Erziehungs- und Bildungsprozesse
Erziehungs- und Bildungsprozesse
Fragen zur Erziehung:
Bin ich gut erzogen worden?
Wie werde ich ein guter Erzieher?
Welche Erziehungsziele sind wichtig?
Müssen Kinder überhaupt erzogen werden?
Einleitung
Wolfskinder/wilde Kinder: Reale Fälle von Kindern, die isoliert von Menschen aufgewachsen sind.
Merkmale:
Überleben in der Natur ohne Bekleidung und nur mit ungekochter Nahrung.
Fortbewegung auf allen Vieren.
Unempfindlichkeit gegenüber Hitze und Kälte.
Ausgeprägte Sinne, z.B. gutes Sehen in der Dunkelheit.
Tierähnliches Verhalten und unverständliche Laute.
Scheu vor Menschen oder aggressives Verhalten bei Annäherung.
Beispiele:
Victor von Aveyron (1788-1828).
Kaspar Hauser (1812-1833).
Amala und Kamala (gefunden 1920 in Indien).
Oxana Malaya (*1983, Ukraine): Aufgewachsen mit Hunden.
Faszination: Wolfskinder geben Aufschluss darüber, wie sich Menschen ohne Erziehung entwickeln würden.
Tierähnliches Verhalten, kein aufrechter Gang, keine differenzierte Sprache, aber starker Überlebenswille.
6.1 Erziehbarkeit des Menschen
Zentrale Frage der pädagogischen Anthropologie.
Anthropologie: Lehre/Wissenschaft vom Menschen (anthropos = Mensch, logos = Wort, Lehre).
Entwicklung zu einem gesellschaftsfähigen Menschen erfordert Erziehung und Bildung.
Notwendigkeit von Erziehung basiert auf:
Naturwissenschaftlichen Erkenntnissen.
Geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen.
Sozialwissenschaftlichen Erkenntnissen.
Feststellung, dass der Mensch ein kulturelles Wesen ist.
6.1.1 Natur-, geistes- und sozialwissenschaftliche Erkenntnisse
Frühere Annahme (Naturwissenschaften):
Wesentliche Unterschiede zwischen Mensch und Tier.
Tierverhalten gesteuert durch Instinkte (Selbst- und Arterhaltung, Nahrungsaufnahme, Nestbau, Sexualverhalten).
Mensch besitzt nur Instinktreste (Saugverhalten, Greifreflex, Gefahrenwahrnehmung).
Menschen sind anpassungsfähig, sprachbegabt, rational denkend, lernfähig und haben Selbstbewusstsein.
Neuere Forschung:
Unterschiede sind graduell, nicht prinzipiell.
Bestimmte Tierarten zeigen soziales Verhalten, Freundschaft, Problemlösefähigkeit, Intelligenz, Todesbewusstsein und Kommunikation.
Menschenaffen erkennen sich im Spiegel (Hinweis auf Selbstbewusstsein).
Biologische Sichtweise:
Der Mensch wird zu früh geboren (physiologische Frühgeburt nach Adolf Portmann, 1897-1982).
Entwicklungsstand anderer Säugetiere wird erst gegen Ende des ersten Lebensjahres erreicht.
Lange Lern- und Entwicklungszeit notwendig.
Abhängigkeit von Bezugspersonen für Pflege, Schutz und Unterstützung.
Mängelwesen (Arnold Gehlen, 1904-1976):
Der Mensch ist organisch unspezialisiert und unfertig.
Die Hand ist universell einsetzbar, aber nicht für spezifische Aufgaben geeignet.
Der Mensch ist weniger umweltgebunden und anpassungsfähig.
Besondere Leistungen des Menschen:
Denken, Planen, Erinnern, Kommunizieren, Zusammenarbeiten.
Vernunft (Ratio, Immanuel Kant, 1724-1804).
Fähigkeiten des Menschen:
Abstraktes Denken und sprachliche Mitteilung.
Sprachliches Erfassen und Hinterfragen.
Handlungsplanung und Zielorientierung.
Unterscheidung zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.
Vorwegnahme von Problemlösungen und Abwägen von Konsequenzen.
Gezielte Verwendung von Gegenständen und Umgestaltung der Welt (Anthropozän).
