Wechselwirkungen (Interactions) - Notes

Was ist eine Wechselwirkung?

  • Eine Wechselwirkung (Interaktion) tritt auf, wenn mindestens zwei oder mehr Medikamente gleichzeitig oder fast gleichzeitig eingenommen werden.
  • Medikamente können sich in ihrer Wirkung verstärken, abschwächen oder aufheben.
  • Wechselwirkungen können auch zwischen Medikamenten und Nahrungsmitteln (z.B. Milch, Grapefruit) auftreten.

Unterschied zwischen Nebenwirkung und Wechselwirkung

  • Nebenwirkung (Unerwünschte Arzneimittelwirkung): Eine schädliche Wirkung, die neben der beabsichtigten Hauptwirkung eines Arzneimittels auftritt. Sie kann bei der Einnahme eines einzelnen Medikaments auftreten.
  • Wechselwirkung: Mindestens zwei Medikamente beeinflussen sich gegenseitig in ihren Wirkungen.

Unerwünschte Arzneimittelwirkungen (UAW) durch Wechselwirkungen

  • Keine klare Studienlage zur Häufigkeit von UAW durch Wechselwirkungen.
  • Ca. 5 % der Krankenhauseinweisungen sind bedingt durch UAW.
  • Bei arzneimittelbedingten Krankenhauseinweisungen ist in ca. 20 % der Fälle eine Wechselwirkung die Ursache, d.h. etwa jede 5. arzneimittelbedingte Krankenhauseinweisung ist wegen einer Wechselwirkung!

Wer hat ein erhöhtes Risiko?

  • Personen, die mehrere Arzneimittel gleichzeitig einnehmen.
  • Personen höheren Lebensalters.
  • Personen mit eingeschränkter Nierenfunktion.
  • Personen mit eingeschränkter Leberfunktion.
  • Raucher.
  • Personen, die regelmäßig Alkohol trinken.
  • Personen, die Nahrungsergänzungsmittel (z.B. Multivitaminpräparate) einnehmen.

Lebensalter und Arzneimittelverträglichkeit

  • Verminderter Blutfluss in Leber, Nieren und Magen-Darm-Trakt.
  • Sinkender Wasseranteil im Körper.
  • Steigender Fettanteil im Körper.
  • Häufig mehrere Erkrankungen, die mit Arzneimitteln behandelt werden (Einnahme mehrerer Medikamente gleichzeitig).

Arzneimittel mit erhöhtem Risiko für Wechselwirkungen

  • Arzneimittel mit engem therapeutischen Bereich (z.B. Phenprocoumon zur Blutverdünnung).
  • Arzneimittel mit steiler Dosis-Wirkungs-Kurve (z.B. Digoxin bei Herzinsuffizienz).
  • Arzneimittel, die durch Enzyme in der Leber abgebaut werden (z.B. Statine zur Cholesterinsenkung).
  • Arzneimittel mit vielseitigen pharmakologischen Effekten (z.B. Psychopharmaka).

Wechselwirkungsmechanismen

  • Pharmakodynamische Wechselwirkungen: Was macht der Arzneistoff mit dem Körper?
  • Pharmakokinetische Wechselwirkungen: Was macht der Körper mit dem Arzneistoff?

Pharmakodynamische Wechselwirkungen

  • Die Pharmakodynamik ist die Lehre von Arzneimittelwirkungen am Wirkort.
  • Betrachtet den Einfluss bzw. die Wirkung des Arzneimittels auf den Körper.
  • Wichtige Fragen:
    • Wie, wo und warum kommt die Wirkung zustande?
    • Was macht der Arzneistoff mit dem Körper?

Pharmakokinetische Wechselwirkungen

  • Die Pharmakokinetik befasst sich mit der Aufnahme und Verteilung des Arzneimittels im Körper in Abhängigkeit von der Zeit nach der Einnahme.
  • Betrachtet die verschiedenen Stadien, die der Arzneistoff auf seinem Weg durch den Körper durchläuft.
  • LADME-Modell:
    • Liberation (Freisetzung)
    • Absorption (Aufnahme)
    • Distribution (Verteilung)
    • Metabolismus (Ab- und Umbau)
    • Elimination (Ausscheidung)

Häufig vorkommende Wechselwirkungen

Ibuprofen - Acetylsalicylsäure (ASS)

  • Gleichzeitige Einnahme von Ibuprofen als Schmerzmittel und ASS als Blutverdünnungsmittel (75 – 100 mg):
    • Ibuprofen hemmt durch Abschirmung der Bindungsstelle das für die blutverdünnende Wirkung von ASS essentielle Anlagern dieses Wirkstoffes.
    • Verminderung der blutverdünnenden Wirkung von ASS.
    • Erhöhtes Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall.
  • KEINE Maßnahmen nötig bei:
    • Gelegentlicher oder kurzfristiger Einnahme (nicht länger als drei Tage am Stück und maximal an 10 Tagen pro Monat).
    • Thrombozytenaggregationshemmende Wirkung von ASS hält länger als einen Tag an (Enzymblockade).
    • Eine zeitliche Trennung der Einnahme von Ibuprofen und ASS erscheint trotzdem sinnvoll.
  • Maßnahmen nötig bei:
    • Einnahme länger als drei Tage am Stück oder an mehr als 10 Tagen pro Monat.
    • Maßnahmen: zeitlich getrennte Einnahme beider Medikamente
      • Einnahme von Ibuprofen 30 Minuten NACH Einnahme von ASS
      • Einnahme von Ibuprofen 8 Stunden VOR Einnahme von ASS
      • Auswahl eines anderen Schmerzmittels, z.B. Diclofenac oder Paracetamol
  • Die zeitliche Trennung der Einnahme kann die Wechselwirkung bei Einnahme magensaftresistenter Tabletten (z.B. Aspirin® protect o.ä.) NICHT verhindern.
  • Bei gleichzeitiger Einnahme von ASS zur Blutverdünnung und Schmerzmitteln Mögliche Maßnahme:
  • Bei gleichzeitiger Einnahme an mehr als drei Tagen, Empfehlung eines Magenschutzes (z.B. Protonenpumpenhemmer wie Pantoprazol)
  • ABER ACHTUNG: erhöhtes Risiko für Magengeschwüre

Schmerzmittel - Bluthochdruckmittel

  • Gleichzeitige Einnahme von Schmerzmittel und Bluthochdruckmittel:
    • Erhöhung des mittleren arteriellen Blutdrucks um ca. 5 bis 6 mmHg.
    • Höheres Wechselwirkungsrisiko bei
      • Patienten mit Nierenfunktionsstörungen
      • Patienten mit Herzschwäche
      • Patienten mit höherem Lebensalter
    • Beim Schmerzmittel sind Art der Anwendung (Tablette oder Gel/Creme/Salbe) und Dosis für Wechselwirkungsrisiko entscheidend
  • Erhöhtes Risiko für Herzinfarkt oder Schlaganfall.
  • Zu den betroffenen Schmerzmitteln gehören z.B.:
    • Acetylsalicylsäure
    • Ibuprofen
    • Diclofenac
    • Naproxen
    • COX-2-Hemmer wie Celecoxib, Etoricoxib
  • Kaum betroffen von der Wechselwirkung sind z.B.: Paracetamol.
  • Zu den betroffenen Bluthochdruckmitteln gehören z.B.:
    • ACE-Hemmer (z.B. Enalapril, Captopril)
    • Beta-Blocker (z.B. Atenolol, Bisoprolol)
    • Angiotensin-II-Antagonisten (z.B. Irbesatan, Losartan)
    • Diuretika (z.B. Furosemid, Hydrochlorothiazid)
  • Kaum betroffen von der Wechselwirkung sind z.B.: Calciumantagonisten (z.B. Diltiazem, Felodipin oder Verapamil).
  • KEINE Maßnahmen bei gleichzeitiger Einnahme nötig, wenn:
    • Schmerzmittel gelegentlich oder kurzfristig eingenommen wird (weniger als 10 bis 14 Tage) und KEINE Nierenfunktionsstörung oder Herzschwäche vorliegt.
    • Patienten Acetylsalicylsäure (ASS) zur Blutverdünnung (75-100 mg/Tag) einnehmen.
    • Schmerzmittel in Form von Salbe, Creme oder Gel (oberflächlich auf der Haut) angewendet werden.
  • Maßnahmen nötig bei:
    • Gleichzeitiger Einnahme von mehr als 10 bis 14 Tagen
    • Gleichzeitiger Einnahme bei Nierenfunktionsstörung oder Herzschwäche
    • Maßnahmen:
      • Regelmäßiges Messen des Blutdrucks in ersten drei Wochen gleichzeitiger Einnahme
      • Wenn Blutdruck erhöht
        • Dosis Blutdruckmittel erhöhen
        • Schmerzmittel wechseln (z.B. Paracetamol)
    • ABER: Änderungen bei der Medikation immer in Absprache mit Apotheke und/oder Arzt

Schilddrüsenhormon - Kationen

  • Betroffenes Schilddrüsenhormon: L-Thyroxin oder Levothyroxin.
  • Betroffene Kationen:
    • Calcium (Mineralstoffpräparate, Antazida, Milchprodukte)
    • Magnesium (Mineralstoffpräparate)
    • Aluminium (Antazida)
    • Eisen (Tabletten gegen Blutarmut)
    • Zink (Mineralstoffpräparate, Immunstimulanzien)
  • Gleichzeitige Einnahme von Schilddrüsenhormon und Kationen:
    • Zeichen einer Unterfunktion der Schilddrüse können auftreten (z.B. Müdigkeit, Gewichtszunahme).
    • Bildung schwerlöslicher Komplexe, die nur vermindert aus dem Magen-Darm-Trakt aufgenommen werden können.
    • Verminderung der Wirkung des Schilddrüsenhormons Levothyroxin.
  • Maßnahmen:
    • Zwischen Einnahme von Schilddrüsenhormon und Kation einen Abstand von zwei, besser vier Stunden; Einnahme zu verschiedenen Mahlzeiten.
    • ABER: Problem - spezielle Einnahmezeiten:
      • Levothyroxin: 30 Minuten vor dem Frühstück
      • Eisenpräparate: 30 Minuten vor dem Frühstück oder zwischen den Mahlzeiten (evtl. mit Vitamin-C-haltigen Fruchtsäften)
      • Antazida: ein bis zwei Stunden nach den Mahlzeiten
  • Schilddrüsenhormon und Antazida: Die Kombination ist in der Regel unproblematisch, man kann maximale Zeitabstände einhalten.
  • Schilddrüsenhormon und Eisenpräparat: Schilddrüsenhormon 30 Minuten vor dem Frühstück einnehmen und das Eisenpräparat 30 Minuten vor oder zu dem Mittag- bzw. Abendessen einnehmen (evtl. mit einem Glas Orangensaft).
  • Schilddrüsenhormon und Mineralstoffpräparat: Schilddrüsenhormon 30 Minuten vor dem Frühstück einnehmen, Mineralstoffpräparat mittags- und/oder abends.

Bisphosphonate - Kationen

  • Gleichzeitige Einnahme von Bisphosphonat (Osteoporosemedikament) und Kationen:
    • Verminderung der Wirkung des Bisphosphonats.
      • Fortschreiten der Osteoporose
      • Abnahme der Knochendichte
      • Erhöhtes Risiko für Knochenbrüche
  • Bisphosphonate betroffen:
    • Alendronat
    • Risedronat
    • Ibandronat
  • Kationen:
    • Mineralstoffpräparaten
    • Antazida (Magenmitteln)
    • Calciumhaltigen Nahrungsmitteln (auch Mineralwasser)
  • Einnahmehinweise für Bisphosphonate:
    • Morgens nüchtern nach dem Aufstehen in aufrechter Haltung.
    • Mit einem vollen (240 ml) Glas Leitungswasser.
    • Mindestens 30 Minuten vor dem ersten Essen oder Trinken, anderen Getränken oder Medikamenten.
    • Nach der Einnahme innerhalb der nächsten 30 Minuten nicht wieder hinlegen.
  • Mögliche Maßnahmen:
    • Mindestens 2 Stunden Abstand zu calciumhaltigen Nahrungsmitteln (dazu gehört auch Mineralwasser) sowie Arzneimitteln mit Kationen.
    • Einnahme von Antazida frühestens zwei Stunden nach der Mahlzeit
    • Einnahme von Mineralstoffpräparaten zu Mittag und/oder Abendessen
    • Eisenpräparate 30 Minuten vor Mittag- oder Abendessen (evtl. mit einem Glas Orangensaft)

Übersicht weiterer häufiger Wechselwirkungen

Interaktionspartner 1Interaktionspartner 2Maßnahme
Inhibitor CYP 3A4CYP3A4 Substrate (Simvastatin, Amlodipin, Fentanyl, Nifedipin, Sildenafil)Bei problematischen Arzneimitteln oder Nebenwirkungen: Arzneimittel austauschen
Induktor CYP3A4Antikoagulantien (Phenprocoumon)Reduzierte blutverdünnende Wirkung: Abstand halten, ggf. Dosisanpassung
Vitamin K haltige NahrungAntikoagulantien (Phenprocoumon)Reduzierte blutverdünnende Wirkung: Abstand halten, ggf. Dosisanpassung
Tripple Whammy (NSAR, Diuretikum, ACE-Hemmer)Mögliches Nierenversagen: Austausch eines der Interaktionspartner
NSARGlucocorticoideMagenschädigende Wirkung: Magenschutz

Wo kann ich nach Interaktionen suchen?

  • www.medscape.com
  • www.drugs.com
  • Flockhart Table: Übersicht über Substanzen, die über CYP-Enzyme metabolisiert werden