Zusammenfassung der Vorlesungsreihe Entwicklungspsychologie

Pränatale Entwicklung und Motorik

  • Entwicklungsstadien:

    • Zygotenstadium: Woche 121-2 (Befruchtung bis Einnistung).

    • Embryonalstadium: Woche 383-8 (Zellspezialisierung, Migration, Apoptose).

    • Fötalstadium: Woche 99 bis Geburt (Binnendifferenzierung).

  • Teratogene: Externe Wirkstoffe wie Alkohol (Prävalenz von FAS ca. 1,8%1,8\,\% in Deutschland), Rauchen oder Medikamente (z. B. Thalidomid) verursachen Schäden in sensiblen Phasen.

  • Frühgeburt: Geburt vor der 37.SSW37.\,\text{SSW}. Betrifft weltweit über 15Millionen15\,\text{Millionen} Babys (> 10\,\% aller Geburten). Hauptursache für Langzeitmorbidität.

  • DOHaD-Hypothese: Barker (19981998) beschreibt die "Developmental Origins of Health and Disease" — pränatale Programmierung beeinflusst die spätere Gesundheit.

  • Apgar-Index: Messung von Herzfrequenz, Atmung, Reflexen, Muskeltonus und Hautfarbe direkt nach der Geburt.

Kognitive Entwicklung und Intelligenz

  • Genetik und Umwelt: Interaktion zwischen Genom, Genotyp und Phänotyp. Epigenetische Mechanismen stabilisieren Umwelteinflüsse auf die Genfunktion.

  • Gehirnreifung: Neurogenese, Myelinisierung (Beschleunigung der Signale) und Synaptogenese gefolgt von Synapseneliminierung (Pruning).

  • Theorien:

    • Jean Piaget: Stufenmodell (sensomotorisch, präoperational, konkret-operational, formal-operational). Kind als "Wissenschaftler".

    • Lev Vygotsky: Fokus auf sozialen Kontext und die Zone proximaler Entwicklung.

    • Informationsverarbeitung: Gedächtnis als System mit begrenzter Kapazität (Arbeits- vs. Langzeitgedächtnis).

  • Intelligenzmodell: Carrolls Drei-Schichten-Modell vereint allgemeine Intelligenz (gg) mit flüssiger (Problemlösen) und kristalliner (Faktenwissen) Intelligenz.

  • Flynn-Effekt: Historischer Anstieg der durchschnittlichen IQ-Werte im 20.Jahrhundert20.\,\text{Jahrhundert}.

Sprachentwicklung und Entwicklungskaskaden

  • Komponenten: Phonologie (Laute), Lexikon (Wörter), Pragmatik (Gebrauch), Morphologie und Syntax (Struktur).

  • Meilensteine: Gurren (ab 2.Monat2.\,\text{Monat}), Lallen (ab 6.Monat6.\,\text{Monat}), Einwortstadium (12.Monat12.\,\text{Monat}), Wortschatzexplosion (ab 18.Monat18.\,\text{Monat}), Zweiwortstadium (24.Monat24.\,\text{Monat}).

  • Kritische Phase: Biologische Frist für den Spracherwerb zur Erreichung muttersprachlicher Kompetenz.

  • Noam Chomsky: Postulierte eine angeborene "mentale Grammatik".

Emotionale Entwicklung und Selbstregulation

  • Emotionen: Enthalten neuronale, physiologische und subjektive Komponenten. Unterscheidung in Basisemotionen (diskret) vs. funktionalistische Ansätze.

  • Selbstregulation: Entwicklung von externer Koregulation (durch Eltern) zur internen Selbststeuerung.

  • Temperament: Klassifikation nach Chess und Thomas in "einfache", "schwierige" und "langsam auftauende" Babys.

  • Erziehungsdimensionen: Unterstützung (Wärme) und Kontrolle (Verhaltens- vs. psychologische Kontrolle). Psychologische Kontrolle korreliert oft mit depressiven Symptomen.

Bindung und Familie

  • Bindungstheorie: Bowlby und Ainsworth. Bindung als biologisch veranlagte Verhaltensweise zur Überlebenssicherung.

  • Fremde Situation (Strange Situation): Testverfahren zur Klassifikation der Bindungstypen:

    • Sicher (B): Nutzen der Bezugsperson als sichere Basis.

    • Ängstlich-ambivalent (C): Reaktion auf unvorhersehbare Fürsorge.

    • Unsicher-vermeidend (A): Maskierung von Stress durch Ignorieren.

