Zusammenfassung der Vorlesungsreihe Entwicklungspsychologie
Pränatale Entwicklung und Motorik
Entwicklungsstadien:
Zygotenstadium: Woche (Befruchtung bis Einnistung).
Embryonalstadium: Woche (Zellspezialisierung, Migration, Apoptose).
Fötalstadium: Woche bis Geburt (Binnendifferenzierung).
Teratogene: Externe Wirkstoffe wie Alkohol (Prävalenz von FAS ca. in Deutschland), Rauchen oder Medikamente (z. B. Thalidomid) verursachen Schäden in sensiblen Phasen.
Frühgeburt: Geburt vor der . Betrifft weltweit über Babys (> 10\,\% aller Geburten). Hauptursache für Langzeitmorbidität.
DOHaD-Hypothese: Barker () beschreibt die "Developmental Origins of Health and Disease" — pränatale Programmierung beeinflusst die spätere Gesundheit.
Apgar-Index: Messung von Herzfrequenz, Atmung, Reflexen, Muskeltonus und Hautfarbe direkt nach der Geburt.
Kognitive Entwicklung und Intelligenz
Genetik und Umwelt: Interaktion zwischen Genom, Genotyp und Phänotyp. Epigenetische Mechanismen stabilisieren Umwelteinflüsse auf die Genfunktion.
Gehirnreifung: Neurogenese, Myelinisierung (Beschleunigung der Signale) und Synaptogenese gefolgt von Synapseneliminierung (Pruning).
Theorien:
Jean Piaget: Stufenmodell (sensomotorisch, präoperational, konkret-operational, formal-operational). Kind als "Wissenschaftler".
Lev Vygotsky: Fokus auf sozialen Kontext und die Zone proximaler Entwicklung.
Informationsverarbeitung: Gedächtnis als System mit begrenzter Kapazität (Arbeits- vs. Langzeitgedächtnis).
Intelligenzmodell: Carrolls Drei-Schichten-Modell vereint allgemeine Intelligenz () mit flüssiger (Problemlösen) und kristalliner (Faktenwissen) Intelligenz.
Flynn-Effekt: Historischer Anstieg der durchschnittlichen IQ-Werte im .
Sprachentwicklung und Entwicklungskaskaden
Komponenten: Phonologie (Laute), Lexikon (Wörter), Pragmatik (Gebrauch), Morphologie und Syntax (Struktur).
Meilensteine: Gurren (ab ), Lallen (ab ), Einwortstadium (), Wortschatzexplosion (ab ), Zweiwortstadium ().
Kritische Phase: Biologische Frist für den Spracherwerb zur Erreichung muttersprachlicher Kompetenz.
Noam Chomsky: Postulierte eine angeborene "mentale Grammatik".
Emotionale Entwicklung und Selbstregulation
Emotionen: Enthalten neuronale, physiologische und subjektive Komponenten. Unterscheidung in Basisemotionen (diskret) vs. funktionalistische Ansätze.
Selbstregulation: Entwicklung von externer Koregulation (durch Eltern) zur internen Selbststeuerung.
Temperament: Klassifikation nach Chess und Thomas in "einfache", "schwierige" und "langsam auftauende" Babys.
Erziehungsdimensionen: Unterstützung (Wärme) und Kontrolle (Verhaltens- vs. psychologische Kontrolle). Psychologische Kontrolle korreliert oft mit depressiven Symptomen.
Bindung und Familie
Bindungstheorie: Bowlby und Ainsworth. Bindung als biologisch veranlagte Verhaltensweise zur Überlebenssicherung.
Fremde Situation (Strange Situation): Testverfahren zur Klassifikation der Bindungstypen:
Sicher (B): Nutzen der Bezugsperson als sichere Basis.
Ängstlich-ambivalent (C): Reaktion auf unvorhersehbare Fürsorge.
Unsicher-vermeidend (A): Maskierung von Stress durch Ignorieren.
Desorganisiert (D): Oft nach Traumata der Bezugsperson.
