Studiennotizen: Peter Preisendörfer - Organisationssoziologie

Einführung in die Organisationssoziologie

  • Definition und Aufgabenbereich: Die Organisationssoziologie ist eine spezielle Soziologie (Bindestrich-Soziologie), die sich mit der Deskription, Erklärung und Gestaltung bzw. Steuerung von Organisationen beschäftigt. Sie arbeitet interdisziplinär an der Schnittstelle von Soziologie, Ökonomie und Psychologie.

  • Internationale Entwicklung: Etablierung primär nach dem Zweiten Weltkrieg mit Schwerpunkt in den USA. Zentrale Publikationsmedien sind Zeitschriften wie das Administrative Science Quarterly, Organization Science, Organization Studies und das Academy of Management Journal. Bedeutende Impulse lieferten Ökonomie-Nobelpreisträger wie Herbert Simon, Ronald Coase und Oliver Williamson.

  • Thematische Aufgaben:

    • Deskription: Aufdeckung von Regelhaftigkeiten in Prozessen und Erstellung kategorialer Raster zur Erfassung von Strukturen (z. B. Fallstudien vs. quantitativ vergleichende Untersuchungen).

    • Erklärung: Beantwortung von Kernfragen wie „Warum gibt es überhaupt Organisationen?“ (Coase: Marktversagen) oder „Why are organizations such a mess?“ (Gibbons).

    • Gestaltung: Verwendung des Wissens als Sozialtechnologie, wobei die Steuerung schwierig ist, da Organisationen Kollektivveranstaltungen mit eigeninteressierten Akteuren sind.

  • Organisationsbegriff: Die Forschung verwendet einen „weiten“ Organisationsbegriff (Enumerativdefinition), der vom Militär und Behörden bis hin zu Nachbarschaftsclubs reicht. Gemeinsame Problemstellungen über alle Formen hinweg sind Zielsetzung, Mitgliederrekrutierung, Motivation, Arbeitsteilung und Koordination.

  • Relevanz: Wir leben in einer „Organisationsgesellschaft“ (Presthus), in der Organisationen das Dasein von der Wiege bis zur Bahre prägen.

  • Analyssystematik nach Scott und Davis (2007):

    • Sozialpsychologische Ebene: Individuelles Verhalten im Organisationskontext (Leistung, Mobbing, Zufriedenheit).

    • Strukturelle Ebene: Gruppen, Abteilungen oder die Gesamtorganisation (Konflikte, Wandel, Zentralisierung).

    • Ökologische Ebene: Organisationslandschaften und zwischenbetriebliche Netzwerke.

  • Gareth Morgans Bilder der Organisation (2006): Maschinen, Organismen, Gehirne, Kulturen, politische Systeme, psychische Gefängnisse, Fluss und Transformation, Machtinstrumente.

Erklärung von Organisationen I: Das Modell der Ressourcenzusammenlegung

  • Theoretische Basis: Geht auf James Coleman (1974, 1990) und Viktor Vanberg (1982) zurück.

  • Grundidee: Korporative Akteure (juristische Personen) entstehen durch das Zusammenlegen von Ressourcen (r1,,rmr_1, \dots, r_m) der individuellen Akteure in einen Pool (RR). Aus der Disposition über diesen Pool resultiert ein Korporationsertrag (EE), der als (e1,,eme_1, \dots, e_m) verteilt wird.

  • Initiierungs- und Beteiligungsproblem:

    • Die Gründung einer Organisation hat oft den Charakter eines öffentlichen Gutes. Es besteht ein Anreiz zum Trittbrettfahren (Free-Rider-Problem), besonders in großen, homogenen Gruppen.

    • Lösungen: Selektive Anreize (Olson) oder das Auftreten politischer Unternehmer, die über eine hohe intrinsische Motivation verfügen oder deren Kosten für die Organisationsleistung niedrig sind.

    • Eintrittskalkül: Vergleich von Nutzen und Kosten. Viele Stellen haben den Charakter eines Erfahrungsgutes (Eigenschaften erst nach Eintritt voll erkennbar).

    • Verbleibskalkül: Albert Hirschman unterscheidet zwischen Abwanderung (Exit) und Widerspruch (Voice). Hohe Austrittshürden (Reusenstrukturen) provozieren mehr Voice.

  • Entscheidungsproblem:

    • Übergang von individueller zu kollektiver Entscheidung führt zur Begründung von Macht und Herrschaft.

    • Gegensätzliche Interessen: Wunsch nach Verhinderung unerwünschter Ressourceneinsätze (Einstimmigkeit) vs. Wunsch nach wirksamem Ressourceneinsatz (Jedermann-Regel).

    • Social Choice Forschung: Kenneth Arrows Unmöglichkeitstheorem besagt, dass es kein ideales Abstimmungsverfahren gibt, das alle Anforderungen an Transitivität und Fairness erfüllt.

