Kindheitsbilder in der Neueren Deutschen Literaturwissenschaft

Definition und rechtlicher Rahmen der Kindheit

  • Definition laut Bundeszentrale für politische Bildung:
    • Kinder werden als ein Personenkreis definiert, dessen Lebensalter zwischen der Geburt und dem Erreichen des Erwachsenenalters liegt.
    • Die Volljährigkeit beginnt in Deutschland mit der Vollendung des 18.18. Lebensjahres.
    • Unterkategorien:
      • Klein-Kinder: Kinder unter 44 Jahren.
      • Jugendliche: Personen ab etwa 1212 Jahren.
    • Rechtlicher Status: Für leibliche, adoptierte oder angenommene Nachkommen gelten besondere Fürsorgebestimmungen sowie spezifische Kinderschutzgesetze.

Soziokulturelle Entwicklungen im 19. Jahrhundert

Ab der Mitte des 19.19. Jahrhunderts kam es zu signifikanten gesellschaftlichen Veränderungen, die die Kindheit als eigenständige Lebensphase festigten:

  • Arbeitswelt und Bildung: Es wurden Einschränkungen der Kinderarbeit eingeführt, während sich gleichzeitig Schulen für die breitere Bevölkerung ausbreiteten.
  • Institutionelle Betreuung: Betreuungseinrichtungen für Kinder entstanden vermehrt.
  • Medizin: Die Kindermedizin differenzierte sich als eine eigene wissenschaftliche Disziplin aus.
  • Marktentwicklung: Eine spezifische Kinderkultur und ein dazugehöriger Markt entstanden. Dies umfasste:
    • Eigene Kinderzimmer.
    • Spezielle Kinderkleidung.
    • Kinderbücher.
    • Spielzeug.

Die Entstehung der „Kinderliteratur“ (Mitte 18. Jahrhundert)

In der Mitte des 18.18. Jahrhunderts bildete sich ein Korpus an Texten heraus, der explizit oder retrospektiv der Kinderliteratur zugeordnet wurde. Beispiele aus dieser Zeit und Vorläufer sind:

  • Klassische Adaptionen: P. Ovidii Nasonis Metamorphoses (Wunderwürdige Gestalt-Veränderungen), Salzburg, gedruckt bei Johann Baptist Mayr.
  • Abenteuerliteratur: Robinson Crusoe von Daniel Defoe (Bericht über 2828 Jahre auf einer unbewohnten Insel an der Mündung des Orinoko).
  • Reiseberichte: Admiral Lord Ansons Reise um die Welt (in den Jahren 17401740, 4141, 4242, 4343, 4444), übersetzt von M. Richard Waltern (17491749).
  • Johann Amos Comenius (1658): Orbis sensualium pictus gilt als eines der ersten bebilderten Lehrbücher. Ein zentrales Element ist die „Invitatio“ (Einleitung):
    • M (Magister): „Veni, Puer! disce Sapere.“ (Komm her, Knabe! lerne Weisheit.)
    • P (Puer): „Quid hoc est, Sapere?“ (Was ist das, Weisheit?)
    • M: „Omnia, quae necessaria, rectè intelligere, rectè agere, rectè eloqui.“ (Alles, was nötig ist, recht verstehen, recht tun, recht ausreden.)
    • P: „Quis me hoc docebit?“ (Wer wird mich das lehren?)
    • M: „Ego, cum DEO.“ (Ich, mit Gott.)

Grundsatzdiskurs: Aufklärung vs. Romantik

Die Entwicklung der Kinderliteratur ist eng mit zwei gegensätzlichen Philosophien und Kindheitsbildern verknüpft:

  • Aufklärung (Immanuel Kant, 1784): „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit.“
  • Romantik (Novalis, 1797/98): „Die Welt muss romantisiert werden. So findet man ihren ursprünglichen Sinn wieder.“

Jedem Kinderliteratur-Konzept liegt eine Auffassung zugrunde, welche Eigenschaften und Bedürfnisse ein Kind hat.