Anthropozän: Zeitalter, in dem der Mensch zentralen Einfluss auf die Biologie, Atmosphäre und Geologie der Erde nimmt.
Selbstreflexion.
Perspektivenübernahme.
Schlussfolgerung:
Die Denk- und Lernfähigkeit macht den Menschen erziehbar.
Erziehung ist notwendig, um auf unterschiedliche Umweltkonstellationen vorzubereiten.
Der Mensch ist auf Erziehung (Anregung, Lernhilfe, Stärkung der Selbstständigkeit) angewiesen.
6.1.2 Der Mensch als kulturelles Wesen
Kultur: Vom Menschen geschaffene/veränderte Umwelt.
Sprache, Wohnen, Kunst, Religion, Recht, Wissenschaft, Werte, Normen, Lebensstile, soziale Übereinkünfte.
Kultur zielt auf soziale Ordnung ab und beinhaltet:
Institutionen (Regierung, Militär, Familie, Schule etc.).
Sitten, Regeln, rituelle Gebräuche (Geburtstag, Hochzeitstag, Fasnacht).
Moralkodex.
Sauberkeitsbegriffe (Hygiene).
Sprache als kultureller Code.
Kulturelle Sichtweise auf die Welt und das Menschsein wird erlernt.
Kulturen können sehr unterschiedlich sein (Kleidung, Essen, Musik, Tänze, Wohnformen, Architektur, Bestattungen).
6.1.3 Notwendigkeit von Erziehung und Bildung
Merkmale des Menschen:
Soziales Wesen: Beziehung zu anderen, Sprachentwicklung, Gemeinschaftsleben.
Suchendes, selbstreflexives Wesen: Lernen, Entwicklung, Autonomiebedürfnis, Lebenswegsuche.
Schöpferisches Wesen: Umweltgestaltung, Analyse, Problemlösung.
Sensibles Wesen: Intensive Gefühle, Verletzlichkeit, Bewältigung von Krisen.
Sexuelles, sich und die Art erhaltendes Wesen.
Sterbliches Wesen: Wissen um Endlichkeit, Sinngebung des Tuns.
Sinnkonstruierendes und wertendes Wesen: Sinnfrage, besonders in Lebenskrisen.
Diese Merkmale verdeutlichen die Notwendigkeit und Chancen von Erziehung und Bildung.
Der Mensch ist erziehungsbedürftig.
6.2 Bindung, Beziehung und Gemeinschaft
Betreuung beginnt mit der Geburt.
Erste Erfahrungen prägen das Kind.
Erik H. Erikson (1902-1994):
Urvertrauen: Welt als gut und befriedigend.
Urmisstrauen: Welt als Ort des Elends, Enttäuschung und Unsicherheit.
Verhalten der Bezugspersonen beeinflusst den Aufbau von Urvertrauen.
Wichtige Bedürfnisse des Babys:
Körperliche Bedürfnisse: Nahrung, Sauberkeit, Schlaf, Wärme.
Psychische Bedürfnisse: Kontakt, Liebkosungen, Gespräch, Spiel, emotionale Zuwendung.
Prompte und angemessene Befriedigung vermittelt ein Gefühl von Verlässlichkeit und Beherrschbarkeit der Welt.
Bindung:
Bis zum 2. Monat: Keine spezifische Bindung an eine Person.
3.-4. Monat: Bevorzugung von Personen (Stimme, Geruch).
Ab 7.-8. Monat: Unterscheidung zwischen bekannten und unbekannten Personen.
John Bowlby (1960er): Bindungsbedürfnis ist biologisch verankert.
Aktivierung bei Unsicherheit.
Suche nach Nähe und sicherer Umgebung der Bezugsperson.
Dient dem Schutz des Kindes.
Tierstudien (Harry F. Harlow, 1905-1981): Rhesusäffchen-Experiment mit Draht- und Stoffmutter.
Äffchen suchen Schutz bei der Stoffmutter.
Rooming-in: Babys bleiben nach der Geburt in der Nähe der Mutter.
Fremde-Situations-Test (Mary Ainsworth):
Verunsicherung des Kindes durch Verlassen der Bezugsperson.
