Vorlesung Bau & Funktion der Pflanzen & Tiere
Professorin Dr. Katharina Foerster
- Lehrstuhl für Vergleichende Zoologie
- Auf der Morgenstelle 28, 72076 Tübingen
- E-Mail: katharina.foerster@uni-tuebingen.de
1) Überblick
- Tierisches Verhalten basiert auf physiologischen Systemen und Prozessen.
- Definition: Verhalten ist eine Handlung, die unter der Kontrolle des Nervensystems von Muskeln oder Drüsen in Antwort auf einen Reiz ausgeführt wird.
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Verhalten und Überlebensstrategien
- Verhalten ist entscheidend für:
- Nahrungssuche und Überleben.
- Finden eines Geschlechtspartners für Fortpflanzung.
- Aufrechterhaltung der Homöostase.
- Wechselwirkung zwischen Physiologie und Verhalten.
- Verhalten ist die Summe der Antworten auf äußere und innere Reize.
- Verhalten hat sich über lange Zeiträume durch natürliche Selektion entwickelt.
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2) Fragen zur Analyse tierischen Verhaltens (Tinbergen)
- Um tierisches Verhalten zu verstehen, müssen vier Fragen beantwortet werden:
- Welcher Reiz löst das Verhalten aus und welche physiologischen Mechanismen vermitteln die Reaktion? (Wie?)
- Wie beeinflussen die Erfahrungen, die ein Tier im Laufe der Entwicklung macht, seine Reaktion? (Wie?)
- Wie begünstigt das Verhalten Überleben und Fortpflanzung? (Warum?)
- Welche Evolutionsgeschichte steckt hinter dem Verhalten? (Warum?)
- Proximate und ultimate Aspekte des Verhaltens müssen betrachtet werden.
Proximate und ultimate Begründungen
- Proximate Begründungen:
- Fokus auf Umweltreize, die Verhalten auslösen.
- Genetische, physiologische und anatomische Mechanismen, die Verhalten zugrunde liegen.
- Ultimate Begründungen:
- Evolutive Bedeutung und phylogenetischer Ursprung eines Verhaltens.
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3) Nature vs. Nurture
Gene oder Umwelt und Lernen?
- Tierisches Verhalten wird durch komplexe Wechselbeziehungen zwischen genetischen und Umweltfaktoren geprägt (angeboren vs. erworben).
- Cross-fostering-Studien identifizieren den Umweltbeitrag zum Verhalten.
- Beispiel: Hirschmäuse (aggressiv, fleißige Eltern) vs. Weißfußmäuse (weniger aggressiv, weniger fleißige Eltern).
Gene und Verhalten
- Masterregulatorgene steuern die Expression und Aktivität vieler Gene und damit komplexe Verhaltensweisen.
- Beispiel: Werbeverhalten des Taufliegenmännchens wird durch das Gen fru reguliert.
- Mehrere Gene können zusammenarbeiten, um spezifisches Verhalten zu steuern.
- Beispiel: Honigbienen verwenden zwei Gene für die Entfernung toter Larven.
4) Festgelegte Reaktionsmuster
- Festgelegte Reaktionsmuster: nicht erlernte Handlungen, die immer gleich verlaufen und ausgelöst durch einen Schlüsselreiz.
- Beispiel: Eirollbewegung.
- Experiment: Einfluss von elterlichen Merkmalen auf Bettelreaktionen bei Silbermöwen.
Ergebnisse
- Ein roter Fleck hat die größte stimulierende Wirkung auf Bettelreaktionen.
- Schnabelform hat geringen Einfluss.
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5) Variable, vererbbare Verhaltensmuster
Fortpflanzungsstrategien
- Beispiel: Kampfläufermännchen haben verschiedene Fortpflanzungsstrategien (aggressiv oder imitierend).
- Beispiel: Vogelzug bei Mönchsgrasmücken – Wahl zwischen verschiedenen Zugrichtungen zur Nahrungsfindung.
Experiment zu Zugverhalten
- Peters Berthold Experiment mit Mönchsgrasmücken verdeutlicht genetische Basis des Zugverhaltens.
- Unterschiedliche Zugrichtungen je nach genetischer Herkunft.
6) Lernen als Verhalten
Arten des Lernens
- Angeborene Verhaltensweisen: genetisch festgelegt.
- Lernen: Veränderung des Verhaltens durch Erfahrung.
- Formen des Lernens:
- Habituation.
- Prägung: dauerhafte Reaktion, die eine sensible Phase benötigt.
- Assoziatives Lernen: klassisch und operant.
- Soziales Lernen als Grundlage von Kultur.
Beispiele für Lernverhalten
- Abläufe im sozialen Lernen bei grünen Meerkatzen und Dachsammern.
7) Kosten-Nutzen-Analysen von Verhalten
Fitness
- Definition: Fitness als Maß für Fortpflanzungserfolg.
- Verhalten, das Überleben und Fortpflanzung fördert, wird durch natürliche Selektion begünstigt.
Verhalten in der Nahrungssuche
- Beispiel: Optimaler Nahrungserwerb bei Taufliegenlarven.
- Einfluss der Populationsdichte auf Verhalten.
- Anschließend Kosten/Nutzen-Analyse für Nahrungssuche.
Paarungsverhalten und Partnerwahl
- Paarungsverhalten als Resultat der sexuellen Selektion.
- Kosten und Nutzen der Partnerwahl; unterschiedliche Ziele zwischen den Geschlechtern führen zu Konflikten.
8) Altruismus und Gesamtfitness
Altruismus
- Altruistische Verhaltensweisen erhöhen das Überleben anderer, aber verringern eigene Fitness.
- Beispiele: Nacktmulle und Ziesel.
Gesamtfitness
- Definition: Gesamtfitness ist der Gesamteffekt eines Individuums auf seine Erbverbreitung.
- Hamilton-Regel als Grundlage für Verwandtenselektion.
- Voraussetzung für Altruismus: rB > C (Verwandtschaftskoeffizient, Nutzen, Kosten).
- Direkte und indirekte Fitness zusammengenommen ergeben die Gesamtfitness.
9) Zusammenfassung der behandelten Themen
- Proximate und ultimate Ursachen für Verhalten.
- Genetische Grundlagen des Verhaltens: fest oder variabel.
- Lernen: wie Erfahrung das Verhalten beeinflusst.
- Adaptives Verhalten erhöht die Fitness (Nahrungssuche, sexuelle Selektion, Partnerwahl).
- Altruismus und Verwandtenselektion