Einführung in die Theaterwissenschaft: Grundbegriffe, Geschichte und Analyse
Was ist Theater? – Videobeispiele und Grundfragen
Die Vorlesung beginnt mit einer Gegenüberstellung verschiedener performativer Formate, um die Grenzen des Theaterbegriffs auszuloten:
Match 1:
A Love Supreme (2017): Eine Choreografie von Salva Sanchis und Anne Teresa De Keersmaeker / Rosas.
Taichi Practice im Kowloon Park: Eine alltägliche/rituelle Bewegungspraxis im öffentlichen Raum.
Waka Waka Flashmob: Der größte Flashmob in den Niederlanden.
Match 2:
Wagner - Liebestod: Hochkulturelle Operninszenierung.
Wodka für die Königin: Eine populärkulturelle/parodistische Herangehensweise.
Match 3:
Jongmyo Daeje (Korea): Ein rituelles Ahnenopfer.
Egungun: Maskenrituale.
Fronleichnamsprozession: Religiöser Umzug.
Zentrale Fragestellungen zur Performance:
Welche theatralen Elemente sind vorhanden?
Wer ist das Publikum? Sind Menschen, die ein Video ansehen, bereits das Publikum der ursprünglichen Handlung?
Benötigt ein Taichi-Kurs ein Publikum, um als Theater zu gelten?
Ist ein Flashmob Theater, wenn die Umstehenden nicht wissen, dass sie Teil einer Inszenierung sind?
Die Dimensionen von High Culture vs. Low Culture (z. B. Oper vs. Parodie) und deren Effekte auf Emotionen werden thematisiert.
Der dynamische Theaterbegriff und das Modell von Andreas Kotte
Der Theaterbegriff ist ein dynamischer Begriff, der ein ständig wechselndes Repertoire an Phänomenen umfasst.
Es existiert kein universeller Theaterbegriff; die Bezeichnung eines Vorgangs als "Theater" ist ein permanenter Aushandlungsprozess.
Ein "enger Theaterbegriff" wird kritisch gesehen, da er den Zugang zur Wissenschaft erschwert und Hierarchien (z. B. westliche Tradition vs. Rituale) manifestiert.
Kategorien nach Andreas Kotte (Szenische Vorgänge):
Verhalten: Die allgemeinste, unspezifische Beziehung von Lebewesen zur Umwelt (z. B. Gähnen, Husten).
Situation: Die kompakteste Einheit menschlichen Handelns; eine Beziehung zwischen Menschen zur gleichen Zeit am gleichen Ort (interaktive Konstellation).
Vorgänge: Entstehen, wenn Situationen in Bewegung geraten.
Szenische Vorgänge: Eine Teilmenge der äußeren Vorgänge, von denen manche als "Theater" bezeichnet werden.
Kriterien für Theater (nach Kotte):
1. Hervorhebung: Räumlich, dinglich, gestisch oder akustisch.
2. Konsequenzverminderung: Handlungen haben im Spiel nicht die gleichen realen Folgen wie im Ernstfall (z. B. ein Bühnentod führt nicht zum echten Tod).
Analysemodell der äußeren Vorgänge (Matrix)
Kotte unterscheidet vier Typen von Vorgängen basierend auf Hervorhebung und Konsequenzverminderung:
1. Nicht hervorgehoben / Nicht konsequenzvermindert: Alltagshandlungen (z. B. gemeinsames Essen, Legobauen). Das Ziel ist real (Sättigung).
2. Hervorgehoben / Nicht konsequenzvermindert: Ereignisse wie Feuerwehreinsätze (Sirene, aber echter Wasserschaden) oder Gladiatorenkämpfe (Show, aber echte Gewalt/Tod).
3. Nicht hervorgehoben / Konsequenzvermindert: Spieleabende oder Escape Rooms. Niemand kauft wirklich die Schlossallee; die Risiken sind simuliert.
4. Hervorgehoben / Konsequenzvermindert: Hierzu zählen viele Formen des Theaters (z. B. eine Hamlet-Aufführung). Dies erfordert zwingend ein Publikum.
Vorteile des Kotte-Modells:
Unideologisch und offen für vielfältige Formen (keine normative Setzung).
Induktiv (Bottom-up): Theorie entsteht aus der Beobachtung der Praxis.
Zeitunabhängig und geografisch breit anwendbar (nicht auf das westliche Drama beschränkt).
Nachteile des Kotte-Modells:
Vernachlässigt kulturspezifische Kontexte.
Greift weniger bei postdramatischen oder konzeptuellen Formen (Performancekunst), wo die Grenze zwischen Agierenden und Publikum verschwimmt.
Die subjektive Positionalität der beobachtenden Person wird nicht mit einbezogen.
Geschichte der Theaterwissenschaft: Institutionalisierung und Ideologie
Entwicklungsphasen:
18.–19. Jh.: Vorläufer in Ästhetik und Literatur (Lessing, Schiller, Goethe), aber kein eigenständiges Fach.
Um 1900: Gründung als Disziplin durch Max Herrmann (1923 Institut in Berlin). Fokus auf Forschungen zur Theatergeschichte.
NS-Zeit: Ideologische Vereinnahmung und starker Fokus auf europäische Dramengeschichte.
Nach 1945: Neugründung und Einflüsse aus Soziologie, Semiotik und Cultural Studies.
Das Institut in Wien (gegründet 1943):
War ursprünglich ein Propagandainstrument des NS-Regimes.
Erster Professor war Heinz Kindermann, ein NSDAP-Mitglied.
Kindermann wurde nach dem Krieg seiner Position enthoben, durfte aber in den 1950ern zurückkehren.
Sein Hauptwerk: Die mehrbändige Theatergeschichte Europas (1956–1966), die versuchte, Inszenierung, Architektur und Kulturgeschichte monumentaler darzustellen, jedoch lange seine NS-Vergangenheit ausklammerte.
Ab ca. 1970/80 öffnete sich das Fach den Performance Studies und der Medienwissenschaft.
Konzepte der Aufführungsanalyse
Der Gegenstand der Theaterwissenschaft ist ephemer (kurzlebig), wandelbar und basiert auf Co-Präsenz.
Theatre Text (nach Heed): Bezeichnet nicht das geschriebene Skript, sondern die Synthese aller Zeichen während der Aufführung (Bilder, Töne, Gesten, Rhythmus). Ein Theatertext wird nicht gelesen, sondern in Raum und Zeit erfahren.
Psychic Polyphony (nach Carlson): Beschreibt die vielschichtige psychologische Präsenz aller Charaktere auf der Bühne.
Erzeugt komplexe emotionale Resonanz.
Ermöglicht Interpretationsfreiheit für das Publikum.
Erzeugt ein intensives Realitätsgefühl ("echte Menschen hier und jetzt").
Das triadische System: Presented object (Gegenstand/Werk) – Performer – Perceiving subject (Zuschauer). Bedeutung entsteht nur im Dialog zwischen diesen drei Instanzen.
Rezeptionsforschung: Reaktionen des Publikums
Audience Research vs. Reception Studies:
Audience Research: Eher marktorientiert (Zahlen, Wünsche der Zuschauer).
Reception Studies: Untersuchen, was während der Aufführung tatsächlich passiert.
Ebenen der Rezeption:
Makro-Ebene: Der Social Frame (nach Goffman). Der Theaterbesuch beginnt nicht erst mit dem ersten Satz, sondern umfasst Ankunft, Erwartungen und den sozialen Rahmen.
Mikro-Ebene: Physiologische und somatische Reaktionen (Herzschlag, Atmung, Eyetracking) sowie intellektuelle und emotionale Erfahrungen. Auch körperliche Reaktionen sind kulturell und medial vorgeprägt.
Anthropologische Perspektiven im 20. Jahrhundert
Source Culture (nach Pavis): Bestimmt den Rahmen und die Lesbarkeit einer Aufführung für ein Zielpublikum (wichtig bei transkulturellen Transfers).
Verschiebungen in der Theaterpraxis:
Weg von der Textdominanz hin zum Fokus auf Körper und Raum.
Experimente mit interkulturellem Theater (Gefahr der Cultural Appropriation / kulturellen Aneignung).
Streben nach "Echtheit" und Ritualität, oft verbunden mit kolonialistischen Begriffen wie "Primitivität".
Aufbrechen von Raumhierarchien (Bühne vs. Zuschauerraum).
Die Poetik des Aristoteles
Aristoteles verfasste mit der Poetik einen Regelentwurf für die Dichtkunst, primär für die Tragödie.
Zentrale Punkte:
Dichtung als Mimesis (Nachahmung). Menschen lernen durch Nachahmung und empfinden dabei Freude.
Die 6 Elemente der Tragödie (hierarchisch): 1. Handlung (mythos), 2. Charaktere, 3. Sprachliche Gestaltung, 4. Denkweise, 5. Lieddichtung, 6. Aufführung (für Aristoteles das unwesentlichste Element).
Ziel der Tragödie: Erzeugung von Reinigung (Katharsis) durch (Furcht) und (Mitleid).
Kritik an Aristoteles (Florence Dupont):
Sie nennt ihn den "Vampir des westlichen Theaters".
Die "drei Revolutionen" führten dazu, dass das Spiel dem Text unterworfen wurde und das gemeinsame rhythmische Erlebnis (der Chor als Verbindung zur Realität) verloren ging.
Lope de Vega und das spanische Golden Age
Lope de Vega (1562–1635) vertrat ein praxisnahes Modell (Arte nuevo de hacer comedias):
Orientierung am Publikumgeschmack statt an antiken Regeln.
Standardformat der Comedia: Drei Aufzüge, wechselnde Versmaße, Mischung aus Ernsthaftigkeit und Heiterkeit (Tragikomödie).
Er definierte Elemente wie Dramaturgie (Stand der Figuren), Text (Sprachwitz, mujer varoníl) und Ausstattung als erfolgsentscheidend.
Theorie und Praxis sind bei ihm untrennbar verbunden.
Schauspielstile nach Gerda Baumbach
Baumbach unterscheidet historisch gewachsene Stile in Europa:
Comödienstil (ab 12. Jh.): Kunstfigur, starke Körperbetonung, Groteske, Kommunikation mit dem Publikum, keine psychologische Tiefe.
Rhetorischer Stil (ab 16. Jh.): Fokus auf Sprache und Körperbeherrschung, frontale Demonstration einer Figur, Text steht im Vordergrund.
Veristischer Stil (ab 18. Jh.): Streben nach Natürlichkeit und psychologischer Glaubwürdigkeit. Schauspieler verschwindet hinter der Rolle (Method Acting), vierte Wand ist geschlossen.
Konzept des "doppelten Ortes":
Theater existiert gleichzeitig auf der Realitätsebene (Akteure treffen Publikum) und der Fiktionsebene.
Drei Ebenen des Schauspiels interagieren: 1. Privatmensch, 2. Kunstfigur/Persona, 3. Dargestellte Figur.
Theaterhistoriographie und Theatralität (Münz)
Theatergeschichte vs. Historiographie:
Geschichte: Rekonstruktion von Fakten.
Historiographie: Reflektion der Methoden, Perspektiven und der Subjektivität der Quellen (das "Eisbergmodell").
Rudolf Münz: Leipziger Theatralitätsgefüge:
Theatralität als gesellschaftliche Praxis (Spielen und Zuschauen).
Strukturtypen nach Münz:
1. Lebenstheater: Alltägliche Selbstdarstellung und soziale Rollen (Kleidung, Habitus, Rituale).
2. Kunsttheater (Dramatisches Theater): Institutionalisierte Kunstform mit professionellem Anspruch.
3. Theaterspiel: Grenzbereich zwischen Alltag und Kunst (Pädagogik, populäre Feste).
4. Nicht-Theater: Grundsätzliche Ablehnung von Maskerade und Spiel aus moralischen oder religiösen Gründen (Streben nach absoluter "Wahrhaftigkeit").
Performance Theory
Performative Turn (1990er): Verschiebung des Fokus vom System zum Prozess, von der Struktur zum Verhalten.
Simon Shepherd:
Performance ist eine "sensuous practice".
Grenzt Performance von reinem Schauspiel ab; es umfasst kulturelle und soziale Handlungen.
Beeinflusst durch Goffman (Soziologie), Turner (Ethnologie: social drama) und Butler (Gender Performativität: Identität als Wiederholung von Handlungen).
Gesellschaft wird nicht mehr als Maschine, sondern als Spiel oder Text verstanden.