Einführung in die Bildungsforschung, Erziehung und Sozialisation

Allgemeine Informationen und Organisation der Vorlesung

  • Veranstaltungstitel: Bildung, Erziehung und Sozialisation in heterogenen Gesellschaften: Einführung in ausgewählte Themen.
  • Zeitraum: Sommersemester 2026.
  • Dozierende:
    • Prof. Dr. Birgit Heppt
    • PD Dr. Ramona Lorenz
    • Prof. Dr. Michael Becker
  • Urheberrechtlicher Hinweis (Disclaimer): Alle Inhalte sind urheberrechtlich geschützt. Die Nutzung ist ausschließlich für den persönlichen Gebrauch im Rahmen universitärer Zwecke zulässig. Vervielfältigung, Verbreitung, Bearbeitung oder Weitergabe an Dritte ist untersagt.
  • Veranstaltungsformat:
    • Zunächst digital (Donnerstags 14:15–15:45 Uhr).
    • Ab der 3. Sitzung (voraussichtlich) Wechsel in Präsenz am Campus am Standort EF50 HS2.
    • Kommunikation erfolgt über Moodle.
  • Lernplattform (Moodle):
    • Kurs-ID: 317303
    • Raumname: lsf-Bildung_VLLA-26_1
    • Inhalte: Seminarplan, Folien, Literatur und Links.

Das Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS)

  • Zielsetzung: Das IFS ist eine interdisziplinäre Einrichtung der empirischen Bildungs- und Schulentwicklungsforschung. Es befasst sich mit der Erfassung, Erklärung und Optimierung von:
    • Lern- und Entwicklungsprozessen.
    • Schulentwicklung.
    • Bildungsergebnissen im Kontext individueller, sozialer und institutioneller Bedingungen.
  • Forschungsbereiche am IFS:
    • Lehren und Lernen im schulischen Kontext (Prof. Dr. Nele McElvany).
    • Empirische Bildungsforschung im schulischen Kontext (Prof. Dr. Birgit Heppt).
    • Individuelle Entwicklungsverläufe und schulische Rahmenbedingungen (Prof. Dr. Michael Becker).
    • Schul- und Unterrichtsforschung (Jun.-Prof. Dr. Justine Stang-Rabrig).
    • Educational Data Science (vertreten durch Dr. Yi-Jhen Wu).
  • Profil Prof. Dr. Michael Becker:
    • Forschungsschwerpunkte: Entwicklung und Bildungsverläufe (Kindheit bis Erwachsenenalter), schulbezogene Disparitäten, Schulsystementwicklung, quantitative Methoden (Large-Scale Längsschnittstudien).

Zentrale Lernziele der Vorlesung

  • Die Studierenden lernen zentrale Konzepte und Forschungsfelder der empirischen Bildungs-, Erziehungs- und Sozialisationsforschung kennen.
  • Sie beherrschen wesentliche Theorien und können diese auf das Aufwachsen in heterogenen Gesellschaften anwenden und reflektieren.
  • Sie erwerben Kenntnis über quantitative und qualitative Forschungszugänge sowie deren Limitationen.
  • Sie sind in der Lage, wissenschaftliche Literatur eigenständig zu bearbeiten und kritisch zu diskutieren.

Semesterplan und Termine 2026

  • 16.04.2026: Einführung & Organisation.
  • 23.04.2026: Sozialisations- und Entwicklungstheorien (EW, Soz, Psy) - Teil I.
  • 30.04.2026: Sozialisations- und Entwicklungstheorien - Teil II.
  • 07.05.2026: Sozialisations- und Entwicklungstheorien - Teil III.
  • 14.05.2026: Vorlesungsfrei (Christi Himmelfahrt).
  • 21.05.2026: Empirische Lehr-Lern-Forschung.
  • 28.05.2026: Vorlesungsfrei (Pfingstwoche).
  • 04.06.2026: Vorlesungsfrei (Fronleichnam).
  • 18.06.2026: Kompetenzentwicklung.
  • 25.06.2026: Lernmotivation und selbstreguliertes Lernen.
  • 02.07.2026: Soziale Ungleichheiten: Überblick, Geschlecht.
  • 09.07.2026: Soziale Ungleichheiten: Herkunft, Migration.
  • 16.07.2026: Methodische Ansätze: Theorien, Designs, Datengewinnung.
  • 23.07.2026: Fragen zur Klausur.
  • 29.07.2026: Klausur (11:3011:3012:3012:30 Uhr).

Leistungsnachweis (Klausur)

  • Art: Multiple Choice und offene Antworten (Paper & Pencil, kein Open Book).
  • Dauer: 60Minuten60\,\text{Minuten}, ca. 3030 Fragen.
  • Studienleistung: Anmeldung über BOSS erforderlich (5Wochen5\,\text{Wochen} vor Termin bis spätestens 20.07., 23:59 Uhr).
  • Literatur-Grundlage:
    • Seel & Hanke (2015): Erziehungswissenschaft.
    • Reinders et al. (2015): Empirische Bildungsforschung: Strukturen und Methoden.
    • Reinders et al. (2015): Empirische Bildungsforschung: Gegenstandsbereiche.

Grundlegende Begriffe: Erziehung, Bildung und Sozialisation

In der Erziehungswissenschaft herrscht eine gewisse begriffliche Unschärfe, die eine genaue Definition für die wissenschaftliche Arbeit essenziell macht.

