Das deutsche Kaiserreich 1871 bis 1918 - Exhaustives Studienguide

Das Kaiserreich bis zum Ende der Regierung Bismarcks 18901890

Die Reichsgründung als „Revolution von oben“

  • Datum der Proklamation: Am 18.18. Januar 18711871 wurde der preußische König Wilhelm I. im Spiegelsaal des Schlosses Versailles zum Deutschen Kaiser proklamiert.

  • Hintergrund: Die Zeremonie fand während des Deutsch-Französischen Krieges statt und war durch adlige Militärs geprägt; Vertreter des Volkes waren nicht beteiligt.

  • Definition: Revolution von oben (Definition 1.11.1):

    • Der Prozess war revolutionär, da gewaltsame Mittel (Einigungskriege) genutzt wurden.

    • Preußen entmachtete Dynastien (z. B. in Hannover und Hessen) und beendete die Zugehörigkeit Österreichs zum Deutschen Bund.

    • Revolutionär war zudem die Einführung des allgemeinen und gleichen Männerwahlrechts.

    • „Von oben“ bedeutet, dass die Initiative vom Staat (unter Führung Bismarks) ausging, nicht vom Volk.

  • Deutsch-Französischer Krieg (1870/711870/71): Bismarck nutzte den Krieg als Mittel, um süddeutsche Staaten (Bayern, Württemberg, Baden, Hessen) durch nationale Begeisterung in den Einigungsprozess einzubinden.

  • Reaktion (Baronin von Spitzemberg): Sie beschrieb die Gründung am 3.3. März 18711871 als „herrlich und glorreich“, ein Reich, das groß durch „physische Macht“ und „Bildung“ sei.

  • Verhältnis zu Frankreich: Die Proklamation in Versailles und der Friedensvertrag von Mai 18711871 (Abtretung von Elsass-Lothringen, Kriegsentschädigung von 55 Milliarden Goldfranken) belasteten das Verhältnis nachhaltig.

Das politische System des Kaiserreiches

  • Definition: Politisches System (Definition 1.21.2): Gesamtheit der Institutionen und Regeln zur Problemformulierung, Lösungssuche und Durchsetzung verbindlicher Entscheidungen.

  • Bundesstaat: Ein Bund von 2222 souveränen Fürstentümern und 33 freien Städten unter preußischer Vormachtstellung.

  • Reichsverfassung von 18711871:

    • Keine Grundrechte: Es gab keine verbrieften Grundrechte für Bürger auf Reichsebene.

    • Der Kaiser: Erblich dem König von Preußen vorbehalten; Oberbefehlshaber der Streitkräfte; ernennt und entlässt den Kanzler.

    • Der Bundesrat: Vertretung der Bundesfürsten; bereitet Gesetzgebung vor; Vorsitz durch den Reichskanzler.

    • Der Reichskanzler: Allein dem Kaiser verantwortlich; zugleich preußischer Ministerpräsident.

    • Der Reichstag (Volksvertretung): 397397 Abgeordnete; Wahlrecht: allgemein, gleich und geheim für Männer ab 2525 Jahren. Erlässt Gesetze mit dem Bundesrat, bewilligt Steuern/Haushalt.

    • Militärkontrolle: Das Militär war der parlamentarischen Kontrolle weitgehend entzogen (77-jähriges, später 55-jähriges Bewilligungsintervall).

  • Definition: Konstitutionelle Monarchie (Definition 1.31.3): Der Monarch ist an eine Verfassung gebunden, behält aber die Kontrolle über die Regierungsbildung (im Gegensatz zur parlamentarischen Monarchie).

Parteien und Wahlen

  • Liberale Lager:

    • Linksliberale: Protestantische Mittelschicht; Fokus auf Parlamentsrechte, Rechtsstaat, freie Marktwirtschaft.

    • Nationalliberale: Unterstützten Bismarcks Kurs gegen „Reichsfeinde“; ab 18901890 konservativerer Kurs (Aufrüstung).

