Wissenschaftliche Kompetenzen (6. Einheit)

Warum schwierige Texte notwendig sind

  • ← bspw. „Kultur ist das Thema“ von Micha Brumlik

  • Zum wirklichen Auseinandersetzen und damit Lernen braucht es Herausforderungen

  • Verstehensillusion und shallowing hypothesen (Kulgemeyer et al- 2023)

    • Verstehensillusion: man glaubt, etwas Verstanden zu haben, ohne es tatsächlich zu Verstehen (z.B. technische Abläufe)

    • shallowing hypothesen: Dinge, die viel einfacher dargestellt werden und dann zu einer Verstehensllusion werden (zu stark vereinfachte Darstellungen fördern diese Illusion)

  • Desirable difficulties (=wünschenswerte Schwierigkeiten) führen zu tieferem Verständnis und flexiblerem, langanhaltendem Lernen (Bjork, 1994)

    • diese Schwierigkeiten können durch anspruchsvollem Lernmaterial oder aktiv durch eigene Lernstrategien (z.B. Abrufen, Erklären) enstehen

Zielführendes Lernen

  • Aktives Lernen: Einführung von „desirable difficulties“ in die eigene Lernenaktivität → Lernen darf und soll anstrengend sein

  • Problematik des Lernens: Wiederholung/Wiederlesen ist nicht gleichbedeutend mit effektiven Lernen (Verstehen). Stattdessen sollte man aktiv gestalten und sich dem Prozess zuwenden. → echtes verstehen zeigt sich erst, im Erklären, Anwenden, Übertragen

  • Retrieval: aktives abrufen (retrieval) stärkt Gedächnis mehr als erneutes Wiederholen/Lesen → Informationen, die man aktiv abzurufen übt, sind später in versch. Kontexten wieder verfügbar

  • mehr Zeit auf Output-seite (z.B. mit Freunden darüber sprechen, einander testen → Produzieren von Wissen) anstatt auf Input-Seite (auswendig lernen und sich selbst erklären → Konsumieren von Wissen)

  • Eigenes Lernen managen: Wichtigkeit des Selbstmanagements (selbstständiges Lernen) in einer komplexen Welt. → Lernen eigenständig zu steuern ist Schlüssselkompetenz fürs Leben

Schwierige Texte führen zu epistemischem Emotionen

  • Definition: Emotionen, die im Zusammenhang mit dem Erwerb, der Bewertung und der Anwendung von Wissen entstehen

    • dazu gehören unter anderem Neugier, Überraschung, Verwirrung (ABER Verwirrung ist kein Defizit, sondern ein Lernsignal)

    • = Resultat einer meta- kognitive Auseinandersetzung/Reflexion mit eigenen mentalen Zuständen, Prozessen und Fähigkeiten → Nachdenken über das eigene Denken

Essay: Die Bedeutung von Dummheit in der wissenschaftlichen Forschung

  • Martin A. Schwartz: Über wichtige Aspekte der Dummheit in der Wissenschaft.

  • Energie der Dummheit: Dummheit als notwendiger und produktiver Teil des Forschungsprozesses (kein Makel, sondern Triebkraft wissenschaftlicher Erkenntnis)

    • Forschung bedeutet, Fragen zu stellen, auf die niemand eine Antwort hat → Arbeit am Rande des Wissens

      • vgl. Schule: bekannte Informationen verstehen, richtig wiedergeben; man hat klare Antworten → Bloom‘s taxonomie des Lernens (Pyramide, die Lernziele in Stufen einteilt)

    • man weiß oft nicht, ob man Frage richtig gestelt hat, ob Experiment funktioniert, ob man vorankommt

      • Unsicherheit kein Zeichen von Inkompetenz, sondern dass man wirklich forscht

    • Studierende sind bzw. werden darauf oft nicht vorbereitet („alle anderen verstehen es, nur ich nicht“, ABER in Wahrheit weiß niemand genau, was er tut, besonders am Anfang)

    • unproduktive dummheit (keine Anstrengung) vs. produktive Dummheit (akzeptanz von Nichtwissen, gezieltes Arbeiten im Unklaren, Lernen durch Irrtümer und Fehlschläge)

    • Wissenschaftlicher Forschritt entsteht nur im Unbekannten

      • Wer Angst vor Dummheit hat, meidet echte Forschung und bleibt bei Bekanntem

      • Wer Gefühl akzeptiert wird kreativer, entdeckt Neues, macht größere Durchbrüche

Sich dumm fühlen

  • „The more I learn, the more I realize how much I don‘t know“ Albert Einstein, 1929 (Ich weiß, dass ich nichts weiß)

