3) Wirtschaftsleistung, Wachstum und Wohlstand

Wirtschaftsleistung und Bruttoinlandprodukt
Will man wissen, ob eine Volkswirtschaft leistungsfähiger geworden ist, genügt es nicht, einzelne Mengen zu zählen, denn Fische und Hemden, Brot und Software lassen sich nicht unmittelbar vergleichen. Man braucht ein gemeinsames Mass, und dieses ist meist der Geldwert der produzierten Güter und Dienstleistungen. Das wichtigste Mass für die Wirtschaftsleistung ist das Bruttoinlandprodukt. Das Bruttoinlandprodukt misst den Marktwert aller für den Endverbrauch bestimmten Güter und Dienstleistungen, die innerhalb der Landesgrenzen in einer bestimmten Zeitspanne produziert werden. Es lässt sich auf drei Wegen berechnen, die rechnerisch zum selben Ergebnis führen müssen: über die Produktion als Summe der Wertschöpfungen, über die Verwendung als Summe der Ausgaben für Endprodukte und über die Verteilung als Summe der Einkommen.

Bei der Berechnung über die Produktion stellt sich das Problem der Doppelzählung, da viele Güter mehrere Produktionsstufen durchlaufen. Gelöst wird es, indem auf jeder Stufe nur die Wertschöpfung gezählt wird, also der Produktionswert abzüglich der Vorleistungen. Verkauft ein Bauer Weizen für hundert Franken an eine Mühle, diese Mehl für hundertachtzig Franken an eine Bäckerei und diese Brot für dreihundert Franken, so beträgt die Summe der Wertschöpfungen genau dreihundert Franken, also den Wert des Endprodukts; die Verkaufswerte einfach zu addieren würde Weizen und Mehl doppelt zählen. Die Berechnung über die Verwendung fragt dagegen, wofür das Produzierte verwendet wurde. Daraus ergibt sich die Formel: Das Bruttoinlandprodukt ist die Summe aus privatem Konsum, Investitionen, Staatskonsum und dem Aussenbeitrag, also BIP = C + I + G + (X − M). Importe werden abgezogen, weil sie nicht im Inland produziert wurden; das Minuszeichen senkt das BIP nicht automatisch, sondern verhindert nur, dass ausländische Produktion fälschlich dem inländischen BIP zugerechnet wird. Staatliche Investitionen wie Schulhäuser oder Strassen zählen wir zu den Investitionen, nicht zum laufenden Staatskonsum.

 

Nominales BIP, reales BIP und BIP pro Kopf
Eine einzelne BIP-Zahl für ein einzelnes Jahr ist unproblematisch; sobald man jedoch zwei Werte vergleicht, reicht sie nicht aus. Das nominale BIP bewertet die Produktion zu den jeweils aktuellen Preisen. Steigt es, kann dies zwei Ursachen haben: Entweder wurde tatsächlich mehr produziert, oder die Preise sind gestiegen. Das reale BIP bereinigt diesen Effekt, indem es zu konstanten Preisen eines Basisjahres bewertet; es zeigt also, ob die produzierte Menge tatsächlich zugenommen hat, und ist für die Beurteilung des Wachstums aussagekräftiger. Für Vergleiche zwischen Ländern verwendet man häufig das BIP pro Kopf, also das BIP dividiert durch die Bevölkerungszahl, weil ein hohes Gesamt-BIP auch schlicht aus einer grossen Bevölkerung folgen kann. Für internationale Vergleiche wird es zudem oft kaufkraftbereinigt angegeben, damit unterschiedliche Preisniveaus berücksichtigt sind. Als Faustregel gilt: Das nominale BIP eignet sich für die Momentaufnahme eines Jahres, das reale BIP für Vergleiche über die Zeit, das reale BIP pro Kopf für Vergleiche zwischen Ländern.

 

Wirtschaftswachstum und Produktivität
Nimmt das reale BIP gegenüber dem Vorjahr zu, spricht man von Wirtschaftswachstum. Wachstumsraten wirken oft klein, summieren sich aber über lange Zeit erheblich, weil das Wachstum jedes Jahr von einer höheren Basis aus gemessen wird; dieser Zinseszinseffekt lässt sich mit der Faustregel der Verdopplungszeit fassen, wonach sich das BIP nach ungefähr zweiundsiebzig geteilt durch die Wachstumsrate in Prozent verdoppelt. Schon zwei Prozentpunkte Unterschied führen so über Jahrzehnte zu deutlich verschiedenen Lebensstandards. Entscheidend für langfristiges Wachstum ist weniger der Einsatz von mehr Inputs als die Produktivität, also das Verhältnis von Output zu Input. Eine Gesellschaft wird dauerhaft wohlhabender, wenn sie aus begrenzten Ressourcen mehr Nutzen schaffen kann.

Die wichtigsten Quellen von Produktivitätssteigerungen sind Investitionen in Realkapital, Bildung und Humankapital, technologischer Fortschritt, Arbeitsteilung und Spezialisierung sowie verlässliche institutionelle Rahmenbedingungen wie Rechtsstaat, Eigentumsrechte und stabile politische Verhältnisse. Wachstum hat allerdings Grenzen. Lange wurde es mit zunehmendem Ressourcenverbrauch gleichgesetzt, was an ökologische Grenzen stösst. Deshalb unterscheidet man heute stärker zwischen quantitativem und qualitativem Wachstum: Nachhaltiges Wachstum bedeutet, dass die Produktivität bei gleichbleibendem oder sinkendem Ressourcenverbrauch steigt, etwa durch energieeffizientere Technologien oder Kreislaufwirtschaft. Diese Entkopplung von BIP-Wachstum und Ressourcenverbrauch gilt als zentrale Herausforderung der kommenden Jahrzehnte.

 

Wachstum, Wohlstand und Verteilung
Wachstum kann den materiellen Lebensstandard erhöhen, ist aber nicht gleichbedeutend mit Wohlstand. Das BIP misst die wirtschaftliche Produktion, sagt aber nicht vollständig, wie gut es den Menschen geht. Es sagt nichts über die Verteilung von Einkommen und Vermögen aus, erfasst unbezahlte Haus- und Betreuungsarbeit nicht, blendet Umweltbelastungen weitgehend aus und bildet Lebensqualität nur unvollständig ab. Paradox wirkt, dass Reparaturen nach einer Katastrophe das BIP erhöhen, obwohl die Gesellschaft dadurch nicht wohlhabender geworden ist. Trotz dieser Schwächen bleibt das BIP die meistverwendete Kennzahl, weil es vergleichsweise einfach, regelmässig und international vergleichbar erhoben werden kann.

Um die Verteilung zu untersuchen, verwendet man die Lorenzkurve und den Gini-Index. Die Lorenzkurve trägt auf der horizontalen Achse den kumulierten Bevölkerungsanteil von den einkommensschwächsten zu den einkommensstärksten Haushalten ab und auf der vertikalen Achse den kumulierten Einkommensanteil. Bei vollkommener Gleichverteilung verliefe sie als Diagonale; in der Realität liegt sie darunter, und je stärker sie nach unten abweicht, desto ungleicher ist die Verteilung. Der Gini-Index fasst dies in einer Kennzahl zwischen null und eins zusammen, wobei null vollständige Gleichverteilung und eins maximale Ungleichverteilung bedeutet; reale Werte liegen meist zwischen 0,25 und 0,5. Ergänzend bezieht der Human Development Index neben der materiellen Lebenssituation auch Bildung und Gesundheit ein und stellt damit den Menschen und seine Möglichkeiten ins Zentrum, statt allein das Wirtschaftswachstum zum Massstab zu machen.