Rechtsschutz in der Europäischen Union

Unionale Gerichtsbarkeit

  • Umfassendes Rechtsschutzsystem
  • EuGH 23.04.1986 Rs 294/83 (Les Verts) Rn 23
    • Die EU ist eine Rechtsgemeinschaft.
    • Weder die Mitgliedstaaten noch die Unionsorgane dürfen der Kontrolle entzogen sein, ob ihre Handlungen mit dem Vertrag übereinstimmen.
    • Die Artikel 263263 und 277277 AEUV einerseits und Artikel 267267 AEUV andererseits schaffen ein umfassendes Rechtsschutzsystem.
    • Dem Gerichtshof ist die Überprüfung der Rechtmäßigkeit der Handlungen der Organe übertragen.

Rolle nationaler Gerichte

  • Trennungsprinzip für Rechtmäßigkeitskontrolle
    1. Unionsrecht -> EuGH
      • Verwerfungsmonopol des EuGH
      • Direkt: Nichtigkeitsklage
      • Indirekt: Vorlageverfahren (Gültigkeit)
      • Ausnahme: positiver Rechtsschutz durch einstweilige Verfügung eines MS-Gerichts
      • Vorlage an EuGH – Kohärenz
    2. Nationales Recht -> nationale Gerichte
      • Verwerfungsmonopol nationaler (Verfassungs-)Gerichte
      • Evtl. am Maßstab des Unionsrechts (BVerfG, Recht auf Vergessen II)

Unionsrechtliche Vorgaben für nationale Gerichte

  • Rolle des Vorabentscheidungsverfahrens (Art 267267 AEUV)
  • Gerichtlicher Rechtsschutz im MS-Vollziehung gegen Akte der EU-Recht vollziehenden MS-Behörden
  • Justizorganisation keine EU-Zuständigkeit, aber unionsrechtliche Vorgaben sind zu beachten
    • Insbesondere Art 1919 Abs 11 UAbs 22 EUV, Art 4747 GRC
  • Wirksamer Rechtsschutz - (GK) Rs C-619/18 (Kom/PL)
  • Unabhängigkeitsgewähr - (GK) Rs C-64/16 (ASJP)
  • Einräumung von Vorrang für unmittelbar anwendbares Recht
  • Sicherung von Äquivalenz und Effektivität auch im Gerichtsverfahren
    • Insbesondere effektive Anwendung und Auslegung von Rechtsbehelfen
    • Anknüpfend an defensive EuGH-Haltung - Rs C-50/00 P (Union de Pequenos/Rat)

Organisation von EuGH und EuG

EuGH

  • 2727 Richter/innen
  • 1111 Generalanwälte/innen
  • 11 Kanzler
  • 55 Kammern à 55 Richter/innen (1.-5.)
  • 55 Kammern à 33 Richter/innen (6.-10.)
  • GK mit 1515 Richter/innen (mind. 1111)
  • Plenum mit allen Richter/innen (mind. 1717)

EuG

  • 5454 Richter/innen
    • Davon 22 auch als Generalanwalt/in
  • 11 Kanzler
  • 99 Kammern à 33 Richter/innen in 66 Zusammensetzungen
  • Diese 99 als erweiterte Kammern à 55 Richter/innen (1.-8. und 10.)
  • 11 Kammer mit 33 Richter/innen in 33 Zusammensetzungen und als erweiterte Kammer mit 55 Richter/innen (9.)
  • GK mit 1515 Richter/innen
  • Mittlere Kammer mit 99 Richter/innen
  • Grundlagen:
    • Art 1919 EUV, Art 252255252-255 AEUV
    • Protokoll #3 (Satzung-EuGH)
    • VerfO-EuGH, VerfO-EuG

EuGH und europäische Integration

  • Historisch:
    • Schwache Kontrolle durch EP kompensiert durch strikte gerichtliche Kontrolle
    • „Motor der Integration“ neben der Kom:
      • Rechtsfortbildend und rechtsergänzend
      • Eigenständige, „dynamische“ Interpretationsmethode
  • Heute:
    • Kontrolle von Auslegung und Anwendung des EU-Rechts (Art 1919 EUV)
    • Gewährung effektiven Rechtsschutzes (Art 4747 GRC)
  • Verfassungsgericht:
    • Horizontal – Wahrung des institutionellen Gleichgewichts
    • Vertikal – MS und Unionsbürger (ua Grundrechtsgericht)
  • „Oberstes Gericht“:
    • Inhaltlich Letztentscheidung über ua zivil-, straf-, verwaltungsrechtliche Fragen

Unionsspezifische Interpretationsmethoden des EuGH

  • Autonome Auslegung:
    • Eigenständigkeit und einheitliche Geltung in allen MS
      • Nur ausnahmsweise Rückgriff auf MS-Recht
  • Vorzugsweise Auslegung unter Erhalt von Gültigkeit und Effektivität des EU-Rechts
  • Rechtssprachenvergleich
  • Besondere Gewichtung von systematischen und teleologischen Argumenten
  • Orientierung an Vertragszielen und Funktionsfähigkeit
  • Effet utile (ut res magis valeat quam pereat):
    • Vergleiche Rechtsprechung zu Vorrang, unmittelbare Anwendbarkeit, Staatshaftung, Außenkompetenzen
  • EU-rechtliche Begriffsbildung auf Grund einheitlicher Geltung in allen MS
  • Regel-Ausnahme-Prinzip

