Entwicklung phonetischer und phonologischer Fähigkeiten

Maximilian Hamann - Normaler und gestörter Spracherwerb

Einleitung und Lernziele

  • Dr. Maximilian Hamann spricht darüber, wie phonetische und phonologische Fähigkeiten entwickelt werden.
  • Diese Themen sollten im Anschluss behandelt werden:
    • Differenzierung zwischen phonetischer und phonologischer Entwicklung.
    • Detailierte Beschreibung der Reihenfolge der phonetischen Entwicklung und Formen der Lallphase ("babbling").
    • Ganzheitliche Speicherung erster Wörter und anschließend phonologische Vereinfachungsprozesse.
    • Erkennen fehlerhafter Lautverwendungen und Zuordnung zu phonologischen Prozessen, z.B. Fee als [te:].
    • Beispiele für physiologische Prozesse bis zum Alter von 5;11 Jahren.

Gliederung und Überblick

  1. Gegenüberstellung der phonetischen und phonologischen Entwicklung.
  2. Vorsprachliche Lautproduktionsentwicklung (phonetische Entwicklung).
  3. Erwerb des phonologischen Systems (phonologische Entwicklung).
    • Phonologische Erwerbsreihenfolge.
    • Phonologische Prozesse.
    • Phonologische Bewusstheit.
  4. Literatur.

Gegenüberstellung der phonetischen und phonologischen Entwicklung

  • Phonetik vs. Phonologie:
    • Phonetik: befasst sich mit der Bildung von Lauten und der Physiologie des Sprechens. Es konzentriert sich auf motorische und akustische Aspekte.
    • Phonologie: betrachtet Laute als bedeutungsunterscheidende, abstrakte Elemente einer Sprache und untersucht die Regeln der Lautkombination, Silbenstruktur und Wortbetonung.
    • Erwerb von beiden Komponenten:
    • suprasegmentale Komponenten (Prosodie): Intonation, Betonung und Rhythmus.
    • linguistische Kompetenz: Morphologie, Syntax, Lexikon, Semantik.
    • pragmatische Kompetenz: sprachliches Handeln und Kohärenz in der Konversation.

Vorsprachliche Lautproduktionsentwicklung

  • Perzeptionsentwicklung: Kinder sind von Geburt an fähig, Laute wahrzunehmen (Kategoriale Lautwahrnehmung, Segmentation, Wortklassifikation).
  • Kind nutzt Informationen aus verschiedenen Bereichen, um Regelmäßigkeiten in der Sprache zu entdecken (z.B. prosodische Informationen zur Erkennung von Wortgrenzen - "prosodic bootstrapping").
Phasen der phonetischen Entwicklung
  1. Reflexartige Lautäußerungen (Geburt bis 2 Monate):

    • Vegetative Laute (z.B. Schreien, Husten).
    • Vokalartige Laute mit Tonhöhenvariation.
  2. Phase der Kontrolle der Phonation (1.-4. Monat):

    • Protophone und erste Einstellungen des Sprechapparates.
    • Einführung melodischer Modulationen von Lauten.
  3. Phase der Expansion (5.-8. Monat):

    • Experiment mit Lautmodulationen (Lautstärke, Klangfarbe).
    • Kind beginnt, eine Vielzahl von Lauten zu produzieren, einschließlich isolierter Vokale.
  4. Phase des Lallens (8. Monat):

    • Lautäußerungen werden kontrollierter und strukturierter.
    • Unterscheidung zwischen verschiedenen Lallarten (kanonisches, reduplizierendes und variierendes Lallen).
      • Kanonisches Lallen: wohlgeformte Silben, meist aus einem Vokal und einem Konsonanten (z.B. "Ma", "Na").
      • Reduplizierendes Lallen: Verdopplung von Silben (z.B. "baba").
      • Variierendes Lallen: Mischung unterschiedlicher Konsonanten und Vokale (z.B. "taba").

Phonologische Entwicklung

  • Phonologische Erwerbsreihenfolge:
    • Ab dem zweiten Lebensjahr: erster Wortschatz, der einfache Silbenstrukturen besitzt.
    • Verwendung von Lauten aus der Lallphase.
    • Instabilität der Produktionsmuster; Vereinfachung der Wörter (z.B. [ba] für „Buch“).
    • Nach und nach erfolgt die Ausdifferenzierung des Phoneminventars, was zu neuen Bedeutungsunterschieden führt.

Phonologische Prozesse

  • Übergang von ganzheitlicher (holistischer) zur segmentorientierter Verarbeitung.
    • Systematische Vereinfachungsprozesse werden sichtbar, klassifiziert als phonologische Prozesse:
      • Substitutionsprozesse: z.B. Nasalierung, Lateralisierung, Fortisierung.
      • Harmonisierungsprozesse (Assimilationen): Laut wird an benachbarte Laute angeglichen (z.B. progressive und regressive Assimilation).
      • Silbenstrukturprozesse: Auslassung finaler und initialer Konsonanten.

Phonologische Bewusstheit

  • Fähigkeit, vom semantischen Gehalt der Sprache zu abstrahieren und sich auf die Klanggestalt der Sprache zu konzentrieren.
    • Umfassende Aspekte:
    • Silbengliederung: Segmentierung von Wörtern in Silben.
    • Reimen: Erkennen und Produzieren von Reimen.
    • Lautanalyse: Bestimmung der Lautposition im Wort, Assoziation von Einzelphonemen zu Worten.

Literatur

  • Weinrich/Zehner (2017): Phonetische und Phonologische Störungen bei Kindern. Springer-Verlag.
  • Kauschke et al. (2012): Spracherwerb und Sprachverlust. Kohlhammer-Verlag.
  • Kannengießer (2019): Lauterwerb und Aussprachestörungen. Sprachentwicklungsstörungen.
  • Fox-Boyer/Neumann (2023): Aussprachestörungen. Sprachtherapie mit Kindern. Ernst Reinhardt Verlag.