VL 7: Kompetenzentwicklung in heterogenen Gesellschaften - Empirische Lehr-Lern-Forschung
Allgemeines und Definition von Kompetenz
Begriffliche Einordnung:
- Kompetenz ist ein facettenreicher Begriff in der empirischen Bildungsforschung, der sowohl theoretisch als auch empirisch gefasst werden muss (Gniewosz, 2015).
- Zentrale Referenz ist die Definition nach Weinert (2001): Kompetenzen sind – ‘die bei Individuen verfügbaren oder durch sie erlernbaren kognitiven Fähigkeiten und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problemlösungen in variablen Situationen erfolgreich und verantwortungsvoll nutzen zu können’.
Zentrale Merkmale von Kompetenzen:
- Vielfältigkeit: Es gibt keine einzige Grundkompetenz; Kompetenzen sind inhaltsspezifisch und auf verschiedene Domänen (z. B. Mathematik, Rechtschreibung) bezogen.
- Erlern- und Veränderbarkeit: Kompetenzerwerb ist ein kumulativer Lernprozess.
- Problemlösung: Sie dienen dazu, situativ geprägte Anforderungen zu bewältigen.
- Situativität: Anpassung an situationale Gegebenheiten und soziale Kontexte ist notwendig.
- Kognitive Komponenten: Umfassen Informationsverarbeitung, Wahrnehmung, Denken und Gedächtnis.
Differenzierung des Kompetenzbegriffs (Hartig & Klieme, 2006):
- Generelle kognitive Leistungsdispositionen: Befähigen zur Bewältigung sehr unterschiedlicher Aufgaben.
- Kontextspezifische Leistungsdispositionen: Funktionaler Bezug auf bestimmte Situationsklassen (Kenntnisse, Fertigkeiten, Routinen).
- Motivationale Orientierungen: Notwendig für die Bewältigung anspruchsvoller Aufgaben.
- Handlungskompetenz: Integration der vorgenannten Konzepte für spezifische Handlungsfelder (z. B. Beruf der Lehrkraft nach Baumert & Kunter, 2006).
- Metakompetenzen: Wissen, Strategien und Motivationen, die Erwerb und Anwendung spezifischer Kompetenzen erleichtern.
Abgrenzung: Kompetenz vs. Intelligenz:
- Kompetenz:
- Kontextualisiert (spezifische Situationen).
- Lernbar durch Erfahrung mit spezifischen Anforderungen.
- Binnenstruktur ergibt sich aus der Situation/Anforderung.
- Intelligenz:
- Generalisierbar (neue Probleme lösen).
- Zeitlich stabil und zu großen Teilen biologisch determiniert.
- Binnenstruktur basiert auf grundlegenden kognitiven Prozessen.
- Kompetenz:
Bedeutung für Bildungssysteme:
- Definition von Bildungsstandards (Klieme et al., 2003).
- Evaluation der Unterrichtsqualität.
- Warnung vor „konzeptueller Inflation“ (Weinert, 2001).
Kompetenzmodelle
Rollen von Kompetenzen:
- Output: Kompetenzerwerb als Ziel des Bildungssystems.
- Input: Voraussetzung für das Verständnis curricularer Inhalte (Passung/Mismatch vermeiden).
- Bezug zur „Zone der nächsten Entwicklung“ (Vygotsky): Unterricht muss auf dem Kompetenzniveau der Lernenden aufbauen.
Kompetenzniveaumodelle:
- Bestimmung der individuellen Ausprägung mittels quantitativer Testwerte.
- Modellierung häufig über die Item-Response-Theorie (IRT).
- Kompetenzstufen beschreiben, welche Aufgabenanforderungen bewältigt werden können (kriteriumsorientiert).
Kompetenzstrukturmodelle:
- Beschreibung der (Mehr-)Dimensionalität.
- Analyse der Zusammenhänge zwischen Teilkompetenzen (z. B. PISA-Mathematik: „Größen“, „ Raum und Form“).
- Ermittlung durch Faktorenanalysen (explorativ oder konfirmatorisch).
Entwicklung kognitiver Komponenten
Grundlagen:
- Kognitive Entwicklungen verlaufen kontinuierlich und bereichsspezifisch.
- Es besteht erhebliche interindividuelle Variabilität (zwischen Personen) und intraindividuelle Variabilität (unterschiedliches Tempo verschiedener Teilbereiche bei einer Person).
Entwicklungsphasen:
- Neugeborene / Säuglinge: Erkennen von Veränderungen der Objektanzahl, 3D-Raum-Erkennung, basales Verständnis numerischer Relationen.
- bis Lebensjahr: Verständnis von Zahlen, Zahlworten und Zählen.
- bis Lebensjahr: Explizite Repräsentation von Kategorienhierarchien (Schuleintrittsalter).
Problemlösen und Denken:
- Ausschlussprinzip: ab ca. Jahren.
- Transitive Schlüsse (Wenn und , dann ): ab Jahren.
- Deduktive logische Schlussfolgerungen: ab Jahren (z. B. Syllogismus: „Alle Schweine haben Ringelschwänzchen…“).
- Einschränkung: Logische Verknüpfungen wie „wenn“ und „oder“ bereiten lange Probleme.
Verläufe im Lebensspanne-Modell:
- Adoleszenz: Steigerung der Komplexität und Flexibilität der Strategien; Variabilität nimmt zu.
- Höheres Erwachsenenalter: Verschlechterung der Informationsverarbeitung (Baltes & Lindenberger, 1997).
- Weniger sensorische Information (Hören/Sehen).
- Abnahme des Arbeitsgedächtnisses.
- Verschlechterung der Aufmerksamkeitssteuerung.
Plastizität der Entwicklung:
- Fähigkeit des Gehirns zur neuronalen Reorganisation durch Nutzung.
- Anregungsgehalt der Umwelt ist entscheidend (unabhängig vom Alter).
- Kognitive Entwicklung wird durch herausfordernde Reize gefördert (Morison & Ellwood, 2000).
Soziale und emotionale Komponenten
Definitionen (Kanning, 2002):
- Sozial kompetentes Verhalten: Zielerreichung unter Wahrung sozialer Akzeptanz in spezifischen Situationen.
- Soziale Kompetenz: Gesamtheit des Wissens und der Fähigkeiten, die dieses Verhalten fördern.
Genese sozial kompetenten Verhaltens (Prozessmodell):
- Situationsanalyse (Wahrnehmung und Interpretation).
- Überprüfung von Verhaltensoptionen.
- Auswahl einer Option.
- Beurteilung des Ergebnisses (bei Diskrepanz: Neuanalyse).
Rolle der Emotionen:
- Emotionsausdruck: Handlungsregulierende Systeme; Kommunikation von Emotionen wird in den ersten Jahren gelernt (Sroufe, 1996).
- Emotionserkennung: Ab Monaten werden Gesichtsausdrämme als Muster erkannt; Basis für Empathie.
- Emotionsregulation:
- Regulation von Intensität, Dauer und Ausdruck.
- Interpersonale Strategien: Hilfe durch Dritte (z. B. Trösten durch Eltern).
- Intrapersonale Strategien: Selbststeuerung (z. B. gedankliche Ablenkung).
- Im Entwicklungsverlauf lösen intrapersonale die interpersonalen Strategien ab.
Perspektivenübernahme vs. Empathie:
- Empathie: Mitfôhlen.
- Perspektivenübernahme: Wissen um die Gedanken und Geföhle des anderen.
Motorische Komponenten
Grob- vs. Feinmotorik:
- Grobmotorik: Fortbewegung (Krabbeln, Stehen, Laufen).
- Feinmotorik: Filigrane Bewegungen (Greifen, Zeichnen).
Entwicklungsmeilensteine:
- Monate: Willentliches Greifen nach Objekten.
- Monate: Unabhängiger Einsatz der Arme.
- Monate: Pinzettengriff (Daumen und Zeigefinger).
- Vorschulalter ( Jahre):
- Verbesserung des Gleichgewichts (Springen, Hüpfen, Rennen).
- Selbstständiges Ausziehen ( J.), Knöpfe öffnen ( J.), Gabel nutzen ( J.), Schuhe binden ( J.).
Geschlechterunterschiede:
- Jungen: Tendenziell schneller in der Grobmotorik (Kraft, Geschwindigkeit).
- Mädchen: Tendenziell weiter entwickelt in der Feinmotorik und im Gleichgewicht.
- Diese Unterschiede verstärken sich bis zur Pubertät.
Peak-Leistungen:
- Geschwindigkeit, Kraft, Koordination: Anfang .
- Ausdauer, ruhige Hand: Zwischen und Jahren.
Fallbeispiel: Lesekompetenz (IGLU-Studie)
Hintergrund:
- IGLU (International: PIRLS) untersucht die Lesekompetenz von Viertklässlern.
- Definition: Lesekompetenz als konstruktiver und interaktiver Prozess (Mullis & Martin, 2019).
Kompetenzstufen (I bis V):
- Stufe V (> Punkte): Informationen ordnen, selbstständig interpretieren, Stilmittel bewerten.
- Stufe IV ( Punkte): Kohärenz herstellen, komplexe Schlüsse ziehen, Motive/Geföhle interpretieren.
- Stufe III ( Punkte): Verstreute Informationen verknüpfen, einfache Schlüsse ziehen.
- Stufe II ( Punkte): Explizit angegebene Informationen identifizieren, lokale Kohärenz.
- Stufe I (< Punkte): Rudimentäres Verständnis, Dekodieren von Wörtern/Sätzen.
Ergebnisse für Deutschland (IGLU 2021):
- Mittelwert: Punkte.
- Signifikanter Rückgang: Punkte im Jahr → Punkte im Jahr .
- Leistungsstreuung: Punkte (hoch).
- Anteil schwacher Leser (Stufe I + II): (im Vergleich zu im Jahr ).
- Spitzengruppe (Stufe V): Nur (Vergleich: Singapur , England ).
Zusammenfassung
- Kompetenzen sind veränderbar und anforderungsspezifisch.
- Kompetenzentwicklung basiert auf individueller Erfahrung.
- Entwicklung setzt vorangegangene Fortschritte voraus.
- Interdependenz: Verschiedene Domänen beeinflussen sich wechselseitig.
- Zusammenhang mit körperlichen Veränderungen (insb. Motorik).
Fragen & Diskussion
- Dieser Abschnitt dient der Klärung offener Punkte aus der Vorlesung sowie dem Austausch über die Implikationen der IGLU-Ergebnisse für die Bildungspraxis.