  • Konservative Lager: Sicherung des Adels, Monarchie, christliche Werte.

  • Zentrumspartei (18701870 gegründet): Vertrat die katholische Minderheit über soziale Schichten hinweg.

  • Sozialdemokratie: 18751875 Vereinigung zur Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP), ab 18911891 SPD; Ziel: sozialistischer Staat auf friedlichem Weg; fundierter Oppositionskurs.

  • Statistik Wahlbeteiligung: Steigerung von 51,0%51,0\,\% (18711871) auf 84,9%84,9\,\% (19121912).

Bismarcks Innenpolitik: Kampf gegen die „Reichsfeinde“

Der Kulturkampf (gegen Katholiken)
  • Ursache: Papst Pius IX. erließ 18701870 das Unfehlbarkeitsdogma; Bismarck fürchtete Steuerung des Zentrums durch Rom.

  • Maßnahmen:

    • Kanzelparagraph (18711871): Gefängnisstrafe für Geistliche, die in Predigten Staatsangelegenheiten friedensgefährdend erörtern.

    • Jesuitenverbot (18721872), staatliche Schulaufsicht, Einführung der Zivilehe.

  • Folgen: Scheitern Bismarcks; Katholiken fühlten sich als Bürger zweiter Klasse; Zentrum wurde gestärkt.

Das Sozialistengesetz (18781878-18901890)
  • Anlass: Attentate auf Kaiser Wilhelm I. (18781878), die Bismarck fälschlich der Sozialdemokratie zuschrieb.

  • Gesetz: Verbot der sozialdemokratischen Presse und Gewerkschaften; Belagerungszustand über Berlin und Hamburg; Ausweisungen.

  • Widerstand: Abgeordnete durften als Einzelpersonen kandidieren; SPD-Mandate stiegen bis 18901890 von 99 auf 3535.

Die Sozialgesetzgebung
  • Ziel: Arbeiter durch staatliche Fürsorge an das System binden („Zuckerbrot und Peitsche“).

  • Versicherungen:

    • Krankenversicherung (18831883): 23%2\text{--}3\,\% Beitrag (23\frac{2}{3} Arbeitnehmer, 13\frac{1}{3} Arbeitgeber).

    • Unfallversicherung (18841884): Vom Arbeitgeber gezahlt.

    • Invaliditäts- und Altersversicherung (18891889): Ab Geburtsjahrgang 7070; Rente betrug nur etwa 16\frac{1}{6} des alten Einkommens (165165 Mark jährlich bei einem Durchschnittslohn von 1.0001.000 Mark).

Bismarcks Außenpolitik

  • Grundhaltung: Deutschland sei „saturiert“ (keine weiteren Gebietsansprüche).

  • Kissinger Diktat (18771877): Ziel war eine Gesamtsituation, in der alle Mächte (außer Frankreich) Deutschland bedürfen.

  • Bündnissystem:

    • Dreikaiserabkommen (18731873): D, Ö-U, R.

    • Zweibund (18791879): Defensivbündnis D und Ö-U gegen Russland.

    • Dreibund (18821882): Beitritt Italiens zum Zweibund.

    • Rückversicherungsvertrag (18871887): Geheimes Neutralitätsabkommen mit Russland; enthielt Zusatzprotokoll zur Duldung russischer Interessen am Schwarzen Meer (Widerspruch zum Mittelmeerabkommen).

  • Berliner Kongress (18781878): Bismarck als „ehrlicher Makler“ vermittelte im Balkankonflikt; Russland fühlte sich benachteiligt.

Bismarcks Kolonialpolitik

  • Entwicklung: Zunächst Gegner („Ich bin kein Kolonialmensch“), änderte Bismarck 18841884 den Kurs aufgrund öffentlichen Drucks (Kolonialvereine).

  • Schutzgebiete (1884/851884/85): Südwestafrika (Lüderitz), Togo, Kamerun, Deutsch-Ostafrika (Carl Peters), Kaiser-Wilhelm-Land.