Normaler Kanon der Auslegung

  • EuGH (Plenum) 10.12.2018, Rs C-621/18 (Wightman ea) Rn 47
  • Bei der Auslegung einer Vorschrift des Unionsrechts sind zu berücksichtigen:
    • Wortlaut
    • Die mit ihr verfolgten Ziele
    • Ihr Zusammenhang
    • Das gesamte Unionsrecht
    • Auch die Entstehungsgeschichte kann relevante Anhaltspunkte liefern.

Rechtsfortbildung durch den EuGH

  • Rechtsfortbildung – Möglichkeit der Abgrenzung:
    • Interpretation vs. Rechtsfortbildung?
    • Rechtsfortbildung als Teil der gerichtlichen Kompetenz
  • Bedeutung:
    • EU-Primärrecht – insb. früher E(W)GV – als traité cadre
    • Phasenweise Untätigkeit der Rechtsetzungsorgane
    • Unmittelbare Anwendbarkeit etc.
    • Lückenfüllung in der „neuen Rechtsordnung“ (offene Formulierung)
    • Bedarf an Wirksamkeit: Argument „effet utile“
    • unmittelbare Wirkung (RL), Vorrang, Staatshaftung etc.
  • Primäre Methode: Vergleich nationaler Rechtsordnungen

Grenzen und Methodenkritik der Rechtsfortbildung

  • Grenzen der Rechtsfortbildung durch
    • begrenzte Einzelermächtigung
    • Willen der Verfassungsgeber („constitutional override“)
    • Akzeptanzfähigkeit der Urteile (vgl. Ultra-vires-Kontrollen nationaler Höchstgerichte)
    • Judicial self-restraint: Beachtung der Gestaltungsfreiheit der Rechtsetzungsorgane und der allgemeinen, den Verträgen zugrundeliegenden Rechtsgrundsätze
  • Begründungsdefizite des EuGH
    • Vgl. Stil des VfGH, OGH, BVerfG, WTO Appellate Body
    • Eher apodiktischer Urteilsstil des EuGH: „la cour dit le droit“
    • EuGH wird „hermeneutischer“ Aufgabe nur unzureichend gerecht
    • z.B. regelmäßige Verweisung auf Schlussanträge der GA erschwert Lesbarkeit

Verfahrensarten im Überblick

  1. Vertragsverletzungsverfahren (Art 258258, 259259 AEUV)
  2. Nichtigkeitsklage (Art 263263 AEUV)
  3. Vorabentscheidungsverfahren (Art 267267 AEUV)
  4. Untätigkeitsklage (Art 265265 AEUV)
  5. Schadensersatzklagen (Art 268268 AEUV)
  6. Beamtenklagen (Art 270270 AEUV)
  7. Bestimmte Streitsachen betreffend EIB und EZB (Art 271271 AEUV)
  8. Zuständigkeit aufgrund von Schiedsklauseln und Schiedsverträgen (Art 272272, 273273 AEUV)
  9. Einstweilige Anordnungen (Art 279279 AEUV)
  10. Gutachten nach Art 218218 Abs. 1111 AEUV

Verfahrensarten und ihre Anzahl (2024)

Gerichtshof

  • Rechtsmittelverfahren: 277277
  • Vorabentscheidungsverfahren: 573573
  • Klagen: 5353
  • Gutachten: 11
  • Andere: 1616
  • Gesamt: 920920 (+1212%)

Gericht

  • Geistiges Eigentum: 268268
  • Wirtschafts- und Währungspolitik: 1414
  • Regulierung digitaler Märkte und Dienste: 66
  • Restriktive Maßnahmen: 6363
  • Öffentlicher Dienst: 7878
  • Vorabentscheidungsverfahren: 1919
  • Staatliche Beihilfen: 2323
  • Wettbewerbssachen: 1010
  • Gesamt: 786786 (10-Jahres-Tiefstand)

Grenzen der EuGH-Zuständigkeit

  • Art. 269269 AEUV: eingeschränkte Zuständigkeit im Rahmen des Verfahrens nach Art. 77 EUV
  • Art. 275275 AEUV: GASP
    • Abs. 11: Grundsätzlich keine Zuständigkeit in diesem besonders souveränitätssensiblen Bereich
    • Abs. 22: Ausnahme aber im Rahmen von Art. 4040 EUV, Art. 263263 Abs. 44 AEUV für Nichtigkeitsklagen von natürlichen und juristischen Personen, die von „restriktiven Maßnahmen“ betroffen sind

