feststellungsurteil. Bei Missachtung: Finanzielle Sanktionen (Zwangsgeld/Pauschalbetrag nach Art. 260 AEUV). Grundbetrag Zwangsgeld: 2.683\,\text{\euro} pro Tag, multipliziert mit Dauer, Schwere und Faktor nn (Wirtschaftskraft).

  • Nichtigkeitsklage (Art. 263 AEUV): Überprüfung der Rechtmäßigkeit von EU-Handlungen. Klageberechtigt sind MS, Institutionen und (eingeschränkt) Einzelpersonen.

    • Individuelle Betroffenheit: „Plaumann-Formel“ (Heraushebung aus dem Kreis aller übrigen Personen).

  • Vorabentscheidungsverfahren (Art. 267 AEUV): Nationales Gericht legt EuGH Fragen zur Auslegung oder Gültigkeit vor. Letztinstanzliche Gerichte sind zur Vorlage verpflichtet.

§ 9 - § 10 Grundrechte und Diskriminierung

  • Grundrechte: Ursprünglich ungeschrieben (Rs. Stauder, Rs. Nold). Seit 2009 ist die EU-Grundrechtecharta (GrCh) rechtlich verbindlich (Art. 6 Abs. 1 EUV).

  • Art. 18 AEUV: Verbot der Diskriminierung aus Gründen der Staatsangehörigkeit im Anwendungsbereich der Verträge.

    • Direkte vs. indirekte Diskriminierung (z. B. Anknüpfung an Wohnsitz statt Staat)

    • Inländerdiskriminierung ist nach EU-Recht erlaubt.

§ 11 Der Binnenmarkt und die Grundfreiheiten

  • Definition (Art. 26 AEUV): Raum ohne Binnengrenzen mit freiem Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital.

  • Warenverkehrsfreiheit (Art. 28-37 AEUV):

    • Körperliche Gegenstände als Handelsgut.

    • Verbot von Zöllen und mengenmäßigen Beschränkungen.

    • Dassonville-Formel: Jede Handelsregelung, die den Handel behindern kann.

    • Keck-Formel: Unterscheidung zwischen produktbezogenen Regelungen (verboten) und Verkaufsmodalitäten (erlaubt, wenn diskriminierungsfrei).

  • Arbeitnehmerfreizügigkeit (Art. 45 AEUV): Recht auf Arbeitsplatzwahl; inkl. Familienangehörige; Bereichsausnahme: hoheitliche Tätigkeiten in der öffentlichen Verwaltung.

  • Niederlassungsfreiheit (Art. 49 AEUV): Aufnahme selbstständiger Erwerbstätigkeit. Anerkennung von Diplomen (RL 2005/36/EG).

  • Dienstleistungsfreiheit (Art. 56 AEUV): Vorübergehende, entgeltliche Leistung. Formen: aktiv, passiv, personenunabhängig, auslandsbedingt.

  • Kapitalverkehrsfreiheit (Art. 63 AEUV): Gilt auch gegenüber Drittstaaten.

  • Rechtsangleichung (Art. 114 AEUV): Befugnis der EU zur Harmonisierung zur Beseitigung von Handelshemmnissen (siehe Tabakwerbeverbot-Urteil).

§ 12 Außenhandel und Int. Wirtschaftsrecht

  • Gemeinsame Handelspolitik (GHP): Ausschl. Zuständigkeit der EU (Art. 207 AEUV). Dynamischer Handelsbegriff (Waren + Dienstleistungen).

  • Internationales Wirtschaftsrecht:

    • WTO: Umfasst GATT (Waren), GATS (DL) und TRIPS (Geistiges Eigentum).

    • WTO-Streitbeilegung (DSU): Panel und Appellate Body.

    • TRIPS: Mindeststandards für Patente (2020 Jahre) und Urheberrecht (5050 Jahre).

  • Internationaler Investitionsschutz:

    • Schutz vor Enteignung (direkt/indirekt).

    • Hull-Formel: Entschädigung muss prompt, adäquat und effektiv sein.

    • BITs (Bilateral Investment Treaties): Ca. 30003000 weltweit.

§ 13 Wettbewerbsrecht

  • Kartellverbot (Art. 101 AEUV): Verbot von Vereinbarungen zwischen Unternehmen, die den Wettbewerb beeinträchtigen. Legalausnahme bei technischem Fortschritt (Abs. 3).

  • Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung (Art. 102 AEUV):

    • Marktbeherrschung bei Anteilen > 50\%.

    • Behinderungsmissbrauch (Kampfpreise) vs. Ausbeutungsmissbrauch (überhöhte Preise).

  • Fusionskontrolle (FKVO 139/2004): Zusammenschlüsse von unionsweiter Bedeutung (Schwellenwert: Weltumsatz > 5\,\text{Mrd. \euro}).

  • Beihilfenrecht (Art. 107 AEUV): Grundsätzliches Verbot staatlicher Begünstigungen. Notifizierungspflicht bei der Kommission. De-minimis-Schwelle: 300.000\,\text{\euro} in 33 Jahren.