Angewandte Ökonomik – Exkurs zur Normativität (Vorlesung 4b, SS 2025)
Normativität und Syllogismus
- Ausgangsthese: Jede Sollensaussage (Imperativ) kann als hypothetischer Imperativ dargestellt werden.
- Struktur des Syllogismus:
• Normative Prämisse(n)
• Positive Prämisse(n)
• Conclusio - "Sollen" wird auf "Wollen" bzw. das wohlverstandene Eigeninteresse der Adressat:innen zurückgeführt.
Gliederung der Vorlesung (Wiederkehrende Folie)
- I. Trade-Offs: positive oder normative Analyse?
- II. Normativität I: gegen Interventionismus
- III. Normativität II: Märkte ordnungspolitisch stimulieren
- IV. Normativität III: Auflösen von Trade-offs
- V. Anwendungsbeispiele
1. Trade-Offs: positiv oder normativ?
1.1 Trade-Off I – Wahl zwischen Gütern (intra-personell)
- Beispiel: Entscheidung zwischen Gut x<em>1 und Gut x</em>2 (Optionen A, B, C).
- Ökonomik liefert lediglich positive Analyse (Erklärung von Wahlhandlungen), keine individual-psychologische Beratung.
• Psychologie/BWL übernehmen Handlungsempfehlungen. - Diese Form von Normativität liegt außerhalb der Ökonomik.
1.2 Trade-Off II – Konflikt zwischen Interessen (inter-personell)
- Zwei Akteure (A, B) mit konkurrierenden Präferenzen zu Alternativen X und Y.
- Ökonomik nimmt in Wertkonflikten keine moralische Partei ein.
- Frage: Wo liegt dann der legitime Ort von Normativität in der Ökonomik? → Folgende Kapitel.
2. Normativität I: Gegen Interventionismus
2.1 Fallstudie „Streusalz 2010“
- Winter 2009/10: extreme Schneemengen → Streusalz knapp.
- Marktpreis:
• Januar 2010: 70−80€/t
• Februar 2010: 200−300€/t (z.B. 280€ erschreckte Lokalpolitiker) - Öffentliche Reaktionen: Vorwürfe von „Wucher“, „Mondpreisen“, „Marktversagen“.
- Bürgermeisterzitat: "Manchmal funktionieren Märkte eben nicht."
2.2 Preismechanismus – Zwei Funktionen
- Graphik: Preis steigt von p<em>0 auf p</em>2; Menge von X<em>0 auf X</em>2, Nachfrage fällt auf X1 ⇒ Nachfrageüberschuss eliminiert.
- Funktionen:
• Angebotsausdehnung (aktiviert entfernte Minen, Import aus Chile/Ungarn/Ukraine)
• Nachfragereduktion (Sparsamkeit, Innovationen – Viehsalz, Salz-Sand-Mix, alternative Gemische)
2.3 Kurz- vs. Langfristige Angebotskurve
- Kurzfristig SRSC steil: begrenzt durch Transportkosten.
- Langfristig LRSC flacher: neue Abbaukapazitäten in DE.
2.4 Gedankenexperiment „Höchstpreis p0“
- Fixiert man den Preis, entsteht permanenter Nachfrageüberhang Z−E0; Angebot bleibt starr.
- Folge: Eisglätte → mehr Unfälle, Verletzte, Tote.
- Lehre: Eingriffe behindern Problemlösung.
2.5 Selektive Wahrnehmung (Frédéric Bastiat)
- Sichtbar: hoher Preis.
- Unsichtbar: Angebotsausweitung, Sparanreize, Innovation, Lerneffekte (besser gerüstet im Winter 2012/13).
2.6 Drei „IN“s der Wirtschaftsethik
- Intention ≠ Institution: Auf Märkten zählen institutionelle Arrangements, nicht gute Absichten.
- Intuition oft fehlgeleitet (Preisänderungen vs. Mord-Handlung analogieunf ählbar).
2.7 John Locke & Zinsverbot
- Kirchenrechtliches Zinsverbot (Lukas 6,35) → im 16./17. Jhd. Höchstzinssätze 5−6%.
- England 1692: Senkung von 6%→4%, angeblich zum Schutz der Armen.
- Locke zeigt Gegenteil:
• Höchstzins ⇒ Überschussnachfrage nach Krediten.
• Kreditgeber wählen beste Sicherheiten: Reiche erhalten Kredit, Arme („Witwen & Waisen“) leer aus.
• Fazit: Politische Intervention verstärkt Ungleichheit.
3. Normativität II: Märkte ordnungspolitisch stimulieren
3.1 Missing Markets
- Klassifikation Güter (Ausschließbarkeit × Rivalität):
• Öffentliches Gut, Allmende, Club-Gut, Privates Gut. - Aufgabe der Ordnungspolitik: fehlende Märkte schaffen (Eigentumsrechte, handelbare Zertifikate …).
