Steuerung und Controlling in der modernen Verwaltung – umfassende Prüfungsnotizen

1. Neue Verwaltungssteuerung (NVS)

  • Grundgedanke: Umbau des „Bürokratiemodells“ zum dienstleistungs- und ergebnisorientierten „Gewährleistungsstaat“ (New Public Management – NPM).

1.1 Historie

  • Bürokratiemodell nach Max Weber (1864-1920)
    • Feste Hierarchie, Rechte/Pflichten, Aufstieg nach Dienstalter
    • Strenge Regelbindung, Schriftform-Pflicht, sicherer Arbeitsplatz
    • Arbeitsteilung – Ziel: Aufrechterhaltung der Leistungsfähigkeit
  • Kritik/Nachteile ➔ Reformdruck ab 1990er-Jahre (internationaler Trend NPM)

1.2 Kernideen / Schlagwörter des „Neuen Steuerungsmodells“

  • Steuern statt Rudern
    ➔ Politik formuliert Ziele, Verwaltung steuert Leistungserbringung
  • Eigenverantwortlichkeit statt Hierarchie
    ➔ Dezentralisierung, Ressourcen- und Ergebnisverantwortung, Zielvereinbarungen
  • Motivation statt Alimentation
    ➔ Leistungsorientierte Bezahlung, individuelle Anreize
  • Wettbewerb statt Monopol
    ➔ Kosten-/Leistungsvergleiche, Benchmarking, künstlicher Wettbewerb
  • Resultate statt Regeln
    ➔ Output/Outcome-Orientierung statt Verfahrens-Fixierung

1.3 Strategische Orientierungen

  • Kundenorientierung
    • „Stakeholder“ = alle Personen/Gruppen, die Leistungen abnehmen oder deren Wirkung mitgestalten
    • Besonderheiten Öffentlicher Sektor: kein Ausweichwettbewerb, Zwangskunden
  • Produkt-/Leistungs-/Ergebnisorientierung
    • Bildung von Produktbudgets: Personal-, Sach-, kalkulatorische Kosten + Outputgrößen
    • Output-Kosten=Gesamtkosten ProduktMengeneinheit\text{Output-Kosten} = \frac{\text{Gesamtkosten Produkt}}{\text{Mengeneinheit}}
  • Gewährleistung statt Leistung
    • Staat garantiert Daseinsvorsorge, erbringt sie nicht zwingend selbst ➔ Public-Private-Partnership
  • Mitarbeiterorientierung
    • Personal = wichtigste Ressource; Modernes Personalmanagement, Führung, Kultur
  • Prozessorientierung
    • Ablösung starrer Hierarchien durch prozessuale Sicht, Reduktion von Schnittstellen
  • Wettbewerbsorientierung
    • „Managed Competition“, Marktähnlichkeit, Wirtschaftlichkeitsdruck

1.4 Steuerung

  • Ziel-Dreieck: Effizienz (Wirtschaftlichkeit) – Effektivität (Wirksamkeit) – Qualität
  • Instrumentenmix: Controlling, Berichtswesen, Kennzahlen, Benchmarking

2. Controlling in der öffentlichen Verwaltung

2.1 Begriff, Ziele, Aufgaben

  • „To control“ = steuern, nicht (nur) kontrollieren
  • Definition: führungsunterstützendes, integratives Steuerungs- und Überwachungskonzept mit Frühwarnfunktion
  • Typische Aufgaben
    • Aufbau Zielsystem, Kennzahlensystem, Berichtswesen
    • Planung/Kontrolle von Leistungen & Ressourcen
    • Sonderuntersuchungen (Wirtschaftlichkeit, Betriebsvergleiche)

2.2 Controlling-Phasen (Kreislauf)

  1. Analyse (Umwelt, Potenziale, Soll-Ist)
  2. Zielfindung
  3. Planung (Maßnahmen, Zielgrößen)
  4. Realisierung
  5. Überwachung (Soll-Ist-Vergleich)
  6. Steuerung/Nachsteuerung ➔ zurück zu 1.

