Teilmodul V 2.2 – Rechte, Pflichten, Haftung und Beendigung im öffentlichen Dienst

Lernziele und Prüfungsmodalitäten

  • Pflichtmodul Verwaltungshandeln 2, Teilmodul V 2.2
    • Themen: Beschäftigte des öffentlichen Dienstes – Pflichtengefüge, Risikoverteilung, Beendigung von Beschäftigungsverhältnissen
    • Lernziele
    • Rechte/Pflichten aus Beamten- und Arbeitsverhältnis plus Folgen von Pflichtverletzungen kennen
    • Haftungsregelungen, Beendigungsarten, gerichtlicher Rechtsschutz, Beschwerdewege erklären können
    • Fähigkeit, komplexe personalrechtliche Probleme interdisziplinär zu lösen (Fallbearbeitung)
    • Prüfung
    • Zentrale Klausur (4 h) Ende August, reine SR-Klausur
    • Präsenz 44 LVS (≈ 33 h) • begleitetes Studium 10 LVS (≈ 8 h) • Selbststudium 19 h ⇒ Gesamt-Workload 60 h
  • Skript erhebt keinen Vollständigkeitsanspruch → eigene Nachbereitung + Literatur (s. unten) verpflichtend

Rechte und Pflichten im Arbeitsverhältnis

Hauptpflichten

  • § 611a I BGB\text{§ 611a I BGB} definiert den Arbeitsvertrag (seit 01-04-2017 ausdrücklich):
    • AN schuldet weisungsgebundene, fremdbestimmte Arbeit in persönlicher Abhängigkeit
    • AG schuldet Vergütung § 611a II BGB\text{§ 611a II BGB}
  • Arbeitspflicht
    • Direktionsrecht des AG: Inhalt, Zeit, Ort, Durchführung
    • Pflichtverletzungen → Nichtleistung, Schlechtleistung, SE-Ansprüche (§§ 280 ff. i.V.m. § 619a BGB), Abmahnung, Kündigung
  • Vergütungspflicht
    • Grundsatz „Ohne Arbeit kein Lohn“ §§275,326BGB§§ 275, 326 BGB
    • Anspruchsprüfung
    1. Anspruch entstanden? (wirksamer AV)
    2. Anspruch erloschen? (Unmöglichkeit; Arbeitskampf; § 326 I BGB)
    3. Anspruchserhaltende Normen: §§615,616,3EFZG,22TVo¨D/TVH§§ 615, 616, 3 EFZG, 22 TVöD/TV-H
    4. Durchsetzbarkeit: Verjährung §§ 195, 199 BGB; tarifliche Ausschlussfrist 6 Monate (§ 37 TVöD/TV-H)

Nebenpflichten (Auswahl – Spiegelbild Fürsorgepflicht des AG)

  • Treuepflicht §41TVo¨DBTV,§3ITVH,§241IIBGB§ 41 TVöD-BT-V, § 3 I TV-H, § 241 II BGB
  • Schweigepflicht §3ITVo¨D;§3IITVH§ 3 I TVöD; § 3 II TV-H
  • Verbot von Belohnungen/Geschenken §3IITVo¨D;§3IIITVH§ 3 II TVöD; § 3 III TV-H
  • Nebentätigkeiten §3IIITVo¨D;§3IVTVHi.V.m.HBG§ 3 III TVöD; § 3 IV TV-H i.V.m. HBG – Anzeige-/Genehmigungspflicht
  • Ärztliche Untersuchung §3IVTVo¨D;§3VTVH§ 3 IV TVöD; § 3 V TV-H
  • Versetzung/Abordnung/Zuweisung §4TVo¨D;§4TVH§ 4 TVöD; § 4 TV-H
  • Qualifizierung §5TVo¨D/TVH§ 5 TVöD/TV-H

Befreiung von der Arbeitspflicht

  • Gesetzliche Befreiungsgründe (MuSchG, BEEG, Jugendarbeitsschutz, PflegeZG, Streik u.a.)
  • Individuelle Befreiung (Urlaub, § 29 TVöD/TV-H, § 629 BGB)
  • Leistungsverweigerungsrecht bei Arbeitsschutzmängeln §273BGB§ 273 BGB

Fallbeispiele (Auswahl)

  • Erste-Hilfe-Verspätung ⇒ § 616 BGB bzw. § 29 II TVöD erhält Vergütung
  • Verkehrschaos ⇒ objektiver Hinderungsgrund → kein § 616 → Vergütung entfällt
  • Strafhaft (verschuldet) ⇒ Vergütungsanspruch erlischt; Untersuchungshaft unschuldig (8 Tage) ⇒ Anspruch bleibt (BAG analog § 616)
  • Kind krank (§ 616/§ 45 SGB V) ⇒ bezahlte Freistellung bis 5 Tage (TVöD: 4 Tage) pro Krankheitsfall
  • Krankheit AN ⇒ Entgeltfortzahlung §3IEFZG§ 3 I EFZG 6 Wochen, danach Krankengeld; TVöD-Aufstockung § 22
  • Risikosport Boxen ⇒ kein Verschulden → EFZG greift (anders evtl. Kickboxen, Bungee u.ä.)
  • Betriebsbrand ⇒ Betriebsrisiko AG §615S.3BGB§ 615 S. 3 BGB → Lohnzahlungspflicht

Rechte und Pflichten im Beamtenverhältnis

Fürsorgepflicht & Rechte

  • Verfassungsrechtlicher Grundsatz Art. 33 V GG, konkretisiert in §45BeamtStG,§80HBG§ 45 BeamtStG, § 80 HBG
    • Vermögenswerte Rechte: Besoldung, Versorgung, Beihilfe, Jubiläumszuwendung
    • Nichtvermögenswerte Rechte: Amtsführung, Amtsbezeichnung, Urlaub, Teilzeit, Personalakten- und Gewerkschaftsrecht
    • Schutzrechte entsprechend AN-Schutz: Mutterschutz (§ 46 BeamtStG), Jugendarbeitsschutz, Schwerbehindertenschutz (§ 208 SGB IX)

Pflichten (Auszug §§ 33 ff. BeamtStG / §§ 45 ff. HBG)

  • Verfassungsloyalität & Neutralität §33§ 33
  • Dienstleistungspflicht §34S.1§ 34 S. 1, Mehrarbeit §61HBG§ 61 HBG
  • Gewissenhafte Amtsführung §34S.2§ 34 S. 2
  • Achtungs- und Vertrauenswürdigkeit §34S.3§ 34 S. 3 (auch außerhalb Dienstes)
  • Gehorsamspflicht & Remonstration §§35,36§§ 35, 36
  • Amtsverschwiegenheit §37§ 37
  • Eidespflicht §38§ 38 (Verweigerung → Entlassung § 23 I 1 Nr. 1)
  • Nebentätigkeit Genehmigungspflicht §§ 71 ff. HBG
  • Verbot der Vorteilsannahme §42BeamtStG;§51HBG§ 42 BeamtStG; § 51 HBG

Typische Pflichtverletzungen (Beispielkatalog)

  • Religiöses Kopftuch im Unterricht → Abwägung Art. 4 GG vs. staatl. Neutralität (BVerfGE 138, 296)
  • Streikteilnahme → Konflikt § 33 BeamtStG, Streikverbot (BVerfG 12-06-2018)
  • Trunkenheitsfahrt Feuerwehrmann 1,8 ‰ → außerdienstliches Dienstvergehen (BVerwG 1 D 37/99)
  • Nicht-genehmigte Nebentätigkeit, Dienstfernbleiben, Annahme von Geschenken etc.

Urlaubs- und Schutzrechte

Urlaubsrecht

  • Beschäftigte: §26TVo¨D/TVH§ 26 TVöD/TV-H (29 bzw. 30 Arbeitstage); Mindesturlaub nach §3BUrlG§ 3 BUrlG
  • Beamte: HUrlVO §§ 2, 5 (30 Tage) – Übertragungsfrist 9 Monate (§ 9)
  • Zusatzurlaub: Schwerbehinderte §208SGBIX§ 208 SGB IX (5 Tage)
  • EuGH: Mindesturlaub verfällt bei Dauererkrankung erst 15 Mon. nach Bezugsjahr; finanzieller Ausgleich bei Beendigung auch für Beamte (C-337/10)

Mutterschutz & Elternzeit (Neufassung MuSchG 2018)

  • Pflichten AG: Kündigungsverbot § 17, Gefährdungsbeurteilung „unverantwortbare Gefährdung“ § 9 II, Arbeitszeit‐/Beschäftigungsverbote §§ 3–6
  • Rechte AN: Schutzfristen 6 W vor + 8 W nach Geburt, Stillzeiten § 7, Mutterschaftslohn/Zuschuss § 18
  • Beamtenrecht: HMuSchEltZVO verweist auf MuSchG (§ 82 HBG)

Jugendschutz (JArbSchG)

  • Kinder < 15 J: Beschäftigungsverbot; Jugendliche 15–17 J • tägliche Arbeitszeit max. 8 h, keine schweren oder gefährlichen Arbeiten
  • AV mit Minderjährigen: Zustimmung Eltern / § 113 BGB; Verstöße → Nichtigkeit § 134 BGB (Fall Kurt: 3 h tägl. = unzulässig)

Schwerbehindertenschutz (BTHG 2018)

  • Pflichtquote 5 % (§ 154 ff.), Ausgleichsabgabe § 160
  • Bes. Kündigungsschutz §§ 168 ff. (Zustimmung Integrationsamt)
  • Zusatzurlaub § 208 – 5 Tage

Haftung und Schadensersatz

Allgemeine Delikts- und Vertragsgrundlagen

  • Delikt: §823IBGB§ 823 I BGB (Rechtsgüter), §831§ 831 (VG-Haftung), §839§ 839 i.V.m. Art. 34 GG (Amtshaftung)
  • Vertraglich: §§280ff.BGB§§ 280 ff. BGB; Besonderheit Arbeitsverhältnis § 619a (AN-Entlastung)

Haftungserleichterung Arbeitnehmer (innerbetrieblicher Schadensausgleich)

  • Betriebliche Tätigkeit
    • Vorsatz / grobe F. → volle Haftung (evtl. Quotelung bei grober F.)
    • mittlere F. → Quotelung nach Kriterien (Gefahrgeneigtheit, Verdienst, Versicherbarkeit)
    • leichte F. → keine Haftung

Tarifliche Sonderregel (TVöD/TV-H)

  • §3VITVo¨D§ 3 VI TVöD / §3VIITVH§ 3 VII TV-H → AG-Ansprüche nur bei Vorsatz oder grober Fahrlässigkeit (Beamten-Regress § 48 BeamtStG)

Amtshaftung & Beamtenregress

  • Prüfung Amtshaftung Art. 34 GG i.V.m. § 839 BGB
    1. Öffentlich-rechtliche Tätigkeit + Amtswalter
    2. Drittgerichtete Amtspflichtverletzung
    3. Verschulden (V/F)
    4. Schaden + Kausalität
    5. Kein „anderweitiger Ersatz“ § 839 I 2
    6. Ausschlüsse: Spruchrichterprivileg, unterlassene Rechtsmittel, Mitverschulden
  • Dienstherr nimmt Beamten in Regress § 48 BeamtStG (Vorsatz/grobe F., 3 J Verjährung § 56 HBG)

Arbeits-/Dienstunfall (SGB VII)

  • Versicherungsfall §§ 7-8 SGB VII (Arbeits- & Wegeunfall)
  • Haftungsbeschränkung
    • AG §104SGBVII§ 104 SGB VII
    • Kollegen §105SGBVII§ 105 SGB VII
    • Haftung nur bei Vorsatz / Wegeunfall

Freistellungsanspruch AN

  • Wird AN vom Dritten in Anspruch genommen → Anspruch gg. AG auf Freistellung in Umfang der innerbetrieblichen Haftungsquoten (BAG; § 670 BGB analog)

Fall: Crash auf Dienstfahrt (leicht fahrlässig)

  • AG-Eigenschaden Pkw 20 000 € → TVöD: Haftung A nur bei grober F. ⇒ kein Ersatzanspruch
  • AN-Krankheit 3 Wo. → § 3 EFZG; kein Mitverschulden (nicht angegurtet allenfalls Kürzung)
  • Drittschaden Hauswand 700 € → Hauseigentümer kann AG (Halter) + A (§ 823) in Anspruch nehmen; A kann Freistellung verlangen

Disziplinarrecht (Hessen)

Rechtsgrundlagen

  • Dienstvergehen §§ 47 BeamtStG / 55 HBG
  • Verfahrensrecht: Hessisches Disziplinargesetz (HDG)

Verfahren (Schema)

