Grundlagen der IT in der Gesundheitswirtschaft - Begriffe und Grundlagen
Lernziele der Vorlesung
Bedeutung der IT: Grundsätzliche Relevanz der Informationstechnik im Gesundheitswesen erkennen und zentrale Handlungsfelder beschreiben können.
Chancen und Herausforderungen: Kenntnis über Potenziale, aber auch Schwierigkeiten, welche die IT-Nutzung mit sich bringt, inklusive zielführender Erläuterung.
Informatik-Ansatz: Nachvollziehen des grundlegenden Ansatzes der Informatik sowie Abgrenzung der unterschiedlichen Teilgebiete.
Motivation für IT im Gesundheitswesen
Steigerung der Qualität: Digitale Gesundheitsdienstleistungen tragen massiv zur Qualitätsverbesserung im Gesundheitssektor bei.
Kernvorteile der Digitalisierung:
Optimierung von Koordination und Kommunikation.
Vermeidung von Doppelarbeiten.
Reduktion von Komplikationen.
Patient-Empowerment: Stärkung der Rolle des Patienten durch Information und Teilhabe.
Verbesserung der Prävention.
Notwendigkeit technologischen Verständnisses:
Verständnis der zugrunde liegenden Technologie erleichtert den effizienten Einsatz von IT-Anwendungen.
Spezialist:innen mit kombiniertem Fachwissen (Anwendung und IT) sind besonders in Übergangsbereichen gefragt.
Standard-Anwendungssysteme lösen allgemeine Probleme; für spezielle Verarbeitungsschritte sind oft Erweiterungen notwendig, deren Gestaltung Fachwissen erfordert.
Innovations- und Produktivitätspotenzial: Vor allem in wissensintensiven Einrichtungen wie Krankenhäusern und Krankenversicherungen bietet die Digitalisierung große Chancen. Der Zustand wird regelmäßig erhoben, beispielsweise im "IT-Report Gesundheitswesen".
Grundlegende Definitionen und Konzepte
Informationstechnik (IT): Oberbegriff für die Informations- und Datenverarbeitung. Sie umfasst Verfahren zur Verarbeitung oder Speicherung in digitalen Systemen.
Digitalisierung (ursprünglich): Das Umwandeln von analogen Signalen in digitale Daten, um diese informationstechnisch verarbeitbar zu machen.
Digitalisierung (heute): Wird synonym für die Digitale Transformation genutzt.
Digitale Transformation: Nach Professor Dr. Heyo K. Kroemer (Vorstandsvorsitzender der Charité, ) ist dies nicht nur Technologisierung, sondern ein Kulturwandel. Konzepte aus dem IT-Sektor (Arbeitswelt/Prozesse) prägen zunehmend das Gesundheitswesen. Ziel ist die gemeinsame Gestaltung des digitalen Wandels zum Wohle der Patientenversorgung.
Handlungsfelder: Das Bundesministerium für Gesundheit definierte das Strategiepapier "Digitale Gesundheit ".
Herausforderungen der Digitalisierung im Gesundheitswesen
Voraussetzungen für den Erfolg der Digitalisierung (nach Hübner et al. , S. ):
Infrastruktur: Digitale Anbindung der großen Mehrheit der Versorger.
Interoperabilität: Fähigkeit zum Datenaustausch.
Klinische Informationslogistik: Nutzung der Daten zur Prozesssteuerung.
Datenanalytik: Nutzung der Daten zur Wissensgenerierung.
Gestaltungskonflikte: Es existieren zahlreiche unterschiedliche Vorstellungen zur Umsetzung (siehe auch Krankenhauszukunftsgesetz).
Adoptionsschwierigkeiten: Die Zusammenarbeit zwischen klinischen Anwender:innen und IT-Mitarbeiter:innen gestaltet sich oft schwierig und langwierig.
Mangelnde Ressourcen: Es fehlen oft regelmäßige Erhebungen von Effizienzvorteilen sowie ausreichende Budgets für IT-Projekte (siehe Krankenhausreport ).
Pandemie-Erfahrungen: Während der Corona-Pandemie wurden Missstände im öffentlichen Gesundheitssektor (z. B. Corona-App, Impfterminvergabe, Gesundheitsämter) deutlich.
Datenbasis für Analysen: Studien des Bitkom Research basieren beispielsweise auf einer Befragung von Ärztinnen und Ärzten in Deutschland.
Grundlagen der Informatik
Dijkstra-Zitat: „In der Informatik geht es genauso wenig um Computer wie in der Astronomie um Teleskope“ (Edsger W. Dijkstra, † ).
Charakteristik: Eigenständige Disziplin seit den er Jahren. Fokus liegt auf immateriellen Produkten (Software), die oft erst durch materielle Objekte (Hardware) nutzbar werden.
