Kultur, Norm 25.11.25

Gesellschaftliche Strukturen

Rechtliche/Politische Strukturen: formaler Rahmen, in dem Menschen leben, lernen und arbeiten (legen Regeln fest)

  • Bildungspolitik

    • Schulpflicht

    • Lehrpläne

  • Familienrecht

    • Obsorgerecht

    • Kinderschutz/Kinderrechte

Sozio-ökonomische Strukturen/Sozialstrukturen: zeigen Ressourcenverteilug in der Gesellschaft

  • Ungleichheit in Vermögen, Einkommen, Bildung (Bourdieu)

Kulturelle Normen:

Normen bestimmen, wie Menschen sich verhalten , was richtig/falsch ist, welche Ziele angestrebt werden

  • Normen/Geschmäcker

    • Verbunden mit soziale Klassen oder Milieus (z. B. Musikgeschmack, Freizeitgestaltung) → Bourdieu

    • Normen zu Zeit (Chrononormativität) → Vorgaben, wann Lebensabschnitteerreicht werden sollen

    • Normen die Hierarchisieren (gute und schlechte Bildungswege, beinflussen gesellschaftlichen Status)

  • Institutionen: stabile soziale Srukturen, die Normen und Werte durchsetzen und gesellschaftliche Funktionen erfüllen

    • Familie

    • Schule

    • Popkultur: prägt Geschmäcker, Normen, Identität und Trends

Kultur

Begriff der Kultur:

  • Trennung der Begriffe Natur und Kultur während der Aufklärung

    • Kulturbegriff ersetzt zunehmend religiöse Vorgaben zur Lebensführung

  • Samuel von Pufendorf (1632-1694)

    • Kultur= kultivierende Lebensführung und Geisteskultur

  • Wilhelm von Humboldt (1767-1835)

    • Kultur fügt ziviliesierten „äußeren Einrichtungen und Gebräuche sowie darauf bezogene Gesinnung“ eine Veredelung durch Wissenschaft und Kunst hinzu mit dem Ziel der Bildung des Menschen (nach Helmer)

  • mit der Ausdifferenzierung (herausbilden und voneinander unterscheiden) der Nationalstaaten wird Kulturbgriff neu entdeckt (jeder entdeckt ihn für sich selbst) und zur Abgrenzung von anderen Nationen und Identitätsbildung genutzt, dies umfasst:

    • spezifische Bräuche

    • Verhaltensweisen

    • Kunst

  • Popkulturen als beliebte Kulturstücke (räumlich unspezifisch → z.B. global verbreitet; räumlich sehr spezifisch → z.B. regional)

  • Kultur als geteiltes Bedeutungs- und Symbolsystem → symbolischer Interaktionismus

    • =Kultur durch gemeinsame Bedeutungen, Symbole, Kommunikation (z.B. Händeschütteln)

    • Institutionen und Normen bilden Stuktur (regeln Verhaten) z.B. Schule: „sei pünklich“; Familie: „sei respektvoll zu anderen“

  • Kultur= Feld von Machtbeziehungen (=Kultur nicht neutral, sondern gemacht von Menschen mit Macht)

    • Feld, auf dem soziale Identitäten wie z.B. Klassen, Rassen, Geschlecht, Sexuelität konstruiert(=von der Gesellschaft geformt) werden

      • Prozess der Normierung bilden Struktur/Muster der Kultur (Regeln/Standards entwickeln sich die entscheiden, wie Menschen sich verhalten sollen/ was richtig ist)

Emanzipation durch (Sub-)Kultur

Emanzipation: selbstständig denken, von Regeln/Normen lösen

(Sub-) Kultur: Gruppen, die bewusst gegen Normen der Mainstream-Kultur leben (z.B. Minderheitenkultur)

Informelles Lernen: Lernen außerhalb der Schule/offiziellen Institutionen (Außerinstiutionelle Lernräume → freies und selbstbestimmtes Lernen)

