Studiennotizen: Makroökonomie, Konjunktur & Beschäftigung
Makroökonomisches Symbol-Lexikon: Die Variablen verstehen
Produktion, Einkommen & Nachfrage (Mengen-Variablen in Euro):
: Produktion / Einkommen / BIP. Abgeleitet vom englischen „Yield“ (Ertrag). Es gilt die Identität: Produktion = Einkommen, da jeder produzierten Einheit ein entsprechendes Einkommen gegenübersteht.
: Gesamtnachfrage („demand“). Beschreibt die Menge an Gütern und Dienstleistungen, die eine Volkswirtschaft kaufen möchte.
: Konsum („consumption“). Konsumausgaben der privaten Haushalte.
: Investitionen. Hierbei handelt es sich um Käufe von Maschinen und Gebäuden durch Unternehmen, ausdrücklich nicht um den Kauf von Aktien.
: Staatsausgaben („government“). Ausgaben des Staates für Güter und Dienstleistungen.
: Steuern („taxes“). Bezeichnet die Steuern abzüglich der Transferzahlungen (Geld, das der Staat den Haushalten entzieht).
: Verfügbares Einkommen. Formel: . Dies ist der Betrag, der nach Steuern für Konsum oder Ersparnis übrig bleibt.
: Ersparnis („saving“). Einkommensteil, der nicht konsumiert wird.
, , : Nettoexporte (). In einer geschlossenen Volkswirtschaft ist dieser Wert gleich 0.
Merksatz: bedeutet, dass die gesamte Produktion von Haushalten, Firmen oder dem Staat gekauft wird.
Preise, Zinsen & Inflation:
: Preisniveau. Ein Durchschnittspreis aller Güter in der Volkswirtschaft.
: Erwartetes Preisniveau. Die Prognose der Marktteilnehmer über künftige Preise (wichtig für Lohnverhandlungen).
: Inflationsrate (pi). Die prozentuale Veränderungsrate des Preisniveaus pro Jahr.
: Erwartete Inflation.
: Nominalzins. Der „auf dem Papier“ stehende Zins (z. B. auf dem Sparbuch).
: Realzins. Formel: . Misst die tatsächliche Kaufkraftänderung.
: Anleihepreis („bond price“). Der aktuelle Marktkurs einer Anleihe.
Arbeitsmarkt-Variablen:
: Erwerbstätige („employed“). Personen mit bezahlter Beschäftigung.
: Erwerbslose („unemployed“). Personen ohne Job, die aktiv suchen.
: Erwerbspersonen. Summe aus Erwerbstätigen und Erwerbslosen: .
: Arbeitslosenquote. Anteil der Suchenden an allen Erwerbspersonen: .
: Natürliche Arbeitslosenquote (NAIRU). Die Arbeitslosigkeit, die auch bei normaler Konjunkturauslastung besteht.
: Nominallohn („wage“). Lohnbetrag in Euro.
: Reallohn. Die reale Menge an Gütern, die man für den Nominallohn kaufen kann.
: Institutionen-Sammelvariable. Erfasst Faktoren wie Arbeitslosengeld, Mindestlohn oder Gewerkschaftsmacht.
: Gewinnaufschlag („markup“). Der Aufschlag der Unternehmen auf ihre Kosten.
: Reagibilität. Gibt an, wie stark die Inflation auf Veränderungen der Arbeitslosigkeit reagiert.
Wachstum & Mathematische Symbole:
: Kapitalstock (Maschinen, Gebäude).
: Technologie / TFP (Total Factor Productivity). Ein Maß für die Effizienz der Produktion.
: Potenzial-BIP. Produktion bei Normalauslastung des Arbeitsmarktes ().
: Natürlicher Realzins. Zinssatz, bei dem gilt.
: Kapitalintensität (Kapital pro Beschäftigtem).
: Delta. Bezeichnet eine Veränderung (z. B. ).
Index : Zeitpunkt (z. B. für heute, für die Vorperiode).
: Wachstumsrate des BIP („growth“).
Die drei zentralen Makrovariablen und der Konjunkturverlauf
Definition der zentralen Kennzahlen:
BIP (): Gesamtwert aller Endprodukte (Güter und Dienstleistungen), die innerhalb eines Jahres in einer Volkswirtschaft produziert werden. Es vermeidet Doppelzählungen durch die Fokussierung auf den Endwert oder die Wertschöpfung.
Inflation (): Misst die Geschwindigkeit, mit der das allgemeine Preisniveau steigt.
Arbeitslosenquote (): Drückt den Anteil der aktiv Suchenden an der Gesamtzahl der Erwerbspersonen aus.
