Micropolitical Literacy & Politics of use
Mikropolitische Literacy
=politisches Wissen auf kleiner Ebene in der Schule (nicht echte Poliik, sondern wie Macht Regeln, Einfluss, Beziehuungen in Schule funktionieren)
Wozu das Konzept „micropolitical literacy“?
Bisherige/traditionelle Forschung zu Lehrer*innen:
Überbetonung von Organisationsstrukturen (Hierachien, Regeln, Pläne, etc).
Annahme, dass alle Beteiligte gemeinsame Ziele verfolgen & dass Lehrkräfte rational und effizient (nach formalen Regeln, Effizienz und Logik) handeln
Ausblenden von
Konflikten zw. Lehrkräften/Akteur*innen
moralischen Entscheidungen
wie Personen mikropolitischen agieren (managen von Beziehungen und Machtspielen im Alltag)
Konzept entstand in Anlehnung an Organisationstheorien
Wichtigkeiten:
Beziehungen zwischen Akteur*innen im Vordergrund, nicht nur Strukturen
Akteur*innen müssen Wissen und Fähigkeiten gewinnen, um in der Schule zurecht zu kommen/handlungsfähig zu sein
Verbale Interaktionen, Aushandlungsprozesse, nicht nur formale Vorschriften
Aushandeln von Zielen, Verstehensprozesse(sense-making): Allianz (Zusammenarbeit mit gemeinsamen Interessen) & Rivalität (Konkurrenz durch gegensätzliche Interessen)
Definition von micropolitical literacy
Zusammenführung der Entwicklung von Kompetenzen (literacy) und „politischem“ sense-making und agieren (micropolitics, dh. auf der Ebene der Schule/Poitik im kleinen)
=Kompetenzen entwickeln→politische Situationen in der Schule verstehen → klug handeln
Drei Dimensionen:
Wissen: Inwieweit können Akteur*innen die Situation und deren mikropolitischen Implikationen „lesen“?
Instrumental/operational: Welche Strategien haben Akteure, um die Situation zu beeinflussen?
proaktiv:Maßnahmen vor der eintreffenden Situation setzen
reaktiv: Handeln nach Auftreten einer Situation
Erfahrung: Wie zufrieden sind Akteure mit ihren mikropolitischen Kompetenzen?
Reflexionsebene auf die beiden anderen Ebenen bezogen
Forschung zu micropolitical literacy Praktika und Berufsneulinge
micropolitical literacy für Praktikant*innen und Berufsneulinge
besonders wichtig, weil sie neu sind und erst lernen müssen, wie alles „läuft“.
Vorraussetzungen für das Entstehen von Micropolitical literacy:
Ich weiß, wie ich Strategien anwende (Verhandlung)
Ich kenne meine Interessen (professionelle Interessen)
Ich weiß, wie ich Infos bekomme und andere erreiche, um erfolgreich zu handeln (Kommunikation)
Verhandlung/Negotiation
„wie gehe ich mit Konflikten/Erwartungen/Regeln um?“
Spektrum an Strategien um mit best. Situation klarzukommen
von Konformität (schnell anpassen, nicht anecken) bis Widerstand (eigene Vostellungen durchsetzen)
Empowerment (Unterstützung suchen durch Mentor*innen um Selbstbewustsein und Handlungsspielraum zu stärken)
Zwänge (manche Erwartungen schwer änderbar → Abbruch, Frustration, Berufsausstieg)
Organisations „kulturen“ (Schule ist nicht gleich Schule, große Unterschiede) und räumliche Anordnung (wie Lehrerzimmer/Klassenzimmer/etc. aussehen)
Rollenbefugnisse und erwartungen (z.B. Kolleg*innen, Supervisor, intern/extern)
wer hat Einfluss? Wer kann Entscheidungen blockieren oder unterstützen?
Status/Rang von Aufgaben und Schulfächern (nicht alle Aufgaben/Fächer sind gleich viel wert)
Bewusstsein darüber, wie viel Einfluss mein Anliegen hat - manche Dinge lassen sich leichter verhandeln, andere schwerer
Professionelle Interessen
Vorstellungen vom „richtigen“ Berufsausüben, (einschließlich Arbeitsbedinungen und das eigene Wohlbefinden):
Eigeninteressen (eigene Entwicklung, Weiterbildung)
Organisationsbezogene Interessen (strukturelle Bedingungen, Arbeitsabläufe)
Sozioprofessionelle Interessen (Rollenverteilung, Beziehung im Kollegium)
Kulturelle und ideologische Interessen (Vorstellung von „guter“ Bildung, Werte)
Materielle Interessen (Ausstattung, Ressourcen, die für guten Unterricht notwendig sind)
Kommunikation
gemeinsamer Austausch zwischen Unterrichtspraktikant*innen
Formale (z.B. Mentor*innen, Supervisor*innen, offizielle Besprechungen) und informelle Kommunikationskanäle (z.B. Gespräche im Lehrerzimmer)
wichtig: Mentor*innen als „Übersetzer“
Forschung zu Diskursen: Wer wird in welchen Situationen gehört, wer „darf“ sprechen? (hängt stark von Status und Rolle ab)
Implikationen 1
= Bedeutung und Konsequenzen von micropolitical literacy für Reformen, Ausbildung, Praxis
Viele Reformen zielen auf Veränderung von Praktiken (Arbeitsweisen) ab
Wichtig: Fokus auf die Auswirkungen auf Beziehungen zwischen Lehrkräften
→ neue Modelle der „Zusammenarbeit“ können zu Konflikten führen, weil unterschiedlicher Berufs- und Rollenverständnisse aufeinanderprallen
z.B. will erfahrener Lehrer weiterhin allene entscheiden, während Reform neue Teamarbeit fordert
→ Lehrkräfte müssen politische Fähigkeiten besitzen, um diese Spannungen zu erkennen und damit umzugehen
Implikationen 2
Micropolitical literacy als Teil der Lehrer*innenausbildung? (bzw. auch anderer Ausbildungen?):
Idee: Fähigkeiten sollten Teil der Lehrer*innenausbildung (o.Ä.) sein
man muss lernen, das politische Spiel (Konflike erkennen, Interessen abwägen, Strategien wählen) zu spielen → „play the political game“
Wichtig: Fähigkeiten sind komplex und kontextabhängig (nicht einfach aus einem Lehrbuch lernbar, hängen von konkreten Schulen/Organisationen ab)
Ausbildungsinstitutionen müssen selbst normativ transparent sein (klar und offfen kommunizieren, welche Werte/Normen/Ziele gelten):
Was für Akteur*innen (Lehrkräfte) sollen produziert werden? Was ist „gute“ Bildung? (Wenn nicht offen kommuniziert/ diskutiert entstehen Spannungen durch unterschiedliche Vorstellungen von „richtigem Handeln“)
→Mikropolitik (Machtstrukturen, Rollen, Interessen) innerhalb von Ausbildungsinstitutionen?
Raum für kritische Auseinandersetzung (Ausbildung sollte Möglichkeit bieten, über Mikropolitik zu reflektieren und sie zu hinterfragen um bewusst Strategien zu entwickeln
Beziehung Mikropolitik <--> Makropolitik?
Lehrkräfte müssen mikropolitische Fähigkeiten nutzen, um Makropolitik praktisch umzusetzen und Spannungen zwsch. Vorgaben und Realität zu navigieren
Mikropolitik vs. Makropolitik
Makropolitik wird von Kelchtermans et al. erwähnt, ohne tiefergehende Analyse
betrifft die große Politik (nationale und internationale politische Strukturen, Gesetze, etc.)
Organisationen/Institutionen (wie die Schule), Aus-/Weiterbildung, aber auch das weitere Umfeld und Privatleben existiert nicht isoliert, sondern ist eingebettet in größeren politischen Kontext/System
→ Makropolitik definiert Rahmenbedingungen in denen Institutionen/Individuen agieren
Mikropolitik beschreibt, wie Vorgaben der Makropolitik tatsächlich umgesetzt/ausgehandelt werden
Wie kommt die große Politik ins Klassenzimmer? Was gibt es für Ansätze, die Umsetzung von Politik im Klassenzimmer zu erklären?
Makropolitik erreicht Klassenzimmer nicht direkt, sondern wird über mehrer Ebenen transformiert; dieser Ablauf wird oft als Trichterprozess beschrieben
Trichterprozess:
= zeigt, wie globale/politische Ideen/Vorgaben auf Makroebene Schritt für Schritt in alltägliche Unterichtspraktiken (mikroebene) übersetzt werden
Ausgangspunkt: globale und politische Kontexte (Ideen und Zwänge) wie bspw. Digialisierung
1. Problemformulierung: Policy-/Strategiepapiere, Gesetze, Verlautbarungen formuliert
Festlegung, welches Problem gelöst werden soll
2. Kanonisierung: Akademischer Diskurs
Wissenschaft, Experten, Bildungsgremien diskutieren über Problem → Problem wird wissenschaftlich anerkannt (kanonisiert)
3. Materialisierung: Curriculum, Schulbücher, Lehrpläne, etc.
Welche Inhalte müssen vermittelt werden? welche Kompetenzen gefördert?
4. Implementierung: Lehrer*innenbildung, Schul-Policies.
Lehrkräfte auf die Anwendung von Material/Vorgaben vorbereiten
5. Aneignung: Praktiken im Klassenzimmer & individuelle Praktiken(von Lehrkräften und Schüler*innen)
Lehrkräfte gestalten Unterricht, Schüler*innen lernen
→ Mikroebene
Umsetzung von politischen Vorgaben im Klassenzimmer: bisherige Erklärungssätze?
Kosmetische/oberflächliche Veränderungen (Window-dressing):
Konformistisches Vehalten: talk the talk (aber nicht walk the walk)
Politische Vorgaben werden formal übernommen, ohne dass sich tatsächliche Unterrichtspraxis wesentlich verändert
anpassen an die (inter-)nationale Gemeinschaft/Erwartungen
Kosmetische (symbolische) Reaktion auf Politik/Reformen
Vermarktungsaspekte/Außendarstellug (z.B. gegenüber Eltern)
Ablenkungsmanöver (von anderen Mängel)
Graduelle Veränderung (Policy lag):
„Policy lag“= Umsetzung politischer Vorgaben findet statt, jedoch zeitlich verzögert und schrittweise. Neue bildungspolitische Ideen benötigen Zeit, um sich niederzuschlagen in…
Lerninhalte
Lehr- und Lernmethoden
Physische Gestaltung (Klassenzimmer, schulen)
Prüfungsmethoden etc.
Aneignung:
Ein Policy-Konzept, jedoch entstehen grundlegend unterschiedliche Verständnisse/Interpretationen. Ergebnisse:
Interaktion/Verschmelzung mit lokalen Ideen und Praktien
Übersetzung von Ideen in (lokale) „Sprache“ und lokal Verhaltensrahmen
Isopraxismus: „walk the walk“, aber nicht „talk the talk“ = Konzept/Idee wird übernommen, aber nicht offen kommuniziert
Isonymismus: „talk the talk“ aber nicht „walk the walk“ = Behauptung, das Konzept/Idee übernommen wird, aber tatsächlich anders praktizieren wird
Sich-fügen/Erschöpfung:
Lehrkräfte teilen (teilweise) Zielsetzung politischer Vorgaben, aber stehen unter unterschiedlichen (institutionellen, professionellen, zeitlichen) Zwängen:
durch Zusammenspiel/Interaktion von Professionskulturen (z.B. von Lehkräften) und unterschiedlichen institutionellen/politischen Kulturen (micropolitical literacy) entstehen Zusammenstöße/ Übereinkünfte/ Konflikte
Ergebnis: hybridisierte Praktien (verbinden bewusst oder unbewusst Elemete der Reform mit bestehenden Routinen)
Aussagen von Lehrkräften:
„Ich würde meinen Schüler*innen gerne mehr Zeit und Raum geben, aber wir müssen so viel Inhalt abdecken“
„Sich um meine Schüler*innen zu kümmern, bedeutet, sie für die Prüfungen vorzubereiten“
„Ich bin absolut für Individualität. Aber in unserer Kultur müssen Kinder lernen, sich anzupassen. Vor allem die vielen Einzelkinder“
„Ich kann so [durch das Sprechen im Chor] sicherstellen, dass alle mit dabei sind. Außerdem ist es sehr effizient“
Aussagen zeigen, wie politische Vorgaben im Klassenzimmer hybridisiert (mehrer Logiken/ Ideen/ Anforderungen werden vermischt und ergeben was neues, das weder das eine noch das andere vollständig ist) werden.
Hybridisierung ist typisch für „sich-fügen/Erschöpfung“ und „Aneignung“
2 analytische Perspektiven, die zu so einer situation führen:
institutioneller und sozialer Druck
Druck von Direktion, Eltern, messbare Leistungen zu erbringen
alle müssen Opfer bringen (Härtelogik: Anpassung gilt als notwendige Vorbereitung auf das System)
Kümmern= Büffeln (Prüfungsvorbereitung statt individueller Förderung)
Schule als Sozialisationsinstanz
sozialisierende Funktion; Anpassung, Disziplin, Leistungsorientierung sind kulturell notwendige Kompetenzen
no child left behind= legitimieren homogenisierende Praktiken, die Gleichschritt für Individualität stellen
durch Methoden wie gemeinsames Sprechen oder stark strukturierter Unterricht sollen alle „mitgenommen“ werden, auch wenn Individualität verloren geht
besonders Einzelkinder oder „abweichende“ Schüler*innen werden als anzupassende Subjekte wahrgenommen
Beispiele aus der Praxis
Rückzugsecken: symbolisieren Raum für individuelles Handeln trotz institutionellen Drucks.
Gruppenarbeit: zeigt Anpassungen in der Unterrichtsgestaltung aufgrund von Prüfungsanforderungen.
Videogeschichten
Fazit und Ausblick
Micropolitical literacy ist entscheidend für das Verständnis von Lehrkräfte-Aktionen in einem komplexen politischen Umfeld.
Notwendigkeit einer kritischen Auseinandersetzung mit den eigenen Handlungsspielräumen und den Einflussmöglichkeiten im Klassenzimmer.
Kindzentrierung wird moralisiert,polliticiert
Praktiken im Klassenzimmer immer politische Auseinandersetzung