Lebensgeschichten einer Frau aus Freiberg – Interviewnotizen

Heirat und Ehe

  • Frage aus Los: „Wann und wie haben Sie geheiratet?“
    • Hochzeit aus pragmatischen Gründen in der DDR:
    • Wohnung → für Unverheiratete nahezu unmöglich.
    • Stipendium → nur für Verheiratete mit „eigener“ Familie verfügbar.
    • Standesamtliche Trauung in Freiberg (kein kirchliches Ritual).
    • Eltern mischten bei Organisation stark mit; Heirat quasi „arrangiert“.
    • Persönliche Gefühlslage:
    • Sie liebte ihren Mann, empfand Liebe aber als einseitig.
    • Ehemann wollte sie „besitzen“; stolz auf „studierte, nicht dumme“ Frau.
    • Eheprobleme:
    • Massive Eifersucht des Mannes → Verbote, Kontrolle (Kaffee mit Freundin, Klassentreffen usw.).
    • Mehrfaches Fremdgehen aus Frust, bis zur endgültigen Trennung.
    • Scheidung nach fast 25 Jahren, Jahr 2003.
    • Keine zweite Ehe:
    • Nach Scheidung „männerscheu“, über 60 Jahre → bewusste Entscheidung für Single-Leben.

Kinder

  • Zwei Töchter („das Beste, was er hervorgebracht hat“).
  • Jüngere Tochter: angeborene Hüftdysplasie → Spreizhose, Gips, Operation; erstes selbstständiges Stehen am 3. Geburtstag = berührendstes gemeinsames Erlebnis.

Kindheit und Familie

  • Aufwachsen in Freiberg; häufige Besuche bei Großeltern (nur <10 Minuten entfernt).
  • Lieblingsplatz: Ehebett der Oma – Toben, Kuscheln, Geschichten.
  • Großeltern spielten Rommé mit Verwandten (bis zu 10 Personen); anschließend Übernachtungen & Haferflockensuppe.
  • Familienstruktur:
    • Vater: autoritär, überzeugter Genosse; weckte zum 1. Mai mit Marschmusik.
    • Mutter: fügte sich Entscheidungen des Vaters.
    • Drei Geschwister: ältere Schwester (+4 Jahre), jüngerer Bruder (-4 Jahre).
  • Familiärer Bruch:
    • Streit um 3000 DDR-Mark Erbschaft nach Opas Tod → Vater enterbt sie; Kontakt lange abgekühlt.
    • Pflegte Vater später bei Darmkrebs (Kamillentee-Trauma), Enterbung blieb; Bruder teilte Erbe fair.
  • Schwester: ehrgeizig, wurde Ärztin, starb Anfang 2000er an Krebs.

Schule, Jugend & Studium

  • Grundschule: zunächst reine Mädchenschule (Körnerschule), später Klara-Zetkin-Sprachschule.
    • Früh Fremdsprachen: Russisch ab 3. Klasse, Englisch ab 5. Klasse (zwei Jahre früher als Standard).
  • Lieblingsfächer: Biologie und vor allem Chemie (komplexe Gleichungen, Laborversuche).
  • Unbeliebtes Fach: Sport, speziell Leichtathletik.
  • Ensemble der Schule:
    • Zwei Chöre, zwei Tanzgruppen, kleine Band, Literaturzirkel.
    • Aktive Tänzerin; Winterferien-Probenlager, selbstgenähte Kostüme.
  • Abitur (erweiterte Oberschule).
  • Berufswunsch als Kind: Arbeit „mit Menschen, vor allem Kindern“ (Kindergärtnerin).
    • Eltern gegen Idee → Studium Werkstoffingenieurwesen (Glas, Keramik) an Bergakademie Freiberg.
  • Diplom: „Entwicklung anorganischer Werkstoffe“.
    • Abschlusszeit ohne passende Stellen → Einstieg an Bergakademie als „Studentenmutter“ (Beratung, Organisation, Stipendienhilfe).

Berufsleben

  • Stationen:
    • „Studentenmutter“ an Bergakademie (Organisation, Gespräche, Prüfungs- und Stipendienbegleitung).
    • Konzentrationsuhrenwerk Freiberg (Fertigungsüberwachung) – Lieblingsstelle:
    • Kleines Team (3 Frauen, 1 Mann + Chef).
    • Chef: enormes Fachwissen, erklärte Fehler, urlaubte demokratisch („Teilt euch selbst ein, Hauptsache Abteilung arbeitsfähig“).
    • Aufgaben: Ausschussberechnung, Produktionsbegleitung, Maschinenstopps bei Problemen.
    • Nach der Wende: schrittweise Abteilungs­schließungen, Chef kündigt, Betrieb zerfällt.
    • Im Anschluss: Präsenzschmiedewerk Brand-Erbisdorf, weitere Industriejobs.
  • Arbeitsphilosophie: Teamgeist, praktische Unterstützung der Produktionsarbeiter, eigenständige Zeiteinteilung.

Wohnorte

  • Über 60 Jahre in Freiberg, danach Umzug nach Dresden.
    • Vermisst zunächst die Laufnähe in Freiberg (Theater, beleuchtete Straßen, Sicherheit).
    • Positiver Wandel in Freiberg durch Bürgermeister: Altstadtsanierung.

Reisen und Urlaub

  • DDR-typische Reise­einschränkungen; dennoch:
    • Familie schaffte es „ein paar Mal“ an die Ostsee.
    • Schul- und Studenten-Ferienlager an der Küste:
    • Selbst­versorgung, gemeinsames Kochen, Makroni jeden 2. Tag, schöner Strand.
    • Zeltlager Kühlungsborn (Bergakademie-Urlaubsplatz):
    • Familie mit zwei Kindern, Nachbarn ebenfalls zwei Kinder → acht Personen harmonieren, Karten­abende, gutes Wetter.
  • Sammelleidenschaft: Ansichtskarten, besonders Auslands-Karten (z. B. Mongolei von Bruder im Studenteneinsatz).

Feste & Rituale

  • Weihnachten:
    • 24. Dez. mittags: Linseneintopf mit Bratwurst („Soll Geld im nächsten Jahr bringen“).
    • Abends: Kartoffelsalat + Würstchen; Großeltern bringen Geschenke im Wäschekorb.
    • Baumkauf am Morgen: Vater bringt oft 3 Bäume, bastelt „perfekten“ Baum (Äste umstecken).
    • Schmuck: echter Silberfaden aus Mutters Drahtwerk; jedes Lametta einzeln aufgehängt.
    • Handgearbeitete Geschenke (gestrickte türkisfarbene Kleider von Oma).
    • Musikalisch: später Flöte vom Mann, Tochter spielt, Weihnachtsplatten.
  • Geburtstage:
    • Vater und Interviewte beide im September → Tradition „Großer Obstteller“ statt teurer Geschenke; seltene Früchte (Pfirsiche).
  • Karneval/Studentenfasching:
    • Mensa-Partys, Studentenbands („Akademix“), Männer tanzen als Schwäne, Stimmung bis 04 Uhr.
  • Erster Kuss: 10. Klasse, unsicheres Gefühl („Was machst du mit dem, wenn er dich Heim bringt?“).

Hobbys & Interessen

  • Lesen: „Alles, was in die Hände kam“; Lieblingsjugendbuch „Die drei Musketiere“.
    • Später: historische Romane (Sabine Ebert „Die Hebamme“-Reihe).
  • Kochen:
    • Große Kochbuch­sammlung (u. a. Kurt Drummer, „Delikat“-Reihe zu Japan/China/Mexiko).
    • Spezialität: asiatische Küche; alternativen Zutaten (Kohlrabi statt Bambussprossen).
    • Backen eher ungern.
  • Tanzen: Tanzgruppe der Schule; später selten, da Mann „kein Tänzer“.
  • Sammeln: Kochbücher, Ansichtskarten.

Lieblingsgerichte & Getränke

  • Kindheit:
    • Muttis Spezialitäten: Flecke (Kuttelsuppe), Buttermilch-Getzen (Pfannengericht).
    • Eintöpfe für zeitsparendes Kochen.
  • Lieblingsgetränke: Säfte aus Omas Garten (Stachelbeer, schwarze Johannisbeere – Lieblingsobst –, Apfel, Birne).

Lieblingsplätze & Jugenderinnerungen

  • Bett der Oma (Toben).
  • Zeltlager-Strand.
  • „Mensa“ in Freiberg samstags zum Tanz: monatelanger „Augenflirt“ mit künftiger erster Liebe.
  • Kinderzimmer: Doppelstockbett mit Schwester (oben), gemeinsame Nachttischlampe zum Lesen; kleiner Raum mit Wäscheständer & gemeinsamem Schreibtisch.
  • Früher Fernseher fehlte → bei Nachbarn („7 Kinder“) sonntags Kindersendungen schauen (Meister Nadelöhr, Prof. Flimmrich).

Persönliche Herausforderungen und Stolz

  • Bewältigung toxischer Ehe + Alleinerziehung zweier Kinder.
  • Umgang mit Kinderlähmung (Poliomyelitis) in Kindheit? (im Gespräch erwähnt sie dreimalige Schwangerschaft + Angst vor „Kinderlähmung“ – Kontext unsicher, aber stark belastend).
  • Stolz auf:
    • Erfolgreiche Aufzucht beider Töchter.
    • Toleranz gegenüber anderen Meinungen.
    • Vertrauen & Menschlichkeit trotz negativer Erfahrungen.

Lebensphilosophie & Ratschläge

  • Wichtigste Lebenslektionen:
    • Toleranz, Respekt verschiedener Meinungen.
    • Vertrauen in Mitmenschen.
  • Rat an junge Generation:
    • Gegen Antisemitismus & Kriege eintreten.
    • Frieden als höchstes Gut begreifen.
    • Lernen aus Fehlern vergangener Generationen.

Sonstige Kuriositäten & Anekdoten

  • Dreimalige „Mathematiker“-Erfahrung: alle eifersüchtig/„wahrheitsresistent“ → humorvoller Generalverdacht gegen Mathematiker.
  • Mutter verteilte Kinder im drei- oder vierjährigen Abstand („gut getaktet“).
  • Jugendsünde: Flaschen- & Papiersammeln für Taschengeld, um in die „Mensa“ tanzen zu gehen.
  • Studentenfasching-Bekanntschaft endete, nachdem Mann „mehr wollte“.
  • Post-Scheidungsalter über 60: „Alleine kann man auch glücklich sein, wenn man es sich mit Freunden schön macht.“