Das deutsche Kaiserreich 1871 bis 1918 - Exhaustives Studienguide
Das Kaiserreich bis zum Ende der Regierung Bismarcks
Die Reichsgründung als „Revolution von oben“
Datum der Proklamation: Am Januar wurde der preußische König Wilhelm I. im Spiegelsaal des Schlosses Versailles zum Deutschen Kaiser proklamiert.
Hintergrund: Die Zeremonie fand während des Deutsch-Französischen Krieges statt und war durch adlige Militärs geprägt; Vertreter des Volkes waren nicht beteiligt.
Definition: Revolution von oben (Definition ):
Der Prozess war revolutionär, da gewaltsame Mittel (Einigungskriege) genutzt wurden.
Preußen entmachtete Dynastien (z. B. in Hannover und Hessen) und beendete die Zugehörigkeit Österreichs zum Deutschen Bund.
Revolutionär war zudem die Einführung des allgemeinen und gleichen Männerwahlrechts.
„Von oben“ bedeutet, dass die Initiative vom Staat (unter Führung Bismarks) ausging, nicht vom Volk.
Deutsch-Französischer Krieg (): Bismarck nutzte den Krieg als Mittel, um süddeutsche Staaten (Bayern, Württemberg, Baden, Hessen) durch nationale Begeisterung in den Einigungsprozess einzubinden.
Reaktion (Baronin von Spitzemberg): Sie beschrieb die Gründung am März als „herrlich und glorreich“, ein Reich, das groß durch „physische Macht“ und „Bildung“ sei.
Verhältnis zu Frankreich: Die Proklamation in Versailles und der Friedensvertrag von Mai (Abtretung von Elsass-Lothringen, Kriegsentschädigung von Milliarden Goldfranken) belasteten das Verhältnis nachhaltig.
Das politische System des Kaiserreiches
Definition: Politisches System (Definition ): Gesamtheit der Institutionen und Regeln zur Problemformulierung, Lösungssuche und Durchsetzung verbindlicher Entscheidungen.
Bundesstaat: Ein Bund von souveränen Fürstentümern und freien Städten unter preußischer Vormachtstellung.
Reichsverfassung von :
Keine Grundrechte: Es gab keine verbrieften Grundrechte für Bürger auf Reichsebene.
Der Kaiser: Erblich dem König von Preußen vorbehalten; Oberbefehlshaber der Streitkräfte; ernennt und entlässt den Kanzler.
Der Bundesrat: Vertretung der Bundesfürsten; bereitet Gesetzgebung vor; Vorsitz durch den Reichskanzler.
Der Reichskanzler: Allein dem Kaiser verantwortlich; zugleich preußischer Ministerpräsident.
Der Reichstag (Volksvertretung): Abgeordnete; Wahlrecht: allgemein, gleich und geheim für Männer ab Jahren. Erlässt Gesetze mit dem Bundesrat, bewilligt Steuern/Haushalt.
Militärkontrolle: Das Militär war der parlamentarischen Kontrolle weitgehend entzogen (-jähriges, später -jähriges Bewilligungsintervall).
Definition: Konstitutionelle Monarchie (Definition ): Der Monarch ist an eine Verfassung gebunden, behält aber die Kontrolle über die Regierungsbildung (im Gegensatz zur parlamentarischen Monarchie).
Parteien und Wahlen
Liberale Lager:
Linksliberale: Protestantische Mittelschicht; Fokus auf Parlamentsrechte, Rechtsstaat, freie Marktwirtschaft.
Nationalliberale: Unterstützten Bismarcks Kurs gegen „Reichsfeinde“; ab konservativerer Kurs (Aufrüstung).
Konservative Lager: Sicherung des Adels, Monarchie, christliche Werte.
Zentrumspartei ( gegründet): Vertrat die katholische Minderheit über soziale Schichten hinweg.
Sozialdemokratie: Vereinigung zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), ab SPD; Ziel: sozialistischer Staat auf friedlichem Weg; fundierter Oppositionskurs.
Statistik Wahlbeteiligung: Steigerung von () auf ().
Bismarcks Innenpolitik: Kampf gegen die „Reichsfeinde“
Der Kulturkampf (gegen Katholiken)
Ursache: Papst Pius IX. erließ das Unfehlbarkeitsdogma; Bismarck fürchtete Steuerung des Zentrums durch Rom.
Maßnahmen:
Kanzelparagraph (): Gefängnisstrafe für Geistliche, die in Predigten Staatsangelegenheiten friedensgefährdend erörtern.
Jesuitenverbot (), staatliche Schulaufsicht, Einführung der Zivilehe.
