VWL 6 (copy)

Grundbegriffe der Volkswirtschaftslehre (Wintersemester 2023/24)

Ausblick auf Zeit- und Risikopräferenzen

Themen

  • Zeitpräferenzen

  • Risikopräferenzen

  • Versicherungen

    • Warum wollen Menschen Versicherungen?

    • Warum bieten Unternehmen Versicherungen an?

  • Marktversagen bei Versicherungen

    • Adverse Selektion

    • Moralisches Risiko

Zeitpräferenzen

Definition

  • Zeitpräferenz eines Individuums: relative Wertschätzung heutigen Konsums im Vergleich zu zukünftigem Konsum.

    • Positive Zeitpräferenz: heutiger Konsum wird bevorzugt.

    • Negative Zeitpräferenz: zukünftiger Konsum wird bevorzugt.

Entwertungsfaktor

  • Der Entwertungsfaktor (δ) beschreibt die Zeitpräferenz.

  • Zukünftiger Konsum wird mit δ multipliziert (entwertet oder angezinst).

  • Die meisten Menschen zeigen positive Zeitpräferenzen:

    • Genuss und Konsum werden meist vorgezogen.

    • Arbeit und Verzicht werden in die Zukunft verschoben.

Marshmallow-Test

  • Experiment von Walter Mischel

  • Kinder wurden beobachtet und das Belohnungsaufschubverhalten war ein Prädiktor für späteren scholastischen Erfolg.

Risikopräferenzen

Definition

  • Risikopräferenz: Bereitschaft, unsichere Ereignismöglichkeiten zu akzeptieren.

    • Risikoneutral: Orientierung am mathematischen Erwartungswert.

    • Risikoscheu: Vorliebe für geringeres Risiko bei gleichem Erwartungswert.

    • Risikoaffin: Vorliebe für höheres Risiko bei gleichem Erwartungswert.

  • Die meisten Menschen sind risikoscheu.

Versicherung

Angebot und Nachfrage

  • Aufgrund der Risikoscheu gehen Menschen Versicherungsverhältnisse ein:

    • KFZ-Versicherung (Vollkasko)

    • Arbeitsunfähigkeitsversicherung

    • Haftpflichtversicherung

    • Lebensversicherung

    • Reisestornoversicherung

    • Auslandskrankenversicherung

  • Anreiz, Versicherungen in Anspruch zu nehmen, ist klar.

Anreiz für Versicherungsunternehmen

  • Herausforderung: Individuelles Risiko ist mit großer Unsicherheit behaftet.

  • Beispiel: Eine Wette mit 1 Münzwurf ist risikobehaftet, während 100 Wetten mit unabhängigen Würfen das Risiko senken.

  • Wichtig: Individuelle Risiken müssen unabhängig sein. Systematische Risiken (z.B. Hochwasser, Epidemien) sind schwierig zu versichern.

Marktversagen bei Versicherungen

Gründe für Marktversagen

  1. Irrationales Verhalten: Fehleinschätzung von Risiken und Wahrscheinlichkeiten.

  2. Adverse Selektion: Risikoprämien spiegeln Durchschnittsrisiko wider.

  3. Moralisches Risiko: Verhalten wird durch Versicherung beeinflusst.

Adverse Selektion

Definition

  • Adverse Selektion ist ein Marktversagen durch Informationsasymmetrie vor Vertragsabschluss.

    • Versicherungsnehmer besitzt Informationsvorteil über Verhalten, Lebensweise und Zukunftspläne.

    • Das Versicherungsunternehmen geht von einem durchschnittlichen Versicherungsnehmer aus.

    • Höheres individuelles Risiko erhöht Wahrscheinlichkeit, die Versicherung in Anspruch zu nehmen, was die Konditionen beeinflusst.

Beispiel

  • Versicherungsunternehmen möchte eine Krankenversicherung anbieten.

    • Gruppen A, B, C mit unterschiedlichen Gesundheitskosten:

      • Gruppe A: 50€

      • Gruppe B: 100€

      • Gruppe C: 300€

    • Durchschnittliche Kosten: 150€.

    • Gruppen A wird die Versicherung zu teuer, Gruppe B akzeptabel und Gruppe C gerne annehmen.

    • Im Ergebnis bleibt nur die risikobehaftetste Gruppe zu ungünstigen Konditionen versichert.

Moralisches Risiko

Definition

  • Moralisches Risiko: Marktversagen durch Informationsasymmetrie nach Vertragsabschluss.

    • Versicherungsnehmer hat Informationsvorteil über das Verhalten nach Abschluss der Versicherung.

    • Versicherung beeinträchtigt Anreize zur Risikominderung, was die Konditionen nachteilig beeinflussen kann.

Beispiel

  • Fahrraddiebstahlversicherung:

    • Wahrscheinlichkeit eines Diebstahls hängt von Risikoverhalten ab:

      • Lässt man das Fahrrad draußen?

      • Wird es immer abgesperrt?

      • Kauf eines hochwertigen Schlosses?

    • Wenn unversichert, meidet man Risiken. Wenn versichert, fehlen diese Anreize.

Zusammenfassung und Lösungen

Herausforderungen im Versicherungswesen

  • Informationsasymmetrie stellt das Versicherungswesen vor Probleme:

    • Vor Vertragsabschluss: Adverse Selektion.

      • Lösung: Pflichtversicherung, alle müssen Versicherung in Anspruch nehmen.

    • Nach Vertragsabschluss: Moralisches Risiko.

      • Lösung: Selbstbehalt, um Anreize zur Risikominderung aufrechtzuerhalten.