    • Condorcet-Paradox: Bei drei Wählern mit zyklischen Präferenzen (A > B > C, C > A > B, B > C > A) führt Mehrheitsentscheid zu inkonsistenten Ergebnissen.

    • Beispiel Hauptstadtentscheid 1991: Wolfgang Leininger (1993) zeigte, dass die Gestaltung der Agenda im Bundestag das Ergebnis Berlin vs. Bonn maßgeblich beeinflusste.

  • Verteilungsproblem:

    • Anreiz-Beitrags-Gleichgewicht: Bei Fixeinkommen besteht Neigung zum Bummeln (Shirking).

    • Schwierigkeit der Zurechnung individueller Leistungen zum Gesamtertrag.

Erklärung von Organisationen II: Der Transaktionskostenansatz

  • Theoretische Basis: Ronald Coase (1937) und Oliver Williamson (1975).

  • Akteurmodell: Begrenzte Rationalität (Simon) und Neigung zu Opportunismus (Tricks, Lug und Trug).

  • Grundfrage: Warum werden Transaktionen (Austauschprozesse) oft in Hierarchien (Organisationen) und nicht über den Markt abgewickelt?

  • Zentrale Hypothese: Es setzt sich das institutionelle Arrangement durch, das die Summe aus Produktions- und Transaktionskosten minimiert.

  • Bestimmungsfaktoren der Transaktionskosten:

    • Transaktionsspezifische Investitionen (Asset Specificity): Vorleistungen wie Standorte, Spezialmaschinen oder Humankapital, die nur in dieser Beziehung wertvoll sind. Führt zum „Lock-in“-Effekt oder „Hold-up“-Problem.

    • Unsicherheit und Komplexität: Unvorhersehbare Umweltänderungen oder Verhaltensunsicherheit der Partner.

    • Häufigkeit: Wiederholte Transaktionen senken Kosten durch Erfahrung, können aber durch den Investitionseffekt (genaueres Prüfen) auch Kosten erhöhen.

  • Vertragstypen: Klassisch (Markt), Neoklassisch (Hybride wie Franchising oder Joint Ventures), Relational (Hierarchie).

  • Fallbeispiel Fisher Body & General Motors: 1919 schloss GM einen 10-Jahres-Vertrag mit FB für Metallkarosserien (Abnahmepreis 118%118\% der Herstellungskosten). Trotz detaillierter Verträge kam es zu Konflikten durch Umweltänderungen (Boom der Metallkarosserien), was 1926 zur vertikalen Integration (Aufkauf durch GM) führte.

  • Kritik: Machtverhältnisse können ineffiziente Strukturen perpetuieren; Pfadabhängigkeit (Verfahren folgen historischen Weichenstellungen statt aktueller Effizienz); zirkuläre Argumentation (Phänomen wird beobachtet und nachträglich durch Transaktionskostenersparnis begründet).

Basiselemente von Organisationen

  • Hardware: Räumlich-sachliche Ausstattung (Technik). Debatte über technologischen Determinismus (Technik bestimmt Struktur).

  • Mitglieder und Beteiligte: Problem der Organisationsgrenzen. Systemtheorie (Luhmann) sieht Organisationen als prozessuale Selbstbehauptung durch Grenzziehung (Mitglieder geben Autonomie für Partialinklusion auf). Stakeholder-Konzepte unterscheiden interne (Leitung, Personal) und externe Anspruchsgruppen (Kunden, Staat).

  • Organisationsziele: Funktionen umfassen Motivation, Erfolgskontrolle, Entscheidungshilfe und Legitimation im Außenverhältnis.

    • Kritik: Herbert Simon betont, dass Ziele oft erst aus den tatsächlichen Entscheidungsprozessen erschlossen werden können (Inferenz).

  • Dimensionen der formalen Struktur (Kieser/Walgenbach):

    • Arbeitsteilung: Spezialisierung nach Verrichtungen (funktional) oder Objekten (divisional).

    • Koordination: Persönliche Weisung, Selbstabstimmung, Programme, Pläne, organisationsinterne Märkte, Kultur.

    • Hierarchie (Konfiguration): Hierarchietiefe (Stufen), Leitungsspanne (Untergebene pro Chef), Leitungsintensität.

    • Delegation: Ausmaß der faktischen Dezentralisierung.

    • Formalisierung: Schriftliche Fixierung von Regeln und Informationsflüssen.

  • Organisationsumwelt:

    • Aufgabenumwelt: Direkte Austauschbeziehungen (Netzwerk).

    • Domäne: Branche, Wettbewerbsintensität, Unternehmenskonzentration.

    • Dimensionen: Munifizienz (Ressourcenreichtum), Dynamik (Vorhersehbarkeit), Komplexität.

Kontingenztheorie: Der situative Ansatz

  • Programm: Sucht nach empirischen Regelhaftigkeiten zwischen der Situation (Kontext) und der Struktur. Struktur-Situations-Konfigurationen bestimmen das Verhalten und damit die Effizienz.

  • Methode: Stichprobenbasierte Organisationsforschung, multivariate Regressionsanalysen, Pfadmodelle.