Folgen: Scheitern Bismarcks; Katholiken fühlten sich als Bürger zweiter Klasse; Zentrum wurde gestärkt.
Das Sozialistengesetz (-)
Anlass: Attentate auf Kaiser Wilhelm I. (), die Bismarck fälschlich der Sozialdemokratie zuschrieb.
Gesetz: Verbot der sozialdemokratischen Presse und Gewerkschaften; Belagerungszustand über Berlin und Hamburg; Ausweisungen.
Widerstand: Abgeordnete durften als Einzelpersonen kandidieren; SPD-Mandate stiegen bis von auf .
Die Sozialgesetzgebung
Ziel: Arbeiter durch staatliche Fürsorge an das System binden („Zuckerbrot und Peitsche“).
Versicherungen:
Krankenversicherung (): Beitrag ( Arbeitnehmer, Arbeitgeber).
Unfallversicherung (): Vom Arbeitgeber gezahlt.
Invaliditäts- und Altersversicherung (): Ab Geburtsjahrgang ; Rente betrug nur etwa des alten Einkommens ( Mark jährlich bei einem Durchschnittslohn von Mark).
Bismarcks Außenpolitik
Grundhaltung: Deutschland sei „saturiert“ (keine weiteren Gebietsansprüche).
Kissinger Diktat (): Ziel war eine Gesamtsituation, in der alle Mächte (außer Frankreich) Deutschland bedürfen.
Bündnissystem:
Dreikaiserabkommen (): D, Ö-U, R.
Zweibund (): Defensivbündnis D und Ö-U gegen Russland.
Dreibund (): Beitritt Italiens zum Zweibund.
Rückversicherungsvertrag (): Geheimes Neutralitätsabkommen mit Russland; enthielt Zusatzprotokoll zur Duldung russischer Interessen am Schwarzen Meer (Widerspruch zum Mittelmeerabkommen).
Berliner Kongress (): Bismarck als „ehrlicher Makler“ vermittelte im Balkankonflikt; Russland fühlte sich benachteiligt.
Bismarcks Kolonialpolitik
Entwicklung: Zunächst Gegner („Ich bin kein Kolonialmensch“), änderte Bismarck den Kurs aufgrund öffentlichen Drucks (Kolonialvereine).
Schutzgebiete (): Südwestafrika (Lüderitz), Togo, Kamerun, Deutsch-Ostafrika (Carl Peters), Kaiser-Wilhelm-Land.
Prinzip: Bismarck wollte „kaufmännische Unternehmungen“, keinen Aufbau kostspieliger Verwaltungen.
Kritik (August Bebel): Kolonialpolitik sei reine Ausbeutung im Interesse von Großkapitalisten.
Die Aufteilung der Welt – der „Imperialismus“
Definitionen und Merkmale
Definition: Kolonie (Definition ): Politisches Gebilde durch Invasion/Siedlung geschaffen, in dauerhafter Abhängigkeit zum räumlich entfernten Mutterland.
Definition: Imperialismus (Definition ): Indirekte oder direkte Herrschaft über fremde Länder zur Sicherung von Märkten; begründet durch Nationalismus, Rassismus und Sendungsbewusstsein.
Definition: Rassismus (Definition ): Ideologie der Ungleichheit, die von höher- und minderwertigen „Rassen“ ausgeht.
Sendungsbewusstsein: Pflicht zur „Zivilisierung“ der „Eingeborenen“ nach europäischem Vorbild.
Die imperialistischen Mächte
Großbritannien: „The flag follows the trade“; Beherrschung des Seewegs nach Indien (Suezkanal, Ägypten), Kap-Kairo-Linie.
Russland: Kontinentalimperialismus (Expansion nach Mittel- und Ostasien).
Frankreich: Fokus auf „La France d’outre-mer“ (Nordafrika, Indochina); Ziel der kulturellen Assimilation.
USA: „Big Stick Policy“; Erwerb von Philippinen, Puerto Rico, Panamakanal ().
Japan: Sieg über Russland (); Annexion Koreas ().
Belgien: Der Kongo als Privatbesitz König Leopolds II.; grausames Ausbeutungssystem („Kautschuk-Terror“).
Das deutsche Kolonialreich in Afrika
Deutsch-Ostafrika (Carl Peters): Erwerb durch „ungleiche Verträge“ und Gewalt (Brandschatzung von Dörfern).
Maji-Maji-Aufstand (): Unterdrückung durch Methode der „verbrannten Erde“; bis zu tote Einheimische.
Deutsch-Südwestafrika (Namibia):
Witbooi-Brief: Kritik an der Missachtung einheimischer Gesetze und der Landnahme.