Kontaktaufnahme durch fremde Person.
Beobachtung der Reaktion bei der Wiedervereinigung (reunion).
Bindungstypen:
Typ A - unsicher-vermeidende Bindung (15-30%):
Distanziert, misstrauisch, abwehrend.
Hat gelernt, sich nicht auf Bezugspersonen zu verlassen.
Typ B - sichere Bindung (45-65%):
Nutzt Bezugsperson als "sicheren Hafen".
Lässt sich nach Trennung schnell beruhigen.
Hat gelernt, sich auf Bezugspersonen verlassen zu können.
Typ C - unsicher-ambivalente Bindung (5-10%):
Sucht Sicherheit und lehnt Bezugsperson gleichzeitig ab.
Bezugspersonen reagieren unterschiedlich auf Bindungsbedürfnisse.
Typ D - desorganisierte Bindung (5-15%):
Zeigt bizarre Verhaltensweisen.
Bindung wird als Bedrohung erlebt (traumatisierende Erfahrungen).
Inneres Arbeitsmodell:
Kognitives Schema, in dem Beziehungserfahrungen gespeichert sind.
Steuert Verhalten in bindungsrelevanten Situationen.
Ziel: Nähe zur Bindungsperson herstellen und aufrechterhalten.
Hospitalismus:
René Spitz (1887-1974) und John Bowlby (1907-1990) betonten die Wichtigkeit der Eltern-Kind-Beziehung.
Folgen, wenn Kinder über längere Zeit ohne Bezugspersonen auskommen müssen:
Protest: Unruhe, Weinen, Ablehnung der Pflegeperson.
Verzweiflung: Glaube an die Nicht-Wiederkehr der Mutter, Trauer, Rückzug.
Gleichgültigkeit: Interesse an der Umwelt, Nahrungsaufnahme, kaum Bindung bei Besuch der Mutter.
Deprivation (Entzug von Reizen und Bezugspersonen) führt zu:
Unheilbarem Kummer, Abstumpfung.
Verzögerung der Wahrnehmungsentwicklung, motorische und sprachliche Retardierung.
Erhöhte Anfälligkeit für Krankheiten.
Stereotype Bewegungen (Hin- und Herschaukeln).
Gestörte Lernfähigkeit, Apathie.
Erhöhte Sterblichkeit.
Unsichere Bindungstypen (A & C): Anpassung an eine ungünstige Umwelt, kurzfristig hilfreich, langfristig ungünstig.
Desorganisierte Bindung (Typ D): Folge von Traumata, Vernachlässigung, Misshandlung oder psychischen Problemen der Bezugsperson.
Sichere Bindung (Typ B): Bezugspersonen zeigen feinfühliges Verhalten.
Signale des Kindes werden erkannt.
Signale werden differenziert und zutreffend verstanden.
Angemessene Reaktion auf Bedürfnisse.
Unverzügliche Reaktion.
Sensitivität der Bezugspersonen: Schlüsselkompetenz für die Bildung des kindlichen Bindungsmusters.
Korrektur ungünstiger Bindungserfahrungen: Durch Beziehungen zu anderen Personen (Kindertagesstätte, Schule, Partner, Therapie).
6.3 Erziehung
Zusammenleben erfordert Regeln (ausdrücklich oder unausgesprochen).
Erziehung: Heranwachsende mit sozialen Regeln vertraut machen (oft indirekt).
Beispiel: Aufräumen nach Benutzung, um anderen Zeit und Ärger zu ersparen.
Bestandteile des Begriffs Erziehung:
Pädagogische Tätigkeit.
Erziehungsstil.
Erziehungsziele.
6.3.1 Pädagogische Tätigkeit
Zeigt sich in alltäglichen Tätigkeiten.
Achten auf das Wohl der Kinder, Schutz bieten, Raum für Entwicklung.
Mit Kindern sprechen, spielen, Kontakt zu Gleichaltrigen ermöglichen.
Erklären, wie etwas funktioniert und die Welt erklären.
Vorleben von Verhalten in verschiedenen Situationen.
Friedrich Schleiermacher (1768-1834): Erziehung als Unterstützung der erwünschten Entwicklung und Gegenwirken gegen schädliche Einflüsse.
