17Vorlesung: Allgemeine und Anorganische Chemie - Chalkogene (Gruppe 16) und Pnictogene (Gruppe 15)
Periodensystem und Gruppenübersicht
Allgemeine Informationen:
Kurs: Allgemeine und Anorganische Chemie (21 101a).
Semester: SS 2026.
Dozent: Prof. Dr. Sebastian Hasenstab-Riedel.
Vorlesungsinhalt: Kapitel 10 (Chalkogene) und Kapitel 11 (Pnictogene).
Gruppe 16: Chalkogene (Erzbildner)
Elemente: Sauerstoff (), Schwefel (), Selen (), Tellur (), Polonium ().
Gruppeneigenschaften:
Ordnungszahlen (): , , , , .
Elektronenkonfigurationen:
:
:
:
:
:
Ionisierungsenergie (in ): Nimmt ab ().
Elektronegativität: Nimmt ab ().
Nichtmetallcharakter: Nimmt ab (Sauerstoff/Schwefel sind Nichtmetalle, Selen/Tellur sind Halbmetalle, Polonium ist ein Metall).
Affinität zu elektropositiven Elementen: Nimmt ab.
Affinität zu elektronegativen Elementen: Nimmt zu.
Bindungsenthalpien:
-Bindung: (), (), ().
-Bindung: (), (), ().
Schwefeldioxid ()
Eigenschaften:
Farbloses, stechend riechendes, giftiges und nicht brennbares Gas.
Siedepunkt (): .
Struktur:
Gewinkeltes Molekül ().
Polares und aprotisches Molekül mit Partialladungen (Sauerstoff , Schwefel ).
Herstellung:
Technik:
Verbrennung von Schwefel (): .
Abrösten von Erzen (z. B. Pyrit): .
Labor: Reaktion von Schwefelsäure mit Hydrogensulfit: .
Chemische Eigenschaften:
Wirkt reduzierend; Bestreben, die Oxidationsstufe zu erreichen.
Bakterizide Wirkung: Wird zum ’Schwefeln‘ von Weinfässern genutzt (seit der Römerzeit).
Wässrige Lösungen reagieren sauer, leiten Strom und wirken reduzierend. Man spricht von der hypothetischen ’Schwefligen Säure‘ (), die jedoch nicht isoliert werden kann.
Hervorragendes Lösungsmittel für viele organische und anorganische Verbindungen.
Umweltaspekte: Hauptursache des sauren Regens durch Kohle- und Ölverbrennung.
Rauchgasentschwefelung
Zweck: Entfernung von Schwefelverbindungen (, ) aus Abgasen von Kraftwerken, Müllverbrennungsanlagen und Großmotoren.
Verfahrensschritte:
Entstaubung: Durch Elektrofiltration (Einsatz von Sprühelektroden mit ca. und Abscheideplatten).
Kalksteinverfahren:
Reaktion von Kalkstein () mit zu Calciumsulfit: .
Oxidation zu Gips: .
Schwefeltrioxid ()
Modifikationen:
Gasphase: Monomer-Trimer-Gleichgewicht ().
Struktur (): Trigonal planar mit drei gleichstarken Schwefel-Sauerstoff-Doppelbindungen.
(): Entsteht bei ; besteht aus gewellten Ringen mit verzerrt tetraedrischer Umgebung der Schwefelatome.
und : Asbestartige, stabilere Modifikationen; besteht aus kettenförmigen Molekülen (Polyschwefelsäure).
Eigenschaften:
Sehr reaktive Verbindung und starkes Oxidationsmittel.
Reaktion mit Wasser zu Schwefelsäure ist extrem exotherm: .
Übersicht der Schwefeloxide und Oxosäuren
Oxidationszahlen und Oxide:
< +1: Polyschwefelmonooxide (, ).
< +1: Heptaschwefeldioxid ().
: Dischwefelmonooxid ().
: Schwefelmonooxid () und Dischwefeldioxid ().
: Schwefeldioxid ().
: Schwefeltrioxid (), Schwefeltetraoxid (), Polyschwefelperoxid ().
Schweflige Säure ():
Eigentlich hydratisiertes (, Gleichgewichtskonstante K << 10^{-9}).
Salze: Hydrogensulfite () und Sulfite ().
Darstellung: Einleiten von in Laugen (; ).
Reduktionswirkung: Stark, besonders im alkalischen Milieu.
Disulfite (): Entstehen durch Konzentrieren von Hydrogensulfit-Lösungen ().
Schwefelsäure ()
Allgemeines: Bereits im Mittelalter unter dem Namen Vitriolöl bekannt.
Technische Herstellung (Kontaktverfahren):
Erfolgt in zwei Schritten, da die direkte Verbrennung zu thermodynamisch problematisch ist.
Schritt 1: .
Schritt 2: (Exotherm, benötigt niedrige Temperaturen für hohe Ausbeute, aber hohen Druck/Katalysator für Geschwindigkeit).
Katalysator: Heterogen (Kontakt). Vanadiumpentoxid () auf einem Träger. Entscheidend ist der Wertigkeitswechsel .
Reaktionsmechanismus am Kontakt:
Absorption: wird nicht direkt in Wasser geleitet (Nebelbildung, exotherm), sondern in konzentrierte absorbiert.
