Von der Hyperglobalisierung in die Globalisierungskrise

  • Christian Remer spricht über die Krise der Weltwirtschaft, die durch gestörte Lieferketten, geopolitische Spannungen und Handelskonflikte geprägt ist.

  • Die zentrale Frage ist, ob wir eine Globalisierungskrise erleben und was die Ursachen sind.

  • „Globalisierung“ beschreibt den Prozess, in dem Länder weltweit verbunden sind, und umfasst politische, soziale, kulturelle, ökologische und wirtschaftliche Aspekte.

  • Wirtschaftlich betrachtet bedeutet Globalisierung, dass Märkte einander annähern, was zu mehr Handel, Spezialisierung und internationaler Arbeitsteilung führt.

  • Es gibt vier Arten von Interaktion: (1) Warenhandel, (2) Dienstleistungsverkehr, (3) Kapitalbewegung und (4) Migration.

  • Die Hauptgründe für die Globalisierung sind technische Neuerungen (z. B. Dampfschiffe, Container und Internet), politische Maßnahmen (z. B. Freihandelsabkommen und Kapitalmarktöffnung) und das Ziel multinationaler Unternehmen, Kosten zu senken und Marktanteile zu gewinnen.

Ursprünge, Höhepunkt und Krise der Globalisierung
  • Die Globalisierung hat eine lange Geschichte, aber das 19. Jahrhundert wird als Beginn der modernen Globalisierung angesehen.

  • Technische Erfindungen machten den Transport von Waren (mit Dampfschiffen) und später von Wissen (mit Informations- und Kommunikationstechnologie) günstiger.

  • Politisch wurde die Globalisierung im 19. Jahrhundert durch den Abbau von Zöllen und Handelshemmnissen gefördert.

  • Die erste Globalisierungswelle (1870-1914) endete mit dem Ersten Weltkrieg. Das Handelsniveau wurde erst nach 1945 wieder erreicht und erreichte seinen Höhepunkt in der Hyperglobalisierung der 1990er Jahre.

  • Diese Hyperglobalisierung war durch das Wachstum globaler Lieferketten und Finanzströme geprägt, unterstützt durch die wirtschaftliche Öffnung ehemaliger Ostblockländer und die Gründung der WTO.

  • Seit der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008/2009 hat die Hyperglobalisierung stagniert.

  • Der Anteil des globalen Handels und der Kapitalflüsse im Verhältnis zur weltweiten Produktion ist seit 2008 rückläufig, oft als „Slowbalization“ bezeichnet.

  • Seit 2009 gibt es mehr protektionistische Maßnahmen im Vergleich zu Handelsliberalisierungen.

  • Neue Abkommen wie CETA (EU-Kanada) und CPTPP (Transpazifische Partnerschaft) wurden abgeschlossen, aber wichtige Vereinbarungen wie die Doha-Runde und TTIP sind ins Stocken geraten.

  • Auch das EU-Projekt erlebte durch den Brexit Rückschläge.

Wirtschaftliche Abhängigkeiten und strategische Autonomie
  • Es gibt einen Trend, wirtschaftliche Abhängigkeiten zu verringern, besonders in der EU, da der Ukrainekrieg Schwächen bei Energie- und Rohstoffimports gezeigt hat.

  • Das Konzept der „strategischen Autonomie“ bedeutet, sich auf eigene Ressourcen zu stützen. Man arbeitet mit Partnern zusammen, wenn nötig.

  • Gesetze zur Investitionskontrolle, wie die deutsche Politik von 2021 gegen chinesische Übernahmen, zeigen dieses Denken.

  • Das U.S.-Konzept des „Friendshoring“ zielt darauf ab, nur mit politisch verbündeten Ländern zu handeln, während China durch „Made in China 2025“ Unabhängigkeit in bestimmten Hochtechnologiebereichen anstrebt.

Unmittelbare Ursachen und strukturelle Probleme
  • Es gibt Anzeichen für eine Globalisierungskrise. Um dies zu verstehen, müssen wir sowohl unmittelbare als auch tiefere Ursachen betrachten.

  • Zu den unmittelbaren Ursachen gehören Störungen in Lieferketten, Lagerengpässe (wegen „Just-in-Time“-Praktiken) und eine steigende Nachfrage nach medizinischen Produkten, die auf feste Produktionskapazitäten trifft.

  • Zudem führten anhaltende Lockdowns in China zu Engpässen und steigenden Preisen für Energie.

  • Strukturelle Probleme sind die erheblichen Auswirkungen der Globalisierung auf nationale Arbeitsmärkte, die zu Jobverlusten in traditionellen Industriegebieten in Europa und den USA führten.

  • Der Wettbewerb mit Niedriglohnländern wie China hat viele Arbeiter verdrängt und in betroffenen Regionen sinkende Wirtschaftslage gebracht.

  • Dieses Umfeld hat rechtspopulistische Bewegungen gestärkt, wie die von Donald Trump, die solche Probleme mit protektionistischen Versprechen ansprechen.

Das politische Trilemma und Widerstand gegen Globalisierung
  • Eine strukturelle Ursache ist das politische Trilemma, das besagt, dass es nicht möglich ist, Demokratie, nationale Souveränität und Hyperglobalisierung gleichzeitig zu erreichen.

  • Man muss eines aufgeben, um die anderen zu sichern, was zu Konflikten führt.

  • Beispielsweise schränkt die Reduzierung von Transaktionskosten durch Hyperglobalisierung die Möglichkeiten demokratischer Governance ein, oft zum Nachteil der demokratisch gewählten Mehrheiten.

  • Kapitalmobilität führt zu einem Steuerwettbewerb, bei dem hohe Unternehmenssteuern zu Kapitalabflüssen führen.

  • Kapitalverkehrskontrollen könnten jedoch abweichende Unternehmenssteuersätze erlauben, ohne dass es große negative Folgen hat.

  • Diese Spannungen sind in vielen Bereichen zu finden, etwa bei Arbeits- und Schutzrechten, wo Globalisierung einheitliche Standards fordert, die mit nationalen Praktiken in Konflikt stehen.

Perspektiven zwischen De-Globalisierung und Re-Globalisierung
  • Trotz dieser Herausforderungen könnte es zu früh sein, das Ende der Globalisierung zu verkünden.

  • In den letzten Jahren hat sich der Fokus auf regionale und bilaterale Handelsabkommen verändert, anstatt auf große multilaterale Deals.

  • Der globale Handel sank 2020 wegen der Pandemie, erholte sich aber schnell wieder.

  • Während die Politik derzeit mehr zu De-Globalisierung neigt, könnten digitale Technologien eine neue Welle der Globalisierung, insbesondere im Dienstleistungssektor, anstoßen.

  • Digitale Technologien könnten helfen, neue globale Lieferketten aufzubauen und gleichzeitig Produktionsverlagerungen zurück in die USA oder Europa fördern, da die Nähe zu den Märkten immer wichtiger wird.

  • Diese Veränderungen betreffen auch den Klimawandel; die Einführung globaler Kohlenstoffsteuern könnte Kostenvorteile verringern, während die Bekämpfung des Klimawandels internationale Zusammenarbeit erfordert.

  • Der zukünftige Trend der Globalisierung bleibt ungewiss, mit Möglichkeiten für De-Globalisierung oder Re-Globalisierung. Eine neue Phase der Globalisierung muss nachhaltig sein und alte strukturelle Probleme demokratisch und multilateral angehen.