Unterstützung erwünschten Verhaltens.
Verhindern unerwünschten Verhaltens.
Unterstützung: Primäres Erziehungsmittel (Selbstständigkeit, Aufmunterung, Trost, Tipps).
Gegenwirken (Grenzziehung):
Bei drohenden Gefahren.
Bei Verletzung anderer Menschen.
Zum Schutz der Persönlichkeitssphäre.
Behüten (Schleiermacher): Schutzraum bieten, Welt stufenweise freigeben.
Indirekte Erziehung: Einwirkung durch geschaffene Umgebung (Spielzeug, Mobiliar, Regeln).
Direkte Erziehung: Bewusstes und gezieltes Einwirken (Aufforderung, Erklärung, Hinweis, Ermahnung).
Erziehung als moralische Kommunikation (Jürgen Oelkers):
Wechselseitige Beeinflussung von Personen (meist jüngeren).
Ziel: Vermittlung von Moral und Ethik zur Regelung des Zusammenlebens.
Erziehungswege im Alltag:
Funktional (indirekt, nebenbei, nicht bewusst geplant).
Intentional (bewusst geplant, Anleitung, Feedback).
Extensional (bewusst geplant, erweitertes Lernarrangement, Verantwortung übertragen).
Leitziele der Erziehung: Autonomie und Gleichberechtigung der heranwachsenden Person.
Asymmetrische Beziehung am Anfang (Kompetenzgefälle), das sich mit der Entwicklung ausgleicht.
Grundproblem der Erziehung: Belehrbarkeit (Heranwachsende sind lernfähig, aber unbelehrbar).
Wirkung der Erziehung ist prinzipiell unsicher.
Sozial-moralische Lektionen müssen selbst gelernt werden.
Widerstand: Gehört zur Erfahrung der intentionalen Erziehung.
Belehrungen können kränkend sein.
Pädagogisches Ethos: Achtung der Freiheit des Lernenden, annehmbare Kommunikation.
Charakterisierung des Erziehungsbegriffs:
Erziehung erfolgt in gesellschaftlichen Institutionen.
Beeinflusst durch gesellschaftliches, politisches und kulturelles Umfeld.
Kommunikation (nonverbal und verbal) mit ungewissem Ausgang.
Prozess und Ergebnis der Einflussnahme.
Mehr oder weniger bewusst, geplant und zielorientiert.
Förderung von Selbstständigkeit, Kooperation und Sozialverträglichkeit.
Ziel: Erziehende machen sich überflüssig, damit Heranwachsende autonom leben können.
6.3.2 Erziehungsstile
Kurt Lewin: Erforschung von Erziehungs- und Führungsstilen.
Autoritärer Stil.
Demokratischer Stil.
Laissez-faire-Stil.
Experiment von Lewin:
Auswirkungen der Erziehungsstile auf Sozialverhalten, Verhalten gegenüber der Gruppenleitung, Arbeitsergebnisse, Motivation und Atmosphäre.
Teilnehmer: 10-11 jährige Jungen in Jugendgruppen.
Erkenntnisse aus Lewins Feldexperiment:
Demokratisch geführte Gruppe:
Kreativer, konstruktiver, beste Arbeitsleistung.
Entspannte Atmosphäre, selbstständiges Verhalten.
Autoritär geführte Gruppe:
Aggressionen unter den Jungen.
Aktivität nur auf Anweisung, unselbstständiges Verhalten.
Laissez-faire-Gruppe:
Planlose Aktionen, Unzufriedenheit, Gereiztheit.
Unproduktivste Gruppe.
Langfristige Tendenzen:
Demokratische Erziehung: Selbstvertrauen, Selbstständigkeit, Initiative, Wertschätzung, Kooperation, differenziertes Denken.
Autoritärer Stil: Starre Wahrnehmung, Ängste, Unterwürfigkeit, Unselbstständigkeit, Streben nach Anerkennung und Macht.
Laissez-faire-Stil: Sozial unangepasstes Verhalten, wenig sozialer Zusammenhalt.
Kritik an Lewins Forschung:
Verwendung wertbeladener Begriffe.
Missachtung forschungsethischer Grundsätze.