Populärkultur nach John Storey

  • Populärkultur: das, was die Masse mag und selbst gestaltet (populär); dies umfasst:

    • Massenkultur: für Masse, oft standardtisiert und kommeziell (nach Theodor Adorno)

    • Volkskultur: Traditionelle Bräuche, Geschichten, Lieder (einer Gruppe/Region)

    • Subkultur: Gruppen, die bewust gegen dominate Kultur leben/eigene Werte ausdrücken

  • → entsteht, wenn Hochkultur(=besonders wertvoll von Elite betrachtet) von Kulturbegriff abgezogen wird

Emanzipation durch Populärkulturen: Cultural Studies

  • Cultural studies: Forschungsfeld das untersucht, wie Kultur, Gesellschaft und Macht zusammenhängen

  • Idee: Subkulturen dienen als Grundlage für Emanzipation und Subversion (Untergrabung/Stürzung) von Herrschaftsverhältnissen

    • Vergleich - Kritische Theorie (z.B. Adorno): Kultur trägt zu Faschismus bei → nimmt Zeit zur Relfexion

  • Bekannte Vertreter:

    • Raymond Williams

      • Ablehung von Unterschieden zwsch. (guter) Hoch- und (schlechter) Alltagskultur + Hoch- und Minderheitenkultur → Kultur nicht nur für Eliten, sondern für alle

      • positive Bewertung von Arbeiter*innenkultur (traditionell:minderwertig/einfach)

    • Stuart Hall

      • Verzahnung von Kapitalismus, kolonialen Prozessen und Minderheitenkulturen (Kultur immer in Zusammenhang mit Macht und Geschichte→ Minderheitenkulturen oft Ergebnis von Kolonialismus/sozialen Ungleichhiten)

      • Subversionspotenzial (Machtstrukturen hinterfrage/umstürzen/ändern) der Minderheiten- und Populärkulturen

Institutionen

Begriff der Institution:

  • Geflechte von Handlungen/ Normen, die selbstverständlich scheinen, auf die sich Menschen aber einst geeinigt haben

    • → kulturell entstanden, erscheinen als (teilweise) unabänderbare Struktur (wirken fest, stabil, selbstverständlich)

    • dauerhafte, sozial anerkannte Strukturen oder Regelwerke, die das Zusammenleben ordnen, steuern, stabilisieren

    • Beispiele: Familie (regelt Zusammenleben, Erziehung, Fürsorge) Schule (vermittelt Wissen, soziale Normen), Weihnachten (Bräuche)

Friedrich Schleiermacher (1758-1834)

  • Anthropologische Konstante (grundlegende Bedingung des Menschseins, die zeitübergreifend gilt, sich aber historisch unterscheidet): es gibt Generationen

    • → Erziehung als Reaktion auf diese Konstante (Erziehung ist notwendig, um Kinder in bestehende Gesellschaft einzuführen → stellt sich, dass Kultur, Wissen, Werte, Normen weitergegeben werden)

  • zwei Dimensionen der Erziehung

    • 1. Kontinuum zwischen Freiheit des Individiums und Erfordernissen der Gesellschaft (individuell frei sein/denken/handeln, aber gleichzeitig Regeln/Verhalten in der Gesellschaft lernen)

      • Erziehung muss beides ausbalancieren

    • 2. Kontinuum zwischen privater Erziehung in der Familie und öffentlicher Erziehung in Schulen/staatlichen Einrichtungen (Erziehung passiert privat und öffentlich - beides notwendig und gegenseitig ergänzend)

    • Erziehung passiert immer gleichzeitg auf beiden Achsen: Freiheit-Gemeinschaft und Privat-Öffentlich

Warum braucht es Institutionen?