  • Prinzip: Bismarck wollte „kaufmännische Unternehmungen“, keinen Aufbau kostspieliger Verwaltungen.

  • Kritik (August Bebel): Kolonialpolitik sei reine Ausbeutung im Interesse von Großkapitalisten.

Die Aufteilung der Welt – der „Imperialismus“

Definitionen und Merkmale

  • Definition: Kolonie (Definition 2.12.1): Politisches Gebilde durch Invasion/Siedlung geschaffen, in dauerhafter Abhängigkeit zum räumlich entfernten Mutterland.

  • Definition: Imperialismus (Definition 2.32.3): Indirekte oder direkte Herrschaft über fremde Länder zur Sicherung von Märkten; begründet durch Nationalismus, Rassismus und Sendungsbewusstsein.

  • Definition: Rassismus (Definition 2.22.2): Ideologie der Ungleichheit, die von höher- und minderwertigen „Rassen“ ausgeht.

  • Sendungsbewusstsein: Pflicht zur „Zivilisierung“ der „Eingeborenen“ nach europäischem Vorbild.

Die imperialistischen Mächte

  • Großbritannien: „The flag follows the trade“; Beherrschung des Seewegs nach Indien (Suezkanal, Ägypten), Kap-Kairo-Linie.

  • Russland: Kontinentalimperialismus (Expansion nach Mittel- und Ostasien).

  • Frankreich: Fokus auf „La France d’outre-mer“ (Nordafrika, Indochina); Ziel der kulturellen Assimilation.

  • USA: „Big Stick Policy“; Erwerb von Philippinen, Puerto Rico, Panamakanal (19141914).

  • Japan: Sieg über Russland (19051905); Annexion Koreas (19101910).

  • Belgien: Der Kongo als Privatbesitz König Leopolds II.; grausames Ausbeutungssystem („Kautschuk-Terror“).

Das deutsche Kolonialreich in Afrika

  • Deutsch-Ostafrika (Carl Peters): Erwerb durch „ungleiche Verträge“ und Gewalt (Brandschatzung von Dörfern).

  • Maji-Maji-Aufstand (190519081905\text{--}1908): Unterdrückung durch Methode der „verbrannten Erde“; bis zu 300.000300.000 tote Einheimische.

  • Deutsch-Südwestafrika (Namibia):

    • Witbooi-Brief: Kritik an der Missachtung einheimischer Gesetze und der Landnahme.

    • Herero-Aufstand (19041904): Ursache u. a. Eisenbahnbau durch Herero-Gebiet.

    • Lothar von Trotha: Erließ Schießbefehl; trieb Hereros in die Wüste (Omaheke).

    • Völkermord: Von 80.00080.000 Hereros überlebten nur 16.00016.000.

Wirtschafts- und Sozialgeschichte des Kaiserreiches

Vom Agrarstaat zum Industriestaat

  • Gründerkrise (18731873): Einbruch nach dem „Gründungsfieber“; Kritik am liberalen Kapitalismus.

  • Schutzzollpolitik (18791879): Bündnis von „Roggen und Eisen“ (Großgrundbesitzer und Großindustrielle).

  • Zweite industrielle Revolution: Leitsektoren Chemie und Elektroindustrie (Siemens, AEG).

  • Globalisierung: Deutschland war vor 19141914 zweitgrößte Handelsmacht; „Made in Germany“ als Qualitätssiegel.

Bevölkerungsentwicklung und Urbanisierung

  • Bevölkerungswachstum: 18711871 (4141 Mio.) bis 19141914 (6868 Mio.).

  • Lebenserwartung (18711871 vs. 18911891): Mädchen stieg von 38,538,5 auf 44,044,0 Jahre; Jungen von 35,635,6 auf 40,640,6 Jahre.

  • Urbanisierung: Massive Binnenwanderung in Großstädte (Wachstum in Essen, Hamburg um 300%300\,\%).