Zuständigkeiten nach Klageart

KlageartRechtsgrundlageZuständigkeitAnmerkungen
VertragsverletzungsklageArt. 258258 AEUV (KOM/MS); Art. 259259 AEUV (MS/MS)EuGHAufsichtsklage (KOM/MS), Staatenklage (MS/MS)
NichtigkeitsklageArt. 263263 AEUVEuG & EuGH**Regelzuständigkeit für Individuen beim EuG, idR Organe/MS beim EuGH gemäß Art. 256256 AEUV iVm Art. 5151 Satzung-EuGH
UntätigkeitsklageArt. 265265 AEUVEuG & EuGH**Regelzuständigkeit für Individuen beim EuG, idR Organe/MS beim EuGH gemäß Art. 256256 AEUV iVm Art. 5151 Satzung-EuGH
AmtshaftungsklageArt. 268268 iVm Art. 340340 Abs. 22 AEUVEuG
BeamtenklageArt. 270270 AEUVEuG
VorabentscheidungsersuchenArt. 267267 AEUVEuGH & EuGH****Materienzuständigkeit gemäß Art. 267267 Abs. 33 iVm Satzung-EuGH idF VO 2024/2019/EU (siehe nächste Folie)

Materienzuständigkeit des EuG für Vorabentscheidungsverfahren (neu ab 01.10.2024)

  • Art. 267267 Abs. 33 iVm Satzung-EuGH idF VO 2024/2019/EU
  • Betrifft Vorabentscheidungsersuchen, die ausschließlich in eines oder mehrere der folgenden besonderen Sachgebiete fallen (Art. 5050a Satzung-EuGH):
    • a) gemeinsames Mehrwertsteuersystem;
    • b) Verbrauchsteuern;
    • c) Zollkodex;
    • d) zolltarifliche Einreihung von Waren in die Kombinierte Nomenklatur;
    • e) Ausgleichs- und Unterstützungsleistungen für Flug- und Fahrgäste im Fall der Nichtbeförderung, bei Verspätung oder bei Annullierung von Transportleistungen;
    • f) System für den Handel mit Treibhausgasemissionszertifikaten.

Grundlagen des EuGH-Prozessrechts

  • Gerichts- und prozessrechtliche Grundlagen:
    • Art. 1919 EUV und Art. 251251 ff. AEUV
    • Satzung-EuGH (Protokoll #3, vgl. Art. 281281 AEUV)
    • VerfO-EuGH & VerfO-EuG (Sekundärrecht)
    • Praktische Anweisungen
  • Spruchkörper:
    • Plenum
    • Große Kammer & Kammern
  • Grundsätze des EuGH-Prozesses:
    • Öffentlichkeit, Schriftlichkeit, Unmittelbarkeit, faires Verfahren etc. (Art. 4747 GRC)
    • Anwaltszwang
    • Grds. Rügepflicht (inkl. Grundrechte)

Ablauf des EuGH-Prozesses

  1. Verfahrenseinleitung: Klage oder Antrag
  2. Schriftliches Verfahren
    • Austausch Schriftsätze etc.; schriftliche Erklärungen (Vorlageverfahren)
    • Sitzungsbericht des Berichterstatters
  3. Mündliches Verfahren
    • Verhandlung Beteiligte/Parteien
    • Schlussanträge der Generalanwälte
  4. Urteilsberatung und Urteil mit Entscheidungsgründen
  5. Verkündung und Veröffentlichung
  6. Vollstreckung nach Art. 299299 AEUV

Rechtsmittelverfahren

  • Rechtsmittel gegen Entscheidungen des EuG (Art. 256256 Abs. 11 UAbs. 22 AEUV)
  • Aber: Revisionssystem für Agentur-Entscheidungen mit Zulassung (Art. 5858a Satzung-EuGH)
  • Gerichtshof entscheidet in 2. Instanz
  • grds. auf Rechtsfragen beschränkt (keine Tatsacheninstanz)
  • keine Veränderung des Streitgegenstands
  • Rechtsmittelgründe:
    • Unzuständigkeit des EuG
    • Verfahrensfehler
    • Verletzung materiellen Unionsrechts durch EuG
  • Urteil:
    • Begründetes Rechtsmittel  Aufhebung des EuG-Urteils
    • Entscheidung in der Sache oder Zurückverweisung an EuG

Vorläufiger Rechtsschutz

  • Klageerhebung hat keine aufschiebende Wirkung (Art. 278278 Satz 11 AEUV), aber:
    1. Aussetzung Durchführung angefochtene Handlung (Art. 278278 Satz 22 AEUV)
    2. Aussetzung Zwangsvollstreckung (Art. 299299 AEUV)
    3. Erlass „erforderlicher einstweiliger Anordnungen“ (Art. 279279 AEUV)
  • Zulässigkeit Art. 278278 und Art. 279279 AEUV nur bei:
    • Zuständigkeit EuGH auch im Hauptverfahren
    • Rechtsanhängigkeit einer Klage
    • Antrag eines Klageberechtigten im Hauptverfahren
  • Begründetheit:
    • Erfolgsaussichten in der Hauptsache
    • Glaubhaftmachung Notwendigkeit & Dringlichkeit (drohender schwerer/irreparabler Schaden)
    • Interessenabwägung