4. Vorläuferfähigkeiten und Lernvoraussetzungen

1.Die Vier-Felder-Tabelle von Peter Marx

  • eher spezifische Faktoren (auf SSE abgezielt)

  • eher unspezifische Faktoren (allgemeine kognitive Entwicklung)

  • internale Faktoren (im Kind verankert)

  • externale Faktoren (wirken auf Kind ein)

→ Beeinflussen SSE positiv oder negativ

2.Sozialisation und äußere Einflussfaktoren

Sozialisation = Entstehung und Bildung der Persönlichkeit aufgrund Interaktion mit spezifischen materiellen, kulturellen und sozialen Umwelt

→ Gehört zu externalen Faktoren in Bezug auf spezifische Entwicklung

→ Nicht nur andere Menschen prägen Charakter, sondern auch Kultur und äußere Gegebenheiten

  • familiäre Umfeld hat auch in Vorschulzeit (sensible Phase für SSE) weichenstellende Funktion

→ Faktoren:

  • Vorlesen

    • Kindern denen früh vorgelesen wird haben Vorteil

    • Allein Präsenz von Büchern fördert Lesesozialisation

    • Hängt oft mit Bildung der Eltern zusammen

    • Besonders effektiv: Dialogisches Vorlesen

  • Hörspiele, Hörbücher und Vorlese-Apps

    • auch förderlich

    • auch Möglichkeit zum begleiteten Lesen zuhause

    • Apps können sinnvoll ergänzen aber nicht ersetzen (mehr Möglichkeiten, interaktiv)

  • Lese- und Schreibumwelt

    • Jede Schrift (egal ob Notiz, Anzeige, oder im Fernsehen) nähert Kinds Interesse an Sprache

    • Über Finger-/ Sprach-/ Rollen-/ oder Regelspiele oder Malen erhalten von nötigem Rüstzeug für SSE

    • Förderung im Kindergarten wichtig

  • Sozioökonomischer Status und kulturelle Praxis:

    • nicht Migrationshintergrund und Mehrsprachigkeit negativ sondern Verbindung Migrationshintergrund und niedriger sozioökonomischer Status (Mehrsprachigkeit in lernförderlicher Umgebung positive Effekte)

    • Weiterer Faktor: Bildungsniveau

    • Unterstützende unspezifische Faktoren: Einrichtung von Vorkursen intensiv im Spracherwerb oder Rucksackprojekt zur Förderung des Home literacy environments

    • Weiterer Faktor: Exzessiver Fernsehkonsum hat negative Folgen auf v.a. Anfangsphasen des SSE → Kann zu Vermeidungshaltung und somit Teufelskreis führen

3.Anlagen und internale Einflussfaktoren

Nicht nur Unterscheidung spezfisch/unspezifisch, sondern auch proximal (SSE näheren Aspekte) und distal (allgemeinere Aspekte)

- Konzeptwissen über Schrift

  • Vorstellung, die Kinder über Umgang mit Schrift haben

  • Verständnis, wie Lesen und Schreiben funktioniert

  • eng verbunden mit Verständnis des Schriftzeichensystems (Graphem) und Kommunikaktion über Zeichen verbunden

- Metalinguistisches Wissen über Schrift

  • Kenntnisse der Buchstaben

  • 1. Einsichten in Phonem-Graphem /Graphem-Phonem Korrespondenz

  • Kompetenzen im Bereich phonologische Informationsverarbeitung

- Prozedurale Wissen über Schrift

  • Vermittlung der anderen Bereiche durch Re- und Dekodierprozesse

  • Ausweitung auf z.B. Kontextwissen

Unspezifische Faktoren:

Aufmerksamkeit und Konzentration:

  • Aufmerksamkeit = Kompetenz, Informationen bewusst, zielgerichtet aufzunehmen, um sie als Basis für weitere Denkprozesse zu verfügen und Kompetenz, unwichtiges zu ignorieren

