GSW - Ethnien & Religion

Einführung in das Thema

  • Thema: Gesellschaft, Staat und Wirtschaft Chinas seit 1978

  • Vorlesung: Ethnizität und Religion im Wintersemester 2025/26

  • Dozent: Prof. Dr. Nicola Spakowski

Pflichtlektüre und weitere einführende Texte

  • Pflichtlektüre:

    • Robert Barnett, "Tibet", in: William A. Joseph (Hg.), Politics in China. An Introduction, New York: Oxford University Press 2024, S. 489-522.

    • Gardner Bovingdon, "Xinjiang", in: William A. Joseph (Hg.), Politics in China. An Introduction, New York: Oxford University Press 2024, S. 523-553.

  • Weitere einführende Texte:

    • Björn Alpermann, "Die Peripherie Chinas – Die Beispiele Tibet und Xinjiang", in: Sina Hardaker u. Peter Dannenberg (Hg.), China. Geographien einer Weltmacht, Berlin: Springer 2023, S. 397-407.

    • Thomas Heberer, "Porträt eines Vielvölkerstaates", in: Sina Hardaker u. Peter Dannenberg (Hg.), China. Geographien einer Weltmacht, Berlin: Springer 2023, S. 117-125.

Ethnizität und Religion als Herausforderungen des autoritären Regimes

  • Problematik eines Vielvölkerstaates:

    • Verhältnis von Mehrheit (Han-Chinesen) und Minderheit (z.B. Tibeter, Uiguren)

    • Frage der Selbstbestimmungsrechte ethnischer Gruppen

    • Grundsätzlich Optionen zur Handhabung:

    • Autonomie

    • Assimilation

    • Sezession

  • Haltung des laizistisch/atheistischen, sozialistischen Staates zu Religionen:

    • Marxistische Sichtweise: Religion als "Opium für das Volk" bzw. als "feudaler Aberglaube"

    • Religiöse Vereinigungen als potentielle Konkurrenten zur staatlichen Autorität

  • Politisierung und transnationale Vernetzung:

    • Ethnische Minderheiten und religiöse Gruppen verknüpfen sich international;

    • Schwierige Beurteilung von Phänomenen wie „Terrorismus“ vs. „(kultureller) Genozid“ ohne belastbare Informationen.

Ethnische Zusammensetzung Chinas

  • Minderheitenverteilung (Zensus 2020):

    • Han-Chinesen: 91,11% der Bevölkerung

    • Offiziell anerkannte nationale Minderheiten shaoshu minzu (少数民族): 55

    • Diese machen 8,89% der Bevölkerung aus

  • Größte Minderheitengruppen (2020):

    • Zhuang: 19,56 Mio. (1,39%)

    • Uiguren: 11,77 Mio. (0,84%)

    • Hui: 11,37 Mio. (0,81%, keine eigene Sprache)

  • Geographische Konzentration der Minderheiten:

    • Autonome Gebiete decken 64% des gesamten chinesischen Territoriums ab.

    • Strategische Bedeutung als Grenzgebiete

    • Ressourcenreichtum in diesen Regionen.

Minderheitenproblematik allgemein

  • Schwanken des Zentralstaates:

    • Autonomie gegen Assimilation/Kontrolle/Repression

    • Ethnische Konflikte basierend auf religiös-kulturellen und ökonomischen Faktoren.

  • Autonomieansprüche und Separatismen:

    • Vor allem in Grenzregionen: Innere Mongolei, Tibet, Xinjiang.

    • Transnationale Verbindungen zu Separatisten und internationale Sympathie für Chinas Minderheiten.

  • Wirtschaftliche und soziale Ungleichheit:

    • Enormes Entwicklungsgefälle zwischen Han-Regionen und Minderheitenregionen.

Besondere Brisanz von Tibet und Xinjiang

  • Historisch konfliktreiche Vergangenheit:

    • Weniger Integration ins Staatsgebiet als in Han-Regionen.

    • Tibet: Phasen der faktischen Unabhängigkeit, ethnisch homogene Gebiete, Religion (Buddhismus) als zentraler Identitätsfaktor.

    • Xinjiang: Diverse Versuche der Sezession.

  • Internationale Aufmerksamkeit:

    • Exilgemeinden und -gruppierungen erhalten große internationale Unterstützung und Aufmerksamkeit.

Grundsätze der Minderheitenpolitik nach 1949

  • Integratives Konzept:

    • China als „einheitlicher Vielvölkerstaat“ (统一多民族国家)

    • Unterschiede in der Darstellung der Ethnien und Ihren Rechten

    • Autonomie der Minderheiten: Entwicklung von Sprache, Schrift und Religion.

  • Positive Diskriminierung:

    • Quoten für Minderheiten in Bildung und Wohnraum, Ausnahmeregelungen in der Bevölkerungspolitik und Steuererleichterungen.