  • Zentrale Ergebnisse:

    • Größeneffekte: Mit zunehmender Größe steigt die Differenzierung degressiv an; der relative Verwaltungsaufwand sinkt oft.

    • Technologie (Woodward): Zusammenhang zwischen Fertigungstechnik (Einzel-, Massen-, Prozessfertigung) und Struktur. Qualifikationsanforderungen verlaufen u-förmig.

    • Umwelt (Burns/Stalker): In stabilen Umwelten sind mechanistische Strukturen effizient, in dynamischen Umwelten organische.

  • Kritik: Mangelnde Mikrofundierung (Akteure fehlen); Vernachlässigung von Machtprozessen; Querschnittsdaten erlauben keinen endgültigen Kausalschluss.

Organisationskonzeptionen: Rationale, Natürliche und Offene Systeme

  • Rationale Systeme: Fokus auf Zielgerichtetheit und Planmäßigkeit.

    • Max Weber (Bürokratie): Idealtyp mit festen Kompetenzen, Amtshierarchie, Regelgebundenheit, Aktenmäßigkeit und Fachschulung. Technisch überlegen, aber Gefahr des „stahlharten Gehäuses“.

    • Frederick Taylor (Scientific Management): Trennung von Hand- und Kopfarbeit, Zeit- und Bewegungsstudien, Pensum und Bonus. Systematische Personalauswahl.

    • Agency-Theorie: Untersucht die Prinzipal-Agenten-Beziehung unter Asymmetrie. Probleme: Moral Hazard (nach Vertragsschluss) und Adverse Selection (vor Vertragsschluss). Instrumente: Überwachung (Monitoring), Anreizverträge, Senioritätsentlohnung (Bonding).

  • Natürliche Systeme: Fokus auf faktisches Verhalten und informelle Strukturen.

    • Human-Relations-Schule: Hawthorne-Studien (1924-1932). Entdeckung informeller Gruppennormen, des Hawthorne-Effekts (Reaktivität) und der Bedeutung des Betriebsklimas für die Produktivität.

    • Verhaltenswissenschaftliche Entscheidungstheorie: Bounded Rationality (Simon). Garbage-Can-Modell (Cohen/March/Olsen): Entscheidungen entstehen oft aus dem zufälligen Aufeinandertreffen von Problemen, Lösungen, Teilnehmern und Gelegenheiten (organisierte Anarchie).

    • Mikropolitik: Organisationen als politische Arenen, in denen Akteure ihre Interessen durch strategisches Handeln und Koalitionsbildung verfolgen.

  • Offene Systeme: Fokus auf Umweltabhängigkeit.

    • Ressourcen-Abhängigkeits-Ansatz (Pfeffer/Salancik): Organisationen versuchen, Abhängigkeiten durch Integration, Kooperation oder politische Einflussnahme zu minimieren.

    • Organisationsökologie (Hannan/Freeman): Selektion wichtiger als Adaptation. Konzepte: Liability of Newness (erhöhtes Sterberisiko junger Organisationen), Nischenstrategien, strukturelle Trägheit (Inertia).

    • Neo-Institutionalismus (Meyer/Rowan, DiMaggio/Powell): Organisationen streben nach Legitimität statt nach Effizienz. Es kommt zur Isomorphie (Strukturangleichung) durch Zwang (Staat), Imitation (Unsicherheit) oder normativen Druck (Professionen). Formalstrukturen dienen oft nur als Fassade (Decoupling).

Organisationen und Gesellschaft

  • Effekte auf Individuen: Organisationen verbessern Lebenschancen durch kollektive Leistung und Interessenvertretung, können aber auch Entfremdung, Ausbeutung und psychische Belastungen (Verantwortungsdruck) verursachen.

  • George Ritzer (McDonaldisierung): Ausbreitung von Effizienz, Berechenbarkeit, Vorhersagbarkeit und Kontrolle über Menschen in alle Lebensbereiche (Schule, Medizin, Freizeit).

  • Gesellschaftliche Integration: Bündelung von Interessen, Institutionalisierung von Konflikten, Schaffung von Stabilität.

  • Desintegration: Blockierte Gesellschaft (Crozier), institutionelle Sklerose (Olson), begrenzte Resonanzfähigkeit ausdifferenzierter Systeme (Luhmann).

  • Die asymmetrische Gesellschaft (James Coleman):

    • Zunahme korporativer Akteure in Zahl und Ressourcenbesitz.

    • Interaktionen zwischen Individuen und korporativen Akteuren sind oft gestört durch Informationsasymmetrien und Ungleichgewicht in den Rechtsansprüchen.

    • Ansatzpunkte zur Restitution individueller Macht: Staat als Regelsetzer (statt Beschützer), interne Reorganisation (Coaching-Systeme, Dezentralisierung, Repersonalisierung), Individualstärkung (Voucher-Systeme, frühzeitiges Sozialisationstraining im Umgang mit Organisationen).