3.2 Beispiel Elefantenjagd in Afrika
- Ausgangslage ohne Eigentum: 2 Dörfer, Strategien „intensiv jagen“ (ja) / „nicht“ (nein).
• Pay-off-Matrix: 4>3>2>1.
• Dominante Strategie: jagen. → Nash-Gleichgewicht (II): beide jagen, Population kollabiert. - Einführung lokaler Eigentumsrechte:
• Nutzenrang invertiert: bestes Ergebnis nachhaltige Nutzung.
• Neue Matrix → Dominante Strategie: schonen; Nash-Gleichgewicht (I): Erhalt der Elefantenpopulation. - Realwelt-Bezug: Botswana erlaubt kontrollierte Trophäenjagd; Erlöse finanzieren Schutzprogramme.
4. Normativität III: Auflösen von Trade-Offs
4.1 Verbote vs. Hinweise
- Einfaches Verbot „Rasen betreten verboten“:
• Offensichtlicher Konflikt: indiv. Freiheit vs. Kollektivgut (Rasenqualität). - Alternativer Hinweis „Die Blumen sind schön“:
• Nudging-Mechanismus, erzeugt intrinsische Motivation, kein wahrgenommener Trade-off. - Differenziertes Verbot „Vernünftige fahren hier nicht Rad – anderen ist es verboten“:
• Appell an Selbstidentität + Drohung, verbindet Selbstregulierung und externe Sanktion.
5. Anwendungsbeispiele
5.1 Immobilienmarkt
- Wettbewerbsmarkt ohne Regulierung: langfr. Angebotskurve knickt (vertikal → horizontal).
• Gleichgewichtspreis p∗ = Grenzkosten Neubau. - Nachfrageanstieg D<em>0→D</em>1:
• Mehr Wohneinheiten, Konsumentenrente = blaue Fläche. - Mit strenger Regulierung: Angebotskurve A<em>1 (leicht steigend) bis A</em>2 (nahe vertikal).
• Nachfrageausdehnung erzeugt Besitzer-Renten (grüne Fläche).
• Politökonomische Erklärung: lokale Eigentümer haben Stimmrecht, Zuziehende nicht. - Arbeitsmarkt-Effekt: Zuzugsbeschränkung schafft Lohnspreizung
• Stadtlohn w<em>S > Umlandlohn w</em>UL; Differential A−B.
• Wohlfahrtsverlust, da Arbeitskräfte nicht an produktivsten Ort ziehen können.
5.2 Mietpreisregulierung – Literatur
- Cochrane 2024:
• Öffnet Diskriminierung, Umgehung via Möblierung, Umwandlung in Eigentum, hemmt Neubau, senkt Mobilität. - HeinOnline-Studie: Qualität der Mietwohnungen sinkt.
5.3 Kritik an der ökonomischen Ausbildung
- Vorwürfe: Fokus auf Geld, Profitmaximierung, Kurzfristigkeit, Egoismus, Marktverherrlichung.
- Implizite Annahme eines unvermeidlichen Trade-Offs „Gewinn vs. Moral“.
- Ökonomische Gegenposition: Institutionen designen, damit Eigeninteresse moralischen Zwecken dient → Trade-Off wird aufgelöst.
5.4 Klausuraufsicht als soziales Dilemma
- Ohne Aufsicht: Nash-Gleichgewicht „mogeln“, Pay-off 4>3>2>1.
- Mit Aufsicht: Strategie „mogeln“ verliert Attraktivität; Gleichgewicht „nicht mogeln“.
- Analogie: Institution (Kontrolle) wandelt Anreize und löst das Dilemma.
6. Ausblick / Hausaufgabe
- Lesen: Milton Friedman 1968 „The Role of Monetary Policy", American Economic Review, 1−17.
Formeln & Grafische Variablen (Textreferenz)
- Preis-Mengen-Diagramme: SRSC, LRSC, p<em>0,p</em>1,p<em>2, X</em>0,X<em>1,X</em>2.
- Höchstzinsanalyse: Angebot ↓, Nachfrage ↑ → Kreditrationierung.
- Marginale Analyse bei Externalitäten:
• Private Grenzkosten PGK, soziale Grenzkosten SGK.
• Individuelles Optimum E<em>ind bei Menge x</em>ind; soziales Optimum E<em>opt bei x</em>opt.
• Steuer verschiebt PGK→PGK<em>neu, Menge x</em>neu≈xopt.
Ethik-Implikationen & Relevanz
- Interventionismus kann gut gemeint, aber schädlich sein (Locke, Streusalz, Mietdeckel).
- Institutionen-Ökonomik liefert Kriterien, wann Eingriff nötig (Externalitäten) oder kontraproduktiv (Preiskontrollen).
- Praxisbezug: Winterdienst, Artenschutz, Wohnungsmarkt, Hochschulprüfungen.