5. Historische Methodenentwicklung: Lesen
1.Synthetische (einzelheitliche) Verfahren
3 Teilaufgaben:
Lautgewinnung (von Vokalen und Dauerkonsonanten zu Momentlauten)
LAutverschmelzung (Synthese als Aha-Erlebnis, Voranschreiten Verschmelzung Laute bis Aufbau schwieriger Wörter)
Wortlesen (Üben rasches Erfassen Buchstabengruppen und Wortschriftbildern)
1.1. Buchstabiermethode
→ Älteste Lesemethode
Auswendiglernen Alphabet
Systematisches Zusammenlesen
Kritik schon bei Ickelsamer 1527
seit Antike bekannt, mühsam
hielt bis ins 19. Jahrhundert (offiziell verboten in Bayern 1803)
1.2. Lautiermethode
→ Grundidee: Lautwerte statt Buchstabenname
Vorgehen:
Kennenlernen der Laute
Lautsynthese (Konsonant + Vokal, Vokal + Konsonant, Konsonant + Vokal + Konsonant)
Aufbau mehrsilbiger Wörter
→ Wie gewinne ich Laute?
über den Sinn
sinnhaltiger Laut (i für Ekel) oder Lautsignal (Naturlaut)
Koppelung Sinnlaut mit Buchstaben
wichtig: Hörbarkeit des Lautes
Vertreter Ickelsamer, Göbelbecker 1931 (umständlich)
über Anlaut
Merkwort und dessen Anlaut (Fisch: f,…)
Kopplung von Merkwort, Anlaut und Buchstabe
Hörbarkeit Laut wichtig
heute auch noch wichtig (bei freiem Schreiben mit Anlauttabelle)
Vertreter Peter Jordan 1533
über Artikulation
Bewegung Sprechwerkzeuge
Kopplung Lautartikulation, Lautgebärde und Buchstabe
Einführung Laute in Reihenfolge der Artikulationsschwierigkeit
in Förderpädagogik noch von Bedeutung
Vertreter Berthold Otto 1905
Fazit synthetische Verfahren
Vorteile:
durchgegliederter, systematischer Lehrgang
intensives Sprechen und Hören der Laute
Nachteile:
Keine Sinnhaftigkeit des Lesens
Verschmelzen einzelner Laute oft nicht zum richtigen Laut
Dehnlesen
Kurzzeitgedächtnis überfordert
Visuelle Wahrnehmung wenig berücksichtigt
Worterwartungen bei Synthese nicht genutzt
SuS passiv
2.Analytische Verfahren
aus griechischen = auflösen
entstanden aus Kritik synthetische Methode
1. Ideen: Ende 18. Jahrhundert Friedrich Gedike
Hauptvertreter: Artur u. Erwin Kern, Hans Brückl
Grundidee: erst ganze Einheiten (Wörter, einfache Sätze) gelesen, Durchdringen kommt später
2.1. Ganzwortmethode nach Brückl
Ganzwort-Fibel: “Mein erstes Buch” seit 1923
Ausgangspunkt:
gesprochene Wort
Kopplung Sprache, Schriftwort und Bedeutung
Ganzheitliches Erfassen der Wortgestalten → Sinnstütze: Bild, Farbe, Lokalisation, Umrisse
Merkmale:
Lese- und Schreibtätigkeit eng verbunden
naiv-ganzheitliches Lesen
Durchgliederung
Selbstständiges Erlesen
2.2. Ganzsatzmethode nach Kern
Ausgangspunkt:
Sinneinheit des gesprochenen Satzs
Koppelung sprachliche Aussage, Schriftzeichenband (Schreibschrift) und Bedeutung des Satzs
Ganzheitliches Erfassen der Satzgestalt → Ausgliederung gleicher Wörter aus verschiedenen Sätzen
Fazit Analytische Verfahren
Vorteile:
Lesen gleich mit Sinnerfassung
Schrift als Bedeutungsträger
Leseform des geübten Lesens (Begriffsschrift) wird geübt
Antizipierendes Lesen früh angebahnt
Nachteile:
Grundprinzip Lesen in lautorientierten Schrift vernachlässigt
Lesen = Auswendiglernen
Schwache SuS merken nicht, was lesen bedeutet
Übertonung visuelle Wahrnehmung
Überforderung Langzeitgedächtnis
Gefahr Raten
Keine Selbstständigkeit
Inhaltsarme Texte
erhoffte Sinnhaftigkeit kann angezweifelt werden
3. Methodenstreit
Beide haben Stärken und Schwächen
synthetische Verfahren Betonung technische Ebene
analytische Verfahren Betonung semantische Ebene
→ Beide Ebenen wichtig
Empirische Untersuchungen 1960er/70er
→ Beide Methoden gleich schlecht
Ende 2. Klasse keine Unterschiede
Qualität Fehler verschieden
streng analytisch: Ende des Worts
streng synthetisch: Wortmitte
Für lernschwächere SuS problematisch: analytische Verfahren
→ Ergebnis Methodenkombination
Verbindung beider Verfahren
bereits Anfang 16. Jahrhundert
seit 1970 in Fibellehrgängen eingeführt
Grundidee von “Synthetikern” und “Analytikern” stark kritisiert
heute in allen Fibeln umgesetzt
4. Analytisch-synthetische Verfahren
