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Außenpolitik unter Rathenau und Stresemann

Einleitung

  • Die Weimarer Republik war durch hohe Reparationsforderungen belastet, was zu einem gestörten Verhältnis zu den Siegermächten führte.

  • Deutschland war nach dem Ersten Weltkrieg außenpolitisch isoliert.

  • Ziel dieses Kapitels: Weg Deutschlands zurück in die Staatengemeinschaft.

  • Problem der Reparationen bis 1932 gelöst.

4.1 Vom Londoner Ultimatum bis zum Vertrag von Rapallo

Londoner Ultimatum
  • Am 27. April 1921 setzte die Reparationskommission eine Summe von 132 Milliarden Goldmark für Reparationen fest.

  • Das Deutsche Reich wurde am 5. Mai 1921 durch das Londoner Ultimatum gezwungen, diese Forderung anzunehmen.

  • Die Siegermächte drohten mit einer Wiederaufnahme der Blockade und der Besetzung des Ruhrgebiets.

  • Verpflichtungen des Ultimatums:

    • jährliche Zahlung von 2 Milliarden Goldmark

    • 26 % des Ausfuhrerlöses

    • Zahlung einer Goldmilliarde innerhalb von 25 Tagen.

  • Walter Rathenau, der Wiederaufbauminister, bezeichnete das Ultimatum als undurchführbar und unmoralisch, akzeptierte es jedoch aus außenpolitischen Gründen.

  • Rathenau argumentierte, die Unerfüllbarkeit der Forderungen müsse durch den Versuch Deutschlands, bis zur Grenze seiner Möglichkeiten zu zahlen, deutlich gemacht werden.

  • Nach Zahlung der ersten Milliarde musste Deutschland ein Moratorium (Zahlungsaufschub) nachsuchen, was von den Franzosen als Versuch, sich Verpflichtungen zu entziehen, abgelehnt wurde.

Konferenz von Genua
  • Im April und Mai 1922 fand die Konferenz von Genua statt, an der auch die Sowjetunion beteiligt war.

  • Ziel war die Regelung der internationalen Wirtschafts- und Reparationsfragen.

  • Es gelang nicht, das deutsche Reparationsproblem zu lösen; Rathenau wies jedoch auf die Begrenzung der deutschen Zahlungsfähigkeit hin.

Vertrag von Rapallo 1922
  • Während der Konferenz von Genua wird überraschend ein Vertrag zwischen Deutschland und der Sowjetunion (Vertrag von Rapallo) abgeschlossen.

  • Beide Staaten verzichteten gegenseitig auf den Ersatz der Kriegskosten und Kriegsschäden.

  • Deutschland hoffte, damit einen ersten Schritt zur Revision des Versailler Vertrages gemacht zu haben.

  • Die Vereinbarung wurde von England und Frankreich mit Sorge betrachtet, der französische Ministerpräsident sah darin eine „Bedrohung des Friedens“.

Politische Morde
  • Walter Rathenau wurde am 24. Juni 1922 von nationalistischen Rechten wegen seiner jüdischen Abstammung und seiner „Erfüllungspolitik“ ermordet.

  • Zehn Monate zuvor war Matthias Erzberger ermordet worden, ebenfalls von rechtsradikaler Seite, für den Abschluss des Waffenstillstands und des Friedensvertrages.

4.2 Stresemanns Verständigungspolitik

Ziele Stresemanns
  • Nach dem Ende der Inflation im November 1923 wurde Stresemann Außenminister und blieb es bis zu seinem Tod 1929.

  • Er strebte innenpolitische Ruhe, wirtschaftlichen Aufstieg und außenpolitische Anerkennung an, insbesondere durch Verständigung mit ehemaligen Gegnern.

  • Die Entspannung der deutsch-französischen Beziehungen wurde zum zentralen Thema seiner Außenpolitik.

Dawes-Plan 1924
  • Der Dawes-Plan wurde von dem amerikanischen Bankier Charles G. Dawes formuliert und sah vor, dass Reparationszahlungen nur aus wirtschaftlichen Überschüssen geleistet werden sollten.

  • Um die deutsche Wirtschaft zu stabilisieren, stellte das Ausland Kredite zur Verfügung, beispielsweise eine Anleihe von 800 Millionen Goldmark.