Intuitives Elternverhalten: Evolutionär bedingte Reaktionen wie Ammensprache (Motherese) und optimales Timing (< 1\,\text{Sekunde}).
Peer-Beziehungen und Soziale Kognition
Peers: Gleichaltrige bieten einzigartige Lernkontexte für Kooperation und Gruppenziele.
Bullying: Wiederholter, beabsichtigter Schaden bei Machtgefälle (direkt vs. indirekt). Bully-Opfer sind eine extreme Hochrisikogruppe.
Theory of Mind (ToM): Fähigkeit, mentale Zustände (Überzeugungen, Intentionen) anderer zu erschließen.
Tests: False-Belief Aufgaben (z. B. Maxi-Aufgabe/Ortsverlagerung). Klassischer Erfolg ab ca. .
Sozioemotionale Selektivität: Motivationale Verschiebung im Alter; Fokus auf emotional bedeutsame Kontakte statt auf Wissenserwerb (Carstensen).
Adoleszenz, Identität und Moral
Adoleszenz: Phase zwischen Pubertät () und Erwachsenenalter ().
Tanner-Stadien: Klassifikation der körperlichen Entwicklung (Pubarche, Thelarche, Gonadarche).
Identität: Erikson (Identitätskrise) und Marcia (Exploration vs. Commitment: Diffuse, Übernommene, Kritische, Erarbeitete Identität).
Moralentwicklung: Lawrence Kohlbergs Stufenmodell der Moral (präkonventionell, konventionell, postkonventionell).
Emerging Adulthood und Erwachsenenalter
Emerging Adulthood: Jeffrey Arnett (); Phase der Instabilität und Identitätsexploration in WEIRD-Kulturen.
Entwicklungsaufgaben: Nach Havighurst (Partnerwahl, Familiengründung, Berufseinstieg).
Gerichteter Wandel: Das mittlere Erwachsenenalter ist geprägt von der Perspektive der "noch verbleibenden Lebenszeit".
Risiko, Resilienz und Intersektionalität
Resilienz: Kapazität, sich trotz widriger Umstände (Risikoexposition) erfolgreich zu entwickeln.
Differential Susceptibility: Manche Individuen sind empfänglicher für sowohl positive als auch negative Umwelteinflüsse ("im Guten wie im Schlechten").
Intersektionalität: Kimberlé Crenshaw (); Überschneidung verschiedener Identitätsmarker (Rasse, Klasse, Geschlecht, Behinderung), die Diskriminierungspotenziale multiplizieren.
Linguistische Distanz (LD): Strukturelle Ähnlichkeit zwischen Muttersprache und Umgebungssprache als Prädiktor für Schulerfolg und psychische Gesundheit.
Kognitive Plastizität und erfolgreiches Altern
Speed-Hypothese: Salthouse () erklärt kognitive Einbußen durch das Nachlassen der Verarbeitungsgeschwindigkeit.
Kognitive Reserve: Erklärt, warum manche Menschen trotz Hirnpathologien funktional stabil bleiben.
Weisheit: Überlegenes Urteilsvermögen in schwierigen Lebensfragen; kein automatischer Zusammenhang mit dem chronologischen Alter.
Erfolgreiches Altern: Rowe und Kahn () definieren dies über geringes Krankheitsrisiko, hohe Leistungsfähigkeit und aktives Engagement.
Alzheimer: Prävalenz nimmt global zu; betrifft die Mechanik der Intelligenz (fluide Leistungen) stärker als die Pragmatik ( nach Baltes).
Fragen & Diskussion
Syllabus: Es wurde aufgefordert, Fehler oder Lücken in der Kursorganisation umgehend zu melden.
Aktive Teilnahme: Die Studierenden sollen Bezüge herstellen und Lerngruppen bilden, um Reflexionsfragen (z. B. zu pränataler Programmierung oder Mobbing) zu diskutieren.
Forschung: Aktuelle Diskussionen zur Replikationskrise der ToM in non-WEIRD-Stichproben wurden als wichtig für zukünftige wissenschaftliche Arbeiten hervorgehoben.