Erstspracherwerb - Folieninhalt
Erstspracherwerb - Sprachliche Symbole als Konventionen
- Dienen dazu, anderen eine bestimmte Perspektive einer Situation nahezubringen (z.B. "Die Vase ist zerbrochen" vs. "Er hat die Vase zerbrochen").
- Sozialisation und Solidarität als Grundpfeiler des Menschen
- Mitteilen von Erfahrungen und Gefühlen
- Geschichten differenziert darstellen, Perspektivenwechsel als Voraussetzung für Solidarität
- Erreicht nur durch Kommunikation
- Fähigkeit für Empathieempfinden und Solidarität im Kern des Menschen
- Schon von Geburt an (noch nicht voll ausgebildet)
- Voraussetzung für den Aufbau symbolischen Handelns zwischen Säugling und Bezugsperson
- Auslöser für Spracherwerb
- Experiment von indischem Großmogul
- Säuglinge in Villa; anfangs von stummen Ammen betreut; dann nur noch Wachen; keine Sprache/keine Bildung („Haus der Stummen“)
- Nach 4 Jahren: keiner konnte sprechen
- Spracherwerb ohne sozialen und sprachlichen Kontakt zu anderen Menschen nicht möglich
- Tomasellos Ansicht
- Kinder erwerben Sprache, indem sie sie in kommunikativen Situationen verwenden (müssen verstehen, wie Kommunikation funktioniert; Erfahrung und Vorbilder = wichtige Faktoren)
- Sprache als soziales Verhalten
- In Relation zu anderen kognitiven Prozessen betrachtet
- Strukturen basieren auf sozialen Konventionen
- Funktion von Sprache ist Kommunikation
- Beispiel: Lexikalischer Erwerb
- Kind muss Aufmerksamkeitsfokus des Sprechers berücksichtigen
- Kontext ist sprachunabhängig
- Kinder lernen, worauf Aufmerksamkeitsfokus des Sprechers liegt
- Erwachsene strukturieren Beziehungen mit Kindern auf spezifische Weise
- Kinder nehmen an diesen Interaktionen teil
- Entwicklung der kommunikativen Kompetenz
- Nachahmen als zentrale Rolle beim Lernen
- Lernen von neuem, angemessenem Verhalten (Klang) und seiner Funktion (Verwendung des Klanges im Kontext) (nicht reine Nachahmung)
- Kommunikatives Feedback als weitere Quelle von Lernen
- Kinder verändern und überarbeiten Ausdrücke, wenn Probleme auftreten
- Ziel: mit Erwachsenen auf einer Stufe sein
- Gemeinsame Aufmerksamkeit -> Relevanz der Rolle des Interaktionspartners
- Kommunikative Kompetenz = Summe der kommunikativen Fähigkeiten
- Besteht aus lexikalischen und syntaktischen Fähigkeiten, auch aus nicht-verbalen kommunikativen Fähigkeiten, Sprecherwechsel und Wortwahl in bestimmten Kontext
- Soziale Faktoren von Perzeption, Aufmerksamkeit, Lernen, Gedächtnis, Verarbeitung, etc. Führen zur Einzigartigkeit von Sprache
- Lernen und Verwenden von Sprache muss in einem sozialen Rahmen gesehen werden
- (sozialer) Kontext ist Schlüssel für einen erfolgreichen Spracherwerb und erfolgreiche Sprachverarbeitung und Interpretation im Erwachsenenalter
Grundbegriffe und Leit Fragen
- „Spracherwerb“ als Sammelbegriff
- Hier: monolingualer, ungestörter Erstspracherwerb des Deutschen
- Entwicklungssequenzen/Meilensteine
- Geordnete Folgen von systematisch beschreibbaren Entwicklungsschritten
- Vergleichbar bei allen Kindern, dennoch starke zeitliche Schwankungen möglich
- Individuelle Unterschiede auch die Art der Entwicklung betreffend
- Abhängig von der Muttersprache
- Sprachliche Ebenen
- Sprache als System von Zeichen
- Kombinatorisch und in kleinere Einheiten zerlegbar
- Phonologie, Lexikon, Semantik, Morphologie, Syntax, Pragmatik
- Wie erkennen, unterscheiden und produzieren Kinder Laute?
- Wie verstehen, speichern sie Wörter, wie rufen sie Worte ab?
- Wie bilden sie Sätze mit Wörtern?
- Wie nutzen sie ihre sprachlichen Fähigkeiten in Kommunkation?
- Unterscheidung zwischen Produktion und Perzeption (produktive vs. Rezeptive Fähigkeiten)
- Spracherwerb nicht linear (vom Laut zum Wort zum Satz)
- Aber muss produktive und rezeptive Fähigkeiten berücksichtigen -> Wechselwirkungen
- Rezeptive Fähigkeiten bilden sich schon vor der Produktion aus (auf allen sprachlichen Ebenen)
- Separate Darstellung der Entwicklungssequenzen der sprachlichen Ebenen = künstliche Trennung
- Erwerb auf allen Ebenen weitgehend simultan
- Interaktion zwischen Ebenen und Phänomenen
- Bootstrapping
- Sprachlernmechanismus: Kind nutzt vorhandenes Wissen auf einer Ebene, um neues Wissen (auf anderer) aufzubauen
- Querverbindungen und Wechselwirkungen zwischen Erwerbsschritten und Ebenen
- Leitfragen: 3 Kernfragen der Spracherwerbsforschung
- Was macht die Beherrschung/sprachliches Wissen einer Sprache aus?