Definition Informatik (Computer Science): Wissenschaft der maschinellen (rechnergestützten) Verarbeitung und Übermittelung von Daten (nach Abts, Mülder , S. ).
Wissenschaftliche Einordnung: Informatik fungiert als Grundlagen- und Querschnittsdisziplin für Forschung, Wirtschaft und Technik.
Teilgebiete der Informatik
Die Informatik unterteilt sich in die Kerninformatik und die Angewandte Informatik:
Theoretische Informatik (Formale Grundlagen):
Theoretische und mathematische Modelle.
Untersuchung von Entscheidbarkeit und Komplexität von Problemen.
Eigenschaften von Berechnungsmodellen und Programmiersprachen.
Praktische Informatik (Software):
Techniken der Programmierung und Entwicklung von Lösungsmodellen.
Themen: Programmiersprachen, Algorithmen, Betriebssysteme, Datenbanken.
Technische Informatik (Hardware):
Struktur, Aufbau und Funktionsweise von Computern basierend auf der Elektrotechnik.
Themen: Prozessoren, Speicher, Schnittstellen.
Angewandte Informatik:
Entwicklung und Verwendung spezieller Lösungen für bestimmte Bereiche.
Beispiele: Medizininformatik, Wirtschaftsinformatik, Bioinformatik, Medieninformatik.
Wirtschaftsinformatik als Anwendungsfeld
Definition: Wissenschaft von der Beschreibung, Erklärung, Prognose und Gestaltung rechnergestützter Informationssysteme in Wirtschaft, Verwaltung und privatem Umfeld (Laudon et al. , S. ).
Informationssysteme (IS): Gelten als soziotechnische Systeme. Sie umfassen:
Technik: Hardware und Software.
Menschen: z. B. Arzt, Pfleger, Patient.
Aufgaben: z. B. Controlling, Verwaltung, Diagnostik, Therapie, Abrechnung.
Kernaufgaben und Konzepte:
Prozessmanagement (Business Process Management - BPM) zur Analyse und Optimierung von Abläufen.
Betriebliche Anwendungssysteme: Enterprise-Ressource-Planning (), Customer Relationship Management (), Supply Chain Management ().
Berufsfelder: IT-Consultant, IT-Projektmanager, Software Engineer, Security Engineer, System Analyst, Software Architekt.
Medizinische Informatik
Definition: Wissenschaft der systematischen Erschließung, Verwaltung, Aufbewahrung, Verarbeitung und Bereitstellung von Daten, Informationen und Wissen in der Medizin und im Gesundheitswesen (GMDS ).
Historie: Beginn der Entwicklung in Deutschland in den er Jahren.
Ziele:
Unterstützung von Ärzt:innen, Pflegekräften, Patient:innen und Angehörigen.
Gestaltung von Versorgungs- und Forschungsprozessen.
Generierung neuen Wissens.
Sicherstellung einer hochwertigen und bezahlbaren Gesundheitsversorgung über Systemgrenzen hinweg.
Klassische Themen: Medizinische Dokumentation, Krankenhausinformationssysteme (), elektronische Patientenakte (), Standards.
Berufsfelder: Softwareentwicklung, Systemintegration, Qualitätssicherung, IT-Beratung, Produktmanagement, Prozessmanagement.
Bioinformatik
Definition (Computational Biology): Erforschung, Entwicklung und Anwendung computergestützter Methoden für molekularbiologische und biomedizinische Fragestellungen. Fokus auf Modelle und Algorithmen für Daten auf molekularer und zellbiologischer Ebene.
Ziele:
Verständnis der Krankheitsentstehung (z. B. Krebs).
Erforschung molekularer Ursachen und genetischer Dispositionen.
Ermöglichung gezielter personalisierter Therapien.
Einsatzgebiete:
Integration und Analyse biologischer Daten.
Interpretation von Daten aus Hochdurchsatzmethoden ().
Sequenzanalyse: Die Sequenzierung des menschlichen Genoms basiert maßgeblich auf der Bioinformatik (Human Genome Project bzw. ).
Pflegeinformatik
Definition (Nursing Informatics): Verbindung von pflegerischem Wissen und Erfahrung mit Methoden der Informatik (Hübner , S. ).
Einordnung: Spezialbereich der Wirtschaftsinformatik, der Erkenntnisse der Medizinischen Informatik nutzt.
Ziele:
Bereitstellung von Pflegewissen für alle relevanten Benutzergruppen (Ärzte, Physiotherapeuten etc.).
Unterstützung in Patientenversorgung, Administration und Aus-/Weiterbildung.
Tätigkeitsfelder: Erhebung von Benutzerbedürfnissen, Klassifizierung von Pflegewissen, Software-Entwicklungsprozesse, Parametrierung von Standardsoftware, strategische Entwicklung neuer Anwendungsfelder für Informationstechnologie in der Pflege.
Status: Die endgültige thematische Verortung der Disziplin ist noch nicht abgeschlossen.