9. Schriftspracherwerb unter den Bedingungen der Mehrsprachigkeit
1.Was ist Mehrsprachigkeit?
Typen:
individuelle
von einer Sprache zu anderen umschalten können
Verhältnis zu Sprachen kann unterschiedlich sein
gesellschaftliche (territoriale)
institutionelle
→ sind gekoppelt v.a. territoriale mit individueller
Mehrsprachigkeit = funktionale und handelnde Sprachkompetenz in mehr als einer Sprache
Wer?
→ SuS für die potenziell Förderung in DaZ bereitgestellt werden sollte
Merkmale Gruppe:
Staatsangehörigkeit
Herkunftsland
Aussiedlungshintergrund
Geburtsort
Familiensprache
Religion
Vor-/Nachname
Einsprachigkeit = absolut einsprachigste Form: nur Deutsch zuhause, Englisch in Schule gelernt, bei Kindern mit anderen Familiensprache: nur eine Sprache, Englisch und Deutsch in Schule
→ Mehrsprachigkeit normaler als Einsprachigkeit
Sinnlose Mythen
Mehrsprachigkeit = Ausnahme
“Perfekte” Einsprachigkeit, “schlampige” Mehrsprachigkeit
Sprachen nicht mischen
Identitätsentwicklung braucht eine einzige Sprache
Mehrsprachigkeit überfordert
Doppelmoral und Defizitorientierung
Mehrsprachigkeit kein neues Thema in DE
mehrere Migrationsströme seit 50er Jahre
DE Land mit dritthöchster Anzahl Migranten 1990-2013
Größte Gruppen: Türkei, Folgestaaten Sowjetunion, Polen
2.Begriffserklärungen
→ Einsprachige Grundauffassung im scharfen Kontrast zur Sprachensituation → Konzept aus 19. Jahrhundert
Begriffe:
Zweitsprache - Fremdsprache
Ungesteuert - gesteuert
Selbstorganisiert - fremdorganisiert
Migrationshintergrund
Personen, die deutsche Staatsangehörigkeit nicht durch Geburt besitzen oder die Elternteil haben, auf das dies zutrifft
Personengruppen: Ausländer, Eingebürgerte, Aussiedler und Kinder der Gruppen
Erstsprache L1
Sprache, die Kind als 1. und wichtigste Sprache erwirbt
Erwerb:
in beeindruckendem Tempo
unter Durchlaufen ähnlicher Stadien
ohne explizite Unterweisung
erfolgreich
unabhängig Intelligenz
unabhängig Modalität
auch im Doppelpack
Zweitsprache L2
Sprache, die im Alltag verwendet wird, weitere Handlungsoption (Gegensatz Fremdsprache)
ohne Besuch von Sprachunterricht angeeignet
in praktischen Lebensvollzügen erworben
Simultan mehrsprachiger Spracherwerb
3 Kriterien
Gleichzeitigkeit
Beginn im ersten Lebensjahr
Erstprachlicher Input
→ Sprachkontatkt muss in allen Sprachen regelmäßig vorliegen
Erwerb:
folgt Strukturen monolingualer Erwerb
kann zu beschleunigenden, verlangsamenden oder transferbegünstigenden Wirkungen kommen
meistens erfolgreich
Sukzessive Zweisprachigkeit
→ erst späterer Kontakt als Geburt zu Zweitsprache
Ähnlichkeit mit L1 Erwerb und mit L2 Erwerb Erwachsener
Auch, wenn beim simultanen Erwerb, eine Sprache schwächer
Sukzessiver Erwerb: Kinder in Deutschland geboren innerhalb Familie kein Deutsch mit 3 Jahren intensiver Kontakt zu Deutsch in Kiga
Domänenspezifische Aneignung
Hypothese = eine in logischen Aussage formulierte Annahme, deren Gültigkeit man für möglich hält, aber nicht bewiesen ist
Schwellenhypothese
→ Gibt Schwelle, nach der Lernprozess anders verläuft als vorher
Pubertät als kritisches Alter, danach andere Entwicklung und Lernprozesse
Lenneberg: Bezug auf Spracherwerb: Kritische Phasen, sensible Fenster
Probleme:
Beginn Sprachkontakt: kein klar bestimmbares Datum oft möglich
Qualität Sprachkontakt: Vorstellung? Alltagssprache? Bildungssprache? Dialekt?
3.Klassische Theorien des Zweitspracherwerbs
→ Grundlage: Bedingungsgefüge mit drei Größen
Sprachen, also Erst-/Zweitsprache und Strukturen
mentale Ressourcen der Lerner
kommunikative Bedingungen und Bedürfnisse
Kontrastivhypothese (Lado 1957)
Konzentration Kontrast L1 und L2
Sprache als System von habits (behavioristischer Sinn)
Imitation als zentraler Erwerbsmechanismus (“pattern drill”)
Konzentration Kontrast Ausgangs-und Zielsprache sowie positiver und negativer Transfer von L1 in L2
Strukturgleichheit → positiver Transfer, korrekte L2 Äußerungen
Strukturdifferenz → negativer Transfer, inkorrekte L2 Äußerungen
Empirisch nicht gestützt, trz beobachtbar z.B. Vermischung Konstruktionsprinzipien
Interferenzhypothese sehr ähnlich
Identitätshypothese (Dulay & Burt 1974)
stammt aus generativen Grammatiktheorie und nativistischen Spracherwerbstheorie
nur Strukturen Zielsprache bestimmen Erst-/Zweitspracherwerb
Aneignung Zielsprache über kreativ gebildete Formen
Lernerstrategien zur Aneignung zielsprachiger Regeln, insbesonders Übergeneralisierung
Belege v.a. bei Verbformen
Interlanguage-Hypothese (Selinker 1972)
→ Konzept der Interlanguage als instabiler Lernersprache mit eigener Struktur
Interlanguage liegt temporäre, systematische und regelgeleitete Grammatik zugrunde, die Regeln aus 5 kognitiven Prozessen bezieht
Lernstrategien
Kommunikationsstrategien
Übergeneralisierung
Training
Transfer
→ Spracherwerb kreativ und kognitiv gesteuert
Grundannahmen:
Erwachsene Lerner konstruieren Im Verlauf des Erwerbsprozesses Sprachsysteme, die spezifische Merkmale aufweisen und sich von 1. / 2. --Sprache unterscheiden → Kognitiver Prozess
Dynamik, die zu ständig zunehmender Angleichung an Zielsprache führt
Kommt Prozess zum Stillstand = Fossilierung
Rückschlüsse:
Alle 3 treffen einzelne Aspekte, können nicht ganz widerlegt werden
aber auch zu wenige Betrachtung wesentlicher Aspekte z.B. soziale Bedingung und Verbindung mit sprachlichem Handeln
→ Beide Sprachen wichtig, gute Fähigkeiten in L1 wichtig
Leseunterricht in Herkunftssprache erhöht Chancen auf Erfolg im Lesen in L2
Auch Erstsprache muss gefördert werden, Sicherheit in L1 günstige Bedingung
4.Sprachliche Basisqualifikationen
→ bilden Qualifikationenfächer, der für Kind zur Wirklichkeit wird
→ Wenn BQ in angemessener Weise angeeignet, Qualifizierung für Kommunikation in unterschiedlichen Umgebungen
Phonische Basisqualifikationen
Wahrnehmung, Unterscheidung und Produktion von Lauten sowie Erfassung und Produktion von übergreifenden Strukturen
Frühzeitig umfassender Kontakt zu Deutsch: phonische Fähigkeiten können bis zu Ende 3. Lebensjahrs ausgebildet werden
Späterer oder geringerer Kontakt:
evtl. Interferenzen zwischen Lautsystemen
dann auch Einfluss Entwicklung schriftsprachlicher Kompetenzen
Pragmatische Basisqualifikation
in kommunikativen Interaktionen sprachlich angemessen zu verhalten, passende Sprachhandlungsmuster
Semantische Basisqualifikationen
Aufbau passiver/aktiver Wortschatz
Bedeutungsentwicklung bei zweisprachigen Kindern abhängig von Intensität und Qualität Sprachkontakts → große Variation
Bei lückenhaftem Wortschatz verschiedene Strategien
Neologismen
Paraphrasierung
Überdehnung (Überbegriff für alle Unterformen verwendet)
Morphologisch-syntaktische Basisqualifikationen
grammatikalische Entwicklung abhängig von anderen BQ
Sprachstrukturen des Erstpracherwerbs können für Zweitspracherwerb genutzt werden
Mehr Kontakt zu Zweitsprache _> bessere Beherrschung formale Prinzipien
Langsame Entwicklung
Aneignung Stellung Verb im Satz als essentielles Merkmal für morphologisch-syntaktische Entwicklung
Diskursive Basisqualifikationen
Befähigung zum komplexen zweckgerichteten sprachlichen Handeln mit anderen
Frühzeitig im Spiel angeeignet
Umweltfaktoren bedeutsam
Literale Basisqualifikationen
zuerst Vorläuferfähigkeiten für Lesen/Schreiben
später: Nutzen orthografischer Strukturen für Lesen/Schreiben
Oft DaZ Kinder Schwierigkeiten bei Lesen/Schreiben obwohl unauffällig im mündlichen
5.Grammatische Merkmale
1.Genus
Deutsch: weiblich, männlich, neutral
Undurchsichtige Zuordnung
semantisch nur in Grenzen möglich
Endungen oft ungenau
Beziehung zwischen Form und Funktion
→ für L2 Lerner oft unklar (wesentliche Migrantensprachen entweder kein Genus, vorhandene Genus verloren oder abweichende Genus)
2.Kasus
Nominativ, Genitiv, Dativ, Akkusativ
→ Indikator für Grad der Deutschkenntnisse bei L2, klarer Zusammenhang
3.Nominale Wortbildung
Komposita:
letzte Wort = Grundbildung
Konventionelle Festlegung: eng mit erstprachlicher Kompetenz verknüpft
gibt es in meisten Sprachen nicht
Übersetzungsprobleme
Präfixverben
viele Präfixe mit feinen Unterschieden
trennbar und nicht trennbar
L2 Lerner verwenden Verfahren nicht
4.Präpositionen
grundlegende Wortart des Deutschen
Kontraktionen mit bestimmtem Artikel möglich
zu der → zur : Zugehörigkeit für L1 Sprecher erkennbar
bestimmen meist Kasus der folgenden Nominalphrase, aber auch je nach Bedeutung zwei Kasus
schwierig für L2 Lerner
5.Wortstellung/Satzstrukturen
Besonderheit des Deutschen
Verbendstellung des infiniten Verbteils
Verbendstellung des finiten Verbteils in untergeordneten Nebensätzen
Klammerstruktur z.B. Einschub Nominalphrase
Typische Problembereiche bei Schuleintritt
Lücken im Alltagswortschatz
Genus
Kasus
Präpositionen
Pluralbildung
Unregelmäßige Formen
Risiken bei mehrsprachigen Kindern
Risiko der Überschätzung → Vermeidungsstrategien, Verhalten scheint angemessen
Risiko der Unterschätzung → mangelnde kommunikativer Aktivität→ Unterstellung Probleme in Sprachentwicklung
Keine Berücksichtigung der Komplexität des Systems Sprache, Berücksichtigung der Erwerbstypen
Marburger Sprach-Screening MSS
6.Diagnose mit LiSe-Daz
→ Linguistische Sprachstandserhebung Deutsch als Zweitsprache
Ziel:
Differenzierte Diagnostik zur frühzeitigen, zuverlässigen und effizienten Erfassung Sprachstands potenziell förderbedürftiger Kinder
Zielgruppe
Kinder von 3-7
Merkmale:
geeignet für Hand von Erziehern und Lehrern
durchführbar in einer Sitzung, max. 30 Minuten
Eignet sich für
Ermittlung kindlicher Sprachentwicklungsstand
Ableitung konkreter Anhaltspunkte für individuelle Sprachförderung
Überprüfung Effektivität Fördermaßnahmen durch Wiederholung
Elemente des Verfahrens
Modul: Sprachproduktion
Modul: Sprachverständnis
Neues Gesetz: seit Dezember 2024:
Verbindliche Sprachstandserhebung und Sprachfördermaßnahmen vor Einschulung in Bayern für Kinder mit viereinhalb Jahren