Die Kinderliteratur der Aufklärung

  • Autorenrolle: Autoren verstehen sich primär als Pädagogen. Sie schaffen Literatur für den Hausgebrauch innerhalb eines bürgerlichen Wertesystems (Arbeitsethos, Vernunft, Triebkontrolle, Sachwissen, Wissenschaft).
  • Entwicklungsansatz: Kindheit wird als spezifischer Lebensabschnitt gesehen, an den die Literatur angepasst werden muss.
  • Anthropologie: Das Kind gilt als „tabula rasa“ (unbeschriebenes Blatt), das durch Unterweisung, Bildung und Erziehung zum mündigen, vernünftigen Erwachsenen geformt werden muss.
  • Ästhetik: Verzicht auf symbolhafte Darstellungen; Skepsis gegenüber Fabeln und Märchen.
  • Programmatische Zitate:
    • Johann Bernhard Basedow (1770): Regeln müssen durch Erzählungen bekräftigt werden, um nicht nur den Verstand, sondern auch die „Tiefe der Seele“ und das „Herz“ zu erreichen.
    • Jean-Jacques Rousseau (1762): Fabeln sind für Erwachsene, Kindern muss man die „nackte Wahrheit“ sagen, ohne sie durch Schleier zu verbergen.

Fallstudie: Robinson der Jüngere (Joachim Heinrich Campe, 1779)

In seinem Vorwort beschreibt Campe das Ziel des Werkes: Es soll zeigen, wie hilflos der einsame Mensch ist und wie viel Nachdenken und Strebsamkeit zur Verbesserung des Zustandes beitragen.

  • Moralische Unterweisung (Beispiel Familiengespräch):
    • Der Vater erzählt seinen Kindern (Gottlieb, Johannes, Diderich) die Geschichte von Robinson Crusoe.
    • Er berichtet von Robinsons zwei älteren Brüdern: Einer wollte Soldat werden und wurde erschossen; der zweite wollte Gelehrter werden, trank erhizt einen Schluck, bekam die Schwindsucht und starb.
    • Kritik an der Erziehung: Die Eltern liebten Robinson Crusoe mit „unvernünftiger Liebe“. Sie hielten ihn nicht zur Arbeit an, sondern ließen ihn den ganzen Tag spielen, weshalb er nichts lernte.
  • Die Kartoffel-Episode:
    • Die Kinder im Buch erkennen, dass Robinson in der Geschichte Kartoffeln gefunden hat (die aus Amerika stammen und laut Gottlieb von Sir Francis Drake nach Europa gebracht wurden).
    • Der Vater nutzt dies für eine Lektion: Robinson kannte Kartoffeln nicht, da sie zu seiner Zeit (vor etwa 200200 Jahren) in Deutschland noch unbekannt waren und erst vor ca. 4040 Jahren eingeführt wurden.
    • Lehre: Man darf andere Menschen nicht voreilig tadeln. Man muss sich erst in ihre Lage versetzen und darf sich nicht für klüger halten.

Die Kinderliteratur der Romantik

  • Autorenrolle: Schriftsteller sind von einer idealisierten Kindheitsvorstellung geprägt.
  • Kindheitsbild: Die Kindheit wird als ein höherer, reiner Zustand angesehen. Sie bietet einen wertvollen Zugang zu Emotionalität, Natur, Fantasie, Kunst, Religion und dem Wunderbaren.
  • „Doppelsinnigkeit“: Texte sind so gestaltet, dass sie verschiedene Lesarten zulassen. Sie bieten den Kindern Fantasie und den Erwachsenen ästhetischen Genuss („Kinderliteratur für alle“).
  • Formen: Bevorzugung von Volksliedern, Ammenversen, Märchen (z. B. Brüder Grimm), Sagen, Legenden und Volksbüchern.
  • Programmatische Zitate:
    • Novalis (1798): „Jede Stufe der Bildung fängt mit Kindheit an. Daher ist der am meisten gebildete irdische Mensch dem Kinde so ähnlich.“
    • E.T.A. Hoffmann (1817): In Das fremde Kind wird die Mutter als mächtige Fee beschrieben, die besonders die Kinder liebt und für sie die herrlichsten Feste bereitet.