  • Konzentration = Fähigkeit, eigenes Tun bewusst zu steuern und kontrollieren

  • Starkes Sinken der Aufmerksamkeits- und Konzentrationsfähigkeit steigert negativen Einfluss (kleine Abweichungen kaum Auswirkungen)

  • Anfänglicher Enthusiasmus Lesen/Schreiben zu lernen lässt schnell häufig nach → Fehelende Aufmerksamkeit beim Erschließen neuer Inhalte und kaum Konzentration beim Üben

  • Chancen und Probleme digitaler Medien

Intelligenz

  • größte Wirkung aus SSE (in Kombination mit positiver Sozialisation)

  • Ausgleich durch spezifische Faktoren “phonologische Bewusstheit” und “Arbeitsgedächtnis” möglich

  • Ausreißer am interessantesten

Sprachentwicklung (Wortschatz und linguistische Kompetenzen)

  • spezifischer Faktor

  • Können zu zweierlei Problemen führen:

    • Sprache und Schrift sind Lerngegenstand → Kompetenzunterschiede sofort deutlich

    • Aber auch Medium über das vermittelt wird (besonders problematisch: Bildungssprache)

  • Erzieher verpflichtet Sprachstandsbeobachtungen im vorletzten KIGA-Jahr vorzunehmen → Bereits dann Förderung bei Mangel (z.B. SELDAK Beobachtungsverfahren oder SISMIK)

  • Erwerb Grundzüge Sprache in ersten 4 Jahren → Wechselspiel angeborene Fähigkeit und interaktiver Kommunikation

  • Bis zu Schuleintritt 6000-14000 Wörter, richtiges kon- und deklinieren, richtige Zeitformen → Entwicklung bis ins Jugendalter

  • Bei mehrsprachigen Kindern: Unterschied lernen (Unterrichtlich gesteuert) und Erwerb (frei) → Meist Mischung

    • evtl. frühe Förderung (Vorkurs) zur Stärkung und Ausgleich

Sprachlern-Apps für frühkindliche Bildung

  • Schlaumäuse zur Erweiterung des Wortschatzs, Förderung Sprachverständnis und andere Vorläuferfertigkeiten

  • Deutsch lernen mit Mumbro & Zinell: interaktives Lernspiel zur eigenständigen Erweiterung der Sprachkompetenz

  • In Vorkurs verwendet:

    • Spielesammlung mit BiSS → An Lehrkraft gewendet

Sprachförderung bei Kindern mit geringem Wortschatz

  • logopädische Behandlung

  • Gebärdensprache (Down-Syndrom)

Möglichkeiten für LateTalker

  • Späterer Beginn mit Sprechen und mit zwei Jahren noch keine 50 Wörter, aber 30-50% holen während 3. Lebensjahr auf

  • Auch beim Einholen trotzdem oft Probleme im SSE

  • Mögliche Diagnose: Bielefelder Screening-Verfahren zur Früherkennung von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten (BISC) → Dementsprechende Förderung

Phonologische Informationsverarbeitung

→ Bündel an Kompetenzen, das erfolgreichen SSE am besten vorhersagen kann

  • Def.: Fähigkeit, bei Produktion und Verarbeitung gesprochener und geschriebener Sprache Informationen über Lautstruktur der Sprache wahr zu nehmen, bewusst damit umzugehen, sie zu speichern und zu verarbeiten bzw. auf phonologische Repräsentation im Langzeitgedächtnis automatisiert zugreifen zu können

  • Drei Bereiche

  • hohe Vorhersagekraft

Phonologische Bewusstheit:

  • Fähigkeit von inhaltlichen Ebene der Schriftsprache zugunsten lautlichen abstrahieren zu können

  • Unterscheidung:

    • Phonologische Bewusstheit im weiteren Sinne

      • größere Strukturen wie Silben und Reime erkennen und bilden

      • Gliedern von gesprochener Sprache in Silben, Endreime erkennen und bilden → fördert Bewusstsein für sprachliche Strukturen