2.3 Zielsetzung & Zielhierarchie

  • Leitbild → Strategische Ziele (≈5 Jahre) → Operative Ziele (≤1 Jahr) → individuelle Zielvereinbarungen
  • Zielarten
    • Mengen-, Zeit-, Qualitäts-, Service-, Kosten-/Preisziele
  • SMART-Kriterien
    S-pezifisch, M-essbar, A-nspruchsvoll, R-ealistisch, T-erminiert
  • Zielformel (Beispiel Messbarkeit)
    Kostenersparnis %=Kosten VorjahrKosten aktuelles JahrKosten Vorjahr100\text{Kostenersparnis \%}=\frac{\text{Kosten Vorjahr} - \text{Kosten aktuelles Jahr}}{\text{Kosten Vorjahr}} \cdot 100

2.4 Strategisches vs. Operatives Controlling

MerkmalStrategischOperativ (langfr.)Operativ (kurzfr.)
Zeithorizont3-5 Jahre3-5 Jahre (Projekt)1 Jahr/Monat
FokusUmwelt, ExistenzsicherungStrategie-UmsetzungTagesgeschäft, Budgets
MethodikPrognosen, Portfolio, SWOTProjekt- & KapazitätsplanungPlan/Budget, Soll-Ist
2.4.1 Strategisches Controlling – Arbeitsschritte
  1. Strategische Ausgangsposition (Umwelt- & Verwaltungsanalyse)
  2. Strategische Ziele formulieren
  3. Strategien entwickeln (z. B. Portfolio)
  4. Umsetzung (Projekte, BSC)
  5. Strategische Kontrolle
    • Prämissen-, Durchführungs-, strategische Überwachung
2.4.2 Operatives Controlling
  • Langfristig: Projektcontrolling, Investitions- & Kapazitätsplanung
  • Kurzfristig: Produkt- & Leistungsplanung, Kosten-, Finanz-, Ergebnis-, Budgetplanung
  • Kontrollebenen
    • Input (Ressourcen)
    • Output (Leistungsmengen)
    • Outcome (gesellschaftliche Wirkung)

3. Instrumente des Strategischen Controllings

3.1 ABC-Analyse

  • Ziel: Rangfolge & Priorisierung nach Wesentlichkeit
  • Kategorien (Beispiel Aufwand)
    • A = 60-85 % Aufwand bei 10-20 % Objekten
    • B = 10-25 % bei 20-40 %
    • C = ≤15 % bei 40-60 %
  • Summenkurve zeigt Konzentrationseffekt

3.2 SWOT-Analyse

  • Matrix: Strengths – Weaknesses (intern) / Opportunities – Threats (extern)
  • Vorgehen: Workshop, Karten, Kriterienliste (Erfolge, Ressourcen, Markt, Recht, Technologie …)
  • Ergebnis: Strategieoptionen (SO-, WO-, ST-, WT-Strategien)

3.3 Balanced Scorecard (BSC)

  • Verknüpft Strategie ➔ messbare Ziele ➔ Maßnahmen
  • Standard-Perspektiven
    • Finanzen
    • Kunden
    • Interne Prozesse
    • Lernen/Entwicklung
  • Öffentliche Verwaltung: Ergänzungen „Leistungsauftrag“, „Gemeinwohl“, „Gesetzmäßigkeit/Wirtschaftlichkeit“ möglich
  • Jede Perspektive enthält
    • Ziel
    • Kennzahl
    • Sollwert
    • Initiative
  • Beispiel Kennzahl
    Telefonische Erreichbarkeit=erfolgreiche AnrufeGesamtanrufe\text{Telefonische Erreichbarkeit}=\frac{\text{erfolgreiche Anrufe}}{\text{Gesamtanrufe}}

