Französische Revolution
Französische Revolution
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit waren die Ziele der Französischen Revolution im Jahr 1789, einem der folgenreichsten Ereignisse der europäischen Geschichte. Frankreich erlebte während der zehnjährigen Revolution viele Veränderungen, in denen sich die einfachen Bürger von den Zwängen der damaligen Ständegesellschaft befreiten und sich grundlegende Menschenrechte erkämpften, indem sie die gesellschaftliche Ordnung umstürzten. Die Vorrechte des Königs und seiner Anhänger mussten neuen Rechten für das Volk weichen. Das Ganze verlief keineswegs friedlich, sondern sehr turbulent und blutig.
Um die Französische Revolution zu verstehen, werden die Gründe, Phasen und Folgen für Frankreich und Europa erklärt.
Ursachen der Französischen Revolution
Um die Entstehung der Revolution zu verstehen, ist es wichtig zu betrachten, warum die Menschen damals so unzufrieden waren, beginnend mit der damaligen Lage der Gesellschaft. König Ludwig XVI. regierte uneingeschränkt über Land und Leute, da er sich als Herrscher von Gottes Gnaden verstand. Dies wird als eine absolutistische Monarchie bezeichnet.
Die Menschen lebten in einer Ständegesellschaft, die in drei Stände unterteilt war:
Klerus: Papst, Äbte, Bischöfe, Mönche
Adel: Herzöge, Grafen, Ritter
Das einfache Volk: Bauern, Handwerker, Stadtbürger
Die damalige gesellschaftliche und politische Lage war von Herausforderungen geprägt, da die breite Masse von wenigen reichen Menschen regiert wurde, was zu Unzufriedenheit im Volk führte.
Es gab vier Hauptursachen:
Ungerechte Lastenverteilung
Der Klerus und der Adel, die etwa 2 % der Bevölkerung ausmachten, hatten besondere Rechte wie Wohlstand und Steuerfreiheit. Dies belastete die Bauern am stärksten, da sie einen Teil ihrer Ernte an ihre adeligen Grundherren abgeben und zusätzlich Steuern zahlen mussten, wie es im Lehnswesen üblich war. Auch die Bürger in den Städten arbeiteten hart und zahlten hohe Steuern. Das einfache Volk trug die Gesellschaft, während die ersten beiden Stände verschwenderisch lebten, was zu Unzufriedenheit führte.
Politische Machtlosigkeit des Dritten Standes
Der dritte Stand, dem 98 % der Bevölkerung angehörten, hatte kaum politisches Mitspracherecht und konnte bei Wahlen von Adel und Klerus überstimmt werden. Politik wurde jedoch immer wichtiger für die Menschen, insbesondere für die gebildeten Bürger in den Städten, die eine Änderung forderten.
Wirtschaftskrise
König Ludwig XIV. hatte in der Vergangenheit viele Kriege geführt und den Staat in die Armut getrieben. Frankreich hatte hohe Schulden und große finanzielle Probleme. Zusätzlich gab es 1789 sehr schlechtes Wetter, was zu großen Ernteausfällen führte. Infolgedessen stiegen die Brotpreise, und die Menschen konnten sich Essen kaum leisten. Das Land war arm, und die Menschen hatten Angst um ihre Existenz.
Der Geist der Aufklärung
Die Menschen glaubten an veraltete Vorstellungen aus dem Mittelalter, wie die von Gott gewollte Macht der Kirche und des Staates. Mit der Aufklärung entfernten sich die gebildeten Bürger in den Städten jedoch von diesen Denkweisen und verließen sich auf ihre eigene Vernunft. Sie wünschten sich, dass alle Menschen von Geburt an frei und gleich seien, was im Gegensatz zur damaligen Lage stand.
Weg zu Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit
Diese Gründe führten zu Unzufriedenheit und Spannungen in der Bevölkerung. Das Ständesystem funktionierte nicht mehr, und der Wunsch nach einer demokratischen Staatsform, in der jeder Mensch die gleichen Rechte und Pflichten besitzt, war eindeutig. Veränderungen mussten jedoch erst in einer Revolution erkämpft werden, die insgesamt 10 Jahre dauerte und in verschiedene Abschnitte unterteilt werden kann:
Phase 1 (1789-1791): Die Anfänge der Revolution
Phase 2 (1792-1794): Die Schreckensherrschaft
Phase 3 (1795-1799): Das Ende der Revolution
Phase 1: Anfänge der Revolution
In der ersten Phase lehnte sich der dritte Stand gegen die Ungerechtigkeiten der Königsherrschaft auf. Die Phase reicht von der Generalversammlung des Königs über den Sturm auf die Bastille bis hin zur Verabschiedung einer neuen Verfassung.
