Sehnsucht nach Vereindeutigung? Warum wir 2021 über Denkmäler sprechen
Sehnsucht nach Vereindeutigung und die Debatte über Denkmäler
Denkmäler dienen in autokratischen Staaten dem Personenkult, während sie in sich formierenden Staaten die Entstehungsgeschichte versinnbildlichen. Bis vor Kurzem galten sie jedoch in den meisten Gesellschaften alsRelikte vergangener Zeiten, relevant hauptsächlich für Standortmarketing und Tourismus. Aktuell erleben wir jedoch eine Renaissance der Auseinandersetzung mit diesen steinernen Zeugen der Vergangenheit.
Denkmäler vermitteln konkrete Botschaften durch Allegorien, Symbole und Personen, im Gegensatz zum modernen Kunstverständnis, das die Interpretation dem Betrachter überlässt. Dieses moderne Verständnis förderte Abstraktion und Inhaltslosigkeit in der Kunst, wie sie in Banken und im öffentlichen Raum anzutreffen sind. Denkmäler hingegen wollen vielfältige Botschaften übermitteln: Niederlagen, Erfolge, Errungenschaften, Ereignisse, Würdigungen sowie Werte, Einstellungen und Gefühlslagen.
Denkmal-Boom und Erinnerungskultur
Denkmäler können unter den Begriff der «Erinnerungskultur» subsumiert werden. Ihre Funktion beschränkt sich aber nicht nur auf das Erinnern und die Verhinderung des Vergessens. In einer Schriftkultur benötigen bekannte Figuren wie Tell, Rousseau, Pestalozzi oder Dorothea von Flüe keine Denkmäler, um nicht vergessen zu werden. Viele Denkmäler wurden erst Jahrzehnte oder Jahrhunderte später errichtet, um Präsenz und Repräsentation im gegenwärtigen Alltag zu schaffen. Ihre Bedeutung erschliesst sich also aus der Gegenwart, nicht aus der Vergangenheit.
Zwischen 1870 und 1914 erlebten Denkmäler eine Hochkonjunktur. Es wird vermutet, dass sie als Alternative zu den Prunkbauten des Adels dienten, um den bürgerlichen Nationalstaat und seine Errungenschaften zu repräsentieren. In der Zwischenkriegszeit standen sie im Zeichen äusserer Bedrohung und geistiger Landesverteidigung, thematisch reduziert auf Wehrhaftigkeit und die alte Eidgenossenschaft. Nach dem Zweiten Weltkrieg flaute der Denkmal-Boom ab. Denkmäler transportieren Vergangenes scheinbar statisch, können aber über Jahrzehnte in der Bedeutungslosigkeit versinken, bis sie in kurzer Zeit positiv oder negativ aufgeladen werden.
Soziale Bewegungen und Denkmäler
Politik ausserhalb der Institutionen nutzt Denkmäler regelmässig als Aufhänger und Blickpunkte für Parolen und Botschaften. Soziale Bewegungen, wie die Frauen-, Jugend- und Black-Lives-Matter-Bewegung, laden die statischen Figuren und Allegorien inhaltlich auf und dynamisieren sie. Beispiele hierfür sind das Bemalen von Denkmälern durch die Frauenbewegung oder das Stürzen von Denkmälern durch die Black-Lives-Matter-Bewegung.
Die Kommunikation sozialer Bewegungen mit Denkmälern hat in den letzten Jahren zugenommen, insbesondere seit der Übernahme des Präsidiums durch Donald Trump, als sich die Lebensbedingungen der Afro-AmerikanerInnen wieder verschlechterten. Es geht also nicht um die Vergangenheit, sondern um die Gegenwart und die Zukunft.
Umgang mit Denkmälern
Denkmälern kann man unterschiedlich begegnen: mit Gleichgültigkeit, als Kunst- und Kulturobjekt, als vergegenwärtigte Vergangenheit oder als Provokation. Die Meinungen reichen von der Entfernung überkommener Geschichtsbilder bis zur Forderung nach vertiefter Reflexion. Einige sehen in der Debatte einen geschichtsvergessenen Hypermoralismus und eine von «Political Correctness» getriebene «Cancel Culture». Die Debatte hat auch mit einer Sehnsucht nach Vereindeutigung und einer geringen Ambivalenz-Toleranz zu tun.