Undifferenzierte Unterteilung in drei fixe Typen.
Variabilität des Erziehungsverhaltens je nach Situation.
Anne-Marie und Reinhard Tausch: Kritik und Weiterentwicklung der Erziehungsstilforschung.
Beobachtung institutioneller Erziehungssituationen.
Erziehungsverhalten als relativ beständiges Verhaltensmuster.
Zwei Dimensionen der Erziehung:
Lenkung (max: Fremdbestimmung, min: Laufenlassen).
Emotionale Wertschätzung (positiv: Wärme, Zuneigung, negativ: Kälte, Geringschätzung, Abneigung).
Optimale Förderung nach Tausch und Tausch:
Persönlichkeitsfördernde Aktivitäten (Handlungsalternativen, eigene Entscheidungen).
Achtung, Wärme, Rücksichtnahme (keine Missachtung, Kälte, Härte).
Einfühlsames Verstehen (nicht wertend, Erfassung der Gefühle des Kindes).
Echtheit und Authentizität (sich geben, wie man ist).
Klaus Schneewind: Weiterentwicklung der Modelle der Erziehungsstilforschung.
Drei Dimensionen:
Elterliche Wertschätzung (gerne mit dem Kind zusammen sein).
Grenzen setzen (Leitlinien festlegen, Konflikte konstruktiv angehen).
Eigenständigkeit fördern und gewähren (Bedürfnisse des Kindes ernst nehmen, Kompromissbereitschaft).
Vier Erziehungsstile (Schneewind):
Autoritär (Grenzen ohne Freiheit).
Permissiv (Freiheit ohne Grenzen).
Vernachlässigend (elterliche Passivität).
Autoritativ (Freiheit in Grenzen).
Interaktiver Erziehungsratgeber:
Verbal reagieren: Klare Aussagen, Überprüfen, Abkühlen, Abbrechen.
Problem lösen und Eigenständigkeit fördern: Ermutigen, Noch einmal versuchen, Wahlmöglichkeiten, Positives Rollenmodell, Möglichkeiten erkunden.
Aktiv handeln: Natürliche Konsequenzen, Logische Folgen, Auszeit.
Schneewind betont, dass der autoritative Erziehungsstil anzustreben ist.
unerwünschte Ergebnisse bei Vernachlässigung von Aspekten.
Es werden Alternativen aufgezeigt, wie mit Situationen umgegangen werden kann.Kompetente Erziehung fördert positives Selbstwertgefühl, prosoziales Verhalten.
Erziehungsstile sollen als Grundhaltung verstanden werden.
6.3.3 Erziehungsziele
Ideale, auf die sich ein Erziehungskonzept ausrichtet.
Wertepluralismus in einer liberalen Demokratie.
Orientierung an Wertordnungen wird zur Herausforderung.
Werte: Orientierungshilfe und Handlungsanweisung.
Normen: Richtlinien für die Alltagsbewältigung (Kann-, Soll- und Muss-Vorstellungen).
Werte und Normen als Basis für Erziehungsziele (Beispiel: Respekt).
Sozialisation (Klaus Hurrelmann): Prozess der Entwicklung einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit.
Lebenslange Aneignung und Auseinandersetzung mit innerer und äusserer Realität.
Beeinflussung durch Sozialisationsinstanzen (Familie, Krippen, Schule, Medien, Gleichaltrige).
Normen und Rollenverhalten und die Erwartungen sind von Bezugspersonen abhängig, da diese ihre eigenen Wertvorstellungen und Denkmuster vermitteln.
Autonomie: Eigenständige Entscheidungsfindung.
Konzept der pädagogischen Mündigkeit (Roth):
Sachkompetenz (intellektuelle Mündigkeit).
Selbstkompetenz (moralische Mündigkeit).
Sozialkompetenz (soziale Mündigkeit).
Lehrplan 21: Vereinheitlichung der Ausbildung an Deutschschweizer Volksschulen.
Kompetenzorientierung (Weinert): Kognitive Fähigkeiten, motivationale und soziale Bereitschaften.
Kognitives Problemlösen.
Personale und soziale Kompetenzen.
Verfügbarkeit und Lernbarkeit.
