Eine neue Weltordnung und der Kalte Krieg
Die Gründung einer neuen Weltordnung nach 1945
Die UNO zur Sicherung des Friedens - Bereits Ende 1943, auf der Konferenz von Teheran, überzeugte US-Präsident Franklin D. Roosevelt den sowjetischen Führer Josef Stalin von dem Projekt der Vereinten Nationen (UNO). - Die offizielle Gründung erfolgte im Juni 1945 auf der Konferenz von San Francisco. - Hauptaufgaben: Sicherung des Friedens, Verhinderung zukünftiger Kriege und Verteidigung der Menschenrechte. - Struktur des Sicherheitsrats: Es ist das wichtigste Entscheidungsorgan. Er wird von den Siegermächten beherrscht, die über ein Vetorecht verfügen, mit dem sie jede Entscheidung blockieren können. - Veto-Mächte: Die fünf ständigen Mitglieder sind die USA, die Sowjetunion (heute Russland), Großbritannien, Frankreich und China. - Weitere Organe: - Generalversammlung: Forum für alle Staaten zur Diskussion und Empfehlung. - Generalsekretär: Repräsentant der UNO zur Umsetzung von Entscheidungen. - Internationaler Gerichtshof: Entscheidung bei zwischenstaatlichen Streitfällen. - Wirtschafts- und Sozialrat sowie spezialisierte Organisationen wie UNICEF, UNESCO und die WHO.
Völkerrecht gegen die Barbarei - Die Alliierten forderten ein internationales Rechtssystem zur Ahndung von Kriegsverbrechen. - Nürnberger Prozesse: Beginn am 20. November 1945. Prozess gegen die Hauptverantwortlichen des Dritten Reiches. - Einführung neuer Straftatbestände: Erstmals wurde das „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ als rechtlicher Tatbestand eingeführt. - Tokioter Prozesse (1946–1948): Anwendung derselben Rechtsgrundsätze in Japan, unter anderem gegen General Tojo.
Grundlagen der neuen Wirtschaftsordnung (Bretton Woods) - Die USA sahen die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre als eine der Hauptursachen für den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg. - Konferenz von Bretton Woods (Juli 1944): 44 alliierte Staaten trafen sich in den USA zur Neuordnung des Weltwährungssystems. - Währungsankopplung: Die Wechselkurse wurden fest an den US-Dollar gekoppelt. Der Dollar war wiederum als einzige Währung durch Gold gedeckt (). - Institutionen: - Internationaler Währungsfonds (IWF/FMI): Gegründet zur Sicherung der Währungsstabilität und Unterstützung bei Krisen. - Weltbank: Zur Finanzierung des Wiederaufbaus. - GATT-Abkommen (ab 1947): Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen zum schrittweisen Abbau von Zollschranken und Förderung des Welthandels.
Der Aufstieg der Supermächte und die Bipolarisierung der Welt
Schwächung der alten Großmächte - Frankreich und Großbritannien verloren trotz ihres Sieges ihren Status als globale Führungsmächte. - Ihre Volkswirtschaften waren zerstört, sie waren finanziell von den USA abhängig, und ihre Kolonialreiche gerieten unter Druck.
Die USA als Supermacht - 1945 besaßen die USA zwei Drittel der weltweiten Goldreserven. - Sie verfügten als einziges Land über die Atombombe. - Ideologische Basis: Verbreitung von Demokratie, Kapitalismus, Individualismus und Freihandel.
Die UdSSR als Supermacht - Die Rote Armee genoss hohes Ansehen nach dem Sieg in Stalingrad (1943) und der Befreiung Osteuropas. - Stalins Ziele: Ausweitung des sowjetischen Einflusses, Bildung eines Schutzgürtels aus Pufferstaaten in Osteuropa und Verbreitung des Kommunismus.
Ideologische Konfrontation: Truman-Doktrin vs. Schdanow-Doktrin - Truman-Doktrin (12. März 1947): US-Präsident Harry Truman versprach Ländern Unterstützung, die vom Kommunismus bedroht wurden. Dies ist die Basis der Eindämmungspolitik (Containment). - Einteilung in das „freie Lager“ (Demokratie) und das „totalitäre Lager“ (Unterdrückung). - Schdanow-Doktrin (22. September 1947): Andrei Schdanow teilte die Welt ebenfalls in zwei Lager. - Die UdSSR sah sich als Anführer des „antiimperialistischen und demokratischen“ Lagers, während sie die USA als „imperialistisch“ und „antidemokratisch“ bezeichnete. - Kominform (1947): Gründung einer Organisation zur Koordination der kommunistischen Parteien unter Moskaus Führung.
Die Anfänge des Kalten Krieges in Europa (1945–1949)
Zusammenbruch der Anti-Hitler-Koalition - Konferenz von Jalta (Februar 1945): Unklare Absprachen über die Zukunft Deutschlands und freie Wahlen in Osteuropa. - Churchill sprach bereits 1946 vom „Eisernen Vorhang“, der Europa teilt.
Ausweitung des sowjetischen Einflusses - Kommunisten übernahmen in Osteuropa oft unter Druck oder durch manipulierte Wahlen die Macht. - Prager Putsch (Februar 1948): Die kommunistische Partei übernahm in der Tschechoslowakei die vollständige Macht, was Präsident Edvard Beneš zum Rücktritt zwang.
Der Marshallplan (1948) - Ein massives amerikanisches Hilfsprogramm zum wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas, um die Attraktivität des Kommunismus zu mindern.
