KUNST ABI

Abi 2022 Kunst LK Stillleben und Landschaft

Niederländisches Barock Stillleben Überblick

  • Der Begriff „Stilleven“ wird um 1650 verwendet. Der niederländische Begriff "Stilleven" bedeutet "regloses Modell, unbewegte Natur".
  • Die Blütezeit der Stillleben steht im Zusammenhang mit dem wirtschaftlichen Aufschwung der Niederlande im 17. Jahrhundert, insbesondere dem erstarkten Bürgertum. Dieses Bürgertum war meist wohlhabend und gebildet.
  • Stillleben spiegeln eine Weltanschauung wider und sind Ausdruck bürgerlichen Selbstbewusstseins sowie humanistischer Gelehrsamkeit (Bildung).
  • Sie sind bekannt für die sinnlich-anschauliche Darstellung irdischer Güter.

Bildnerische Mittel und Arbeitsprozess

  • Trompe l'oeil:

    • Freude an der Inszenierung privater Augenblicke.
    • In der alltäglichen, scheinbar anspruchslosen Motivwahl wird eine Momentaufnahme äußerster Lebendigkeit und Illusion vermittelt.
    • Über illusionistische Darstellungen wird ein Moment für die Ewigkeit festgehalten, wobei die Gestaltung überdauert und sinnbildlich zu verstehen ist.
  • Technische Mittel:

    • Verwendung der Camera Obscura und Malstock.
    • Obsessives Studium der Dinge sowie ihrer Stofflichkeit und Reflexion von Gesetzmäßigkeiten der Wahrnehmung und Gestaltung.
    • Feinmalerei, die den Aufbau durch Lasurschichten erlaubt, um feinste Tonabstufungen und Übergänge zu ermöglichen.
  • Qualität der Darstellung:

    • Naturalistisch und illusionistisch, mit einem besonderen Fokus auf Stofflichkeit und Reflexionsverhalten.
    • Abbild der Dinge dient als Zeichen für geistige-moralische Inhalte, inkl. Vanitas-Motive und Weltanschauungen.
    • Starker Hell-Dunkel-Kontrast erzeugt Dynamik.

Farbgestaltung

  • Alle Farben sind in einem tonigen Grund eingebettet: Die Form entwickelt sich aus der Farbe (Kolorismus).

  • Formgrenzen lösen sich auf und fügen sich im Gefüge aus Licht und Schatten zu einer einheitlichen malerischen Einheit zusammen.

  • Farbwahl wird durch harmonische Farbklänge bestimmt, die eine einheitliche, aber kontrastreiche Wirkung erzeugen.

  • In Haarlem werden speziell monochrome Farbpaletten („monochromen Banketje“) genutzt, die von der realen Farbigkeit deutlich abweichen und eine harmonische Lichtgestaltung besitzen.

  • Exakte Wiedergabe optischer Erscheinungen ist besonders wichtig;

    • Effektvolle Lichtreflexe auf materialen stellen eine edle Materialität dar, was im Kontrast zu anderen Materialien steht.
    • Naturalistische Feinmalerei körpert objekthafte Farbe in feinsten Farbabstufungen, verbunden mit Lasurtechnik.
    • Der Farbauftrag imitiert verschiedene Oberflächenbeschaffenheiten der Gegenstände (samtig, gläsern, reflektierend).
  • Ein bewusster, pastoser Farbauftrag, der die perfekte Illusion bricht, kann auf die Vergänglichkeit irdischer Fertigkeiten hinweisen.

Duktus

  • Der Duktus kann teilweise frei und breit sein und modelliert die Formen statt jedes Details abzubilden.
  • Bei Lichtreflexen wird die pastose Technik zügig und nach dem Prinzip „alla prima“ angewendet (in einer Sitzung).

Fläche und Raum

  • Gegenstände werden in einer flächigen Anordnung präsentiert, die dem Betrachter eine Bildtiefe vermittelt.

  • Oft überwinden die Stillleben die vordere Bildgrenze und dehnen sich in den Raum des Betrachters aus.

  • Alle Zonen erhalten Aufmerksamkeit, in denen Reales und Gemaltes zusammentreffen.

  • Illusionistische Mittel integrieren Motive des Bildes in den Betrachterraum, wodurch eine Verbindung zwischen Bild- und Betrachterraum entsteht.

  • Tiefenwirkung wird durch Diagonalen, Überschneidungen, Körperperspektiven und Farbperspektive erreicht.

  • Hinzu kommt die Hell-Dunkel-Modulation, die dem einzelnen Gegenstand eine starke Präsenz verleiht.

Form und Komposition

  • Gegenstände sind nahe am Bildrand angeordnet, meist bei einem flachen Hintergrund.

  • Die Komposition stellt oft keine konkrete Zusammenstellung dar; vielmehr wird diese im Kopf des Betrachters erzielt.

  • Diagonalverläufe verleihen der Komposition Dynamik.

  • Gegenstände des Alltags, sowie luxuriöse Objekte stehen in einem Spannungsfeld, was auf gesellschaftlichen Status hinweist (z. B. Vanitas: Vergänglichkeit des Lebens).