Thomas Bauer (2018) spricht in seinem Buch "Die Vereindeutigung der Welt" über den Verlust an Mehrdeutigkeit und Vielfalt (S. 41 – S. 49).
Denkmäler im Kontext
Diskussionen über Denkmäler konzentrieren sich oft ausschliesslich auf das jeweilige Objekt als isoliertes Zeichen, ohne den räumlichen Zusammenhang zu berücksichtigen. Die Geistes- und Sozialwissenschaften betonen jedoch die Bedeutung des konkreten räumlichen und zeitlichen Kontextes für die Analyse von Kunst und Kultur. Der Standort einer Skulptur (Museum vs. Park) und die Architektur des Museums (postmodern vs. klassizistisch) beeinflussen die Bedeutung und Deutung des Werkes. Ebenso hat es Auswirkungen, ob ein mittelalterliches Werk inmitten von Werken des Mittelalters oder in der Abteilung für moderne Kunst präsentiert wird.
Konstellationsforschung
In der Philosophie untersucht die «Konstellationsforschung» die Entstehung von Theorien aus einem konkreten Denkraum heraus, in dem verschiedene Menschen und scheinbar unbedeutende Details interagieren. Dieser Ansatz könnte auch für die Debatte über Denkmäler fruchtbar gemacht werden, indem man ihre «Stehung» im Kontext von Bauten, Shops, Werbeplakaten und Passanten betrachtet. Eine solche Herangehensweise weitet den Blick und schützt vor einer essenzialistischen Perspektive.
Es geht weniger um die Denkmäler von Nazi-Schergen oder Kommunisten-Schlächtern, sondern um die Mehrdeutigkeit und die Notwendigkeit einer Güterabwägung. Die lebensweltliche Einbettung von Denkmälern sollte berücksichtigt werden, indem man sie als Knotenpunkte in dynamischen Kommunikationsnetzen begreift.
Beispiel: Bahnhof Biel
Vor dem Bahnhof Biel steht seit 1981 die Bronzeplastik «Vertschaupet» von Schang Hutter, die stellvertretend für alle Benachteiligten steht. Der Bahnhofsvorplatz ist jedoch für die meisten Menschen ein Ort des Transits, nicht des Verweilens. Direkt neben Hutters Kunstwerk thront eine überdimensionierte Rolexuhr auf einer Stele, und in der Nähe befinden sich eine Filiale von McDonald’s und eine von Western Union. Es stellt sich die Frage, ob es sinnvoller ist, McDonald’s und Schang Hutter isoliert zu diskutieren oder die komplexe, widersprüchliche Realität in den Blick zu nehmen, in der sich die beiden einen Raum teilen und interagieren müssen.
Debatten über Denkmäler sollten Rezeptionsmodi statt starre Verweisungszusammenhänge berücksichtigen. Erst in der Kommunikation entsteht das Kommunizierte. Man kann Progressives auf regressive Weise verehren und umgekehrt Regressives durch progressive Rezeptionsformen konterkarieren. Wer nur im Ja-Nein-Modus diskutiert, dem entgeht der Reichtum des städtischen Raums.
Frauen und Denkmäler
Ist der Frauengeschichte Genüge getan, wenn den männlichen Figuren auf den Sockeln weibliche Pendants gegenübergestellt werden? Die meisten Frauenskulpturen im öffentlichen Raum sind symbolhafte und über der Geschichte schwebende Gestalten, die für bleibende und einende Werte stehen. Sie scheinen einer männlichen Phantasiewelt entsprungen zu sein. Frauenorganisationen fordern seit dem 19. Jahrhundert mehr weibliche Heldinnen im öffentlichen Raum und diese Forderung tauchte im Kontext einer jeden Frauenbewegung wieder verstärkt auf.
Seit den 1980er-Jahren hat sich die Tradition der subversiven Umdeutung und Umgestaltung bestehender Denkmäler etabliert. Der Mangel an weiblichen Statuen spiegelt den Ausschluss der Frauen aus der politischen Sphäre wider. Initiativen wie «100Elles*» können eine gewisse Abhilfe schaffen. Es stellt sich jedoch die Frage, ob der Frauengeschichte Genüge getan ist, indem einzelne Frauen ausgewählt und auf den Sockel gehoben werden.
Agonaler vs. assoziativer Raum
Hannah Arendts Unterscheidung zwischen agonalem und assoziativem öffentlichem Raum kann zur Klärung beitragen. Der agonale Raum ist ein Raum des Wettstreits um Beifall, der assoziative Raum ein Raum, in dem kollektives Handeln stattfindet. Die Geschichte der Frauen ist immer auch eine Geschichte der Bewegungen gewesen. Frauen haben sich Zugang zu politischen Rechten, zu sozialer Absicherung und zum Recht, über ihren Körper zu bestimmen, erkämpft. Es geht nicht nur um die Repräsentation von Frauen in einer durch männliche Erinnerungskultur geprägten Denkmallandschaft, sondern auch darum, wer bestimmt, wie Geschichte erinnert wird und wie die Erinnerung unseren Lebensraum prägen soll.
Umgang mit missliebigen Statuen in der Spätantike
Die Debatte über den Umgang mit Statuen problematischer Persönlichkeiten ist nicht neu, sondern reicht bis in die Antike zurück.
Die Damnatio memoriae («das Verdammen der Erinnerung») beschreibt die römische Sorge um den posthumen Ruf. Die Massnahmen umfassten nicht nur die Entfernung von Statuen, sondern auch das Verbot der öffentlichen Zurschaustellung von Wachsmasken und die Aufnahme des Geburtstages in die Liste der dies nefasti («Unheilstage»). Die Verdamnis sollte im öffentlichen Bewusstsein bleiben.
Das Aufkommen des Christentums brachte eine weitere Bedrohung für Skulpturen mit sich, insbesondere durch das Edikt von Kaiser Theodosius I. aus dem Jahr 391, das Nichtchristen den Besuch ihrer Tempel verbot. In Gallien ging der Heilige Martin von Tours gegen den Götzendienst vor, oft mit göttlicher Hilfe.
Archäologische Funde belegen jedoch einen differenzierteren Umgang mit antiken Bildwerken. So wurden in Martigny sorgfältig vergrabene Torsi zweier Marmorstatuen entdeckt, was von einem gewissen Respekt vor dem kulturhistorischen Erbe zeugt. Gleichzeitig wurde die Statue des Apollo kastriert.
Weitere gängige Massnahmen waren das Einritzen von Kreuzen, das Zusammentragen von Statuen an einem Ort und das Ersetzen von Köpfen durch aktuelle Persönlichkeiten.
Denkmäler im digitalen Zeitalter
In Luzern erinnert ein Denkmal an die 1792 in Paris gefallenen Schweizergardisten. Egal ob abstrakt oder konkret: Denkmäler dienen dazu, an etwas aus der Vergangenheit zu erinnern. Die beschränkte Anzahl Denkmäler erinnert jedoch nicht an alles und jeden. Die Auswahl widerspiegelt eine Ideologie. Indem man aussucht, wer mittels eines Denkmals unsterblich gemacht wird, entscheidet man, wer wichtig «ist». Daher reflektieren diese Denkmäler nicht nur eine Erinnerung, sondern eine Ideologie. Den Statuen fehlt es oft an Kontext. Es braucht Informationstafeln oder die Verlagerung der Statuen in Museen. Die Präsenz im öffentlichen Raum ist das, was dem Denkmal seine Bedeutsamkeit gibt.
Online könnten wir mit geringen Ressourcen viel mehr Menschen und Ereignisse erinnern und ehren. Zudem wären diese Informationen viel leichter zugänglich. Doch diese Möglichkeiten sollten als Zusatz und nicht als Ersatz verstanden werden. Denn traditionelle Denkmäler sind gerade deshalb so aussagekräftig, weil sie ein offizielles Statement sind, das im öffentlichen Raum platziert wurde und zu dem alle Zugang haben.
Kulturelle Institutionen könnten online neben einer informierenden auch eine selektionierende Rolle spielen. Wenn bei einer Google-Suche ein Denkmal für die italienischen Gastarbeiter*innen in der Schweiz und eines für James Schwarzenbach direkt nebeneinander erscheinen, hätten die Denkmäler eine wichtige Eigenschaft eingebüsst: Neben der Erinnerung stehen Denkmäler ja auch für eine Ehrung.
Denkmalsturz
Nach dem Tod von George Floyd sind weltweit Menschen auf die Strassen gegangen. Die Proteste haben an vielen Orten auch zur Demontage und Zerstörung von Denkmälern geführt. Statuen verfügen über eine besondere Qualität, denn sie verkörpern als steinerne oder bronzene Abbilder eine konkrete historische Person und nicht allein ein historisches Ereignis. Katherine Verdery versteht die Entfernung von Statuen aus der Öffentlichkeit als Teil einer symbolischen «Körperpolitik», mit der Räume neu «kodiert», mit neuen Bedeutungen versehen werden. Auch der Akt des Denkmalsturzes kann ein starkes Symbol sein.
Die Auseinandersetzungen drehen sich darum, an welchen Teil unserer Geschichte wir uns erinnern möchten und welchen Teil wir lieber vergessen möchten. Die Schrecken sind eben gerade nicht Teil der offiziellen Erinnerungspolitik um die nun gestürzten Denkmäler, sondern deren Vergessen ist Anlass für den Sturz.
Geschichte sichtbar machen
Braucht es wirklich Statuen, um Geschichte lebendig zu halten? Denkmäler sind oft «unsichtbar», Teil der Strassenkulisse, bis sie gestürzt oder anderweitig „mit Leben erfüllt“ werden. Man kann Denkmäler auch hinlegen, umdrehen oder auf den Kopf stellen. Im Falle des belgischen Königs Leopold II. könnte man allen Leopold Denkmälern eine Hand entfernen, was sie vom Denkmal zum Mahnmal machte. Der Künstler Kehinde Wiley widerspricht mit seiner Serie «Rumors of War» den Monumenten in den Südstaaten.
Marvin Rees mahnte zu etwas mehr Realismus: Welche Diskussion hätte es wohl ausgelöst, wenn er als schwarzer Labour-Politiker mitten in der Brexit-Debatte als erste Amtshandlung ein zentrales Symbol des British Empire hätte abräumen lassen. Stephen Kupakwesu Bush schrieb, das Problem sei nicht, welche Statuen abgerissen, sondern welche neu errichtet werden sollten.
Geschichte ausradieren – Geschichte bewirtschaften
Stadträume werden derzeit restaurativ umgestaltet. Diese Veränderungen und Neuschöpfungen lösen ungleich weniger Ängste, Emotionen und Aggressionen aus als die gegenwärtigen und vergangenen Denkmalstürze. Es geht um Geschichte, und zwar um Geschichte in der Gegenwart. Die meisten Standbilder der Helden im Kampf für die Sklaverei wurden im 20. Jahrhundert aufgestellt. Sie sind keinesfalls stumme Zeugen der Vergangenheit, sondern aktiver Bestandteil von Geschichtspolitik.
Auf der interaktiven Karte «Topple the Racists» finden sich neben Sklavenhaltern und Kolonisten historische Persönlichkeiten wie König Charles II., Oliver Cromwell, Horatio Nelson und Sir Francis Drake. Es geht um den gegenwärtigen Umgang mit der kolonialen Vergangenheit und um die Gegenwart kolonialer Manifestationen.
Vergangenheit wird keinesfalls ausgelöscht, wenn ein Denkmal gestürzt wird. Die kritische Untersuchung des historischen Erbes am Beispiel von mit Denkmäler geehrten Persönlichkeiten nimmt der Geschichte nichts weg, sondern fügt ihr etwas hinzu. Wem wollen wir Denkmäler setzen und in welcher Form? Das ist vielleicht die bessere Frage als die, wer weg soll.
Ehre ja, aber bitte horizontal! Denkmäler von Sportlerinnen und Sportlern in der Schweiz
Nur sehr vereinzelt wurden in der Schweiz die Heroen des sportlichen Kräftemessens in Bronze oder Stein verewigt. Die schweizerische Art, Sportler und Sportlerinnen zu würdigen, ist vielmehr horizontal: flache Wege und Plätze statt emporragende Skulpturen.
Im 19. Jahrhundert waren Denkmäler Teil eines nationalen, patriotischen Erziehungsprogramms. Der moderne Sport ist ebenfalls ein Phänomen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Turnen und Schwingen wurden zu Nationalsportarten emporgehoben und dienten der patriotischen Bildung und der Wehrhaftigkeit. Aus dem 19. Jahrhundert ist jedoch kein einziges Sportlerdenkmal in der Schweiz überliefert. Auch für das 20. und 21. Jahrhundert erinnert kaum ein Denkmal an sportliche Erfolge.
Fündig wird man an traditionellen Wintersportorten. Umstritten war ausgerechnet ein Denkmal, das die Nationalsportart Schwingen darstellt: Die 1905 vom Künstler Hugo Siegwart erstellte Skulptur «Schwingergruppe» in Luzern zeugt von patriotischem Geist. Da die beiden muskulösen Schwinger nackt waren, stiess die Skulptur auf heftigen Widerstand kirchlicher und katholisch-konservativer Kreise.
Über die Gründe der grossen Abwesenheit von Sportdenkmälern kann man als Historiker vorerst nur mutmassen, denn eingehende Studien fehlen. Anlässe für Denkmäler gäbe es genug. Ein Grund für fehlende Sportdenkmäler liegt wohl darin, dass die Sportgeschichte hierzulande grundsätzlich einen tieferen Stellenwert hat als anderswo.
Eine weitere Ursache könnte in der Schweizerischen Mentalität liegen, die stark im bäuerlichen Denken verhaftet ist: Grundsätzlich wird Arbeit oder Erfindergeist im klassischen Sinne honoriert, Konsens, Arbeit und Bescheidenheit sind die Tugenden. Niemand darf zu stark aus der Masse herausragen.
Die Absenz von Sportdenkmälern mag zudem in der Zukunftsgläubigkeit der Schweiz liegen und im Versprechen, dass es noch besser kommen könnte. Selbst ein herausragender Sportler wie Roger Federer muss noch auf ein Denkmal warten, auch wenn er ganz unschweizerisch als «King» bezeichnet wird.
Offenbar entspricht die Horizontale der schweizerischen Art, Sportler zu würdigen: Also flache Strassen, Wege und Plätze statt in die Höhe strebende Skulpturen, meist unscheinbar, zurückhaltend, bescheiden eben. Eine Ausnahme bilden zwei Statuen, die überraschend verstorbenen Sportlern gewidmet sind.
Muss Escher weg?
"Und was hältst du als Historiker von der Debatte über die Statuen?" - Ich finde die Debatte ehrlich gesagt ziemlich geil. Wir haben die Dinger jahrelang ignoriert und plötzlich fangen wir an, über sie zu sprechen. Grossartig!
Am Tell von Altdorf ist das Wichtigste nicht die Armbrust, sondern das Datum unter Tells Füssen: 1307. Die Urner stritten sich im 19. Jahrhundert nämlich mit Bern über das Gründungsdatum der Schweiz. Die Berner Helvetia hingegen ist gar keine Helvetia, sondern das Welttelegraphendenkmal. Der Löwe von Luzern feiert die Verteidigung der Monarchie gegen das Volk. Das Escher-Denkmal von Zürich wurde unvorsichtigerweise schon 7 Jahre nach Eschers Tod aufgestellt.
Gerade das Escher-Beispiel zeigt, dass die Möblierung des öffentlichen Raums weder neutral noch zufällig ist. Die Frage ist stets, wer die Macht hat, sein Geschichtsbild, seine Vorstellung davon, was gedenkenswürdig ist, durchzusetzen. Wer sind wir? Worauf berufen wir uns? Wie stellen wir uns dar? Und wer gehört zu diesem «wir» alles dazu?
Ich finde die Escher-Diskussion wertvoll. Und persönlich finde ich nicht, dass er weg muss. Aber ich würde ihn mit einigen Kaffeebäumen ergänzen. Es ist eine Chance: Wir können Escher stehen lassen und zugleich öffentlich anerkennen, dass die Schweiz den Kolonialismus nicht nur vom Hörensagen kennt.
Bei der Mohrenkopf-Frage ist die Antwort übrigens einfach: Das Wort ist passé. Es ist rassistisch und weder das Argument «ich habe es nicht rassistisch gemeint» noch «ich wusste gar nicht, dass es rassistisch ist» ziehen.