Analytisch-synthetische Leseverfahren
in 1. Lerneinheit schon Analyse und Synthese
von Anfang an Lesen sinnvoller Wörter z.B. Mama
Arbeit mit Wörtern im Textbestand
mit eingestreuten Bildwörtern wird Wortbestand erweitert
Erarbeitungswörter sofort visuell, auditiv und sprechmotorisch durchgegliedert
Absolut analytisch-synthetisches Verfahren
Nur Wörter, die zur Buchstabengewinnung komplett durchgliedert und synthetisiert werden können
Methodisch:
Einprägen lautgetreue, leicht strukturierbare und gut darstellbare Ganzwörter
visuelle, auditive und sprechmotorische Durchgliederung Wort
Erlesen neuer Wörter mit erarbeitetem Schriftzeichenbestand
Wichtig: Minimalpaare
Analytisch-synthetisches Verfahren mit ganzheitlicher Ergänzung:
enthalten weitere naiv ganzheitlich zu lesende Wörter
von Lautstruktur einfach
bald synthetisierend zu erlesen
5. Methodenintegrierende Verfahren
→ Nicht nur Wörter, die zur Analyse von Einzellauten geeignet, sondern auch, die für Inhalt von Text nötig und ober Morpheme oder ganzheitlich erschlossen werden können (auch keine Analyse dann)
6. Neuere Verfahren
Neuere lernwegsorientierte Verfahren: Spracherfahrungsansatz, Lesen durch Schreiben, Phonetisches Schreiben
7. Aktueller Trend: Silbenfibeln
Fibellehrgänge integrativ
verbinden analytische und synthetische Schritte der Wortdurchgliederung zum Erwerb des Leseprinzips
erarbeiten verschiedene orthographische Prinzipien
parallele Lernangebote zum Lesen und Schreiben, wechselseitige Unterstützung
Ermöglichung Verbindung aller Kompetenzbereiche Deutschunterricht
Aufnahme aller Teilaspekte des Spracherfahrungsansatzs in Lehrkonzept
zeigen Wege, instruktive und eigenaktive Lernphasen zu kombinieren
Bsp. Piri Fibel (Klett), KAribu Fibel (Westermann), ABC der Tiere (Mildenberger)
8. Auswahl einer Fibel
Überlegungen
Fibel muss in Bayern genehmigt sein
Kollegium entscheidet für Fibel
Wird von Schule gekauft, gratis für Kinder
auch ohne Fibel möglich
Momentan in Bayern zugelassen: Einsterns Schwester, Jojo, Bausteine, Auer, Frohes Lernen, Piri, ABC der Tiere, Mimi
Warum Fibel?
Linearität des Lehrgangs (Reihenfolge in Fibel und Begleitmaterial gleich)
Hierarchisierung Lehrangebot (Aufbau von Leicht zu Schwer)
Verbindung Lese- und Schreibprozess
Direkte Instruktion (gibt gezielte Hilfestellung)
Gemeinsames Fundament für alle Kinder
Gemeinsame Lernaufgaben (Arbeitsheft)
Kriterien der Fibelanalyse
Inhalt
einerseits fachwissenschaftlich/-didaktisch begründet und Produkt/Faktor gesellschaftlicher Prozesse von Wert- und Normvorstellung geprägt
Abbildung aller Bereiche?
genügend Angebote der Vernetzung mit anderen Fächern?
Erfahrungswelt aller Kinder angesprochen?
Verschiedene Textsorten?
Identifikationsfiguren für versch. Geschlechter?
Stereotypische Verhaltensweisen?
Welche sozialen Erfahrungen?
Wiederkehrende Elemente?
Möglichkeiten des Sprachhandelns?
Lesemotivation?
Sprache
Beachtung Kompetenzentwicklung in allen sprachlichen Basiskompetenzen? (Fachbegriffe, sprachliches Handeln, komplexe Textangebote zum Erwerb literaler Basisqualifikationen?)
Arbeitsaufträge verständlich?
Methodisches Konzept
Welches Konzept?
Lehrgang oder Lernweg?
Schnelligkeit Einführung?
Welche Reihenfolge?
Vermeidung Einführung ähnlicher Buchstaben?
Wann welche Satzzeichen?
Welche Hilfsmittel?
Angebote für Differenzierung?
Übung Arbeitstechniken
Funktion und Qualität Anlauttabelle?
Wann Berücksichtigung rechtschriftlicher Normen?
Förderung phonologische Bewusstheit?
Verbindung Lesen und Schreiben?
Kognitive Aktivierung?
Graphische Gestaltung
motivierend, kindgemäß, instruktiv, übersichtlich?
Bilder als Anhaltspunkt für Textverständnis?
Neue Schreibanlässe?
Angemessene Größe und Schrift?
Text marginalisiert?
Begleitmaterial
Welche Zusatzmaterialien? Mit sinnvollen Bezug?
neue Lernimpulse?
Verständlich?
Selbst- und Partnerkontrolle?
Handhabbarkeit
Freude, in Fibel zu blättern?
Umfang, Format, Haltbarkeit, Gewicht, Preis?