Ausprägung eines staatlichen Bildungssystems (1800-1918)

Hauptentwicklungen (noch kein einheitliches Deutschland, aber ähnliche schulhistorische Entwicklungen):

1. Machtausübung durch Gesetze und Verordnungen seit ca. 1800

2. Entwicklung von zwei Schulwesen

3. Nebeneffekt der Volksbildungspflicht

4. Qualifizierung durch Leistung statt Standeszugehörigkeit

5. Ausbau und Differenzierung der Schulen ab ca. 1870

1. Machtausübung durch Gesetze und Verordnungen seit ca. 1800

Merkmale:

  • Staaten übernahmen mehr Verantwortung für Bildung

    → Resultat: Einschränkung des Einfluss auf Schule durch Adel und Kirche

  • Anerkennung zweier Ideen über Bildungsbeteiligung:

    • universelle Volksbildung für die meisten Menschen

    • höhere Bildung für wenige reiche männliche Schüler

2. Entwicklung zweier Schulwesen

Niederes / Höheres Schulwesen

  • Niederes Schulwesen besteht aus

    • Elementarschule (6-8 Jahre)

    • Pflichtfortbildungsschule (2-3 Jahre) zur Berufsvorbereitung

  • Mit Lernziele: Indoktrination (keine Zulassung anderer Meinungen) und Kulturtechniken (z.B. Lesen)

  • Adressaten: Breite arme Bevölkerung

  • Einen Lehrer für alle Fächer mit Ziel, Strenge und Gehorsamkeit zu vermitteln (ohne Studium, Lehrerbildung fand im Schulsystem statt)

  • Abschluss keine Berechtigung für weitere Bildung

    → Nicht im Sinne der Ideen von Humboldt, Kant und Aufklärung (Angst vor Revolution von unten)

  • Höheres Schulwesen besteht aus

    • Vorschule (1.-3. Klasse)

    • Gymnasium (9 Jahre)

  • Lernziele: lernen lernen, eigene Ideen entwickeln, Vorbereitung auf Studium

  • Adressaten: Wenige reiche Jungs (erst ab 1900 Abitur für Mädchen)

  • Universitär ausgebildete Fachlerher

  • Berechtigung für Studium und Staatsexamina

3. Nebeneffekt der Volksbildungspflicht

Priorität der Indoktritation:

  • Ausweitung der Volksbildungspflicht im niederen Schulwesen aus Angst vor Revolution von unten

    • Bsp. Reaktionäre Schulreform 1854 in Preußen unter Anton Stiehl: “Nationale Gesinnung” und “wesentliche Inhalte” → 1. Versuch Standardsetzung der Lehrerbildung

  • Positiver Nebeneffekt: Durchsetzen der Kulturtechniken (Kompetenzen, die Menschen in Zivilisation brauchen)

    → Verbreitung der Schulpflicht und der Kompetenzen Lesen und Schreiben

    → Eine der wichtigsten Entwicklungen im 19. Jahrhundert

4. Qualifizierung durch Leistung statt Standeszugehörigkeit

Neue Idee: Akademische Leistungen entscheiden über Universitätszugang

  • 18. Jahrhundert: Universitätszugang abhängig von Zugehörigkeit zum Adel

  • Frühes 19. Jahrhundert: Einführung des Abiturs als Zugangsvoraussetzung für Universität → Trotzdem weiterhin meist nur Chance für reiche Familien

  • Prinzip Leistung soll Prinzip Standeszugehörigkeit ersetzen

  • Beginn der Idee Meritokratie (Herrschaft des Verdiensts)

    • Anerkennung der Idee einer Meritokratie nicht gleich Existenz einer Meritokratie

    • Ursachen von akademischen Leistungen vielfältig

    • Faktoren liegen im Individuum und in Umwelt (Hürden im Bildungsweg)

5. Ausbau und Differenzierung der Schule ab ca. 1870

Idee: Neue Schultypen- und angebote; neue Wege zur Uni

Beispiele um 1900:

  • Einführung dreigliedriges Schulsystem (Mittel-/Realschule)

  • Abitur auch auf naturwissenschaftlich Gymnasien und neusprachlich-ausgerichteten Realgymnasien möglich

  • Mädchen im höheren Schulwesen

  • Wachsendes Interesse an Reformpädagogik

Ursachen und Faktoren:

  • Schulleistungen als Voraussetzung für Univerität

  • Humboldts Idee der Abfolge von allgemeiner und dann speziellen Bildung

  • Bevölerungswachstum und Urbanisierung

  • Industrialisierung und Technologisierung

Konsequenzen:

  • Schulsystem immer wichtiger für gesellschaftliche Teilhabe

  • Beispiel für gestiegene Bedeutung von Bildung und Zeugnissen:

    • gegenseitige Anerkennung von Reifezeugnissen für Hochschulzugang

    • Verkürzung des Militätsdienst für Jugen der gymnasialen Oberstufe

  • Verschiedene Reaktionen auf ausdifferenzierteres Schulsystem um 1900:

    • Ablehnung des Schulsystems der Zertifikate und Berechtigungen (z.B. Thomas Mann oder Friedrich Nietzsche)

    • Positive Auffassung: Forderung nach Demokratisierung der Schule (z.B. Wilhelm Liebkneckt im Sozialismus “Wissen ist Macht”, bildungspolitische Programm der SPD 1906):

      • Mrht gesellschaftliche Teilnahme und mehr Wohlstand durch Bildung möglich

      • Fehlen von Allgemeinbildung für alle → Forderung danach und anschließende Berufsbildung (demokratische Bildung)

Diskussion von Schule und Bildung auf dem Mannheimer Parteitag der SPD

23.-29. September 1906

Ein Thema: “Sozialdemokratie und Volkserziehung”

Inhalte: Ist-Zustand von Schule und Bildung, Vorschläge für die Zukunft

Text von Zetkin:

Ist-Zustand: durch Indoktrination geprägt, nur höheres Schulwesen von innovativen Ideen geprägt, Volksschule vermittelt Glaube, nicht Wissen, durch Drill lernen mit byanzintischen Methoden

Hauptaspekte der Schul- und Bildungsgeschichte:

-Höheres Schulwesen bietet optimale Bildung im Sinne von Wilhelm von Humnoldt:

  • wissensbasier

  • allgemeine Menschenbildung

  • danach technische (spezielle) Bildung

    → Nach Motto Sapere Aude!

- Niederes Schulwesen bietet den Rest einer Indoktrination:

  • soll Revolution vorbeugen

  • simple Glaubenssätze anstatt Wissenskultur

  • Drill statt allgemeiner Menschenbildung

  • Großer kognitiver Nachteil für meisten Menschen

    → Gehorche!

Forderungen für zukünftiges Schul- und Bildungssystem:

  • Aufhebung des Gegensatz zwischen Praxis und Theorie

  • Berücksichtigung des Individuums im Prozess der schulischen Erziehung

  • Weltliches und einheitliches Schulwesen

  • Organische Übergänge zw. niederen und höheren Schulwesen

  • absolute Unentgeltlichkeit für schulische Angebote

  • Staatliche Förderung für arme Menschen

  • Gleichberechtigung von Frauen und Männern

  • Weltliche Vorschulen

  • Extracurriculare Angebote für Kinder an Nachmittagen

  • Obligatorische Fortbildungsprogramme für Jugendliche

  • Einführung in Arbeitsunterricht in allen Schulen

  • Künstlerische Bildung

  • Besondere Klassen für SuS mit SPF

  • Höhere Standards für Schulgebäude (auch Einrichtungen für Sportunterricht)