7. Neuere Ansätze: "Lesen durch Schreiben", Spracherfahrungsansatz, (An-) Lauttabelle

1.Konzeptionen des SSE

  • Konzeptionen = Ansätze mit Kernidee, von der systematische Überlegungen zu für SSE wesentlichen Aspekten angestellt werden

  • bieten Vorgaben, Modelle, Handlungsanleitungen und Materialien

  • 4 große methodisch-didaktisch Konzeptionen des SSE (existieren parallel nebeneinander und durchdringen sich)

1.Fibellehrgänge

Kernidee: Durch Fibel strukturierte Heranführung an Basiskompetenzen Lesen/Schreiben mit vorgegebenen Materialien, Übungen und Methoden gleichschrittig

Geschichte Fibel:

  • 1. im 16. Jhd., bis zum 18. eher für Lehrer, Fokus auf Lesenlernen

  • seit 70er Jahren methodenintegrierende Fibelansätze

  • mit Einführung Schulpflicht mehr Fibeln, auch mehr für Kinder, aber immer mehr moralisierend und ideologisierend → Aufpassen!

Historischer Überblick Organisation Lernprozesse:

  • Seit antikem Griechenland/Rom synthetische Ansätze, besonders Buchstabiermethode

  • 16.. Jhd. VAlentien Ickelsamer: Lautieren

  • Verbot Buchstabiermethode Mitte 19. Jhd.

  • Kritik synthetische Ansätze → Entwicklung analytische Ansätze Beginn 20. Jhd.

  • Auch Kritik → methoden-integrierende (analytisch-synthetische) Ansätze → Bis heute Grundprinzip Fibeln

Konzeptionelle Bausteine, seit 1980er Fibellehrwerke durch Aspekte gekennzeichnet:

  • sukzessive Einführung der Grapheme und differenzierte Erschließung

  • Beschränkung von Lese- und Schreibwörtern aus bereits erarbeitete Buchstaben

  • Bevorzugung kurzer Wörter mit einfachen Silben, allmähliche Steigerung

  • Angebot vielfältiger Lesetexte bei inhaltlicher Kontinuität durch namentliche eingeführte Fibelfiguren

  • gleichzeitiger Beginn Lesen und Schreiben

  • Aufbau Sichtwortschatz von Anfang an

  • Weiterführung Lehrwerks im 2. Schuljahr in Form von Lesebüchern

Seit 1990er Elemente:

  • Lauttabellen als Gedächtnisstütze

  • Besondere Bedeutung Silbe als strukturierende linguistische Einheit → Farbige Silbengliederung

  • Differenzierte Lernangebote → zusätzliche Materialien

→ Nicht nur Fibel selbst, sondern ergänzt durch Materialpakete für Schüler (z.B. Arbeitsheft) und Lehrer (z.B. Handbuch)

Konzeptionelle Stärken:

  • Linearität des Lehrgangs: Buchstabenanordnung und Wortbestand entsprechen einander in Fibel und Material

  • Hierarchisierung Lehrangebots: Reihenfolge Buchstaben von leicht zu schwer

  • Verbindung Lese- und Schreiblernprozess

  • Direkte Instruktion: Hilfestellungen

  • Gemeinsames Fundament

  • Gemeinsame Lernaufgabe

2.Lesen durch Schreiben (LdS)

Kernidee: Mit Hilfe von Anlauttabelle jedem Kind möglich, Grapheme für Schreiben, selbst zu erschließen → Lesen v.a. durch Lesen des selbst Geschriebenen erlernt werden

Geschichte:

  • Schweizer Dr. Jürgen Reichen 1939-2009 entwickelte LdS ab 1972 →Idee Öffnung des Unterrichts, Werkstattunterricht und selbstgesteuertes Lernen (Kinder lernfähig und -bereit) → Anlauttabelle

  • 1982 Veröffentlichung, starke Kritik

Konzeptionelle Bausteine:

  • nicht in einzelnen, gemeinsamen Stunden, sondern Teil des fächergemischten Werkstattunterrichts (Kinder wählen zu Thema selbst Aufgaben)

  • Für SSE: “Lern-Bilderbuch mit Denktrainer Lara und ihre Freunde”, Computer-Programm “Erstes Verschriften” und Vorlesegeschichten zur Verfügung

  • in ersten Schultagen “Buchstabentor” (anlauttabelle) und Einführung, dann jeden Tag selber Wörter schreiben

  • Beim Schreiben mit Anlauttabelle Aufgabe zur vollständigen alphabetischen Verschriftung

  • Ab 2. Jahr Rückmeldung Rechtschreibung

  • dann Verlagerung Schwerpunkt vom Schreiben auf Lesen

Konzeptionelle Stärken:

  • schnelle Ergebnisse, Zutrauen in Fähigkeiten, Hilfen und kontextuelles Schreiben → Kognitive Aktivierung

  • Lehrkraft unterstützt Kinder adaptiv und individuell, da keine Instruktion

  • Mehr Möglichkeiten und Entwicklung für leistungsstarke Kinder

Kritik:

  • Ausklammerung strukturierter Leseförderung als Versäumnis durch verpasste Lerngelegenheiten

  • eindimensionaler Lesebegriff lässt nur Blitzlesen gelten, aber auch gute Leser durchgliedern schwierige Wörter

  • Fokus auf phonographische Prinzip → Ignorieren anderer Verständnis und Lernhilfen

  • Überbetonung akustische Aspekt von Schriftsprache, keine Unterstützung durch visuelle, motorische und haptische Möglichkeiten

Weniger überzeugend:

  • Nach Gehör mit Tabelle führt zu falschen Schreibungen → Wiederlegt

  • Lauttabellen seien ungeeignet zum Aufbau schriftsprachlicher Kompetenzen → Nicht belegt