Das 20. Jahrhundert: Autonomie und die „Heile Welt“

In den 1950er1950er und 1960er1960er Jahren etablierte sich die Idee der Kindheitsautonomie, oft verknüpft mit dem Konzept einer „heilen Welt“:

  • Astrid Lindgren: Pippi Langstrumpf (dt. 19451945, engl./orig. 19491949), Die Kinder aus Bullerbü (dt. 19551955, orig. 19471947).
  • Michael Ende: Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer (19601960).
  • Otfried Preußler: Das kleine Gespenst (19661966).

Diese Werke stehen teilweise in der Tradition der Romantik:

  • Michael Ende: Momo (19731973).
  • Paul Maar: Eine Woche voller Samstage (19731973).
  • Janosch: Oh, wie schön ist Panama (19781978).

Das Motiv des „Fremden Kindes“

Ein zentrales literarisches Motiv, das sich durch verschiedene Epochen zieht (belegt u.a. für 19531953), weist folgende Merkmale auf:

  • Geheimnisvolle Herkunft und Elternlosigkeit.
  • Existenz außerhalb der sozialen Welt.
  • Unbestimmtes Alter und Androgynität.
  • Auffälliges äußeres Erscheinungsbild.
  • Besitz besonderer, oft wunderbarer Fähigkeiten.

Paradigmenwechsel der 1970er Jahre: Problemorientierung

Ab den 1970er1970er Jahren rückte die „problemorientierte Kinder- und Jugendliteratur“ in den Fokus. Hierbei wurden gesellschaftliche Realitäten und soziale Probleme thematisiert:

  • Ursula Wölfel: Die grauen und die grünen Felder.
  • Peter Härtling: Das war der Hirbel.
  • Jörg Müller: Alle Jahre wieder saust der Presslufthammer nieder oder Die Veränderung der Landschaft. Dieses Werk thematisiert die Industrialisierung und Naturzerstörung (z. B. Bau von Einkaufszentren, Straßenbau durch Marti AG).

Moderne Tendenzen und die aktuelle Medienlandschaft

Heutige Kinderliteratur ist durch Vielfalt, Serialität und Medienvernetzung geprägt:

  • Crosswriting: Literatur, die bewusst Grenzen zwischen Altersgruppen überschreitet (z. B. Harry Potter von J.K. Rowling, Tintenherz von Cornelia Funke).
  • Serialität und Marken:
    • Die drei ??? Kids
    • Die Schule der magischen Tiere (Margit Auer)
    • Gregs Tagebuch (Jeff Kinney)
    • Conni (Pixi-Bücher)
    • Die Wilden Hühner (Cornelia Funke)
  • Medienverbund: Comics, Verfilmungen und Begleitprodukte (z. B. Percy Jackson Comic-Adaption).
  • Thematische Erweiterung:
    • Diversität und Gender: Kleidung ist für alle da! (Susann Hoffmann), Little People, BIG DREAMS (z. B. Rosa Parks).
    • Humor und Regelbruch: Das NEINhorn (Marc-Uwe Kling).
    • Spannung: Bitte nicht öffnen - Bissig (Charlotte Habersack), Wolf (Saša Stanišić).

Literatur- und Quellenempfehlungen

  • Philippe Ariès: Geschichte der Kindheit. 12.12. Auflage, München 19981998.
  • Ute Dettmar: Von den Inseln des Glücks zur Entgrenzung des Feldes. In: Bannasch/Matthes (Hg.): Kinder- und Jugendliteratur. Münster 20182018, S. 6565-8282.
  • Gina Weinkauff / Gabriele von Glasenapp: Kinder- und Jugendliteratur. 3.3. Auflage, Paderborn 20182018.
  • Online-Ressource: www.kinderundjugendmedien.de/literatur zur Geschichte der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur.