Zusammenfassung: Brexit, Nordirland und der Friedensprozess
Brexit und seine Folgen für Nordirland
2016 stimmten die Briten in einem Referendum für den Austritt aus der EU. Nordirland und Schottland stimmten jedoch für den Verbleib, wurden aber von der Mehrheit überstimmt. Dies führte zu Erschütterung und dem Gefühl, gegen den eigenen Willen aus der EU gerissen worden zu sein.
Das Karfreitagsabkommen und der Brexit
Das Karfreitagsabkommen hatte den EU-Austritt des Vereinigten Königreichs nicht vorgesehen. Der Brexit zwang die Menschen in Nordirland, sich mit ihrer Souveränität auseinanderzusetzen und sich zwischen der EU und dem Vereinigten Königreich zu entscheiden. Dies war eine unerwartete Situation.
Auswirkungen auf den Handel
Der Brexit führte zum Austritt des Vereinigten Königreichs aus der Zollunion. Dies bedeutet, dass die Handelsströme an den Grenzen des Königreichs kontrolliert werden müssen, was technische und bürokratische Herausforderungen mit sich bringt. Es ruft auch Erinnerungen an Irlands konfliktreiche Vergangenheit wach, da die Grenze in Nordirland ein Symbol für einen langjährigen Konflikt ist.
Historischer Kontext
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gehörten alle 32 irischen Grafschaften zum britischen Territorium. Nach einem Unabhängigkeitskrieg im Jahr 1921 wurde der irische Süden abgelöst, während die sechs Grafschaften im Norden mit protestantischer Mehrheit weiterhin zu London gehören wollten. So entstand Nordirland mit Belfast als Hauptstadt. Die Grenze, die gezogen wurde, wird von einigen als Ursünde der irischen Geschichte angesehen. Sie wurde so gestaltet, dass die Unionisten einen möglichst großen Anteil erhielten, um ihren Bestand zu sichern.
Der Identitätskonflikt
Die Grenze wurde zum Symbol für den Identitätskonflikt zwischen den katholischen Nationalisten/Republikanern, die eine Wiedervereinigung Irlands anstreben, und den unionistischen/loyalistischen Protestanten, die sich London verbunden fühlen. Die Spannungen eskalierten 1969 zu einem offenen Konflikt.
Eskalation und Gewalt
Republikaner griffen zu Waffengewalt und Terror, um die protestantische Übermacht zu brechen. Sie reaktivierten die IRA (Irish Republican Army). Auf der Gegenseite bildeten radikale Unionisten paramilitärische Gruppen. Der Krieg dauerte drei Jahrzehnte und forderte über 3500 Todesopfer.
Das Friedensabkommen
Mit dem Friedensabkommen von 1998 erklärten sich die bewaffneten Gruppen bereit, die Waffen niederzulegen. Die Waffenarsenale der IRA wurden vernichtet und die Militäranlagen an der Grenze abgebaut. Die Grenzen verschwanden, was die Menschen begeisterte. Das Karfreitagsabkommen ermöglichte es den Menschen, Ire, Brite oder beides zu sein und sowohl irische als auch britische Pässe zu besitzen. Die EU-Mitgliedschaft trug dazu bei, die irische Grenze unsichtbar zu machen und Nordirland bei der Überwindung seiner Traumata zu unterstützen.
Führungen durch ehemalige Kämpfer
In Belfast erzählen Wandmalereien noch immer Geschichten vom Krieg. Ehemalige IRA-Kämpfer bieten Führungen an und schildern ihre Sicht der Geschichte. Robert McKlanhan, ein ehemaliger Bombenleger, führt Touristen zu Orten, an denen Einschusslöcher und Markierungen auf Häusern an die Konflikte erinnern. Diese Führungen werden mit EU-Mitteln unterstützt und dienen der Friedens- und Versöhnungsarbeit.
Versöhnungsbemühungen
Ehemalige Kämpfer wie Robert und Noel (ein ehemaliger Milizionär der UVF) arbeiten zusammen, um Brücken zwischen den Gemeinschaften zu bauen, die durch Mauern getrennt sind. Noel, der wegen Mordes verurteilt wurde, erfuhr im Gefängnis, dass Gewalt ihn nicht britischer macht. Durch ein konfessionsübergreifendes Projekt erkannte er die Bedeutung des Dialogs. Die EU fördert diese Aussöhnungsprogramme seit dem ersten Waffenstillstand 1994 und hat bisher fast 2 Milliarden Euro investiert.
Herausforderungen und Spaltung
Die Erinnerung trennt die Gemeinschaften jedoch weiterhin. Gedenkstätten für die eigenen Helden werden von der anderen Seite als Altäre für Terrorismus angesehen. Die Gesellschaft ist weiterhin gespalten: 97 % der Sozialwohnungen sind konfessionell getrennt und weniger als 9 % der Kinder besuchen gemischte Schulen. Die Angst vor dem Konflikt ist noch immer präsent, und in einigen Gegenden verbarrikadieren sich die Menschen nachts.
Derry/Londonderry und der Bloody Sunday
Derry/Londonderry ist eine Stadt, die besonders stark vom Konflikt traumatisiert wurde. Am 30. Januar 1972 eskalierte eine friedliche Demonstration der Bürgerrechtsbewegung, als britische Fallschirmjäger das Feuer eröffneten und 14 Menschen töteten. Dieses Ereignis ist als Bloody Sunday bekannt. Die Soldaten behaupteten, in Notwehr gehandelt zu haben, was jedoch von Zeugen widerlegt wurde. Eines der Opfer war Michael Kelly, der Bruder von John. John und die Familien der anderen Opfer gedenken jedes Jahr dieses Tages.
Forderung nach Gerechtigkeit
John weiß, dass sein Bruder unbewaffnet war und welcher Soldat ihn getötet hat (Soldat F). Er kritisiert, dass die Menschen in diesem Teil des Landes ignoriert werden und dass die Mörder nicht vor Gericht gestellt werden. Nach einer erneuten Untersuchung entschuldigte sich der britische Premierminister David Cameron im Jahr 2010. Soldat F wird strafrechtlich verfolgt, jedoch nicht wegen Michaels Fall.
Umgang mit der Vergangenheit
Ein lokaler Aktivist beauftragte ein Wandgemälde, das den diensthabenden Offizier am Tag des Massakers des Kriegsverbrechens beschuldigt, was jedoch auf Kritik stieß. Viele Nordiren sind der Meinung, dass man die alten Geschichten nicht aufwärmen sollte, da es jetzt Frieden gibt. Andere sind jedoch der Ansicht, dass dies ein wichtiger Teil der Geschichte ist, der nicht übertüncht werden darf.
Im Kontext des Textes stehen der Identitätskonflikt, die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und die Versöhnungsbemühungen im Mittelpunkt des kollektiven Gedächtnisses in Nordirland. Die Erinnerung an den Konflikt trennt die Gemeinschaften weiterhin, und die Auseinandersetzung mit traumatischen Ereignissen wie dem Bloody Sunday prägt das kollektive Gedächtnis. Gleichzeitig gibt es Bemühungen, durch Versöhnungsprogramme und Dialog Brücken zwischen den Gemeinschaften zu bauen.