Studienguide Bachelor Architektur: Aufnahmeverfahren und Fachgrundlagen
Ökobilanzen von Baustoffen für Tragwerke im DACH-Raum
Hintergrund und Zielsetzung:
Der Aufsatz von Thomas Zitterl und Peter Bauer (DOI: ) untersucht die Komplexität von Ökobilanzen (Life Cycle Assessments, LCA) und die Bemühungen, verschiedene Indikatoren zu einem aggregierten Wert zusammenzuführen.
Ziel ist die Bereitstellung fundierter Handlungsanleitungen für die Tragwerksplanung, um Umweltbelastungen und Ressourcennutzung wissenschaftlich korrekt abzubilden.
Bewertungsmethoden und Indikatoren:
Vollaggregierende Methoden charakterisieren und gewichten Einzelindikatoren, um sie in Punktesysteme zu überführen.
Baustoffbezogene Datensätze sollten laut Norm die Phasen Herstellung, Entsorgung und Wiederverwendung/Recycling deklarieren.
Datenbanken im Vergleich:
Österreich: Verwendet die Datenbank baubook. Aktuell wird oft nur die Herstellungsphase berücksichtigt. Der Oekoindex 013 wird als nur begrenzt verwendbar eingestuft.
Schweiz: Verwendet Daten der KBOB. Berücksichtigt Herstellung und Entsorgung.
Deutschland: Verwendet die ÖKOBAUDAT. Deklariert prinzipiell alle drei Phasen (Herstellung, Entsorgung, Recycling), jedoch nicht immer vollständig.
Empfehlung: Die Datenbanken KBOB und ÖKOBAUDAT sowie die Methode der ökologischen Knappheit werden für präzisere Ergebnisse empfohlen.
Bedeutung für die Tragwerksplanung:
Tragwerke haben aufgrund des hohen Materialverbrauchs einen massiven Einfluss auf die Umweltbilanz.
Klassische Zertifizierungssysteme wie DGNB, LEED, BREEAM oder BNB sind für die reine Tragwerksoptimierung nur bedingt geeignet, da sie oft zu holistisch auf Gebäudeebene agieren und ökologische Bilanzierungsergebnisse mit anderen Faktoren vermengen.
Die Planung von Städten als Orte der Cohabitation
Historische Perspektive und Zivilisierungsprojekt:
Traditionell sah die Stadtplanung Tiere (insbesondere Wildtiere) als Restriktionen oder Widerstände gegen die rationale, „zivilisierte“ Ordnung der Stadt.
Die Moderne zielte auf Naturbeherrschung ab, was zur Disziplinierung und Kontrolle von Tieren durch administrative und technische Maßnahmen führte (z. B. Nagetierbekämpfung auf Basis des Infektionsschutzgesetzes [IfSG]).
Definition Wildtier:
Im Kontext der Forschung (Hauck, Apfelbeck et al.) sind Wildtiere herrenlose Tiere in Freiheit (gem. BGB ), die nicht domestiziert oder gezähmt sind (§ 4 Tierschutzgesetz [TSchG]). Dazu zählen Insekten, Amphibien, Säugetiere, Vögel, Reptilien, Fische, Krebs- und Spinnentiere.
Drei Handlungsregime der Tiersteuerung:
Hygiene: Fokus auf Tiere als Vektoren (Überträger) von Krankheitserregern (z. B. Rotfuchs und Fuchsbandwurm). Unterscheidung zwischen „Schädlingen“ (Ratten) und „Lästlingen“ (Silberfischchen).
Jagd: Städte gelten als „befriedete Gebiete“ (Jagdverbot). Ausnahmen für Stadtwälder oder Friedhöfe zur Gefahrenabwehr. Klassifizierung in Nutzwild (Reh, Wildschwein) und Raubwild/Raubzeug.
Natur- und Artenschutz: Unterscheidung nach Schutzstatus (Seltenheit, Bedrohung). Klassischer Naturschutz schätzt urbane Arten oft gering als „Allerweltsarten“ (Ubiquisten) ein oder misstraut anpassungsfähigen Einwanderern (Neozoen).
Verdrängung durch Stadtumbau:
Das Leitbild „Innenentwicklung vor Außenentwicklung“ führt zur baulichen Nachverdichtung und zum Verlust von Nischen.
Energetische Sanierungen verschließen Gebäudehüllen (Verlust von Brutplätzen für Spatzen, Turmfalken oder Quartieren für Fledermäuse).
Technische Architektur-Optimierung (Glasfassaden, künstliches Licht) schadet der Fauna massiv.