- Sprachliches Wissen:
- Sprache als Bestandteil der Kognition
- Alle Prozesse der mentalen Speicherung (Aufnahme und Verarbeitung von Informationen)
- Können bewusst und unterbewusst ablaufen
- Wissen:
- Menge an Informationen, die ein Mensch gespeichert hat (deklaratives Wissen)
- Verfügbarkeit von Prozessen, mit denen Informationen verarbeitet werden (prozedurales Wissen)
- Ist sprachliches Wissen angeboren oder erlernt?
- Kernthema in Sprachserwerbsforschung (Neue Befunde -> neue Diskussionen)
- Auch in allg. Linguistik relevant (Nature vs. Nurture – Genetik vs. Umwelt)
- Fähigkeit, die uns von anderen Spezies abgrenzt (dennoch nur in sozialem Umfeld erlernbar)
- Wird Sprache über sprachspezifische oder allgemein-kognitive Mechanismen erworben?
- Domänenspezifität von Sprache
- Allgemeine kognitive Prozesse werden auch für Spracherwerb genutzt oder: Spracherwerb braucht spezifisches Wissen, das nur einen bestimmten Typus von Informationen verarbeitet
- Unterschiedliche Erklärungsansätze haben unterschiedliche Ansichten (neuere Ansätze arbeiten auf Synthese hin)
Methoden
- Methode ausgewählt in Abhängigkeit von: der Fragestellung; der untersuchten sprachlichen Ebene; dem Alter des Kindes
- Unterscheiden sich in: Modalität; Art des Untersuchungsgegenstandes; Alter des Kindes; geforderter Aktivität des Kindes; Erhebungs- und Auswertungsaufwand
Befragungsmethoden
- Elternfragebögen
- Große Stichproben von Kindern
- Typische und abweichende Erwerbsverläufe
- Wortlisten zum Ankreuzen (Verstehen und/oder produzieren)
- Fragen zur Einschätzung des grammatischen Entwicklungsstandes
- Hohe Übereinstimmung zwischen Fragebogenergebnissen und Spontansprachdaten von Kindern -> Fragebögen sind reliabel und valide für frühen Spracherwerb
- Erste Wortliste: 1994 entwickelt
- CDI (MacArthur Communicative Development Inventories)
- 369 Wörter für 8-16 Monate; 680 für 16-30 Monate
- Mittlerweile Adaptionen in 52 Sprachen
- Cross-linguistische Vergleiche möglich
- Langzeitstudien
- Für Deutsche gibt es mehrere Fragebogeninstrumente
- Unterschiede bzgl. Anzahl der Wörter; Fragen zur Grammatikentwicklung; Altersspanne und Auswertung
- Fragebögen mit geringer Wortanzahl sollen keinen umfassenden Überblick über Lexikonentwicklung geben (mit geringem Aufwand Kinder mit Verdacht auf Spracherwerbsverzögerungen herausfiltern -> z.B. U-Untersuchung)
- Fragebögen auch für Erzieher/Logopäden etc.
Beobachtungsmethoden
- Tagebuchstudien
- Auch heute noch eingesetzt
- Enge Bezugsperson notiert Äußerungen aus dem Alltag
- Unverfälscht durch Test- oder experimentelle Bedingungen, die Anwesenheit Fremder
- Auch Wortschatzlisten, die Eltern selbst führen (keine vorgegebenen Wörter) sind Form der Tagebuchmethode
- Spontansprachliche Beobachtungen
- Sprachliche Fähigkeiten werden nicht von Dritten eingeschätzt
- Analyse von Audio- und Videoaufnahmen kindlicher Sprache in Alltagssituationen
- Nach Transkription können unterschiedlichste Aspekte der produktiven Sprachfähigkeiten untersucht werden (z.B. Mean Length of Utterance MLU)
- Längs- und Querschnittsstudien möglich (meist Längschnittsstudien)
- Wie oft und wie lange Aufnahmen gemacht werden, hängt von Forschungsfrage/zu untersuchendes Phänomen ab
- Datendichte bei sporadischen Aufnahmen ist nicht repräsentativ für tatsächlichen Sprachgebrauch
- Seltene Strukturen werden evtl. nicht aufgezeigt
- Abwesenheit dieser Struktur kann dann nicht interpretiert werden als „das Kind kann das noch nicht“
- Je dichter ein Korpus, desto besser (z.B. über 3 Jahre; je 5x Woche für 1h)
- Gleichzeitig: Erfassen der Äußerungen der Bezugsperson
- An dichten Korpora kann man z.B. Auftreten bestimmter Wortkombinationen; Erwerb bestimmter Phänomene; Anstieg der MLU, Wortschatzumfang, Verteilung der Wortarten, Art der Verbkategorie, etc. Untersuchen -> meist aber nur wenige Kinder pro Studie (sehr hoher Datenerhebungs-, Transkriptions- und Auswertungsaufwand)
- Aufnahme von Spontansprache setzt methodische Festlegungen voraus
- Was will ich untersuchen?
- Wie lange müssen die Aufnahmen sein?
- Wie soll die Aufnahmesituation sein?
- Wie oft kann ich aufnehmen?
- Wie transkribiere ich?
- Transkription ist immer auch Reduktion der Originaldaten
- Phonetische Transkription oder graphematische Transliteration?
- Paraverbale Äußerungen (Lachen, Weinen, Seufzen)?
- Transkription von Blicken, Gesten, Handlungen?
- Transkription der Gesprächspartner?
- Markierung des zeitlichen Ablaufs der Gesprächsbeiträge?
- Vielzahl von Transkriptionssystemen und Verfahren
- CHILDES (