Wirtschaftliche Krisen und technische Rezession:
Eine technische Rezession liegt vor, wenn das reale BIP in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen schrumpft (negative Wachstumsraten).
In einer Krise passiert typischerweise folgendes: Das BIP sinkt, die Arbeitslosigkeit steigt (verzögert), und die Inflation nimmt aufgrund schwacher Nachfrage ab.
Datenquellen (Statistiken):
Destatis: Deutschland.
Eurostat: Europäische Union.
OECD: Industrieländer.
IWF (Internationaler Währungsfonds): Weltweit.
FRED (Federal Reserve Economic Data): USA.
Geld- und Fiskalpolitik
Konventionelle Geldpolitik:
Die Zentralbank steuert den Leitzins (). Senkungen kurbeln die Wirtschaft an, Erhöhungen bremsen sie.
Grenze: Die effektive Zinsuntergrenze (). Ein Nominalzins kann nicht deutlich unter null fallen, da Marktteilnehmer sonst einfach Bargeld halten würden (Zero Lower Bound).
Unkonventionelle Geldpolitik:
Wird eingesetzt, wenn der Leitzins bei 0 % liegt.
Qualitative Lockerung: Tausch von sicheren Staatsanleihen gegen illiquide Wertpapiere.
Quantitative Lockerung (QE): Großflächiger Kauf von Anleihen zur Ausweitung der Zentralbankbilanz.
Forward Guidance: Gezielte Steuerung der Erwartungen über künftige Zinsen.
Problematik der Eurozone:
Die EZB setzt einen Einheitszins für alle Mitgliedsländer („One size fits all“). Dies ist schwierig, da die Länder unterschiedliche Konjunkturlagen und Inflationsraten aufweisen können.
Berechnung und Analyse des Bruttoinlandsprodukts (BIP)
Die drei Seiten der BIP-Berechnung:
Entstehung: Summe der Wertschöpfungen (Verkaufserlös minus Vorleistungen) aller Unternehmen.
Verteilung: Summe aller Einkommen (Löhne und Gewinne).
Verwendung: Summe der Ausgaben ().
Nominales vs. reales BIP:
Das nominale BIP bewertet die Produktion zu laufenden Preisen (Menge mal aktueller Preis).
Das reale BIP bewertet die Produktion zu Preisen eines Basisjahres. Es bereinigt die Inflation und zeigt das echte Mengenwachstum.
BIP-Deflator und Inflation:
Der Deflator () ist das Verhältnis von nominalem zu realem BIP:
Die Inflationsrate () berechnet sich als:
Unterschied zwischen VPI und BIP-Deflator:
Der Verbraucherpreisindex (VPI) misst einen festen Warenkorb privater Haushalte (inkl. importierter Güter).
Der BIP-Deflator misst die Preise aller im Inland produzierten Güter (inkl. Investitionsgüter, exkl. Importe).
Der Arbeitsmarkt und fundamentale Gesetze
Gesetz von Okun:
Beschreibt den Zusammenhang zwischen BIP-Wachstum () und der Veränderung der Arbeitslosenquote ():
Wenn das Wachstum über dem Potenzialwachstum () liegt, sinkt die Arbeitslosenquote. In der Eurozone liegt dieser Schwellenwert bei etwa 1,1 %.
Kurzfristige Phillipskurve:
Zeigt einen negativen Zusammenhang zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit. Niedrige Arbeitslosigkeit führt zu höheren Löhnen und damit zu höherem Preisdruck.
Der Gütermarkt und das IS-Gleichgewicht
Güternachfrage () in der geschlossenen Wirtschaft:
Konsumfunktion:
: Autonomer Konsum (Einkommensunabhängig).
: Marginale Konsumneigung (0 < c_1 < 1). Gibt an, wie viel von einem zusätzlichen Euro ausgegeben wird.
Gleichgewichtseinkommen ():
Bedingung:
Herleitung:
Der Multiplikator ():
Da c_1 < 1, ist der Multiplikator immer größer als 1. Eine Erhöhung der autonomen Nachfrage führt zu einer kettenreaktionsartigen Steigerung des Gesamteinkommens.
Sparparadoxon (Paradox of Thrift):
Wenn alle Haushalte gleichzeitig mehr sparen ( sinkt), bricht die Nachfrage ein. Das Einkommen fällt über den Multiplikator so stark, dass die Gesamtersparnis am Ende gleich bleibt oder sogar sinkt.