Erziehung

  • Definition: Ein zielgerichteter, von außen nach innen wirkender Prozess. Er umfasst äußere Maßnahmen durch Erzieher, um den zu Erziehenden zu beeinflussen.
  • Ziele der Erziehung:
    • Personalisation (Werden zur Person).
    • Enkulturation (Hineinwachsen in die Kultur).
    • Erreichen von Mündigkeit.
  • Metaphern der Erziehung:
    • Führen: Erzieher als Bildhauer/Handwerker (behavioristisch, zielgeleitet, eingreifend).
    • Wachsenlassen: Erzieher als Gärtner (reformpädagogisch, Unterstützung natürlicher Entwicklung).
    • Synthese (nach Litt): Verantwortungsbewusstes Führen bei gleichzeitigem Respekt vor dem Wachsenlassen.
  • Grundformen:
    • Intentional: Absichtsvoll und geplant.
    • Funktional: Unbeabsichtigte Wirkungen des Umfelds (z.B. Medien, Zeitgeist).
    • Extensional (Nebenläufig): Bereitstellung von Lernumgebungen (indirekte Einflussnahme).

Bildung

  • Definition: Ein person-interner Prozess ("Sichherausbilden") von innen nach außen. Er zielt auf den Aufbau von Handlungskompetenz.
  • Wandel des Bildungsbegriffs (nach von Hentig, 2007):
    • Persönliche Bildung: Der Mensch bildet sich selbst, kulturell kodeterminiert.
    • Praktische Bildung: Kompetenzen zur Orientierung in der Welt.
    • Politische Bildung: Kompetenzen für das Leben in der Gemeinschaft (Rechte/Pflichten).
  • Bildungskonzept nach Klafki (1959):
    • Materiale Bildung: Erwerb von Wissen (Inhalte).
    • Formale Bildung: Erwerb von Können (Methoden, Kräfte).
    • Kategoriale Bildung: Die Synthese aus Wissen und Können (Erschließung der Welt).

Sozialisation

  • Definition: Ein lebenslanger, meist ungeplanter Prozess der Interaktion zwischen Individuum und Umwelt.
  • Merkmale: Veränderungsprozess durch Enkulturation (Einfügen in soziale Systeme).

Kompetenz und Performanz

  • Kompetenz (Weinert, 2001): Verfügbare oder erlernbare kognitive Fähigkeiten zur Problemlösung, kombiniert mit motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften.
  • Dimensionen der Handlungskompetenz (Roth/Seel & Hanke):
    • Fachkompetenz: Wissen und Beherrschen von Inhalten.
    • Sozialkompetenz: Kommunikatives und kooperatives Handeln.
    • Methodenkompetenz: Probleme analysieren und lösen.
    • Selbstkompetenz: Eigenverantwortliches und moralisches Handeln.
  • Verhältnis Kompetenz vs. Performanz:
    • Kompetenz: Latente Disposition (nicht direkt beobachtbar), Wissen und Können.
    • Performanz: Manifestes Verhalten (messbar durch Aufgabenstellungen), die Interpretation der Daten lässt Rückschlüsse auf die Kompetenz zu.

Disziplinäre Einordnung

  • Pädagogik / Erziehungswissenschaft: Befasst sich mit allgemeinen Aufgaben, Begrifflichkeiten und Methoden. Oft geisteswissenschaftlich-qualitativ (hermeneutisch) orientiert.
  • Empirische Bildungsforschung: Interdisziplinär (EW, Psychologie, Soziologie, Ökonomie). Schwerpunkt auf der Analyse der Bildungsrealität (Bildungsstatus, Prozesse) mittels quantitativ-analytischer Methoden.
  • Unterschiede:
    • Erziehungswissenschaft: Fokus auf Theoriebildung und Reflexion von Grundbegriffen.
    • Bildungsforschung: Fokus auf Realität und Evidenz (z.B. PISA).

Glossar zentraler Begriffe aus der Literatur

  • Bildungssystem: Staatlich organisierte Gesamtheit von Einrichtungen zur lebenslangen Bildungsversorgung (Schulwesen, Hochschule, Weiterbildung).
  • System: Menge interagierender Komponenten mit Struktur (Teile) und Verhalten (Input-Output-Transformation).
  • Disposition: Relativ stabile Persönlichkeitseigenschaften.
  • Lernen: Erfahrungsbedingte Veränderung von Dispositionen (Abgrenzung zur biologischen Reifung).
  • Operationalisierung: Zuordnung von messbaren Indikatoren zu theoretischen Begriffen.
  • Instructional Design: Systematische Planung und Evaluation von Lernumgebungen.

Fragen & Diskussion (Beispielreflexion)

  • Thema Imageproblem der Pädagogik: Im Text (Seel & Hanke) wird diskutiert, warum Erziehungswissenschaft oft als "Laberfach" verunglimpft wird. Ein Grund ist das Vorurteil, dass jeder erziehen könne (Alltagstheorien vs. wissenschaftliche Erkenntnis). Im Gegensatz zur Medizin, die ebenfalls auf Alltagswissen trifft, hat die Pädagogik ein geringeres Ansehen.
  • Diskurs Erziehungswissenschaft vs. Pädagogik: Die Begriffe werden oft synonym verwendet. Einige bevorzugen "Erziehungswissenschaft", um den wissenschaftlichen Forschungsanspruch gegenüber der rein praktischen "Pädagogik" zu betonen.
  • Herausforderung heterogene Gesellschaft: Für die nächste Sitzung ist zu reflektieren, welche Bedeutung Erziehung, Bildung und Sozialisation spezifisch in einer Gesellschaft mit hoher Diversität einnehmen (Spezifische Dimensionen wie Migration und soziale Herkunft).