Klassengesellschaft und Rollenbilder

  • Definition: Klassengesellschaft (Definition 3.13.1): Gliederung nach wirtschaftlichen/sozialen Interessen (Marx: Bourgeoisie vs. Proletariat; Weber: Besitz- und soziale Klassen).

  • Frauenrolle: Juristische Unterordnung im BGB; Ausschluss von Politik bis 19081908; Erwerbstätigkeit von Arbeiterfrauen (Heimarbeit, Fabrik).

  • Minderheiten: Diskriminierung der Polen (Preußische Ostprovinzen); Aufkommen des modernen Antisemitismus (Wilhelm Marr, Otto Glagau); Definition der Juden als „Rasse“ statt Religionsgemeinschaft.

Politik unter Wilhelm II.

  • Der „Neue Kurs“: Ende des Rückversicherungsvertrages mit Russland; Streben nach „Weltpolitik“ und einem „Platz an der Sonne“ (Bernhard von Bülow).

  • Flottenrüstung: Alfred von Tirpitz; Konzept der „Risikoflotte“ gegen Großbritannien; Wettrüsten (Dreadnought-Klasse).

  • Bündnisverschiebungen:

    • Entente Cordiale (19041904): GB und F.

    • Triple Entente (19071907): GB, F und R.

    • Isolierung Deutschlands: Nur noch Österreich-Ungarn als fester Partner.

  • Krisenherde:

    • Marokkokrisen (19051905 und 19111911): Provokationen durch Wilhelm II. („Panthersprung nach Agadir“).

    • Balkan: „Pulverfass“; Annexion Bosniens (19081908); Balkankriege (1912/131912/13).

  • Kriegsrat (8.8. Dezember 19121912): Moltke hält Krieg für „unvermeidbar – je eher je besser“.

  • Zabern-Affäre (19131913): Reichstag spricht Kanzler Bethmann Hollweg das Misstrauen aus.

Der Erste Weltkrieg (191419181914\text{--}1918)

Julikrise und Kriegsausbruch

  • 28.28. Juni 19141914: Attentat von Sarajevo (Franz Ferdinand).

  • 5.5. Juli 19141914: „Blankoscheck“ Deutschlands an Österreich-Ungarn.

  • Eskalation: Österreichisches Ultimatum an Serbien (23.23. Juli) -> Kriegserklärung (28.28. Juli) -> Russische Mobilmachung (30.30. Juli) -> Deutsche Kriegserklärung an Russland (1.1. August) und Frankreich (3.3. August).

  • Burgfrieden: SPD stimmt Kriegskrediten zu; Ende parteipolitischer Kämpfe.

Kriegsverlauf

  • Schlieffenplan: Schneller Sieg im Westen durch Belgien gescheitert (Wunder an der Marne).

  • Materialschlachten (19161916): Verdun und Somme; ca. 22 Millionen Tote ohne Entscheidung.

  • Osten: Sieg bei Tannenberg (19141914); Hindenburg/Ludendorff werden zu Helden verklärt.

  • U-Boot-Krieg: Unbeschränkter U-Boot-Krieg ab 19171917 provoziert USA-Kriegseintritt.

Das Epochenjahr 19171917 und das Ende

  • Revolutionen in Russland: Sturz des Zaren; Frieden von Brest-Litowsk (19181918) als „Siegfrieden“.

  • Friedensresolution (19171917): Reichtagsmehrheit fordert Verständigungsfrieden.

  • Innere Lage: Hungerblockade, Steckrübenwinter; Streiks in Rüstungsbetrieben (19181918).

  • Revolution 19181918: Matrosenaufstand in Kiel; 9.9. November: Abdankung Wilhelms II., Ausrufung der Republik (Philipp Scheidemann); 11.11. November: Waffenstillstand von Compiègne.

  • Oktoberverfassung: Kurzzeitiger Übergang zur parlamentarischen Monarchie; Dolchstoßlegende als politische Hypothek der Rechten.