  • Die Auswahl und Anordnung der Gegenstände sind oft symbolisch und mit moralisch-religiösen Botschaften verknüpft.

Inhaltliche Aspekte

  • Stillleben reflektieren den wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung in den Niederlanden.
    • Das Bürgertum wird zur neuen Käufergruppe mit einer Vorliebe für bürgerliche Motive.
  • Die Geldanlage in Kunst löst eine bedeutende neue Kunstmarktentwicklung aus.
Symbolik in Stillleben
  • Äpfel und Pfirsiche: Verweisen auf den Sündenfall, gleichzeitig Genuss symbolisieren sie.
  • Blumen: Darstellen eine Vergänglichkeit und Vanitas.
  • Brote und Wein: Abendmahlsymbolik und Anspielungen auf den Eucharistie.
  • Bücher: Während sie inhaltlich bedeutend sind, können sie auch auf den nutzlosen Zeitvertreib hinweisen.
  • Eule: Traditionell als Zeichen von Weisheit, war im Barock eher ein Totenvogel, der die Endlichkeit des Lebens symbolisiert.

Wichtige Begriffe

  • Monochromes Farbkonzept: Abstufungen innerhalb einer Farbfamilie.
  • Chromatisches Farbkonzept: Zusammenspiel zwischen trübten und leuchtenden Farben.
  • Koloristisches Farbkonzept: Die Buntheit ist der Haupteindruck des Bildes.
  • Valeuristisch: Feinste Abstufungen in den Helligkeitsgraden.

Farbkonstruktionen und Funktionen

  1. Farbe-an-sich-Kontrast: Starker Kontrast zwischen reinen Grundfarben.
  2. Hell-Dunkel-Kontrast: Vernetzung der Gegenstände zur Abgrenzung.
  3. Warm-Kalt-Kontrast: Beziehungen zwischen Farben diversifizieren.
  4. Komplementärkontrast: Kontraste zur Harmonie erzeugen.
  5. Qualitätskontrast: Unterschied zwischen leuchtenden und getrübten Farben.
  6. Quantitätskontrast: Anteile der Farbton in der Bildkomposition.
  7. Farbfunktionen:
    • Lokalfarbe: Jeder Gegenstand hat eine festgelegte Farbe.
    • Erscheinungsfarbe: Die Farbe des Gegenstandes, verändert durch Lichtverhältnisse.

Paul Cézanne

Biografie
  • Geboren am 19. Januar 1839 in Aix-en-Provence (Frankreich).
  • Gestorben am 22. Oktober 1906 an Lungenentzündung (67 Jahre).
  • Er pflegte Freundschaften zu anderen Künstlern, die seine Werke beeinflussten.
  • Vor allem finanziell lange abhängig von seinem Vater.
  • Berühmt für den Satz: „Mit einem Apfel werde ich Paris erobern.“
  • Erstaunlich: Erste Anerkennung seiner Werke fand erst nach über 54 Jahren.
  • Gegen Ende seines Lebens lebte er fast ausschließlich für seine Malerei.
Werkentwicklung
Frühwerke bis 1870/71
  • Figurative Werke dominieren, Stillleben und Landschaften sind rar.
  • Zeichnungen und Romantische Themen dominieren; auch dunkles Kolorit ist prävalent.
  • Emotionale Themen wie Mord und Entführung betonen gewalttätige Emotionen.
  • Pastoser Farbauftrag, Verzicht auf glatte Materialien.
Postimpressionistische Phase 1870/71 – 1890
  • Einführung hellerer, impressionistischer Farbtöne und dünnere Farbaufträge.
  • Stillleben oft mit subtilen tonalen Variationen und konstruktiven Pinselstrichen.
Reiferes Werk 1890-1900
  • Abbildhafte Gestaltung wird durch Farbe, Form und Raum ersetzt.
  • Cezanne begreift Kunst als eine Harmonie parallel zur Natur.
Spätere Werke und Entwicklung
  • Intensives Studium des Berges Montagne Sainte Victoire und die Erkundung von 38 Perspektiven.
  • Abkehr vom illusionistischen Bildraum, zugunsten eines autonomen Raumes.
  • Wesentlicher Einfluss von Farbvariationen, die eine divergente Tiefenwirkung erzeugen.

Wolfgang Tillmans

Biografie
  • Geboren 1968 in Remscheid, entwickelte schon als Jugendlicher ein Interesse für Fotografie.
  • Erstellt Fotografie von Jugendlichen und wurde Porträtist der Jugendkultur.
  • Er gewann 2000 den Turner Preis.
Technische und Formale Mittel der Fotografie
  • Arbeiten mit Digitalkopierern und Bildvergrößerungen.
  • Er beschäftigt sich mit der Präsenz des Bildes im Raum.
  • 2010 begann Tillmans auch mit digitalen Fotografien.

Gabriele Münter

Biografie
  • Geboren 19. Februar 1877, gestorben 19. Mai 1962.
  • Entdeckte die Malerei während einer Amerikareise; schuf über 400 Fotografien.
Kunsthistorische Einordnung
  • Sie war expressionistische Künstlerin, die subjektive Erlebnisse über die objektive Realität stellte.
  • Ihre Kompositionen erzeugen eine hohe emotionale Wirkung.