  • Kontingenzproblem (Gehlen):

    • Es treffen Menschen aufeinander, die durch ihre Instinkte nicht automatisch wissen, wie sie miteinander umgehen sollen → ohne Regeln/Vorgaben müsste jede Situation neu verhandelt werden

    • Lösung des Kontingenzproblem: Normen, Rollen, Institutionen machen diese Vorgaben/ strukturieren Zusammenleben und machen es vorhersehbar

Berger & Luckmann: Die soziale Konstruktion der Wirklichkeit (1972)

Institutionalisierungsprozess (etablieren und charakterisieren sich) in 4 Stufen:

  • Routinisierung

    • Menschen müssen nicht in jeder Situation entscheidungen treffen (Institution durch wiederholtes Handeln)

  • Habitualisierung

    • Verhaltensweisen werden zu Gewohnheiten/ passieren automatisch (Routinen werden Teil der Persönlichket; macht institutionelles Handeln stabil)

  • Typisierung

    • Handlungsmuster werden identifizierbar/erkennbar und wiederholbar (soziale Interaktionen werden vorhersehbar und stabil, jeder weiß, was von ihm erwartet wird)

  • Handlungsmuster werden von anderen erkannt, übernommen → Institutionalisierung→ Handlungsmuster werden unhinterfragt wiederholt

    • Handlungen, Rollen, Strukturen werden dauerhaft in Gesellschaftverankert

Instituionen entstehen und bekommen ihre Merkmale, wenn Routinen habitualisiert und tyisiert werden

Macht

  • individuelle Macht (nach Weber)

    • subjektives Machtbedürfnis: Macht ist die Fähigkeit eines Individiums (A), das Verhalten eines anderen (B) zu beeinflussen; B unterwirft sich A aus Vertrauen oder Angst

  • institutionelle Macht

    • Autorität liegt bei einer Institution, der gesellschaftlich Macht zgesprochen wird(z.B. durch Gesetze)

    • Macht kann auch von einzelnen Personen ausgeübt werden, wenn sie Institution dazu befugt hat/Machtausübung übertragen hat.

    • Charakterisierbar durch die Kategorien:

      • legitime Macht (anerkannt durch soziale Normen/Regeln)

      • Macht durch Belohnung (Einfluss durch Kontrolle von Ressourcen/Vorteilen)

      • Macht durch Wissen und Informationsvorsprung (Einfluss, weil man bestimmes Wissen besitzt, das andere nicht haben)

  • strukturelle Macht

    • Macht, die von einer gesellschaftlichen Strukturen und Gegebenheiten ausgeht und diffus und unkontrolliert (oft im Hintergrund) wirkt; kein absichtliches handeln einzelner autoritärer Personen; (z.B. soziale Klassenverhältnisse)

  • personale Macht

    • Macht, die ein Individuum aufgrund von persönlichen Machtmotiv und gesellschaftlich zugewiesenen Befugnis ausübt

    • Kombination aus individuellem Willen und institutioneller Befugnis

    • Person kann Verhalten/Schicksal eines anderen dem eigenen Willen/dem Willen einer Instituon unterwerfen

Normen

Normen als Teil von Institutionen: Set von Erwartungen an das Handeln von Individuen(Parsons)

  • Formellle Normen: offiziell festgelegt; z.B. Gesetze, Schulordnungen

  • Informelle Normen: ungeschriebene Regeln, die im Alltag gelten; z.B. Geschlechterrollen; Erwartugen an soziale Rollen (z.B. ein Geschlecht ist besser in Mathe)

  • Moralische Normen: ethische Prinzipien; z.B. Fairness, Respekt, Solidarität

  • Funktionen von Normen in Institutionen:

    • Orientierung und Ordnung: klare Handlungsrichlinien

    • soziale Kontrolle: regulieren Verhalten/bestrafen Abweichungn

    • Identitätsstiftung: helfen, eigene Rolle in Gesellschaft zu erkennen

    • Stabilisierung kultureller Muster: sichern dauerhafte Werte, Traditionen

Normen als Teil von strukturellen Machtprozessen: Disziplinierungsapparate die festlegen, was richtig, erlaubt und erwartet wird