  • Die Gesamtanzahl der Reparationszahlungen wurde im Dawes-Plan nicht festgelegt, lediglich jährliche Raten.

  • Bis 1928 sollten die Raten zwischen 1 und 1,75 Milliarden Mark liegen, ab dann sollten sie 2,5 Milliarden Mark betragen.

Deutschland und Frankreich
  • Frankreichs Sicherheitsbedürfnis war nach wie vor unbefriedigt; es stellte 1925 die nördliche Besatzungszone im Rheinland nicht frei.

  • Stresemann begegnete dem französischen Wunsch nach Sicherheit durch die Garantie der deutschen Westgrenzen.

Vertrag von Locarno 1925
  • Deutschland, Frankreich und Belgien einigten sich, auf eine Veränderung der bestehenden Grenzen zu verzichten. England und Italien übernahmen hierfür die Garantie.

  • Dies bedeutete Deutschlands endgültigen Verzicht auf Elsass-Lothringen.

  • Sicherheit der deutschen Ostgrenzen wurde ebenfalls betont, ohne allerdings mit Gewalt zu agieren.

  • Frankreich schloss Beistandspakte mit Polen und der Tschechoslowakei, um ihre Sicherheit zu stärken.

  • Der „Geist von Locarno“ führte zu einem Wandel in den deutsch-französischen Beziehungen: Versöhnung anstelle von Hass.

Briand als Partner
  • Der französische Außenminister Aristide Briand spielte eine wichtige Rolle in der Versöhnungspolitik.

  • Stresemann und Briand erhielten 1926 den Friedensnobelpreis, ernteten jedoch auch Widerstand in ihren Ländern.

Berliner Vertrag mit der Sowjetunion 1926
  • Um das Misstrauen der Sowjets bezüglich des Locarno-Vertrags zu beseitigen, schloss Stresemann im Juni 1926 einen Freundschaftsvertrag mit der Sowjetunion.

  • Deutschland und die Sowjetunion einigten sich darauf, in keinem Krieg gegen den jeweiligen Partner zu kämpfen.

Deutschlands Eintritt in den Völkerbund 1926
  • Am 8. September 1926 wurde Deutschland einstimmig in den Völkerbund aufgenommen, was einen Erfolg für Stresemanns Verständigungspolitik darstellte.

  • Stresemann hoffte auf Zugeständnisse von Frankreich, die jedoch nicht Realität wurden.

Kriegsächtung durch den Kellogg-Pakt 1928
  • Der Kellogg-Pakt, unterzeichnet von Stresemann und 14 weiteren Nationen, verpflichtete die Unterzeichner zur Ächtung des Krieges.

Reparationsfrage
  • 1928 wurden die jährlichen Zahlungen für Deutschland auf 2,5 Milliarden Mark festgelegt.

  • Der Young-Plan wurde 1929 formuliert, wobei das Ende der Zahlungen auf 1988 festgesetzt wurde.

  • Mit der Auflösung der alliierten Reparationskommission erlangte Deutschland finanzielle und wirtschaftliche Selbständigkeit.

Ende der Reparationen 1932
  • Auf der Konferenz von Lausanne wurden 1932 alle Reparationsforderungen fallengelassen.

Bilanz der Reparationen
  • Deutschland leistete bis 1930 Reparationen in Höhe von ca. 36 Milliarden Goldmark.

  • Gleichzeitig flossen 28 Milliarden Reichsmark als Kapitalimporte nach Deutschland.

  • Die innenpolitischen Folgen und Belastungen der internationalen Finanzmärkte sind nicht zu unterschätzen.

Zusammenfassung

  • Die Außenpolitik der Weimarer Republik war darauf ausgelegt, Deutschland als gleichberechtigten Partner ins Staaten-system zu integrieren und die Folgen des Versailler Vertrages zu revidieren.

  • Dies geschah durch die Verträge von Rapallo (1922) und Berlin (1926), während die Westgrenze durch den Vertrag von Locarno (1925) garantiert wurde.

  • Stresemann führte die Republik durch die Verständigung mit Frankreich in den Völkerbund, senkte die jährlichen Reparationsleistungen nach dem Dawes-Plan ab 1924 und regelte sie mit dem Young-Plan (1929).

  • Letztlich wurden die Reparationen 1932 auf der Konferenz von Lausanne endgültig fallen gelassen.