      • meist bis Schuleintritt ausgebildet

    • Phonologische Bewusstheit im engeren Sinne

      • Fähigkeit, einzelne Laute herauszuhören

      • Voraussetzung und gleichzeitige Bildung während und für SSE

      • z.B. An-/Endlaute erkennen, Wörter rückwärts sagen, …

      • Häufigste Ursache für Schwierigkeiten beim SSE

  • PB im Vorschulalter

    • Probleme im Vorschulalter mit PB → Schwierigkeiten beim SSE

    • trainierbar

    • Je früher Förderung, desto effektiver

    • Programme wie “Hören, Lauschen, Lernen”

    • schon 15-20 Min. täglich zum spielerischen Üben der PB sehr effektiv

    • Singen, Reimen, Wortspiele

  • Kritik Training PB

    • ohnehin Teil des analytisch-synthetischen Lese- und Schreiblehrgangs → Keine spezielle Förderung in Vorschule nötig

    • Renate Valtin:

      • Empfehlung umfassende Sprachförderung

      • spielerische Erfahrung (auch Vorlesen)

      • dann entwickelt sich auch PB

      • Kritik: Sprachförderung immer sinnvoll → Entweder-oder nicht sinnvoll

    • Wichtiger Impuls: Positives Sprachvorbild durch Erzieher (klare Sprache, Aussprache, Betonung, …)

Phonologisches Arbeitsgedächtnis

  • Dual-Route-Modelle für Lesen und Schreiben

  • Beim Lesen: Phonem oder Silben so lange im Arbeitsgedächtnis behalten bis Wort im Ganzen dekodiert wird → Gleiche für ganze Wörter beim Lesen eines Satzs bis kohärente Bedeutung erkannt

  • Beim Schrieben: Elemente (Phoneme, Silben, Morpheme) Wörter auditiv speichern bis Wörter fertig geschrieben, gleiches für Wörter in Sätzen

  • Kapazität Satzgedächtnis (wie lange und wie viele Sätze gemerkt werden können) als Vorhersage von Risiken im SSE

  • Alter 4 ½ -5 ½ wichtigste Vorhersagefaktor

  • Zusammenhang phonologisches Arbeitsgedächtnis, Bewusstheit und Wortschatz

  • Meisten dreijährige Gedächtnisspanne von 3 Ziffern, Entwicklung auf bis zu sieben oder acht

  • Förderung noch nicht bewiesen, ob effektiv

Benenngeschwindigkeit - Zugriff auf Langzeitgedächtnis

  • Fähigkeit, in kurzer Zeit visuelle Reize mit den im Gehirn abgespeicherten Informationen zu verknüpfen und beim Lesen über verbale Repräsentation korrekten Namen zu artikulieren

  • Rapid Automatized Naming (RAN)/ Speed-Naming getestet durch z.B. TEPHOBE → Schnelle Zuordnung von Namen für Bilder

  • Benenngeschwindigkeit plus PB Erhöhung Vorhersagewahrscheinlichkeit von Problemen

  • Möglichkeiten Förderung:

    • Programm Blitzschnelle Förderung

    • Potsdamer Lesetraining PotsBlitz (schnelle Erkennen von Silben/Wörtern)

      → Als effektiv erwiesen (individueller Einsatz möglich)

    • Auch App Blitzlesen oder Anton

  • Ziel: Erweiterung Sichtwortschatz → Höhere Lesemotivation und -menge

Buchstabenkenntnis:

  • Zusammenhang Buchstabenkenntnis zu Schulbeginn und Erfolg beim SSE bzw. Rechtschreibleistung

  • Kenntnis reduziert Entwicklungsrisiken, erhöht Entwicklungschancen

  • deswegen Teil vieler Trainingsprogramme z.B. Hören, Lausche, Lernen

  • Buchstabenkenntnis bei Kindern mit Sprachentwicklungsstörung besserer Voraussagewert als PB

  • Auch Förderung durch dialogisches Buchlesen

  • Mittelhoher Zusammenhang zur späteren Leseleistung