3.Der Spracherfahrungsansatz (SEA)

Kernidee: Jeder erhält Unterstützung/Werkzeuge, um eigene Zugänge zu Schriftsprache zu finden. In gemeinsamen Unterricht erschließen, erproben und vertiefen Kinder Einsichten durch Austausch und Reflexion

Geschichte:

  • Brügelmann, anknüpfend an Reformgedanken in 1980er Jahren Grundgerüst, konkretisiert mit Erika Brinkmann, Ausgangspunkt Kritik Fibellehrgänge

  • Kritik Brügelmanns:

    • 1. Schultag keine Stunde Null

    • Kinder als kompetente Lerner und Sinnsucher → Unterricht sollte nicht belehren sondern Erkunden

    • Lernen kein Transport von Wissen, sondern eigenaktive Sinnkonstruktion

  • Weiterentwicklung durch viele Pädagogen z.B. Gudrun Spitta mit Konzept der Schreibkonferenzen

  • Gemeinsamkeiten: Offener Unterricht mit Freiräumen und eigenverantwortlichem Wissenserwerb, aber auch Halt und Sicherheit durch gemeinsame Erschließungsphasen und Struktur

Vier Säulen Modell der Unterrichtsorganisation:

→ Veranschaulichung der Aspekte auf Didaktischer Landkarte

  • 2010 Veröffentlichung der ABC-Lernlandschaft und Angebote von Materialien zu jeder Säule (nicht diese)

  • Struktur und Offenheit nicht als Gegensätze

Konzeptionelle Bausteine:

  • Alphabetische Strategie als Fundament des SSE in alphabetischer Schrift

  • Beginn Anfangsunterricht mit lautorientiertem Schreiben, synthetisierende Lesen entweder synchron oder etwas verzögert

  • Gebrauch Lauttabelle

  • frühe Nutzung Schrift zur Kommunikation oder Notieren

  • Fehlerakzeptanz, verbunden mit Hinweisen, verstärkte Berücksichtigung Orthografie ab zweiten Hälfte ersten Schuljahrs

  • Autorenlesung en der Kinder, Ausstellen der Texte

  • Ergänzung Freies Schreiben durch wortbezogene Übungen und Einführung in orthografische Strukturen

  • Allgemein: Individualisierung Anforderungen/Lernangebote nach Entwicklungsstand

Konzeptionelle Stärken:

  • Aufgreifen Heterogenität der Kinder

  • konkrete Umsetzungsideen und Materialien für alle Bereiche des SSE

  • Übergang vom reinen Fibellehrgang zu offeneren Formen

  • Didaktische Landkarte: Alle Aspekte SSE im Blick und konkrete Umsetzung durch 4 Säulen

  • Materialien geben Lehrern Sicherheit, dass Kinder wesentliches erschließen

4.Der silbenanalytische Ansatz

Kernidee: Kinder erschließen Grapheme, gleichzeitig angeleitet Schriftsprache zu analysieren, silbische Prinzip im Fokus, Entdecken von Strukturen und Muster, die helfen sollen, schnell korrekt zu schreiben und flüssig zu lesen

Geschichte:

  • Christa Röber Vorreiterin v.a. in Arbeit mit fremdsprachlichen Kindern: Erkundungsterrain für aktives, angepasstes Aneignen

  • Schrift keine Abbildung der Lautung, Abbildung von Grammatik → Quelle vieler Probleme

  • 3 Ausgangspunkte:

    • Struktur Schriftsprache: phonografische belanglos/störend, Silbe als zentrale Einheit gibt durch Bau Systematik vor

    • Leistung Kinder: Können durch Hypothesenbildung Systematik bilden, müssen aber durch Curriculum des SSE geführt werden

    • Kritik am normalen SSU: Lautung von Wörtern nicht durch Klang einzelner Phoneme, sondern Silben bestimmt

  • Bsp. Röbers Praxismodell Häuschenmodell

  • Erschließung der silbischen Strukturen offen/geschlossen, betont/unbetont durch häufigsten zweisilbigen Trochäus → Hilfe für Schreiben und Aussprache

  • Hat an Bedeutung gewonnen, in vielen Fibeln z.B. ABC der Tiere, Integration in Lehrplan

Konzeptionelle Bausteine:

  • Grapheme werden erschlossen, aber nicht als einzelne Elemente zu Wörtern synthetisiert

  • Bildung von Silben mit bekannten Graphemen und Üben in sog. Silbenteppichen

  • Bildung weiter Wörter mit bekannten Graphemen, die silbisch gelesen werden können (andere nötige Wörter Merken als Ganzwörter)

  • Nur Schreiben von vorgegebenen Wörtern oder deren Grapheme bereits bekannt

  • Ersten Monate: Erschließung Silbenstruktur durch Häuschen, Bögen, …

  • im 1. Jahr schon Heranführung an orthografischen Regeln

  • Beitrag von Musik und Liedern

Konzeptionelle Stärken:

  • Deutliche Hinweis auf vorhandene Regelhaftigkeiten, due durch Kinder erschlossen werden können

  • unterschiedlich komplexen, aber anschaulichen Repräsentationen silbischer Aufbau

  • Nutzung von Musik

2.Ergebnisse empirischer Forschung zu Konzepten:

Zwei signifikante Ergebnisse:

→ Lesen durch Schreiben schnitt nie als vorteilshafteste Konzeption ab, lernschwache Kinder profitieren mehr von strukturierten/lehrerzentrierten Ansätzen

—> Verschiedene Ergebnisse: Fibelklassen am Besten, Mischformen am Besten

→ Wichtig also: vielfältige Angebote (nicht nur direkte Instruktion, Mischungen)