  • Funktionen:

    • Unterscheidbar machen: definieren Unterschiede zwischen Rollen, Status oder Gruppen

    • Identität geben: sagen,was „typisch“ oder „erwartet“ für bestimmte Rollen ist (formen, wie menschen sich selbst sehen)

    • Handlungsfähig machen: Orientierung für richtiges Handeln

  • Michael Foucault:

    • Normen machen Standeszugehörigkeit und Privilegien (soziale Unterschiede) sichtbar

    • System von Normalitätsgraden: Gesellschaft legt fest, was als „normal“ gilt und was davon abweicht → wirkt klassifizierend, hierarchisierend, rangordnend

      • Fuktionen dieses Systems: Homogenisierung (Zwang zur Anpassung) und gleichzeitig Individualsierung (Unterschiede werden gemessen, eingeordnet=jeder wird eingestuft)

      • auch wenn alle offiziell gleich sind, legen Normen fest, wie alle sein sollen & messen gleichzeitig genau, wer wie davon abweicht → vergleich, einordnung und Kontrolle von Menschen möglich

  • 18./19. Jahrhundert

    • Definition der Normalverteilung →Abweichungen werden messbar gemacht

    • Entwicklung von Konzepten kognitiver Entwicklung (Entwicklungspsycholgie) → Festlegung, was ein Mensch in welchem Alter können sollte

    • Medizinische Definitionen den Normalkörpers → Körper wird vermessen und „normaler“ Körper definiert

Normierung durch Prüfungen

  • Einordnung und Vergleich durch Messung (Prüfungen messen Leistung → Personen/Schulen/Länder/etc. werden vergleichbar gemacht → Rangordnung entsteht)

  • Gleichzeitig Überwachung und normierende Sanktion: Prüfungen werden überwacht/beobachtet und Abweichungen werden sichtbar gemacht und bewerte - nicht bestraft→ Ziel: Inkorporierung der Norm und Normalverhalten durch Verinnerlichung der Norm (Menschen übernehmen die Norm selbst; Norm wird verinnerlicht, nicht durch äußeren Zwang, sondern durch Anpassung und Selbstkontrolle, um nicht weiter unter der Norm zu liegen)

  • Ließe sich übertragen auf z.B. PISA-Tests oder IKM-Tests

    • Messung der Leistung → Vergleich von Ländern/Schulen → Schule/Länder orientieren sich an Ergebnissen

Normierung im Unterricht:

  • Normen produzieren Subjekte: bestimmen, wer anerkannt wird und wer nicht

  • Explizite Regeln (Schulregeln, Hausordnung, Schulgesetze):definieren was formal/offiziell akzeptiert wird

  • Implizite Regeln: definieren, was inoffiziell/informal anerkannt oder „cool“ ist (z.B. innerhalb einer „Peergroup“→was gilt als cool?)

  • →mehrere Prozesse der Normierung die gleichzeitig verlaufen: offizielle und inoffizielle Normen wirken parallel, oft überlappend

Normen: Lernkulturen

  • Norm der Selbstständigkeit (Reh und Rabenstein 2012)

    • Zu verschiedenen Zeitpunkten werden verschiedene Formen des Schüler*innenverhaltens als Norm gesetzt (Normen nicht fest, sondern passsen sich an)

      • z.B. Norm der Selbstständigkeit → Selbstorganisation des Arbeitsprozesses (zweiter Ordnung) wird höher geschätzt als die selbstvergessene Auseinandersetzung (Fokus rein auf Inhalt, nicht auf Stuktur/Planung/Kontrolle) mit einer Sache (erster Ordnung)

      • Jenen, die nicht in die Norm passen (unselbstständige Schüler*innen) wird mit Exklusion (Ausschluss oder Stigmatisierung) gedroht