Herero-Aufstand (): Ursache u. a. Eisenbahnbau durch Herero-Gebiet.
Lothar von Trotha: Erließ Schießbefehl; trieb Hereros in die Wüste (Omaheke).
Völkermord: Von Hereros überlebten nur .
Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Kaiserreiches
Vom Agrarstaat zum Industriestaat
Gründerkrise (): Einbruch nach dem „Gründungsfieber“; Kritik am liberalen Kapitalismus.
Schutzzollpolitik (): Bündnis von „Roggen und Eisen“ (Großgrundbesitzer und Großindustrielle).
Zweite industrielle Revolution: Leitsektoren Chemie und Elektroindustrie (Siemens, AEG).
Globalisierung: Deutschland war vor zweitgrößte Handelsmacht; „Made in Germany“ als Qualitätssiegel.
Bevölkerungsentwicklung und Urbanisierung
Bevölkerungswachstum: ( Mio.) bis ( Mio.).
Lebenserwartung ( vs. ): Mädchen stieg von auf Jahre; Jungen von auf Jahre.
Urbanisierung: Massive Binnenwanderung in Großstädte (Wachstum in Essen, Hamburg um ).
Klassengesellschaft und Rollenbilder
Definition: Klassengesellschaft (Definition ): Gliederung nach wirtschaftlichen/sozialen Interessen (Marx: Bourgeoisie vs. Proletariat; Weber: Besitz- und soziale Klassen).
Frauenrolle: Juristische Unterordnung im BGB; Ausschluss von Politik bis ; Erwerbstätigkeit von Arbeiterfrauen (Heimarbeit, Fabrik).
Minderheiten: Diskriminierung der Polen (Preußische Ostprovinzen); Aufkommen des modernen Antisemitismus (Wilhelm Marr, Otto Glagau); Definition der Juden als „Rasse“ statt Religionsgemeinschaft.
Politik unter Wilhelm II.
Der „Neue Kurs“: Ende des Rückversicherungsvertrages mit Russland; Streben nach „Weltpolitik“ und einem „Platz an der Sonne“ (Bernhard von Bülow).
Flottenrüstung: Alfred von Tirpitz; Konzept der „Risikoflotte“ gegen Großbritannien; Wettrüsten (Dreadnought-Klasse).
Bündnisverschiebungen:
Entente Cordiale (): GB und F.
Triple Entente (): GB, F und R.
Isolierung Deutschlands: Nur noch Österreich-Ungarn als fester Partner.
Krisenherde:
Marokkokrisen ( und ): Provokationen durch Wilhelm II. („Panthersprung nach Agadir“).
Balkan: „Pulverfass“; Annexion Bosniens (); Balkankriege ().
Kriegsrat ( Dezember ): Moltke hält Krieg für „unvermeidbar – je eher je besser“.
Zabern-Affäre (): Reichstag spricht Kanzler Bethmann Hollweg das Misstrauen aus.
Der Erste Weltkrieg ()
Julikrise und Kriegsausbruch
Juni : Attentat von Sarajevo (Franz Ferdinand).
Juli : „Blankoscheck“ Deutschlands an Österreich-Ungarn.
Eskalation: Österreichisches Ultimatum an Serbien ( Juli) -> Kriegserklärung ( Juli) -> Russische Mobilmachung ( Juli) -> Deutsche Kriegserklärung an Russland ( August) und Frankreich ( August).
Burgfrieden: SPD stimmt Kriegskrediten zu; Ende parteipolitischer Kämpfe.
Kriegsverlauf
Schlieffenplan: Schneller Sieg im Westen durch Belgien gescheitert (Wunder an der Marne).
Materialschlachten (): Verdun und Somme; ca. Millionen Tote ohne Entscheidung.
Osten: Sieg bei Tannenberg (); Hindenburg/Ludendorff werden zu Helden verklärt.
U-Boot-Krieg: Unbeschränkter U-Boot-Krieg ab provoziert USA-Kriegseintritt.
Das Epochenjahr und das Ende
Revolutionen in Russland: Sturz des Zaren; Frieden von Brest-Litowsk () als „Siegfrieden“.
Friedensresolution (): Reichtagsmehrheit fordert Verständigungsfrieden.
Innere Lage: Hungerblockade, Steckrübenwinter; Streiks in Rüstungsbetrieben ().
Revolution : Matrosenaufstand in Kiel; November: Abdankung Wilhelms II., Ausrufung der Republik (Philipp Scheidemann); November: Waffenstillstand von Compiègne.
Oktoberverfassung: Kurzzeitiger Übergang zur parlamentarischen Monarchie; Dolchstoßlegende als politische Hypothek der Rechten.