Mendelsche Genetik – Zusammenfassung (Grundlagen Molekularbiologie und Genetik)
Einführung und Kontext
- Modul: "Grundlagen Molekularbiologie und Genetik" (WiSe 24/25, Gartenbau, FHE – Fachhochschule Erfurt)
- Dozentin: Annette Hohe
- Fokus der Einheit: Klassische (mendelsche) Genetik, zentrale Begriffe, Kreuzungsschemata und Ableitungen von Vererbungsgesetzen
Gregor Johann Mendel (1822 – 1884)
- Geboren 1822 als Johann Mendel, Kind von Kleinbauern Anton und Rosina Mendel
- 1840 – 1843: Studium am philosophischen Institut der Universität Olmütz; Abbruch wegen "bitterer Nahrungssorgen"
- 1843: Eintritt als Mönch in die Augustiner-Abtei St. Thomas in Alt-Brünn (Ordensname: Gregorius)
- 1850 – 1856: Studium in Wien (mehrfach abgebrochen); Tätigkeit als Hilfslehrer
- Ab 1856: Beginn der Kreuzungsversuche mit Erbsen (≈ 28000 Pflanzen bis 1863)
- 1866: Publikation "Versuche über Pflanzenhybriden" im Journal des "Naturforschenden Vereins" Brünn
- 1868: Wahl zum Abt der Abtei Alt-Brünn
- 1884: Tod infolge Nierenversagens
- "Wiederentdeckung" der Arbeiten 1900 durch de Vries, Correns und Tschermak
Wissen, das Mendel noch nicht kannte
Gen-Begriff
- 1909 (Wilhelm Johannsen):
- Klassische Definition: "Kleinste Funktionseinheit, die im genetischen Experiment als Verteilungs-, Rekombinations- und Mutationseinheit erscheint"
- Moderne (molekulare) Definition: "DNA-Abschnitt, der für die Kodierung eines Polypeptids verantwortlich ist"
- Allel (gr. αλλήλων, "einander/gegenseitig"):
- Variante eines Gens an einem bestimmten Locus
- In der Regel multiple Allelie (≠ nur zwei Varianten)
Chromosomentheorie der Vererbung
- August Weismann 1885: Konzept der Vererbungsträger im Zellkern
- 1904: Empirische Ausarbeitung durch Walter Sutton & Theodor Boveri
- 1911 & 1919: Thomas Hunt Morgan (Drosophila-Arbeiten) belegt Kopplung von Merkmalen und Chromosomen
- DNA als molekulare Basis (später bestätigt, im Skript nur angedeutet)
Grundbegriffe der klassischen Genetik
- Genotyp vs. Phänotyp
- Beispiel: Gen B/b kodiert Mehltau-Resistenz
- Genotyp BB ⇒ Phänotyp "mehltauresistent"
- Genotyp bb ⇒ Phänotyp "mehltauanfällig"
- Homozygot (reinerbig) ⇒ BB,bb
- Heterozygot (mischerbig) ⇒ Bb
- Erbgänge
- Dominant-rezessiv: dominantes Allel überdeckt rezessives ⇒ Bb gleicht BB (Resistenzbeispiel)
- Intermediär: Heterozygoter Phänotyp ist eine Mittelstufe ⇒ "mittlere Resistenz"
Kreuzungsexperimente – Vorgehen "auf dem Papier"
- Gameten aus Genotypen ableiten (inkl. Häufigkeiten)
- Kreuzungstabelle (Punnett-Quadrat) aufstellen
- Genotypen der Nachkommen bestimmen
- Phänotypen gemäß Erbgang zuordnen (dominant-rezessiv oder intermediär)
- Phänotypen auszählen ⇒ Spaltungsverhältnis ermitteln
Beispiel 1 (P-Kreuzung)
- Kreuzung: AA×aa (rot × weiß)
- Gameten: A (nur) und a (nur)
- Alle Nachkommen: Aa
- Phänotypen
- Intermediär ⇒ rosa
- Dominant-rezessiv ⇒ rot
- Ergebnis: F\$_1$ uniform (keine Spaltung)
Beispiel 2 (F\$_1$-Selbstung)
- Kreuzung: Aa×Aa
- Gameten beider Eltern: A und a im Verhältnis 1:1
- Genotypen F\$_2$: AA:Aa:aa=1:2:1
- Phänotypen
- Intermediär ⇒ rot : rosa : weiß =1:2:1
- Dominant-rezessiv ⇒ rot : weiß =3:1
Rückkreuzungen (Übungsaufgabe)
- Definition: Kreuzung der F\$_1$-Heterozygoten Aa mit einem Elternteil
- Varianten
- Rückkreuzung mit dem roten Elternteil AA
- Dominant-rezessiv ⇒ Genotypen AA:Aa=1:1 → 100 % rot (kein Weiß)
- Intermediär ⇒ Phänotypen rot : rosa =1:1
- Rückkreuzung mit dem weißen Elternteil aa
- Dominant-rezessiv ⇒ Genotypen Aa:aa=1:1 → Phänotypen rot : weiß =1:1
- Intermediär ⇒ Phänotypen rosa : weiß =1:1
Mendelsche Regeln
Voraussetzungen für Gültigkeit
- Diploide Organismen mit haploiden Gameten (meiste höheren Tiere, viele Pflanzen)
- Merkmal muss kerngenetisch (nukleär) bestimmt sein
- Polyploide Fälle: Ableitung eigener Regeln möglich, klassische Verhältnisse gelten nicht direkt
- Kreuzt man zwei homozygote Eltern, die sich in einem Merkmal unterscheiden (z. B. AA und aa), dann sind alle F\$_1$-Nachkommen uniform (Aa)
- Unabhängig von der Richtung der Kreuzung (reziprok)
- Zwei mögliche F\$_1$-Phänotypen:
- Intermediär
- Dominant-rezessiv (Phänotyp des dominanten Elternteils)
2. Spaltungsregel (Segregationsregel)
- Kreuzt (oder selbstet) man zwei heterozygote F\$1$-Individuen (Aa×Aa), spaltet die F\$2$ auf
- Eltern-Phänotypen tauchen wieder auf
- Typische Phänotyp-Verhältnisse
- Intermediärer Erbgang ⇒ 1:2:1 (rot : rosa : weiß)
- Dominant-rezessiver Erbgang ⇒ 3:1 (dominant : rezessiv)
- Anzahl der Mendelschen Erbsenpflanzen bis 1863: ≈28000
- Typische Gametenverteilungen
- Homozygot AA oder aa ⇒ nur ein Gametentyp
- Heterozygot Aa ⇒ zwei Gametentypen A, a im Verhältnis 1:1
- Spaltungsverhältnisse (Genotyp/Phänotyp)
- F\$_1$-Uniformität ⇒ 1
- F\$_2$ Genotyp ⇒ 1:2:1, Phänotyp (intermediär) 1:2:1, Phänotyp (dominant-rezessiv) 3:1
Praktische Bedeutung & Anwendungen
- Züchtung: Vorhersage von Merkmalshäufigkeiten in Nachkommengenerationen
- Molekulare Marker: Homozygotie/Heterozygotie-Analysen
- Validierung der Chromosomentheorie: Kopplung & Genkartierung basieren auf mendelschen Verteilungen
Zusammenfassung
- Mendel legte mit Kreuzungsexperimenten das Fundament der Vererbungslehre
- Spätere Entdeckungen (Gen-Begriff, DNA, Chromosomen) erklärten die materielle Basis seiner Regeln
- Für alle genetischen Analysen gilt: klares Verständnis von Genotyp, Phänotyp, Erbgang und statistischen Verhältnissen ist essenziell