  • „If I have seen further, it is by standing on the shoulders of giants“ Isaac Newton, 1676 (Man baut darauf auf, was andere schon herausgefunden haben)

Sich schlau fühlen

  • „Sorry losers and haters, but my I.Q. is one of the highest- and you all know it! Please don‘t feel so stupid or insecure, it‘s not your fault“ Donald Trump, 2013 (Gegenteil von „Ich weiß, dass ich nichts weiß“

Selbsteinschätzung und Kompetenz

  • Selbstbewertung und Kompetenz haben keine positive lineare Beziehung (verläuft nicht paralell zueinander, wenn das eine ansteigt heißt es nicht, dass das andere auch ansteigt)

    • Bsp. Dunning-Kruger-Effekt (Dunning & Kruger, 1999): Selbstüberschätzung von Personen mit geringeren Erfahrung & Kompetenzen

      • wenig Kompetenzen → starke Selbstüberschätzung

      • hohe Kompetenz → eher Unterschätzung

      • oft auch Geschlechtsunterschiede

    • Bsp. Bias zur Mitte (better-than-average effect): Tendenz, die eigenen Fähigkeiten besser einzuschätzen als der Durchschnitt (alle gehen davon aus, dass sie besser als der Durchnitt sind- vielleicht nicht der Beste, aber besser als der Durchschnitt)

Fazit

  • Unangenehme Emotionen: Unvermeidbarer Teil im wissenschaftlichen Prozess.

  • Emotionen und Selbsteinschätzung: hängen nicht zwangsläufig mit eigenem Kompetenzniveau zusammen

    • Umgang mit beiden Ist Teil des wissenschaftlichen Habitus.

Habitus

  • soziologischer Fachbegriff nach Norbert Elias und Pierre Bourdieu

  • Wortherkunft lateinisch: bezeichnet ursprünglich äußere Erscheinung, Aussehen, Gestalt, Kleidung, allgemeinen Zustand oder Lage

    • verweist in erweiterten Sinn auf Eigentümlichkeit einer Person, also auf stabile Dispositionen des Denkens und Handelns

  • beschreibt das Auftreten, die Umgangsformen einer Person und die Gesamtheit ihrer Vorlieben, Gewohnheiten und Art ihres Sozialverhaltens

    • prägt, wie Individuen ihre Umwelt wahrnehmen, bewerten und in ihr handeln

  • auch: moralischer, geistiger „Habitus“ (Haltung) einer Person

Wissenschaftliche Grundhaltung

= professionelle Einstellung/bewusste Orientierung an grundlegenden wissenschaftlichen Werten, mit der jemand Wissen gewinnt, prüft, bewertet → gibt vor, wie Erkenntnisgewinn verantwortungsvoll erfolgen soll

  • nach Kleinert & Pels (2020) umfasst sie zwei Ebenen:

    • Affektive (emotionale) Aspekte: Annahme/ Akzeptanz von Unzulänglichkeiten, Neugier und Offenheit, Skepsis und Selbstkritik

    • Kognitive (denkende) Aspekte: Verständnis, was Wissenschaft ist, was ihre Funktionen und Grenzen sind

    • ← wechselseitig aufeinander bezogen, untrennbar miteinander verbunden

Zur Bildung eines wissenschaftlichen Habitus

  • Die wissenschaftliche Grundhaltung ist als professionelle Einstellung durch grundsätzliche Werte gekennzeichnet, insb. durch die Anerkennung:

    • der Bedeutsamkeit wissenschaftlichen Handelns (z.B. Schaffung von Erkenntnisgewinn, nicht zum Selbstzweck)

    • der Aktualität wissenschaftlichen Wissens (z.B. kritische Reflexion bestehenden Wissens → bestehendes Wissen ständig überprüfen und hinterfragen)

    • der Nachprüfbarkeit(z.B. empirisches Vorgehen)

    • der Nachvollziehbarkeit (z.B. logisches, transparentes und somit replizierbares Vorgehen)

    • der Planmäßigkeit und Systematik des eigenen Denkens und Handelns (z.B. regelgeleitetes Vorgehen entsprechend anerkannter Methoden, nicht Intuition)

  • von Grundhaltung zum wissenschaftlichen Habitus:

    • Wissenschaftliche Grundhaltung (= bewusste Orientierung an diesen Werten) → wiederholtes Handeln nach diesen Werten → wissenschaftlicher Habitus (Haltung wird zur Selbstverständlichkeit) → man denkt und handelt automatisch

    • Grundhaltung: reflektiert, bewusst normativ

    • Habitus: unbewusst, selbstverständlich, stabil