    • Desorganisiert (D): Oft nach Traumata der Bezugsperson.

  • Intuitives Elternverhalten: Evolutionär bedingte Reaktionen wie Ammensprache (Motherese) und optimales Timing (< 1\,\text{Sekunde}).

Peer-Beziehungen und Soziale Kognition

  • Peers: Gleichaltrige bieten einzigartige Lernkontexte für Kooperation und Gruppenziele.

  • Bullying: Wiederholter, beabsichtigter Schaden bei Machtgefälle (direkt vs. indirekt). Bully-Opfer sind eine extreme Hochrisikogruppe.

  • Theory of Mind (ToM): Fähigkeit, mentale Zustände (Überzeugungen, Intentionen) anderer zu erschließen.

  • Tests: False-Belief Aufgaben (z. B. Maxi-Aufgabe/Ortsverlagerung). Klassischer Erfolg ab ca. 4Jahren4\,\text{Jahren}.

  • Sozioemotionale Selektivität: Motivationale Verschiebung im Alter; Fokus auf emotional bedeutsame Kontakte statt auf Wissenserwerb (Carstensen).

Adoleszenz, Identität und Moral

  • Adoleszenz: Phase zwischen Pubertät (1012Jahre10-12\,\text{Jahre}) und Erwachsenenalter (ca.18Jahreca.\,18\,\text{Jahre}).

  • Tanner-Stadien: Klassifikation der körperlichen Entwicklung (Pubarche, Thelarche, Gonadarche).

  • Identität: Erikson (Identitätskrise) und Marcia (Exploration vs. Commitment: Diffuse, Übernommene, Kritische, Erarbeitete Identität).

  • Moralentwicklung: Lawrence Kohlbergs Stufenmodell der Moral (präkonventionell, konventionell, postkonventionell).

Emerging Adulthood und Erwachsenenalter

  • Emerging Adulthood: Jeffrey Arnett (1825Jahre18-25\,\text{Jahre}); Phase der Instabilität und Identitätsexploration in WEIRD-Kulturen.

  • Entwicklungsaufgaben: Nach Havighurst (Partnerwahl, Familiengründung, Berufseinstieg).

  • Gerichteter Wandel: Das mittlere Erwachsenenalter ist geprägt von der Perspektive der "noch verbleibenden Lebenszeit".

Risiko, Resilienz und Intersektionalität

  • Resilienz: Kapazität, sich trotz widriger Umstände (Risikoexposition) erfolgreich zu entwickeln.

  • Differential Susceptibility: Manche Individuen sind empfänglicher für sowohl positive als auch negative Umwelteinflüsse ("im Guten wie im Schlechten").

  • Intersektionalität: Kimberlé Crenshaw (19891989); Überschneidung verschiedener Identitätsmarker (Rasse, Klasse, Geschlecht, Behinderung), die Diskriminierungspotenziale multiplizieren.

  • Linguistische Distanz (LD): Strukturelle Ähnlichkeit zwischen Muttersprache und Umgebungssprache als Prädiktor für Schulerfolg und psychische Gesundheit.

Kognitive Plastizität und erfolgreiches Altern

  • Speed-Hypothese: Salthouse (19961996) erklärt kognitive Einbußen durch das Nachlassen der Verarbeitungsgeschwindigkeit.

  • Kognitive Reserve: Erklärt, warum manche Menschen trotz Hirnpathologien funktional stabil bleiben.

  • Weisheit: Überlegenes Urteilsvermögen in schwierigen Lebensfragen; kein automatischer Zusammenhang mit dem chronologischen Alter.

  • Erfolgreiches Altern: Rowe und Kahn (19981998) definieren dies über geringes Krankheitsrisiko, hohe Leistungsfähigkeit und aktives Engagement.

  • Alzheimer: Prävalenz nimmt global zu; betrifft die Mechanik der Intelligenz (fluide Leistungen) stärker als die Pragmatik (2-Komponentenmodell2\text{-Komponentenmodell} nach Baltes).

Fragen & Diskussion

  • Syllabus: Es wurde aufgefordert, Fehler oder Lücken in der Kursorganisation umgehend zu melden.

  • Aktive Teilnahme: Die Studierenden sollen Bezüge herstellen und Lerngruppen bilden, um Reflexionsfragen (z. B. zu pränataler Programmierung oder Mobbing) zu diskutieren.

  • Forschung: Aktuelle Diskussionen zur Replikationskrise der ToM in non-WEIRD-Stichproben wurden als wichtig für zukünftige wissenschaftliche Arbeiten hervorgehoben.