Studiennotizen: Demenz, Delir und Chronischer Schmerz

Definition und Grundlagen der Demenz

  • Definition der Demenz:

    • Es handelt sich um Störungen der kognitiven Leistungen im Vergleich zur Altersnorm.

    • Es erfolgt ein Absinken des individuellen Leistungsniveaus.

    • Die Erkrankung führt zu einer Beeinträchtigung des Alltags.

    • Die Symptomatik muss eine Dauer von mindestens 66 Monaten aufweisen.

  • Abbau höherer geistiger Fähigkeiten:

    • Gedächtnis: Verlust der Merkfähigkeit und des Erinnerungsvermogens.

    • Orientierung: Betrifft alle 44 Qualitäten (Zeit, Ort, Person, Situation).

    • Denk- und Urteilsvermögen: Eingeschränkte Fähigkeit, komplexe Sachverhalte zu erfassen oder Entscheidungen zu treffen.

    • Sprache: Auftreten von Aphasie.

  • Veränderungen im Krankheitsverlauf:

    • Verhalten: Es treten Apraxie (Störung der Ausführung willkürlicher Bewegungen) und Agnosie (Störung des Erkennens) auf.

    • Emotionale Kontrolle: Verlust der Fähigkeit, Emotionen zu regulieren.

    • Persönlichkeit: Wesensveränderungen führen dazu, dass das gewohnte soziale Alltagsleben zunehmend beeinträchtigt wird.

Warnzeichen für eine beginnende Demenz

  • Soziale und psychische Anzeichen:

    • Sozialer Rückzug aus dem bisherigen Umfeld.

    • Angst vor der Dunkelheit.

    • Kritikminderung, insbesondere bei Haustürgeschäften.

  • Alltagsprobleme:

    • Schwierigkeiten beim Bezahlen mit Geldscheinen.

    • Ungepflegtes Äußeres.

    • Fehler bei der Speisenzubereitung.

    • Verlust des Zeitgefühls.

    • Fehlendes Zurechtfinden in unbekannten Gegenden.

    • Verlieren und Verlegen von Gegenständen an untypischen Orten.

  • Kognitive Auffälligkeiten:

    • Wortwiederholungen und Wortfindungsstörungen.

    • Vergessen von Einkäufen oder Mehrfachkauf derselben Dinge.

Einteilung der Demenz in Schweregrade

  • Leichte kognitive Beeinträchtigung (MCI - Mild Cognitive Impairment):

    • Kognitiv: Subjektives Klagen über Gedächtnisstörungen, jedoch keine objektiven Leistungseinbußen.

    • Alltag: Keine Einschränkung im Alltag.

    • Nicht kognitiv: Mögliche depressive Symptome.

  • Leichte Demenz (GDS 2-3, MMST 18-24):

    • Kognitiv: Abnahme von Gedächtnis, Denkvermögen und Informationsverarbeitung. Das Lernen, Wortfinden und Benennen ist erschwert.

    • Alltag: Selbstversorgung ist noch möglich; komplizierte Aufgaben fallen jedoch zunehmend schwer.

    • Nicht kognitiv: Emotionale Gereiztheit, geringere Belastbarkeit, mögliche depressive Symptome.

    • Spezifische Symptome: Emotionaler Rückzug, Antriebsmangel, Verlegen von vertrauten Dingen an atypische Orte, Verabredungen werden vergessen, Orientierungslosigkeit in unbekannter Umgebung.

  • Mittelgradige Demenz (GDS 4-5, MMST 10-17):

    • Kognitiv: Neue Informationen werden nur noch kurz behalten. Dinge des täglichen Lebens werden vergessen. Räumliche Orientierungsstörungen nehmen zu. Die Sprache wird einfacher.

    • Alltag: Selbstversorgung ist stark eingeschränkt. Es werden nur noch einfache Tätigkeiten durchgeführt.

    • Nicht kognitiv: Chronobiologische Störungen (Schlaf-Wach-Rhythmus), Unruhe, Umherirren, Angst, Abwehrverhalten, Wahnstörungen, Harninkontinenz.

    • Spezifische Symptome: Verkennungen, wahnhaftes Erleben, "Hinlauftendenz" in die alte Heimat, Vernachlässigung der Körperpflege, kognitive Harninkontinenz (Toilette wird nicht gefunden), Reizbarkeit und Aggressivität.

  • Schwere Demenz (GDS 6-7, MMST <10):

    • Kognitiv: Neue Informationen werden nicht behalten. Verwandte werden nicht mehr erkannt. Die räumliche Orientierung ist vollständig verloren. Zunehmender Sprachverlust (Aphasie, Einwortsätze, Lautieren, Schreien).

    • Alltag: Überwiegende Betreuung und Pflege notwendig. Fähigkeit zur Selbstpflege geht verloren.

    • Nicht kognitiv: Schluckstörungen, Inkontinenz (Harn/Stuhl), Bettlägerigkeit, Unruhe, chronobiologische Störungen, Enthemmung möglich.

    • Neurologische Kennzeichen: Gangstörungen, Gangunfähigkeit, Stürze, Störungen der Koordination und des Lagesinns (Sitzen oder Kopf aufrecht halten nicht mehr möglich), Kontrakturen.

Demenzformen und Häufigkeit

  • Statistische Verteilung:

    • Alzheimer-Krankheit: 60%60 \% der Fälle.

    • Vaskuläre Demenz und Alzheimer (Mischform): 10%10 \%.

    • Lewy-Body-Demenz (LBD) mit Alzheimer: 12%12 \%.

    • Reine Lewy-Body-Demenz (LBD): 3%3 \%.

    • Andere Demenzen: 5%5 \%.

    • Vaskuläre Demenz: 5%5 \%.

    • Frontotemporale Demenz: 5%5 \%.

  • Alzheimer-Krankheit:

    • Früher Beginn möglich (ab 6565. Lbj. oder früher).

    • Gehirnveränderungen durch amyloide Plaques.

    • Schleichender Beginn und allmähliche Verschlechterung.

    • Progredienter (fortschreitender) Verlauf.

    • Primär starke Beeinträchtigung des Gedächtnisses und der Wortfindung.

  • Vaskuläre Demenz (Gefäßbedingt):

    • Späterer Beginn.

    • Abrupter Beginn infolge von Minderdurchblutung / Infarkten.

    • Verschlechterung erfolgt stufenweise (in Schüben bei weiteren vaskulären Ereignissen).

    • Symptome: Gangbildstörung, Verkennungen, Halluzinationen.

    • Therapie der Grundgefäßerkrankung steht im Vordergrund.

  • Lewy-Body-Demenz (LBD):

    • Stürze unklarer Genese.

    • Leichtes Parkinson-Syndrom.

    • Optische Halluzinationen.

    • Wechselnder Verlauf der kognitiven Fähigkeiten.

    • Besonderheit: Ausgeprägte Neuroleptika-Unverträglichkeit.

Therapie und Therapieziele bei Demenz

  • Medikamentöse Therapie:

    • Antidementiva (z. B. Memantine wie Axura, Ebixa, Menatine Hexal).

    • Antiaggressiva, Antidepressiva, Anxiolytika (angstlösend), Sedativa.

    • