Notizen: Neuroanatomie – Gliederung, Embryogenese & Blutversorgung (HS 2025)
Gliederung des Nervensystems
Neuron: Nervenzelle, spezialisiert auf Empfang, Weiterleitung und Übertragung elektrochemischer Signale.
Nervensystem: Summe aller Neuronen und Gliazellen eines Organismus.
Gliazellen: Sammelbegriff für Zellen des Nervensystems, die sich strukturell und funktionell von Neuronen unterscheiden.
Funktionen der Gliazellen (Auswahl):
Myelinschicht von Axonen bilden (Oligodendrozyten)
Neurone stützen (Astrozyten)
Kontrolle der Synapsenbildung und der Blut-Hirn-Schranke (Astrozyten)
Tote Zellen beseitigen (Mikroglia)
Weitere Gliazellen: verschiedene Typen (Quelle: https://www.snexplores.org)
Schematischer Aufbau eines Neurons (Adaptiert aus: https://www.wikiwand.com)
Neuroanatomie vs. Neurophysiologie
Neuroanatomie: Aufbau und Struktur des Nervensystems; meist makroskopisch sichtbar.
Neurophysiologie: Funktionsweise des Nervensystems, Entstehung und Übertragung neuronaler Aktivität; meist mikroskopisch (z.B. Sinnesphysiologie, Elektrophysiologie).
Beispiele: Netzhautneurone und Sehbahn im Gehirn (Schünke et al. 2022, S. 476).
Zentrales Nervensystem (ZNS) und Peripheres Nervensystem (PNS)
ZNS: Gehirn und Rückenmark.
PNS: Hirnnerven und Spinalnerven.
Hinweis: ZNS und PNS sind nicht durch Knochen, Hirnhäute oder Blut-Hirn-Schranke geschützt? Nein: Durch Knochen, Hirnhäute und Blut-Hirn-Schranke geschützt (ZNS) bzw. nicht durch Knochen geschützt (PNS).
Truncus encephali (Hirnstamm) + Medulla oblongata gehen kaudal in das Rückenmark (Abb. 1–3, Trepel/Pinel).
Vegetatives Nervensystem (Autonomes Nervensystem)
Unterteilt in: Sympathikus (fight or flight) und Parasympathikus (rest and digest).
Zentrale Merkmale:
Sympathikus: erhöht Herzfrequenz, Bronchodilatation, Erweiterung der Pupillen etc.
Parasympathikus: fördert Ruheprozesse, Verdauung, senkt Aktivität des Herzens.
Tabellenhafte Zuordnungen (Auswahl):
Auge: Sympathikus → Pupillenerweiterung; Parasympathikus → Pupillenverengung
Speicheldrüsen: Sympathikus → verminderte Sekretion; Parasympathikus → gesteigerte Sekretion
Herz: Sympathikus → erhöht Puls und Blutdruck; Parasympathikus → senkt Puls und Blutdruck
Lungen: Sympathikus → Bronchialerweiterung und höhere Atemfrequenz; Parasympathikus → Bronchokonstriktion und niedrigere Atemfrequenz
Magen-Darm-Trakt: Sympathikus → reduzierte Sekretion und Peristaltik; Parasympathikus → gesteigerte Sekretion und Peristaltik
Blase: Sympathikus → Erschwerung der Ausscheidung; Parasympathikus → Erleichterung der Ausscheidung
Abbildung: Abb. 12.2 aus Trepel (2021).
Wichtige Unterscheidung: Das vegetative Nervensystem besitzt zusätzlich das Enterische Nervensystem (ENS) im Dünndarm.
Enterisches Nervensystem (ENS)
Bezeichnet als das „Bauchgehirn“; Nervengeflechte in Magen- und Darmwand.
Plexus-Formen: Plexus myentericus, Plexus submucosus externus und Plexus submucosus internus.
Funktionen (Auswahl):
Vermittelt Völlegefühl oder Magenschmerzen
Steuert Magen- und Darmbewegungen (Peristaltik)
Beeinflusst Sekretion der Darmwanddrüsen
Beeinflusst immunologische Funktionen des Darms
Nervengeflechte und Lage: Plexus submucosus internus, externus, Plexus myentericus, Längsmuskel- und Ringmuskel-Schichten.
Graue Substanz vs. Weiße Substanz
Graue Substanz (Substantia grisea): Ansammlung von Nervenzellkörpern (Somata).
Weiße Substanz (Substantia alba): Ansammlung von myelinisierten Axonen (Nervenfortsätze).
Farbliche Einfärbung (in Abbildungen): Graue Substanz rosa eingefärbt; Weiße Substanz grün eingefärbt (Zentrale und periphere Bereiche).
ZNS vs PNS: Graue Substanz/ZNS, PNS-Kerne vs Kernsäulen; Weiße Substanz/Nervenfasern (Tractus,Fasciculus).
Topographische Bezeichnungen (Achsen, Schnittebenen)
Weiter Topographische Bezeichnungen, Teil 1 (gelten für das gesamte ZNS):
Achsen des Gehirns: Meynert-Achse, Forel-Achse
Dorsum (Rücken) vs. Ventrum (Bauch)
Rostrum (Schnabel) vs. Cauda (Schwanz)
Medial (mittig) vs. Lateral (seitlich)
Sagittale Schnittebene (Schnittebene der Schädelachse)
Wichtige Begriffe: Anterior (vorne) vs. Posterior (hinten); Superior (oben) vs. Inferior (unten)
Basale Begriffe: Basal (Basis/Grundfläche), Proximal (nahe), Distal (entfernt), Apikal (Zur Spitze hin)
Schnittebenen des Gehirns und Rückenmarks (Abb. 3.16; Pinel 2024)
Topographische Bezeichnungen, Teil 2 & 3
Afferenz (input) vs. Efferenz (output): Beispiel Tractus corticopontinus – Input an Brückenkerne, Output von Brückenkerne zur Grosshirnrinde
Ipsilateral vs. Kontralateral: gleiche Seite der Medianebene vs. gegenüberliegende Seite
Beispiel Tractus corticopontinus (2) – Input an Cerebral Cortex (1), Output an ipsilaterale Brückenkerne (3); Tractus pontocerebellaris (4) – Output an kontralaterale Kleinhirnrinde
Embryogenese: Gastrulation, Induktion & Neurulation
Die drei Keimblätter: Endoderm, Mesoderm, Ektoderm
Nervensystem entwickelt sich aus dem Ektoderm
Induktion (17. Embryonaltag): Mesoderm und Chorda dorsalis induzieren aus Teilen des Ektoderms das Neuroektoderm inkl. Neuralplatte und Neuralleiste
Neurulation (18. Embryonaltag): Neuralplatte vertieft sich zur Neuralrinne, schnürt sich ab, es bildet sich Neuralrohr (ZNS) und Neuralleiste (PNS)
Abb. 1.7 Trepel 2021
Embryogenese: Bläschenformation
Drei Primärbläschen (28. Embryonaltag):
Prosencephalon, Mesencephalon, Rhombencephalon
Fünf Sekundärbläschen (33. Embryonaltag):
Aus dem Prosencephalon: Telencephalon und Diencephalon-Bläschen (1a, 1b)
Aus dem Rhombencephalon: Metencephalon (3a) und Myelencephalon (3b)
Aus den Wänden der Sekundärbläschen entwickeln sich alle Hirnstrukturen; die Hohlräume bilden die inneren Liquorräume (inkl. Ventrikels).
Embryonalmonat 2–6: Wachstum, Faltung & Rotation
Zwischen dem 2. und 6. Embryonalmonat wächst das Großhirn (Telencephalon) enorm und überragt andere Hirnabschnitte.
Hemisphärenrotation des Grosshirns um eine horizontale gedachte Achse; Zentrum der Rotation liegt in der Insel (Insula)
Ab dem ca. 5. Embryonalmonat falten sich Gross- und Kleinhirn stark; Oberflächenvergrößerung durch Furchen (Sulci) und Windungen (Gyri)
Abbildungen: 2. Embryonalmonat Hemisphärenrotation; Telencephalon, Cerebellum, Insula, Truncus encephali
Blutversorgung: Arterien
Vier Arterien versorgen das Gehirn mit Sauerstoff und Nährstoffen: A. carotis interna (links/rechts) + A. vertebralis (links/rechts)
A. basilaris entsteht aus den V. vertebrales, versorgt das hintere Stromgebiet (vertebrobasilarans Stromgebiet)
Vorderes Stromgebiet (carotidspezifisch): A. carotis interna gibt A. cerebri anterior (medial) und A. cerebri media (laterale) ab; A. choroidea anterior gehört ebenfalls zur Hirnbasis
Hinteres Stromgebiet (vertebrobasilar): A. cerebri posterior entsteht aus A. basilaris; versorgt posteriore/basale Anteile des Großhirns
Rechte und linke Arterien (dargestellt): A. carotis interna, A. vertebralis, A. basilaris, A. cerebri posterior, A. cerebri media, A. cerebri anterior, A. choroidea anterior
Abbildung: lateral- und basalansicht; Circulus arteriosus cerebri (Willis-Kreis) am Hirnbasis
Verzweigungen der A. basilaris vor dem Circulus: A. cerebri posterior (rechts/links), A. cerebri media, A. cerebri anterior; A. carotis interna als Ursprung der vorderen Zerebralarterien
Circulus arteriosus cerebri (Willis-Kreis): PCOM (Arteria communicans posterior) verbindet Vorderes & Hinteres Stromgebiet; ACOM (nicht paarig) verbindet vordere Zerebralarterien
Durch den Circulus kann bei Abnahme des Zuflusses Blut aus dem anderen Stromgebiet nachversorgt werden
A. choroidea anterior: an Hirnbasis, entspringt aus der A. carotis interna, zieht hinten in das Unterhorn des Seitenventrikels und versorgt u.a. Plexus choroideus und angrenzende Regionen (z.B. vordere Bereiche des Hippocampus)
Wichtigste Zerebralarterien: A. cerebri anterior, A. cerebri media, A. cerebri posterior
Übersicht der Versorgungsgebiete (Stromgebiete): Frontalschnitt auf Höhe des Hypothalamus; Horizontalschnitt auf Höhe der Capsula interna
Blutversorgung: Venen, Sinus durae matris
Oberflächliche Hirnvenen (Vv. superficiales cerebri): verlaufen auf der Oberfläche des Großhirns; nehmen Blut aus Cortex und darunterliegender weißer Substanz auf; münden in Brückenvenen zu Sinus durae matris
Wichtige Oberflächenvenen/Sinusse: Vv. superiores cerebri, V. anastomotica superior, V. media superficialis cerebri; Sinus sagittalis superior, Sinus sagittalis inferior; V. anterior cerebri; V. anastomotica inferior; V. inferior cerebri
Tiefe Hirnvenen (Vv. profundae cerebri): sammeln Blut aus basalen Hirnregionen; Vena magna cerebri (V. magna cerebri) fließt in Sinus rectus bzw. Sinus durae matris; Vv. internae cerebri, V. basalis
Abflussweg: über die V. magna cerebri in den Sinus rectus bzw. Sinus durae matris; venöses Blut tritt in die V. jugularis interna über
Lage der Sinus: Sinus sagittalis superior/inferior, Sinus rectus, Sinus transversus, Sinus sigmoideus, Confluens sinuum; Seitenverkehrte Lage recht/links (Beispiele in Abbildungen)
Hinweis: In der Basalansicht sind Seitenverhältnisse spiegelverkehrt
Zusammenfassung: Venöser Abfluss erfolgt überwiegend von vorne nach hinten und von oben nach unten; Endziel ist die V. jugularis interna
Der Schlaganfall (Kasuistik)
Typische Symptome (Comb-and-Razor Test bzw. Gainotti-Figur):
Motorik: Gesichtslähmung links (Mimik inkl. Mundwinkel) – Teil eines motorischen Hemisyndroms links
Räumliche Aufmerksamkeit: Vernachlässigung links lokalisierter Objekte (z.B. linke Baumgruppen, linke Gesichtsseite, Blickrichtung), Hemineglect nach links
Verhaltenssteuerung: Enthemmung, repetitives Verhalten, Perseveration (Wiederholung von Elementen)
Bildgebung/MRT-Untersuchung: FLAIR-Sequenz; horizontale Schnitte entsprechend neurologischer Konvention; Infarktareale hyperintens; Befall meist in Stromgebieten der A. cerebri anterior und A. cerebri media rechts
Arterien an der Hirnbasis: Zusammenhang mit Verschlussereignissen; Abbildung von Verschluss in der rechten A. carotis interna → Hirninfarkt in nachgelagerten Stromgebieten (rechte Seite)
Lernkontrolle – Live Voting
Link zur Live-Voting-Plattform: https://vote.unibe.ch/FBA5
Universitet Bern
Literaturverzeichnis (Auswahl der Referenzen)
Beschin N, Robertson IH. 1997. Personal versus extrapersonal neglect: a group study of their dissociation using a reliable clinical test. Cortex 33(2):379-84.
Edlow JA, Newman-Toker DE, Savitz SI. 2008. Diagnosis and initial management of cerebellar infarction. Lancet Neurol. 7(10):951-64.
Gainotti G, Messerli P, Tissot R. 1972. Qualitative analysis of unilateral spatial neglect in relation to laterality of cerebral lesions. J Neurol Neurosurg Psychiatry 35(4):545-50.
Pinel JPJ, Barnes SJ, Pauli P, Gamer M. 2024. Biopsychologie. (11. Auflage). München: Pearson Deutschland GmbH.
Schmeisser M, Schumann S. 2020. Kurzlehrbuch Neuroanatomie. (2. Auflage). Stuttgart: Georg Thieme Verlag.
Schünke M, Schulte E, Schumacher U. 2022. PROMETHEUS. LernAtlas der Anatomie. (6. Auflage). Stuttgart: Georg Thieme Verlag.
Trepel M. 2021. Neuroanatomie. Struktur und Funktion. (8. Auflage). München: Urban & Fischer Verlag.
Anmerkungen zur Struktur der Vorlesung
Organisatorisches: Dozierende, Termine, Praktische Übungen, Literaturempfehlung
Organisatorisches: Termine – Übersicht der Vorlesungstermine mit Inhalten pro Einheit (z. B. 15.09.25 Gliederung, Embryogenese und Blutversorgung; 22.09.25 Großhirn I; 29.09.25 Großhirn II; 06.10.25 Großhirn III; 13.10.25 Großhirn IV; 20.10.25 Kleinhirn; 27.10.25 Hirnhäute/Ventrikelsystem; 03.11.25 Basalganglien/Zwischenhirn I; 10.11.25 Zwischenhirn II, Hirnstamm/Rückenmark I; 17.11.25 Praktische Übungen; 24.11.25 Hirnstamm/Rückenmark II; 01.12.25 Praktische Übungen; 08.12.25 Praktische Übungen; 15.12.25 Neuroanatomie heute – Prüfungsfragen)
Organisatorisches: Praktische Übungen – 6 Gruppen, Montage-Termine, Anmeldung im ILIAS
Literaturhinweise: Offizielle Lernmaterialien und optionale Vertiefungsliteratur
(Alle Formeln, Zahlen und Datumsangaben wurden innerhalb dieses Dokuments entsprechend mit … formatieren, z. B. 17.11.2025, 10.15-12.00, 2 imes 3, 4 Arterien, Circulus arteriosus cerebri, etc.)