Die Generalversammlung
König Ludwig XVI. stand 1789 vor dem Problem, dass die Steuern des dritten Standes nicht ausreichten, um Frankreich von seinen Schulden zu befreien. Daher rief er am 5. Mai 1789 die Stände zu einer Versammlung zusammen, um Steuererhöhungen durchzusetzen. Eine solche Generalversammlung, die auch als Generalstände bekannt ist, hatte es schon lange nicht mehr gegeben und widersprach der Alleinherrschaft des Königs. Der König sah jedoch keine andere Möglichkeit, Frankreich aus seinen Schulden zu befreien. Auch der Adel und der Klerus sollten nun Steuern zahlen müssen, was für die damaligen Vorstellungen unerhört war. Die Versammlung war also außergewöhnlich.
Jeder Stand durfte 300 Männer auswählen, die ihn in der Versammlung vertreten sollten. Der dritte Stand bekam sogar 600 Vertreter. Es wurde jedoch nicht nach Personen, sondern nach Ständen abgestimmt, was bedeutete, dass der dritte Stand eine Stimme hatte und immer 2:1 gegen die ersten beiden Stände verlieren konnte. Trotzdem bestand der dritte Stand aus 98 % der Bevölkerung.
Die Nationalversammlung
Der dritte Stand war von den Ergebnissen der Generalversammlung frustriert und forderte eine gerechte Abstimmung, bei der jeder Vertreter einzeln abstimmen durfte. Da sich König Ludwig nicht darauf einließ, erklärten sich die Vertreter des dritten Standes zur Nationalversammlung, also einer eigenen Versammlung, die die ganze Nation betreffen sollte. Nach einer knappen Mehrheit in einer Abstimmung schlossen sich auch der Adel und der Klerus der Nationalversammlung an, was sie sehr mächtig machte. Das Ziel der Nationalversammlung war es, eine gerechtere Verfassung auszuarbeiten, um die Rechte des Königs einzuschränken und die Menschen gleichberechtigter zu machen.
Am 20. Juni 1789 schworen sich die Abgeordneten der Nationalversammlung, nicht eher auseinanderzugehen, bevor eine Verfassung verabschiedet sei. Dies wird als Ballhausschwur bezeichnet.
Der Sturm auf die Bastille
Während die Abgeordneten der Nationalversammlung die neue Verfassung ausarbeiteten, saßen auch die Bürger von Paris nicht länger still. Als der König Soldaten in der Stadt stationierte, stürmten am 14. Juli 1789 viele tausende Bürger die Bastille, ein französisches Gefängnis, um sich mit der dort lagernden Munition und den Waffen gegen die königliche Armee wehren zu können.
Bei dem Sturm auf die Bastille kamen 90 Demonstranten ums Leben, und der Kommandant der Bastille sowie einige weitere Mitglieder des Adels wurden hingerichtet. Die Revolution forderte damit ihre ersten Opfer.
Bauernaufstände auf dem Land
Die Aufstände in den Städten erreichten auch die ländlichen Gegenden Frankreichs, wo vor allem die Bauern beunruhigt waren und befürchteten, dass der Adel zurückschlagen könnte. Sie wollten nicht mehr von ihren Gutsherren abhängig sein und starteten ihre eigenen Aufstände, indem sie Schlösser und Klöster stürmten, Häuser und Urkunden verbrannten, die ihren Gutsherren gehörten. Dies setzte wiederum Druck auf die Nationalversammlung aus, die dringend etwas gegen das aktuelle Ständesystem tun musste, um die Menschen auf dem Land zu beruhigen.
Die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte
Am 26. August 1789 verabschiedete die Nationalversammlung die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte. Diese umfasste siebzehn kurze Artikel, in denen den Bürgern mehr Rechte und Freiheiten zugesprochen wurden, wie Gleichheit vor dem Gesetz, Meinungs- und Religionsfreiheit sowie das Recht auf Eigentum und Sicherheit. Damit wurden auch die Vorrechte der ersten beiden Stände aufgehoben. Der König war jedoch nicht begeistert davon, da er in seinen eigenen Rechten eingeschränkt wurde und die Regelungen nur unter Zwang unterschrieb.