4. Instrumente des Operativen Controllings

4.1 Kennzahlen & Kennzahlensysteme

  • Definition: quantitativ messbare Sachverhalte in verdichteter Form
  • Einzelkennzahlen
    • Absolute Grundzahlen (z. B. Mitarbeiterzahl)
    • Verhältniszahlen
    • Gliederungszahl: %=TeilmengeGesamtmenge100\% = \frac{\text{Teilmenge}}{\text{Gesamtmenge}} \cdot 100
    • Beziehungszahl: Kosten pro Fall=KostenFallzahl\text{Kosten pro Fall}=\frac{\text{Kosten}}{\text{Fallzahl}}
    • Index/Messzahl: Index<em>t=X</em>tX0100\text{Index}<em>{t}=\frac{X</em>{t}}{X_{0}} \cdot 100
  • Verwaltungskennzahlen
    • Intern (Bearbeitungsdauer, Kosten/Fall)
    • Extern (Einwohner, Unfälle)
    • Kombiniert (Fälle je MA)
  • Anforderungen: kriterienbezogen, beeinflussbar, vergleichbar, adressatengerecht
  • Kennzahlensysteme
    • Rechensystem (Kennzahlenpyramide, z. B. ROI)
    • Ordnungssystem (BSC, Performance Measurement)
    • Mischformen

4.2 Berichtswesen

  • Dauerhafte, standardisierte Informationsversorgung der Führung
  • Prinzipien: Empfänger-, Problem-, Termin-, Verdichtungs-, Formgerecht
  • Unterschiedliche Detailtiefe & Rhythmus je Hierarchieebene (z. B. monatlich operativ, halbjährlich strategisch)
  • Jahres-Berichtsplan definiert: Wer? Wann? Welche Kennzahlen/Kommentare?

4.3 Benchmarking

  • Definition: systematischer Vergleich von Kosten, Leistungen, Prozessen, Strukturen ➔ „Best Practice“ lernen
  • Typen: intern, horizontal, vertikal, intersektoral, international, generisch
  • Rechtliche Grundlage: Art. 91d GG („Leistungsvergleiche zur Verwaltungsmodernisierung“)
  • Erfolgsfaktoren: Freiwilligkeit, vergleichbare Kennzahlen, einheitliche Datenerhebung (KGSt-Modelle, Vergleichsringe)

5. Wichtige Formeln & Beispiele

  • Kennzahl Telefonquote
    Quotenicht angenommen=nicht angenommene AnrufeGesamtanrufe\text{Quote}_{\text{nicht angenommen}} = \frac{\text{nicht angenommene Anrufe}}{\text{Gesamtanrufe}}
  • Erfolgreiche Widersprüche
    Erfolgsrate=erfolgreiche Widerspru¨cheGesamtwiderspru¨che100\text{Erfolgsrate}=\frac{\text{erfolgreiche Widersprüche}}{\text{Gesamtwidersprüche}} \cdot 100
  • Kostenindex
    Kostenindex<em>t=Kosten</em>tKosten0100\text{Kostenindex}<em>{t}=\frac{\text{Kosten}</em>{t}}{\text{Kosten}_{0}} \cdot 100
  • Output-Kosten
    Kosten pro Ausweis=Gesamtkosten FachbereichAnzahl ausgestellter Ausweise\text{Kosten pro Ausweis}=\frac{\text{Gesamtkosten Fachbereich}}{\text{Anzahl ausgestellter Ausweise}}

6. Ethische, praktische & philosophische Implikationen

  • Bürger- und Stakeholderwürde als Handlungsleitlinie (Ethik öffentlicher Leistungserbringung)
  • Transparenz & Rechenschaftspflicht durch Kennzahlen und Berichtswesen
  • Gefahr der "Audit Society": Zahlenfixierung kann echten Servicegedanken verdrängen ➔ Balance zwischen Messung und Menschlichkeit