  1. Verdacht Dienstvergehen → Einleitung (§ 20 HDG) – Legalitätsprinzip
  2. Ermittlungen + Anhörung (§§ 23, 34)
  3. Opportunitätsprinzip (§ 16):
    • Einstellung (§ 36)
    • Disziplinarverfügung (§ 37): Verweis, Geldbuße, Kürzung Bezüge/Ruhegehalt
    • Disziplinarklage (§§ 38, 57): Zurückstufung, Entfernung, Aberkennung Ruhegehalt
  4. Rechtsschutz: Widerspruch (§ 46) → VG (§ 65 II VwGO) → Berufung/Revision

Zumessung (§ 16 HDG)

  • Schwere des Vergehens, Persönlichkeitsbild, Vertrauensbeeinträchtigung (DH & Öffentlichkeit)
  • Gebundene Entfernung wenn Vertrauen endgültig verloren § 16 II

Typische Fälle

  • Gefälschtes Abi-Zeugnis → keine wirksame Ernennung → Rücknahme § 12 BeamtStG, kein Disziplinarverfahren
  • Trunkenheitsfahrt privat 1,8 ‰ (Feuerwehr) → Dienstvergehen; Maßnahme Geldbuße/Kürzung
  • Wiederholung + im Dienst → Disziplinarklage, Zurückstufung oder Entfernung

Weitere Maßnahmen bei Pflichtverletzung

  • Entlassung kraft Gesetzes (z.B. Diensteid verweigert § 23 I 1 Nr. 1)
  • Verlust Beamtenrechte bei strafbarer Vorsatztat ≥ 1 J Freiheitsstrafe (§ 24); Korruptionsdelikt ≥ 6 Mon.
  • Besoldungsverlust §8HBesG§ 8 HBesG bei schuldhaftem Fernbleiben (vgl. § 68 HBG)
  • Zwangsbeurlaubung / vorläufige Dienstenthebung §§ 39 BeamtStG; 49 HBG; im Disziplinarverfahren § 43 HDG (max. 3 Mon., Kürzung Bezüge möglich)
  • Umsetzung/Versetzung: dienstliche Maßnahme, keine Strafversetzung zulässig

Beendigung des Arbeitsverhältnisses

Beendigungsgründe

  • Vereinbarung (Aufhebungsvertrag, Befristung, Renteneintritt)
  • Kündigung (ordentlich / außerordentlich)
  • Tod, gerichtl. Auflösung, Insolvenz

Ordentliche Kündigung

  • Soziale Rechtfertigung §1IIKSchG§ 1 II KSchG (personen-, verhaltens-, betriebsbedingt)
  • Abmahnung erforderlich bei verhaltensbedingt
  • Kündigungsfrist: Tarif/§ 34 I 2 TVöD, § 622 BGB
  • Kündigungsschutzklage 3 Wo. §4KSchG§ 4 KSchG; ansonsten Fiktion der Wirksamkeit §7§ 7

Außerordentliche Kündigung

  • Wichtiger Grund § 626 I; 2-Wo-Erklärungsfrist § 626 II
  • Klagefrist identisch

Besonderer Kündigungsschutz

  • Mutterschutz § 17 MuSchG; Elternzeit § 18 BEEG; PflegeZG § 5; Schwerbehinderte §§ 168 ff. SGB IX (Integrationsamt)
  • Unkündbarkeit: langjährige Beschäftigte § 34 II TVöD/TV-H; Personalratsmitglieder § 15 II KSchG; SBV § 179 III

Prozessuales

  • Arbeitsgerichte zuständig § 2 ArbGG; Klage form- u. fristgerecht (§ 46 II ArbGG, § 253 ZPO); Parteifähigkeit § 10 ArbGG; Vertretung § 11

Literatur & Lernhinweise

  • Standardwerke (jeweils aktuelle Aufl.)
    • Metzler-Müller „Hessisches Beamtenrecht“, Dassau/Langenbrinck „Arbeits- und Tarifrecht öff. Dienst“, Müller „Arbeitsrecht im öff. Dienst“, Ebert/Zentgraf „Hessisches Disziplinargesetz“ u.a.
  • Internet: vgl. Wörlen/Kokemoor S. XXI (Liste nützlicher Links)
  • Paragraphen-Spiegel bei Battis BBG-Kommentar
  • Wiederholungs- & Vertiefungshinweise nach jedem Skript-Themenblock (z.B. Müller RN-Angaben)

Tipp fürs Eigenstudium: Fälle intensiv nachprüfen, Prüfschemata auswendig beherrschen, Urteilsbeispiele (BAG/BVerwG/BVerfG) lesen, Paragraphen systematisch merken.