Die erste Berlin-Krise (1948–1949) - Berliner Blockade: Als Reaktion auf die Währungsreform in den Westzonen sperrte Stalin am 24. Juni 1948 alle Land- und Wasserwege nach West-Berlin. - Luftbrücke: Die Westmächte versorgten West-Berlin fast ein Jahr lang über Flugzeuge mit Lebensmitteln und Kohle. - Folge: Endgültige Teilung Deutschlands im Jahr 1949 in die Bundesrepublik Deutschland (BRD) im Westen und die Deutsche Demokratische Republik (DDR) im Osten.
Phasen des Kalten Krieges: Von der Zuspitzung zur Entspannung
Militärische Bündnisse - 1949: Gründung der NATO (militärisches Verteidigungsbündnis des Westens). - 1955: Gründung des Warschauer Pakts (militärisches Gegenbündnis des Ostblocks).
Friedliche Koexistenz (1953–1962) - Nach Stalins Tod 1953 leitete Nikita Chruschtschow die Entstalinisierung ein. - In seiner Rede 1956 forderte er die Friedliche Koexistenz: Ein Systemwettbewerb (wirtschaftlich/sportlich/Raumfahrt), ohne einen direkten militärischen Konflikt zu führen. - Dennoch kam es zu Krisen: - Berliner Mauer (13. August 1961): Bau der Mauer, um den Massenexodus aus der DDR zu stoppen. - Kubakrise (1962): Die Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba führte die Welt an den Rand eines Atomkriegs. Kennedy und Chruschtschow handelten einen Abzug gegen die US-Zusage aus, Kuba nicht anzugreifen.
Die Ära der Entspannung (1962–1975) - Einrichtung des „Roten Telefons“ (direkte Leitung Washington-Moskau). - Abrüstungsverträge: Atomwaffensperrvertrag (1968) und SALT I (1972) zur Begrenzung strategischer Waffen. - Ostpolitik: Bundeskanzler Willy Brandt erreichte eine Annäherung zwischen BRD und DDR (gegenseitige Anerkennung 1972). - Helsinki-Abkommen (1975): Höhepunkt der Entspannung; Bestätigung der Grenzen nach 1945 und Fokus auf Menschenrechte.
Stellvertreterkriege (Guerres périphériques) - Kriege, in denen die Supermächte indirekt über verbündete Akteure kämpften. - Koreakrieg (1950–1953): Bestätigung der Teilung Koreas. - Vietnamkrieg (1963–1975): Schwere Niederlage der USA; Vietnam wurde vollständig kommunistisch.
Dekolonisation und die „Dritte Welt“
Faktoren der Dekolonisation - Die Schwächung der Kolonialmächte (GB, FR, NL, BE) im Zweiten Weltkrieg. - Grundsatz des Selbstbestimmungsrechts der Völker in der UN-Charta. - Unterstützung durch die Supermächte: USA (aus Überzeugung gegen Kolonialherrschaft, aber misstrauisch gegen Kommunisten) und UdSSR (um den Westen zu schwächen).
Wichtige Bewegungen - Indien: Gandhi und die „Quit India“-Bewegung (Unabhängigkeit 1947). - Vietnam: Kampf der Viet Minh gegen Frankreich.
Die Blockfreien Staaten - Konferenz von Bandung (1955): Treffen afrikanischer und asiatischer Staaten zur Gründung einer Allianz jenseits der beiden Blöcke (Dritte Welt).
Die Rückkehr der Spannungen und der Zusammenbruch des Ostblocks
Der „Neue Kalte Krieg“ (1979–1984) - Invasion in Afghanistan (1979): Die UdSSR versuchte, ein kommunistisches Regime zu stützen, geriet aber in einen langwierigen asymmetrischen Krieg gegen Mudschaheddin (unterstützt von den USA). - Raketenkrise: Stationierung von sowjetischen SS-20-Raketen und die Antwort des Westens mit Pershing-II-Raketen. - Ronald Reagan: Erhöhte ab 1981 den Druck massiv durch das SDI-Programm („Star Wars“), ein weltraumgestütztes Abwehrsystem, das die UdSSR finanziell überforderte. - Islamische Revolution (1979): Sturz des Schahs im Iran und Errichtung einer Theokratie unter Ayatollah Chomeini.
Die Ära Gorbatschow (ab 1985) - Michail Gorbatschow erkannte die wirtschaftliche Ineffizienz der Planwirtschaft. - Perestroika: Wirtschaftlicher Umbau und mehr Eigenverantwortung. - Glasnost: Offenheit, Meinungsfreiheit und Transparenz. - Ende der Breschnew-Doktrin: Gorbatschow gestand den osteuropäischen Staaten Autonomie zu.
Das Revolutionsjahr 1989 und das Ende der UdSSR - Polen: Sieg der Gewerkschaft Solidarność unter Lech Wałęsa. - Fall der Berliner Mauer (9. November 1989): Symbol für das Ende der Teilung Europas. - Dezember 1991: Auflösung der Sowjetunion. - GUS (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten): Gründung im Rahmen der Minsker Abkommen durch Russland, Belarus und die Ukraine zur Neugestaltung der Zusammenarbeit. - Nachfolge: Boris Jelzin wurde der erste Präsident des unabhängigen Russlands nach dem Scheitern eines Putsches konservativer Kommunisten im August 1991.
Neue geopolitische Herausforderungen (nach 1991)
Dominanz der USA: Die USA agieren als einzige verbleibende Supermacht („Hyperpuissance“), etwa im Golfkrieg 1991 zur Befreiung Kuwaits.
Instabilitäten: - In China wurde die Demokratiebewegung auf dem Tiananmen-Platz (1989) blutig niedergeschlagen. - Aufstieg des Islamismus: Gründung der Hamas (1987) und Erstarken der FIS in Algerien (Bürgerkrieg ab 1991). - Das Erbe des Afghanistan-Kriegs führte zur Entstehung transatlantischer Terrornetzwerke (Al-Qaida) und dem Aufstieg der Taliban (Machtübernahme 1996).