poerksen_2001_glasersfeld
Abschied vom Absoluten
Titel
Abschied vom Absoluten
Autor
Bernhard Pörksen
Gespräche über Konstruktivismus
Interviewpartner:
Heinz von Foerster
Ernst von Glasersfeld
Humberto R. Maturana
Gerhard Roth
Siegfried J. Schmidt
Helm Stierlin
Francisco J. Varela
Paul Watzlawick
Reihe
Konstruktivismus und systemisches Denken
Herausgeber
Hans Rudi Fischer (2001)
Konzept der Viabilität
Ernst von Glasersfeld schlägt vor, den herkömmlichen Realismus durch die Idee der Viabilität zu ersetzen. Theorien sollten nicht nur imstande sein, die Realität zu reflektieren, sondern auch praktisch anwendbar und nützlich sein, um als viabel zu gelten.
Einführungen zu Jean Piaget:
Als frühe Einflüsse auf das Verständnis von Wissensgenerierung wird das von Jean Piaget entwickelte Modell betrachtet.
Piaget zeigt, dass das Verständnis des Wissens eines anderen Menschen unerreichbar ist; Wissen wird demnach als eine subjektive Konstruktion gesehen, die stark von persönlichen Erfahrungen und Kontexten geprägt wird.
Lehren und Lernen:
Die traditionelle Auffassung, dass Wissen eine feste Substanz darstellt, wird abgelehnt.
Es wird ein Fokus auf die aktive und schöpferische Aneignung von Wissen gelegt, wobei der Lernende im Mittelpunkt steht.
Lehrer werden dazu aufgefordert, sich an der individuellen Wirklichkeit der Schüler zu orientieren und diese Wahrnehmungen in den Lehrprozess zu integrieren.
Ernst von Glasersfelds Hintergrund
Biographie:
Geboren im Jahr 1917, erwarb Glasersfeld einen Abschluss in Mathematik an den Universitäten Zürich und Wien.
Während des Zweiten Weltkriegs arbeitete er zeitweise als Farmer in Dublin und wandte sich nach dem Krieg dem Journalismus in Italien zu.
1966 wanderte er in die USA aus und übernahm im Jahr 1970 eine Professur für kognitive Psychologie an der University of Georgia.
Er war ein enger Mitarbeiter von Silvio Ceccato, wo sie gemeinsam an Forschungsprojekten zu Sprach- und Lernmodellen arbeiteten.
Konstruktivismus und Wahrheit
Wahrheit als Korrespondenz:
Laut Thomas von Aquin wird Wahrheit als Übereinstimmung zwischen dem erkennenden Geist und der äußeren Realität definiert.
Der Konstruktivismus greift diese Vorstellung an und argumentiert, dass absolute Wahrheit, im konventionellen Sinne, unerreichbar ist.
Konstruktivistische Ansätze fordern die aktive Erzeugung subjektiver Wahrheiten, die von individuellen Perspektiven abhängen.
Evolutionstheorie und Erkenntnis
Evolutionsansatz:
Der evolutionäre Ansatz betrachtet die Theorie der Evolution selbst als ein Konstrukt, das von dem Ziel der Viabilität angetrieben wird.
Viabilität bedeutet, dass sich Systeme an äußere Umweltbedingungen anpassen sollten, ohne jedoch zwangsläufig eine wahre Abbildung der Realität zu bieten.
Wissenschaft sollte auf der Nützlichkeit von Theorien und nicht auf dem Streben nach absoluten Wahrheiten basieren.
Blindflugmetapher:
Die Erkenntnistheorie wird mit dem Bild des Blindfliegens verglichen, das auf die Herausforderung hinweist, dass die Wahrnehmung der Realität nicht direkt, sondern durch Anpassung an externe Signale (vergleichbar mit Instrumenten im Cockpit) erfolgt.
Viabilität als Kriterium
Brauchbarkeit von Theorien:
Das Kriterium der Viabilität besagt, dass eine Theorie nur als viabel gilt, wenn sie unter gegebenen Umständen funktioniert oder anwendbar ist.
Theorien sollten sich nicht an abstrakten Wahrheiten messen lassen, sondern ihren Nutzen und ihre Wirksamkeit im Umgang mit praktischen Problemen unter Beweis stellen.
Forscher sollten daher der Brauchbarkeit ihrer Theorien eine höhere Priorität einräumen als dem bloßen Streben nach absoluter Wahrheit.
Der Einfluss des Konstruktivismus auf die Pädagogik
Schüler als aktive Mitgestalter:
Kinder werden als selbstständige Denker betrachtet, die aktiv an ihrem eigenen Lernprozess beteiligt sind.
Fehler, die die Lernenden machen, sind unerlässlich und wertvoll für den Lernprozess und die Entwicklung von Wissensstrukturen.
Pädagogen sollten Interesse und Anteil an den Gedanken und Ideen der Schüler zeigen, um deren Lernmotivation zu fördern.
Umstellung der Lehrmethoden:
Durch angepasste und innovative Lehrmethoden können Lehrer Schüler aktiv in den Lernprozess einbinden und deren Freude am Lernen signifikant steigern.
Die Bedeutsamkeit des konstruktivistischen Ansatzes wird durch zahlreiche empirische Forschungen untermauert, die die Wirksamkeit solcher Methoden demonstrieren.
Abschließende Gedanken
Subjektivität des Wissens:
Jede Sprache und Denkwelt ist durch die einzigartigen, individuellen Erfahrungen, Erlebnisse und Perspektiven der handelnden Personen geprägt.
Wahrheitsansprüche müssen aktiv und kritisch hinterfragt werden, um eine blinde Akzeptanz von Meinungen und Überzeugungen zu vermeiden.
Persönliche Einstellung von Glasersfeld:
Glasersfeld betrachtet den Konstruktivismus nicht als eine absolute Methode zur Erkenntnisgewinnung, sondern vielmehr als eine praktische Strategie zur Wissenskonstruktion.
Der Respekt gegenüber der Subjektivität der Schüler gilt als zentraler Aspekt des Lehr- und Lernprozesses, was einen dynamischen Ansatz zur Wissensvermittlung fördert.