(Dischwefelsäure/Oleum).
.
Chemische Eigenschaften:
Starke zweibasige Säure.
Dissoziationsstufen:
(, ca. ).
(, ca. ).
Wasserentziehende Wirkung: Führt zur Verkohlung organischer Stoffe (). Verwendung als Trocknungsmittel.
Nitriersäure: Gemisch aus konz. und konz. zur Erzeugung des Nitryl-Kations ().
Oxidierende Eigenschaften:
Verdünnt: Reaktion mit unedlen Metallen setzt Wasserstoff frei ().
Konzentriert: Reaktion mit edlen Metallen setzt Schwefeldioxid frei ().
Salze und Nachweis:
Salze: Hydrogensulfate () und Sulfate ().
Nachweis: Fällung mit Bariumchlorid () ergibt weißen Niederschlag von Bariumsulfat ().
Weitere Oxosäuren des Schwefels
Peroxodischwefelsäure (): Starkes Oxidationsmittel. Darstellung durch anodische Oxidation von Sulfatlösungen: .
Peroxomonoschwefelsäure (, Carotsche Säure): Hydrolysiert langsam zu und .
Thioschwefelsäure ( / Thiosulfat ):
Darstellung: Kochen von Sulfitlösungen mit Schwefelpulver (): .
Instabilität: Thioschwefelsäure zerfällt in Säure zu Schwefel und Schwefeldioxid.
Eigenschaften: Mildes Reduktionsmittel. Reaktion mit Chlor (’Antichlor‘): .
Reaktion mit Iod: (Bildung von Tetrathionat).
Verwendung: Fixiersalz in der Schwarz-Weiß-Photografie zur Komplexierung von Silberionen ().
Biologische Aspekte des Schwefels
Aminosäuren und Vitamine: L-Methionin, L-Cystein, Vitamin B1 (Thiamin), Biotin (Nervensystem/Stoffwechsel).
Haarstruktur: Festigkeit durch Disulfidbrücken (-Bindungen) zwischen Cysteinketten.
Geruchsstoffe:
Ethanthiol: Eine der übelriechendsten Substanzen.
Knoblauch: Allicin (entsteht aus Alliin durch das Enzym Alliinase via 2-Propensulfensäure).
Zwiebeln: Tränenreiz durch Propanthial-S-oxid (Isoalliin wird durch Alliinase und Lacrimatory Factor Synthase () umgewandelt).
Stinktiersekret: Besteht primär aus Thiolen und Thioestern (z. B. 2-Buten-1-thiol).
Kampfstoffe: Senfgas (’Lost‘), chemisch Bis(2-chlorethyl)sulfid (); wirkt hautschädigend.
Selen () und Tellur ()
Selen:
Vorkommen: Selten als Mineral (Clausthalite ) oder gediegen (Rosickyit).
Modifikationen:
Rotes Selen: Drei monokline Formen (); aufgebaut aus -Ringen.
Graues Selen: Hexagonal; thermodynamisch stabilste Form; besteht aus helikalen Ketten; ist ein Photo- und elektrischer Halbleiter.
Schwarzes Selen: Glasartig, spröde; Nutzung in Photozellen und Kopiergeräten.
Biologische Rolle: Essentielles Spurenelement (Selenomethionin für Enzyme); Mangel führt zu Keshan-Krankheit (Herzerkrankung); Verbindungen sind jedoch stark toxisch.
Tellur:
Vorkommen: Selten gediegen oder als Tellurit ().
Verwendung: Halbleitertechnologie.
Modifikationen: Nur eine Strukturform bekannt (analog zu grauem Selen).
Gruppe 15: Pnictogene
Elemente: Stickstoff (), Phosphor (), Arsen (), Antimon (), Bismut ().
Gruppeneigenschaften:
Elektronegativität: .
Nichtmetallcharakter: Nimmt ab; Bismut zeigt den stärksten Metallcharakter.
Löslichkeit/Salzcharakter: Der Salzcharakter der Halogenide nimmt nach unten zu.
Stickstoff ():
Hauptbestandteil der Luft ().
Gewinnung: Technisch durch das Linde-Verfahren (Fraktionierte Destillation flüssiger Luft).
Labor: Zersetzung von Natriumazid () oder Reaktion von Nitrit mit Ammoniumsalzen.
Polymerer Stickstoff: Synthese bei extremem Druck ( Millionen Atmosphären) und hoher Temperatur (> 2000\,K); ’cubic gauche‘-Struktur () mit Einfachbindungen; extrem hartes, metastabiles Material.
Bindung: Sehr stabile Dreifachbindung (). MO-Diagramm zeigt den ’-crossover‘ im Vergleich zu Sauerstoff.
Ammoniak ()
Eigenschaften: Farbloses Gas, stechender Geruch, Siedepunkt .
Struktur: Trigonal pyramidal, -hybridisiert, Bindungswinkel .
In Wasser: Sehr gut löslich; reagiert als schwache Lewis-Base: .
Autoprotolyse (flüssig): (Ammonium-Ion und Ammid-Ion).
Lösungsmittel: Löst Alkali- und Erdalkalimetalle unter Bildung solvatisierter Elektronen (tiefblaue Lösungen). Diese Lösungen sind starke Reduktionsmittel und zersetzen sich langsam unter Bildung von Amiden ().