Animal-Aided Design (AAD):
Interdisziplinäre Methode von Thomas E. Hauck und Wolfgang W. Weisser zur Integration von Tierbedürfnissen in die Planung.
Kernkonzept: Der Lebenszyklus der Zielart bestimmt den Entwurf. Kritische Standortfaktoren (Nahrung, Nisthöhle, Sandbad etc.) werden als Checkliste verwendet.
Beispiel Haussperling (Spatz): Benötigt Nisthöhlen (Koloniebrüter), Samen, Insekten, Wasserbad und Sandbad.
Architektur als Gefahr und Habitat
Gefahrenquellen:
Vogelschlag: Jährlich sterben ca. Vögel in Deutschland durch Kollisionen mit Glasfassaden. Abhilfe schaffen gestalterische Lösungen (Markierungen, Eckverglasungen vermeiden).
Lichtverschmutzung: Künstliches Licht stört Insekten (Nahrungskette), Zugvögel (Navigation) und Fledermäuse (Lichttoleranz). Empfehlung: „Full-Cut-Off-Leuchten“, Farbtemperaturen unter Oberflächentemperatur, UV-arme Leuchtmittel.
Potenzial der Gebäudehülle:
Entwicklung zum „Ecolope“: Die Gebäudehülle wird als aktives Habitat für Pflanzen, Tiere, Menschen und Mikrobiota verstanden, statt nur als sterilisierender Filter.
Siedlungssoziologie und die Wiener Siedlerbewegung
Settlement Sociology (Chicagoer Schule):
Jane Addams und das Hull House (Chicago, ab 1889). Strategie der „drei R“: Residence, Research, Reform.
Forscher (Residents) lebten in Armenvierteln, um Wissen aus direkter Erfahrung zu generieren. Methoden: Sozialstatistik, Ethnografie, Haushaltsbücher, Kartierung (Hull-House Maps).
Wiener Siedlerbewegung (1920er Jahre):
Reaktion auf die Wohnungsnot nach dem Ersten Weltkrieg durch organisierte Selbsthilfe (Genossenschaften).
Kernfiguren: Otto Neurath (Ökonom/Philosoph) und Margarete Schütte-Lihotzky (Architektin).
Methoden:
Isotype / Bildstatistik: Neurath entwickelte die Bildstatistik als Bildungsinstrument für das Proletariat („Statistik ist Werkzeug des proletarischen Kampfes“).
Wurzelstock eines Siedlerhauses: Diagrammatische Analyse von Materialflüssen und Bauprozessen durch Neurath (1925).
Kernhaus-Konzept: Schütte-Lihotzky entwickelte Siedlerhütten und Kernhäuser (provisorische Bauten, die später erweitert werden konnten) auf Basis akribischer Analysen von Wohnbedürfnissen.
Klimabewusstes Entwerfen: Fallstudie Sulzerareal
Kontext:
Die Stadt Zürich verzeichnet einen massiven Immobilienboom; die Strategie des Ersatzneubaus führt zum Verschwinden von Bausubstanz (Prognose: 31.000 von 54.000 Bauten verschwinden zwischen 2000 und 2100).
Fokusverschiebung: Bestand als CO2-Speicher und Einladung zur Suffizienz.
Das Sulzerareal (Winterthur):
Transformation eines 220 Hektar großen Industriegebiets seit 1988.
Strategie der kleinen Schritte: Abkehr von Mega-Projekten (wie Jean Nouvels „Megalou“) hin zu einer schrittweisen Umnutzung.
Grundsatz: „Das Haus bestimmt die Nutzung – nicht umgekehrt.“
Wichtige Objekte am Sulzerareal:
Halle 180 (ZHAW): Ehemalige Kesselschmiede (). Umgenutzt für die Architekturausbildung. Low-Tech-Ansatz: Vorhangschulen ohne thermische Trennung, Akzeptanz von Komforteinbußen im Winter/Sommer.
Halle 181 (Seitenschiff): Transformation durch KilgaPopp Architekten (2014). Aufstockung in Leichtbauweise; Doppelfassade als Klimapuffer, Schallschutz und bepflanzter Wintergarten.
Haus Krokodil (Lokstadt): Modularer Holzbau ( Block). Ersetzt fossilgeprägte Materialien durch nachwachsende Rohstoffe in Hybridbauweise.
Halle 53: „Schönstes Parkhaus Europas“.
Faktoren für erfolgreiche Transformation:
Kommunikationsstrategie (Identitätsstiftung).
Evolutionsstrategie (Learning by doing).
Systemtrennung (Tragwerk vs. Ausbau).
Dauerhaftigkeit und Robustheit der Materialien.
Mut zur Grauzone (Ermessensspielraum der Behörden).