  • Autonome Gebiete:

    • Einrichtung von fünf Autonomen Gebieten mit Provinzstatus.

    • 30 autonome Präfekturen, 120 Landkreise, 1173 Gemeinden (Zahlen für 2021).

  • Staatliche Unterstützung:

    • Hilfe bei wirtschaftlicher und kultureller Entwicklung.

Die Entwicklung der Minderheitenproblematik seit 1978

  • Politische Aspekte:

    • Rückkehr zur Politik der Autonomie, aber faktische Verletzung dieser Autonomie.

    • Diskurse über Stabilität und nationale Integration gewinnen an Bedeutung.

  • Zunehmende Kontrollen:

    • Seit 2008/09 hartes Vorgehen gegen Proteste (Tibet, Xinjiang).

    • Verschärfung der Überwachung ab 2011.

  • Assimilationspolitik:

    • Übergang weg von Autonomie zu Assimilation unter Xi Jinping; Verordnung von Hochchinesisch als Unterrichtssprache.

Wirtschaftliche Aspekte der Minderheitenproblematik

  • Entwicklungsprogramme:

    • Diverse Programme zur Modernisierung und Entwicklung; jedoch ohne Mitbestimmung der Minderheiten.

    • „Belt and Road“-Initiative zielt auf Entwicklung in westlichen Provinzen.

  • Ungleichheit:

    • Ökonomisches Wachstum führt zu erhöhter Ungleichheit zwischen Han-Chinesen und ethnischen Minderheiten.

Autonomes Gebiet Tibet

  • Ethnische Zusammensetzung (2020):

    • Tibeter: 86,0%

    • Han: 12,2%

    • Strategische Bedeutung und Armutsregion mit der höchsten Analphabetenrate (29% in 2023).

Autonomes Gebiet Xinjiang

  • Ethnische Zusammensetzung (2020):

    • Uiguren: 44,96% (1950: 75%)

    • Han: 42,24% (1950: 6%)

    • Kasachen: 6,89% (2018)

    • Wirtschaftliche Struktur und strategische Relevanz durch Ressourcen.

Politische Problematik Xinjiangs

  • Historische Angliederung:

    • Eroberung im 18. Jahrhundert, Eingliederung in das Kaiserreich.

    • Diverse Aufstandsbewegungen und Terrorismusproblematik.

  • Kontroversen um Terrorismus:

    • Verbindungen zwischen radikalen Uiguren und jihadistischen Gruppen; Repression durch den Staat.

  • Überwachung:

    • Kollektive Überwachung seit 2017, internierung in Lagern.

Religion in China

  • Generelle Kennzeichen:

    • Traditionelle Religionsformen, Synkretismus, keine hohe Institutionalisierung bis 1949.

    • Zunahme der Gläubigen seit 1978.

  • Hauptreligionen:

    • Buddhismus: ca. 200 Mio. Anhänger

    • Daoismus: Verdopplung der Tempelanlagen

    • Konfuzianismus: Eher ethisches System

    • Islam: ca. 20 Mio.

    • Christentum: massive Zunahme (geschätzt 70 Mio. 2007).

Staatliche Religionspolitik seit 1949

  • Regulierungsansatz:

    • Laizistisch/atheistisch, bedingte Religionsfreiheit mit staatlicher Kontrolle der religiösen Vereinigungen.

  • Tendenzen seit 1978:

    • Größere Toleranz, Anerkennung positiver Aspekte von Religion, schrittweise Rückgabe von Tempeln.

  • Aktuelle Entwicklungen:

    • Verschärfung der staatlichen Kontrolle und Repression unter Xi Jinping; Sinisierung der Religionsgemeinschaften.

Zusammenfassung und Ausblick

  • Problematik von China als Vielvölkerstaat.

  • Grundzüge und Probleme der staatlichen Minderheitenpolitik seit 1949.

  • Religionspolitik der VR China seit 1949.

Weiterführende Literatur

  • Alpermann, Björn, Xinjiang: China und die Uiguren, Würzburg UP 2021.

  • Arthur, Shawn, Contemporary Religions in China, London und New York: Routledge 2019.

  • Chau, Adam Yuet, Religion in China. Ties that Bind, Cambridge: Polity 2019.

  • Dillon, Michael, Xinjiang in the Twenty-First Century. Islam, Ethnicity and Resistance, London und New York: Routledge 2019.

  • Fischer, Andrew Martin, The Disempowered Development of Tibet in China: A Study in the Economics of Marginalization, Lanham: Lexington Books 2014.

  • Palmer, David A, Glenn Shive, Philip L. Wickeri (Hg.), Chinese Religious Life, Oxford UP 2011.

  • Rossabi, Morris, China and the Uyghurs. A Concise Introduction, Lanham etc.: Rowman & Littlefield 2022.

  • Zang Xiaowei, Handbook on Ethnic Minorities in China, Cheltenham und Northampton: Edward Elgar 2016.