Der Weg zur Verfassung
Den Abgeordneten der Nationalversammlung war klar, dass die Macht des Königs eingeschränkt werden musste und eine neue Staatsform her sollte. Die Nationalversammlung war für eine konstitutionelle Monarchie, in der ein König regiert, aber die meisten Entscheidungen von einem gewählten Parlament getroffen werden. Die Macht des Königs sollte also zukünftig an die Verfassung gebunden sein.
Die neue Verfassung
Am 3. September 1791 wurde die neue Verfassung verabschiedet. Frankreich war jetzt eine konstitutionelle Monarchie. Dies half zwar generell schon etwas gegen die Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft, jedoch gab es weiterhin noch große Unzufriedenheit in der Bevölkerung. Die Revolution ging also noch weiter.
Phase 2: Schreckensherrschaft der Jakobiner
Ab sofort sollte in Frankreich „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ gelten. Doch für viele Menschen stellte selbst die beschränkte Herrschaft des Königs immer noch ein Problem dar.
Der Weg zur Terrorherrschaft
Innerhalb der Nationalversammlung gewann der politische Club der Jakobiner immer mehr an Popularität. Durch die anhaltende schlechte wirtschaftliche Lage erhielten sie besondere Unterstützung vom einfachen Volk, den Bürgern und Arbeitern (auch Sansculotten genannt). Sie halfen den Jakobinern mit Flugblättern, Zeitungsartikeln und Reden, im gesamten Land Anhänger zu finden. Die Jakobiner waren damit sehr erfolgreich und gewannen so innerhalb der Nationalversammlung auch immer mehr an Zustimmung. An der Spitze der Jakobiner stand der Anwalt Maximilien Robespierre. Er träumte von einer heiligen Gleichheit vor dem Gesetz und in der Politik und vertrat dabei sehr radikale Ansichten.
In den anderen europäischen Nationen kam inzwischen die Sorge auf, dass sich ähnliche revolutionäre Bewegungen in den eigenen Ländern verbreiten könnten. Deshalb schlossen 1792 Österreich und Preußen einen Pakt, um die Macht des Königs wiederherzustellen. Das gefiel der Nationalversammlung aber gar nicht: sie beschloss, Österreich und Preußen anzugreifen. Es kam 1792 zum Krieg. Dieser Versuch, mit anderen Nationen gemeinsame Sache zu machen, kam bei den Jakobinern aber überhaupt nicht gut an. So erstürmten die Sansculotten im Sommer 1792 zum Beispiel den Königspalast und nahmen König Ludwig und seine Familie fest. Die Jakobiner erzwangen anschließend in der Nationalversammlung einen Prozess gegen den König, der daraufhin von der Nationalversammlung für abgesetzt erklärt wurde.
Die Septembermorde
Weil sich die Pariser Bürger von den Anhängern des Königs bedroht fühlten, kam es im September 1792 zu den sogenannten Septembermorden. Innerhalb von vier Tagen wurden 1200 Anhänger des Königs von den Jakobinern unter Robespierre hingerichtet. Am 21. Januar 1793 wurde König Ludwig XVI. zum Verräter Frankreichs und als Feind der Revolution erklärt und hingerichtet. Die Empörung im In- und Ausland war groß: Es gab immer mehr Revolutionsfeinde. Die Jakobiner sahen keine andere Lösung, als sich zunehmend weiter zu radikalisieren und noch mehr Macht an sich zu reißen.
Mit dem Tod des Königs war Frankreich keine Monarchie mehr. Das Land wurde nun zur Republik erklärt, also einem Staat, in dem nur das Volk herrschen sollte. Die radikalen Jakobiner errichteten ab Sommer 1793 unter der Führung von Robespierre eine Schreckensherrschaft. In ihren Augen war jeder, der die Revolution nicht unterstützte, ein Staatsfeind und verdiente den Tod.
Der Wohlfahrtsausschuss und die Jakobinerherrschaft
Am 6. April 1793 setzten die Jakobiner einen neuen Verbund in der Nationalversammlung ein: den sogenannten Wohlfahrtsausschuss. Das war eine Art provisorische Regierung unter den Jakobinern, die mit noch mehr Schrecken und Gewalt die Ruhe im Volk wiederherstellen sollte. Damit hatten die Jakobiner die volle Macht und hoben die Menschenrechte wieder auf. Außerdem gab es dann 1793 ein Gericht, das sogenannte „Revolutionstribunal“, welches darüber entscheiden sollte, wer hingerichtet wird. Jeder, der sich verdächtig machte, wurde verfolgt und musste mit sehr schlimmen Strafen rechnen; die meisten wurden später zu Tode verurteilt. Zudem verabschiedeten die Jakobiner viele unmenschliche Gesetze, die noch mehr Hinrichtungen berechtigten.