Finanzmärkte und Zinsbestimmung
Geldnachfrage ():
Hängt positiv vom Realeinkommen () und negativ vom Nominalzins () ab:
Höhere Zinsen erhöhen die Opportunitätskosten der Geldhaltung, weshalb weniger Geld liquide gehalten wird.
Zusammenhang von Anleihekurs () und Zins ():
Für eine einjährige Anleihe mit einem Rückzahlwert von 100 Euro gilt:
Zins und Kurs bewegen sich immer gegenläufig.
Expansive Offenmarktoperation:
Die Zentralbank kauft Wertpapiere Geldmenge steigt Nachfrage nach Anleihen steigt Anleihekurse steigen Marktzins sinkt.
Das IS-LM-Modell
Die IS-Kurve (Gütermarkt):
Investitionsfunktion: . Investitionen sinken bei steigendem Zins.
Gleichung:
Die Kurve fällt im -Diagramm, da hohe Zinsen die Investitionstätigkeit dämpfen.
Die LM-Kurve (Geldmarkt):
Bei Zinssteuerung der Zentralbank ist die LM-Kurve eine waagerechte Linie beim Zielzins .
Bei Geldmengensteuerung steigt sie an: .
Wirtschaftspolitik im Modell:
Expansive Fiskalpolitik ( oder ): IS-Kurve verschiebt sich nach rechts. Einkommen steigt, Zins steigt (bei Geldmengensteuerung).
Crowding-out: Der durch höhere Nachfrage induzierte Zinsanstieg verdrängt private Investitionen teilweise.
Expansive Geldpolitik: Leitzins wird gesenkt, Investitionen und Einkommen steigen.
Finanzmärkte II: Risiken und Krisen
Fisher-Gleichung: Realzins . Für Investitionsentscheidungen ist nur der Realzins relevant.
Bankbilanz und Hebel (Leverage):
Hebel (Leverage) =
Eigenkapitalquote =
Ein hoher Hebel erhöht die Eigenkapitalrendite, steigert aber das Insolvenzrisiko bei Verlusten.
Risikoprämie ():
Zusatzaufschlag für das Ausfallrisiko . Der effektive Kreditzins für Unternehmen ist .
Formel:
In einer Finanzkrise steigt sprunghaft an, was die Investitionen einbrechen lässt (IS-Kurve verschiebt sich nach links).
Lohnsetzung, Preissetzung und NAIRU
Lohnsetzung (WS-Kurve):
Höhere Arbeitslosigkeit () senkt die Verhandlungsmacht und damit den Lohn.
Preissetzung (PS-Kurve):
Der Reallohn wird durch den Gewinnaufschlag bestimmt und ist unabhängig von .
Natürliche Arbeitslosigkeit ():
Schnittpunkt von WS und PS ():
Erweiterte Phillipskurve und IS-LM-PC-Modell
Erwartungserweiterte Phillipskurve:
Ist die Arbeitslosigkeit niedriger als die NAIRU (u < u_n), liegt die Inflation über der Erwartung.
Outputlücke und Phillipskurve:
Die Outputlücke ist .
Mittelfristiges Gleichgewicht:
Im mittelfristigen Gleichgewicht ist die Outputlücke null (), die Inflation ist stabil () und der Realzins entspricht dem natürlichen Realzins .
Wirtschaftswachstum
Wohlstandsmessung: Pro-Kopf-Produktion .
Konvergenz: Ärmere Länder wachsen oft schneller und holen reiche Länder ein, da sie von höheren Grenzerträgen des Kapitals profitieren.
Produktionsfunktion & Skalenerträge:
Konstante Skalenerträge: Verdopplung aller Inputs (, ) verdoppelt den Output ().
Abnehmende Grenzerträge: Erhöht man nur einen Input (z. B. Kapital pro Kopf ), steigt der Output immer langsamer an (f'' < 0).
Totale Faktorproduktivität (TFP):
Dauerhaftes Wachstum ist langfristig nur durch technologischen Fortschritt () möglich.
Mathematische Grundlagen für die Makroökonomik
Gleichungsumstellung: Jede Operation wird durch ihre Gegenoperation neutralisiert (; ; ).
Ausklammern: Wichtig für die Multiplikatorherleitung: .
Prozente & Basispunkte:
Eine Änderung von 4 % auf 6 % sind +2 Prozentpunkte, aber +50 % relative Änderung.
100 Basispunkte (bp) = 1 Prozentpunkt.
Wachstumsraten:
Geometrisches Mittel:
Logarithmen: Verwandeln Produkte in Summen: . Für kleine Raten gilt: .
Ableitungen & Differentiale:
Potenzregel: .
Totales Differential zur Ermittlung von Multiplikatoren: