Präoperative Haarentfernung / Rasur

Anatomische Grundlagen und Physiologie der Haut

Die menschliche Haut ist als äußerste Hülle des Körpers permanent schädigenden Umwelteinflüssen ausgesetzt. Sie gliedert sich histologisch in drei Hauptschichten mit ihren jeweiligen Unterstrukturen:

  • Oberhaut (Epidermis):
    • Hornschicht (Stratum corneum)
    • Glanzschicht (Stratum lucidum)
    • Körnerzellschicht (Stratum granulosum)
    • Stachelzellschicht (Stratum spinosum)
    • Basalzellschicht (Stratum basale)
  • Lederhaut (Dermis, Corium):
    • Papillarschicht (Stratum papillare)
    • Geflechtschicht (Stratum reticulare)
  • Unterhaut (Subkutis):
    • Besteht im Wesentlichen aus Fettgewebe und durchziehenden Gefäßen, unterlagert von der Muskulatur.

In diesen Schichten befinden sich spezifische Anhangsgebilde, Rezeptoren und Versorgungsstrukturen:

  • Rezeptoren: Meissner-Tastkörperchen (in der Lederhaut) und Vater-Pacini-Körperchen (in der Unterhaut).
  • Anhangsgebilde und funktionelle Einheiten: Haar, Talgdrüse, Schweißdrüse, Nervenbahnen sowie der Haarbalgmuskel (M. arrector pili).

Funktionen des Hautorgans

  • Schutzfunktion: Schützt als mechanische Barriere gegen Stöße, Stürze und physikalische Einwirkungen.
  • Temperaturregulation: Steuerung der Durchblutung via Verengung (Vasokonstriktion) oder Erweiterung (Vasodilation) der Blutgefäße, Hitzeaufnahme bei Einstrahlung, Aktivierung des Schwitzens sowie Temperaturwahrnehmung über Sensoren des Nervensystems.
  • Wasserhaushaltsregulierung: Gezielte Abgabe von Wasser und Salzen über den Schweiß.
  • Sinnesfunktion: Rezeptorische Wahrnehmung von Schmerz- und Berührungsreizen.
  • Immunfunktion: Abwehrreaktionen gegenüber Pathogenen sowie Immunantworten im Rahmen von Allergien.
  • Kommunikation: Physiologische Reaktionen wie Rötung oder Blässe als Ausdruck von Empathie oder vegetativen Zuständen.
  • Ausscheidungsorgan: Elimination von überschüssigem Eiweiß und Stoffwechselschadstoffen.

Methoden der präoperativen Haarentfernung

Für die Entfernung oder Kürzung von Körperhaaren vor chirurgischen Eingriffen stehen grundsätzlich drei Verfahren zur Verfügung:

  1. Clipping (Einsatz medizinischer Haarschneidegeräte)
  2. Chemische Depilation (Einsatz von Enthaarungscremes)
  3. Klassische Rasur (Nass- oder Trockenrasur)

Clipping

Das Clipping gilt als bevorzugtes Verfahren. Ein medizinisches Haarschneidegerät kürzt das Haar so, dass kleine Stoppeln zurückbleiben. Diese Stoppeln zeigen an, dass die Hautoberfläche unversehrt und intakt geblieben ist.

Beispiele für gebräuchliche Geräte sind Modelle der Reihe 3M Clipper (z. B. Typen 96739673, 96029602, 96719671) in Kombination mit spezifischen Einmalscherköpfen (z. B. Typ 96709670).

Chemische Depilation

Bei der chemischen Depilation werden chemische, keratinlösende Substanzen in Form von Enthaarungscremes aufgetragen. Das Haar wird direkt auf der Hautoberfläche oder knapp darunter aufgelöst.

  • Vorteile: Es entstehen keine Einkerbungen oder mechanischen Verletzungen der Haut. Die Anwendung kann daher bereits mehrere Stunden vor dem Eingriff auf Station erfolgen.
  • Risiken: Sehr häufige Entstehung von Hautausschlägen und allergischen Reaktionen.
  • Testung: Zur Vermeidung allergischer Reaktionen muss die Substanz vor der eigentlichen Anwendung zwingend in der Ellenbeuge des Patienten getestet werden.
  • Kontraindikation: Im Intimbereich ist die Anwendung chemischer Mittel strikt zu vermeiden, da der Kontakt mit den Schleimhäuten erhebliche Reizungen verursacht.

Rasur (Nass- und Trockenrasur)

Die Rasur ist definiert als das Schneiden der Haare bis kurz über der obersten Hautschicht mittels einer Klinge, sodass die Haare nicht mehr fühlbar sind. Das Haar wird hierbei nicht entfernt, sondern lediglich gekürzt.

  • Werkzeuge: Einwegrasierer oder Rasiermesser.
  • Gefahren: Besonders die Trockenrasur mit einem Einmalrasierer birgt ein hohes Risiko für Mikroläsionen (Mikroperforationen) der Haut. Durch diese Mikrotraumen können Erreger eindringen, was das Risiko für nosokomiale Infektionen und postoperative Wundinfektionen drastisch erhöht.
  • Vorgehen bei Nassrasur: Die Haut muss vorab gründlich mit flüssiger Seife oder Rasierschaum angefeuchtet werden, bevor die Rasur vorsichtig durchgeführt wird.

Handlungsanweisung und Ablauf des Clippings

Am Beispiel des 3M Clipper 9671 mit festem Einmalscherkopf 9670 gliedert sich die sachgerechte Anwendung in folgende acht Schritte:

  1. Inbetriebnahme: Vor dem allerersten Gebrauch muss das Gerät für mindestens 24Stunden24\,\text{Stunden} aufgeladen werden.
  2. Befestigen: Schutzfolie entfernen, den Clipper-Griff in einem Winkel von 4545^\circ halten und den Scherkopf aufsetzen.
  3. Schieben: Scherkopf im Winkel von 1515^\circ bis 3030^\circ auf die Haut des Patienten aufsetzen und vorsichtig entgegen der Haarwuchsrichtung schieben.
  4. Ziehen: Den Scherkopf um 180180^\circ drehen und gerade auf der Haut positionieren. Den Clipper im Winkel von 1515^\circ bis 3030^\circ vorsichtig in eigene Richtung über die Haut ziehen. Hierbei niemals übermäßigen Druck ausüben.
  5. Entfernen: Den Scherkopf nach dem Gebrauch mit dem Daumen abklicken und in einem geeigneten Abfallbehälter entsorgen. Zur Vermeidung von Kreuzkontaminationen ist für jeden Patienten zwingend ein neuer Scherkopf zu verwenden.
  6. Abspülen: Der Clipper-Kopf kann unter fließendem warmem Wasser gereinigt, mit einem Tuch getrocknet und anschließend desinfiziert werden.
  7. Abwischen: Das Gerät ausschalten und den Scherkopf entfernen. Den Clipper-Griff mit einem feuchten Tuch reinigen und desinfiziert aufbewahren.
  8. Aufladen: Bei Nichtgebrauch den Clipper in die Ladeschale stellen oder an das Ladekabel anschließen. Die gelbe Anzeige leuchtet während des Ladevorgangs. Die Hinweise der Bedienungsanleitung sind zu beachten.

Regeln zur Durchführung der Körperhaarkürzung

Bei der Vorbereitung von Patienten sind folgende grundlegende Regeln einzuhalten:

  • Patientenaufklärung: Der Patient muss vor Beginn der Maßnahme ausführlich informiert werden.
  • Wuchsrichtung: Die Haarkürzung bzw. Rasur erfolgt grundsätzlich in Richtung des Haarwuchses.
  • Hautstraffung: Faltenreiche Hautareale müssen während des Vorgangs manuell gestrafft werden.
  • Knochenkanten und Sehnen: Über Knochenvorsprüngen und Sehnen ist erhöhte Vorsicht geboten. Die Haut ist seitlich zu verschieben, um nicht direkt auf den Knochenstrukturen zu rasieren.
  • Erweiterung des OP-Gebiets: Ist das genaue Ausmaß des chirurgischen Eingriffs unklar, muss die Behaarung großzügig entfernt werden, damit eine operative Erweiterung jederzeit steril möglich ist.
  • Hautkontrolle: Die Haut ist kontinuierlich auf Irritationen oder Veränderungen zu beobachten; Feststellungen sind lückenlos zu dokumentieren.

Regeln für spezifische Körperregionen

  • Behaarter Schädel: Die Haarentfernung ist so sparsam wie möglich zu halten; das Kopfhaar wird ausschließlich direkt im Bereich der geplanten Schnittführung entfernt.
  • Gesichtsbereich: Auf eine Rasur im Gesicht wird aus kosmetischen Gründen grundsätzlich verzichtet.
  • Bart: Bei Notfalloperationen darf ein Bart entfernt werden. Bei elektiven Eingriffen ist eine Bartrasur ausschließlich mit ausdrücklicher Zustimmung des Patienten gestattet.
  • Augenbrauen und Wimpern: Augenbrauen und Wimpern dürfen grundsätzlich nicht entfernt werden. In extrem seltenen Ausnahmefällen ist hierfür eine schriftliche Anordnung des Operateurs sowie das schriftliche Einverständnis des Patienten erforderlich.

Rechtliche Rahmenbedingungen und Empfehlungen

  • Strafrechtliche Relevanz (StGB §223\text{StGB }\S\,223): Die unerlaubte Entfernung von Augenbrauen, Wimpern oder die nicht eingewilligte Bartrasur erfüllt den Tatbestand der Körperverletzung gemäß StGB §223\text{StGB }\S\,223.
  • Dokumentationspflicht (StGB §267\text{StGB }\S\,267): Sämtliche Maßnahmen der Haarentfernung sowie vorgefundene Hautveränderungen unterliegen der rechtlichen Dokumentationspflicht (Bezug zu StGB §267\text{StGB }\S\,267 Urkundenfälschung / rechtssichere Pflegedokumentation).
  • RKI-Empfehlungen: Das Robert Koch-Institut (RKI) empfiehlt, die präoperative Haarentfernung ausschließlich mittels Clipping oder chemischer Depilation durchzuführen, um das Wundinfektionsrisiko zu minimieren.
  • Medical Device Regulation (MDR): Nach der Medizinprodukte-Betreiberverordnung bzw. MDR ist eine nachweisbare Unterweisung des Personals in die Handhabung der jeweiligen Clipping-Geräte gesetzlich vorgeschrieben.