Die Schreckensherrschaft geht dem Ende zu
Die vielen blutigen Auseinandersetzungen unter Robespierre waren letztendlich der Grund, warum die französische Revolution gescheitert ist. Aber auch die Jakobiner selbst nahmen Schaden, da viele Anhänger verloren gingen. Es wurden Revolutionsgegner in den eigenen Reihen vermutet, die zum Tode verurteilt wurden. Je mehr Verdächtige Robespierre aus seiner eigenen Bewegung hinrichten ließ, desto stärker wurde der Zweifel an seiner Führung. Er wurde verhaftet und am 28. Juli 1794 hingerichtet. Die Schreckensherrschaft der Jakobiner war mit dem Tod von Robespierre beendet.
Phase 3: Ende der französischen Revolution
Die Thermidorianer kommen an die Macht
Nachdem Robespierre gestürzt war, rissen seine Gegner, die Thermidorianer, die Macht im Land an sich. Sie befreiten jeden, der unter der Schreckensherrschaft gefangen genommen wurde, beseitigten alle Überbleibsel der Jakobiner und schlossen ihre Versammlungen.
Das Direktorium
Die Nationalversammlung gab es aber auch noch. Allerdings nicht besonders lange, denn 1795 wurde sie dann durch das sogenannte Direktorium ersetzt. Das Direktorium war eine Art Regierung der Republik. Sie bestand aus fünf Männern, die aber nicht zu den einfachen Menschen gehörten, sondern zum sogenannten Besitzbürgertum zählten: das waren wohlhabende Bürger, die ihre eigenen wirtschaftlichen Interessen vertraten. Sie beschlossen unter einer Volksabstimmung eine neue Verfassung, die am 23. August 1795 in Kraft trat. Unter anderem gab es jetzt auch wieder eine Gewaltenteilung, die für ein ausgeglichenes Machtverhältnis im Staat sorgen sollte. Aber auch das Direktorium war nicht die Lösung aller Probleme.
Die politische Lage
Die einfachen Menschen waren immer noch sehr arm, und das Besitzbürgertum wurde gleichzeitig immer wohlhabender. Zusätzlich gab es im Volk gegensätzliche Stimmen: die einfachen Menschen waren unzufrieden mit der schlechten wirtschaftlichen Lage, die durch die Revolution nicht behoben werden konnte, und die königlichen Anhänger wünschten sich wieder eine Monarchie. Das Direktorium wurde damit immer unbeliebter.
Der Staatsstreich 1798
Die Mitglieder des Direktoriums machten sich Sorgen. Was, wenn die Royalisten, also die Anhänger einer Monarchie, bei den anstehenden Wahlen 1798 gewannen? Um das zu verhindern, planten sie einen Staatsstreich. So nennst du ein gewaltsames Eingreifen, um die Macht im Staat zu übernehmen. In diesem Fall sollte eine Machtübernahme der Royalisten verhindert werden. Das schafften die Mitglieder des Direktoriums auch. Allerdings nicht für lange Zeit.
Napoleon Bonaparte
Am 09.11.1799 übernahm Napoleon Bonaparte die Macht in einem weiteren Staatsstreich. Er stürzte also einfach die vorherige Regierung. Damit beendete Napoleon die erste Republik wieder und mit ihr auch die Französische Revolution. Napoleon selbst ernannte sich zum Ersten Konsul. So nanntest du früher die obersten Beamten im Römischen Reich. Er sollte also alleine herrschen. Er schaffte es Frankreichs Staatsschulden zu verringern und das Wohl der Bürger zu verbessern. Unter seinem neuen Gesetzbuch, dem Code Civil, sollten alle Bürger gleich sein. Damit lebten die Grundideen der Revolution weiter.
Die Folgen der Revolution
Der Kampf um Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit war nicht umsonst: die Ideen der französischen Revolution hatten außerdem Auswirkungen auf ganz Europa. Sie legten den Grundstein für unsere heutigen politischen Werte, unsere Menschenrechte und letztendlich unsere Demokratie.
Absolute Monarchie und Ständestaat
In Frankreich regierte 1789 ein König, der seinem Selbstverständnis nach über den Menschen steht: Ludwig XVI. hält sich für einen Herrscher von Gottes Gnaden. Gott selbst habe ihm die Kraft und das Recht gegeben, über das Land zu bestimmen. In dieser absolutistischen Monarchie, wie man diese Regierungsform nennt, kann er sich bislang auf den Adel und die Geistlichen verlassen. Denn auch sie genießen im Frankreich dieser Zeit Sonderrechte.
Staat und Gesellschaft sind in eine strenge Rangordnung unterteilt: Die Geistlichkeit (der erste Stand) und der Adel (der zweite Stand) besitzen einen Großteil des Landes, außerdem müssen sie keine Steuern zahlen. Anders der dritte Stand, zu dem Kaufleute, Handwerker und vor allem Bauern gehören: Ein Siebtel ihrer Ernte müssen sie an den adeligen Grundherrn abtreten, Steuern an Kirche und König.
Doch am Vorabend der Revolution steht der König vor dem Bankrott. Hohe Militärausgaben, ein prunksüchtiger Hofstaat, dazu erdrückende Schulden: Ludwig XVI. braucht dringend Geld. Eine Möglichkeit wäre, auch von den Adligen und Geistlichen Steuern zu verlangen. Doch dafür würde Ludwig die Unterstützung der Obersten Gerichte brauchen, und die sind fest in der Hand des Adels, der seine Sonderrechte behalten will. Dem König bleibt nur ein Ausweg: Er beruft eine Versammlung aller drei Stände ein, die sogenannten Generalstände. Sie sollen neue Steuern bewilligen. Die Regeln dieser Versammlung sind einfach und zementieren die bestehenden Verhältnisse. Jeder Stand entsendet 300 Vertreter, bekommt aber am Ende nur eine gemeinsame Stimme – womit Adel und Geistlichkeit den dritten Stand mit einem 2:1-Votum immer überstimmen können.
Allerdings hat der dritte Stand inzwischen an Selbstbewusstsein gewonnen. Insbesondere in den Städten ist ein liberales Bürgertum entstanden: Kaufleute, Bankiers, Unternehmer, Anwälte, Journalisten. Viele hängen den Ideen der Aufklärung an: Statt Althergebrachtes einfach hinzunehmen, solle man sich seines eigenen Verstandes bedienen. Außerdem, so hat es der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau unlängst geschrieben, seien alle Menschen frei und gleich, und das von Geburt an. Es brauche also keinen König, keinen Staat, der den Menschen diese Rechte erst gewähren müsse.
Neue Ideen für eine neue Zeit
Für Aufsehen sorgt auch eine Streitschrift, die ein Mann namens Abbé Sieyès drucken lässt – ein Geistlicher, der seinem eigenen Stand den Rücken gekehrt hat. In "Was ist der dritte Stand?" stellt er drei einfache Fragen: "Was ist der dritte Stand? Alles. – Was ist er bis jetzt in der politischen Ordnung gewesen? Nichts! – Was verlangt er? Etwas zu sein. " Tatsächlich gehören zum dritten Stand etwa 98 Prozent der französischen Bevölkerung, nur sie müssen Steuern zahlen – und haben trotzdem keinen wirklichen politischen Einfluss.
Die Forderung findet schneller Gehör als gedacht. Das bislang Unvorstellbare geschieht: Widerwillig gesteht Ludwig XVI. dem dritten Stand 600 statt 300 Abgeordnete zu. Im Mai 1789 treffen sich die neuen Generalstände in Versailles, und bald fordern die 600 Abgeordneten des dritten Standes, dass fortan jeder Abgeordnete eine eigene Stimme bekommt statt nur einer Stimme pro Stand. Denn damit müssten sie nur einen einzigen Vertreter von Adel oder Geistlichkeit für ihre Sache gewinnen und hätten mehr als 600 Abgeordnete auf ihrer Seite, also die absolute Mehrheit.
Vom Ballhausschwur zur Erstürmung der Bastille
Als der König zögert, beginnt der dritte Stand zu handeln. Seine Forderung: Das Volk soll künftig die Macht besitzen, nicht mehr der König. Aus den Generalständen wird die "Nationalversammlung", also das neue Parlament; aus dem Königreich Frankreich eine neue Nation. Dafür wollen die Abgeordneten eine Verfassung ausarbeiten – also die Grundsätze ihres neuen Staates, in denen die Rechte und Pflichten der Bürger festgelegt werden sollen. Und diese soll bestimmten Regeln folgen, die nicht König, Adel und Geistliche beschlossen haben, sondern das Volk selbst. Im sogenannten Ballhausschwur geloben die Abgeordneten am 20. Juni 1789, nicht eher auseinanderzugehen, bis die neue Verfassung beschlossen ist. Damit sind die ersten Schritte der Revolution getan. Die nächsten Schritte finden auf den Straßen und Plätzen von Paris statt. Nach der Missernte des Vorjahres und einem harten Winter hat sich der Brotpreis in den vergangenen Monaten verdoppelt, viele Menschen hungern. Sie interessiert nicht, was die Abgeordneten in Versailles debattieren. Sie wollen eine Verbesserung ihrer Situation, und das möglichst bald. In der Stadt brodelt es, der König lässt Truppen um Paris zusammenziehen. Am 14. Juli 1789 versammeln sich mindestens hunderttausend Einwohner der Stadt vor der Bastille – einem Gefängnis, in dem auch Munition und Waffen lagern. Auf diese Waffen haben es die Bürger abgesehen, um sich gegen die Truppen des Königs zu wehren. Die Wachen schießen auf die Eindringlinge, doch die sind nicht aufzuhalten: Sie morden, brandschatzen – und enthaupten ihre Gegner, stecken deren Köpfe auf Spieße und stellen sie in den Straßen aus. Später wird der 14. Juli zu Frankreichs Nationalfeiertag erklärt. Er steht beispielhaft für den Aufstand des Volkes. Gleichzeitig hat die Revolution wegen der entfesselten Gewalt an diesem Tag ihre Unschuld verloren.
Folgenreich bis heute: Die Erklärung der Menschenrechte
In den Tagen darauf erheben sich die Bauern auf dem Land. Sie stürmen Schlösser und Klöster, fordern ein Ende der Gutsherrschaft und Abgabenlast. Viele Abgeordnete sind irritiert und fordern, das Recht auf Eigentum müsse geschützt werden. Damit offenbart sich eine Kluft, die für den Fortgang der Revolution noch wichtig werden wird. Der dritte Stand ist keine Einheit, sondern selbst geprägt von unterschiedlichen Interessen: vermögende Bürger auf der einen Seite, besitzlose Bauern und Tagelöhner auf der anderen. Trotzdem geht es in der Nationalversammlung Schritt für Schritt voran. So einigen sich die Abgeordneten am 26. August 1789 auf eine Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, die für ganz Europa wegweisend sein wird. In siebzehn kurzen Artikeln, inspiriert von der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung aus dem Jahr 1776, werden Freiheit, Gleichheit vor dem Gesetz, Eigentum, Sicherheit und das Recht auf Widerstand gegen staatliche Willkür verbürgt. Außerdem wird den Bürgern Meinungs- und Religionsfreiheit zugesichert. Allerdings gelten die Menschenrechte nach damaligem Verständnis nur für Männer.
Konstitutionelle Monarchie oder Republik?
Doch was soll nun mit dem König geschehen? Die Nationalversammlung will eine so genannte konstitutionelle Monarchie durchsetzen: Ludwigs Macht soll drastisch eingeschränkt werden, die meisten Entscheidungen von einem gewählten Parlament getroffen werden. Welche Rechte der König dann noch haben soll – darüber entbrennt heftiger Streit. Die Angehörigen des Adels (Aristokraten) und die Königstreuen, die rechts im Parlament sitzen, wollen ihm in der Gesetzgebung ein absolutes Veto sichern, mit dem er unliebsame Gesetze vollständig verhindern könnte. Die Abgeordneten weiter links lehnen das ab. Diese Sitzordnung wirkt in unserem Sprachgebrauch bis heute in den Begriffen "politisch rechts" und "politisch links" nach. Am Ende einigt man sich darauf, dem König nur ein aufschiebendes Veto zu gewähren, mit dem er Gesetze lediglich verzögern kann. Am 3. September 1791 wird schließlich eine Verfassung verabschiedet.
Die Revolution wird zur Terrorherrschaft
Gleichzeitig mehren sich die Stimmen, die eine Absetzung des Königs fordern. Frankreich soll eine Republik werden – ein Staat, in dem nur noch das Volk herrscht. Vor allem ein Rechtsanwalt namens Maximilien de Robespierre vertritt diese Forderung. Dabei bekommt er Unterstützung von den einfachen Leuten in Paris, den sogenannten Sansculotten. "Sans culottes" bedeutet übersetzt "ohne Kniebundhosen", denn die feinen Kniebundhosen tragen meisten