Wirtschaftliche Faktoren, gesellschaftliche Instanzen und der Staat nehmen Einfluss auf die Erziehungs- und Bildungsziele.
Die Ethik der Weltreligionen betont die Achtung der Menschenrechte, die Gewaltfreiheit und die Solidarität mit Benachteiligten.
Die Wissenschaft erwartet fundiertes Fachwissen, analytisches Denken.
Erziehungs- und Bildungsziele unterliegen einem steten Wandel.
6.4 Bildung
Schlüsselbegriff der Pädagogik (besonders im deutschsprachigen Raum).
Education im Englischen (keine Unterscheidung zwischen Erziehung und Bildung).
Erziehung endet mit der juristischen Mündigkeit, Bildung ist eine lebenslange Aufgabe.
"Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn man die Details vergessen hat."
"Die Selbstständigkeit im Denken (macht) aus Lernen Bildung."
Bildung als zweite Geburt (Wilhelm von Humboldt):
Sich Welt aneignen und ein anderer werden.
Entwicklung von Begabungen und Interessen.
Entdeckung neuer Welten.
Entwicklung von Hartnäckigkeit und Beharrlichkeit.
Bildungssystem: Lehrpläne mit zentralen Kompetenzen und Zielen.
Das Schweizer Bildungssystem ist gestuft aufgebaut.
Es orientiert sich an humanistischen und demokratischen WertvorstellungenEs ist bezüglich politischer, religiöser oder konfessioneller Ausrichtung neutral
Es fördert Chancengleichheit, Gleichstellung der Geschlechter und wendet sich gegen alle Formen der Diskriminierung;
Es weckt das Verständnis für soziale Gerechtigkeit, Demokratie und die Erhaltung der natürlichen Umwelt;
Es fördert den gegenseitigen Respekt im Zusammenleben mit anderen Menschen, die anderen Kulturen und Religionen angehören oder andere Lebensformen praktizieren;
Es geht konstruktiv mit Vielfalt um und trägt in einer pluralistischen Gesellschaft zum sozialen Zusammenhalt bei.
6.4.1 Berufliche Bildung
Sekundarstufe II und Tertiärstufe.
Ermöglicht den Einstieg in die Arbeitswelt.
Duales System (Theorie und Praxis).
Abschlüsse:
2-jährige berufliche Grundbildung mit eidgenössischem Berufsattest (EBA).
3- oder 4-jährige berufliche Grundbildung mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis (EFZ).
Eidgenössische Berufsmaturität als Ergänzung der beruflichen Grundbildung mit EFZ.
Das Schweizer Berufsbildungssystem kann als Erfolgsgeschichte beurteilt werden.
6.4.2 Allgemeinbildende Schulen
Gymnasien und Fachmittelschulen.
Bereiten im Gegensatz zur beruflichen Grundausbildung auf ein Hochschulstudium vor.
Das Gymnasium fokussiert eine vertiefte Allgemeinbildung und bereitet damit auf ein Hochschulstudium an einer Universität vor.
Die Fachmittelschule zeichnet sich in Abgrenzung zum Gymnasium dadurch aus, dass sie neben der vertieften Allgemeinbildung zusätzlich Kenntnisse und Kompetenzen bestimmter Berufsfelder fördert, weil sie als Vorbereitung für diese Berufe dienen soll.
6.5 Die Kunst, ein wohnliches «Haus der Erziehung» zu bauen
Erziehung beruht auf der Kunst der Konstruktion.
Sinnbildlich: "Haus der Erziehung".
Fundament: Vertrauensvolle Beziehung (positive Grundhaltung, Authentizität, Wertschätzung, Sicherheit).
Wohnbereich: Förderung erwünschten Verhaltens (Erziehungsziele).
Dach: Klare Begrenzungen (Ich-Klarheit, Kommunikation).
Veränderungsbereitschaft wird durch ein tragfähiges Beziehungsfundament gefördert. Der Familientherapeut Jesper Juul (1948-2019) empfiehlt daher, die eigenen Grenzen aufzuzeigen, anstatt andere zu begrenzen.
Die Haus lässt sich nur gemeinsam erbauen. Die ist eine andauernde Aufgabe ein Kunst.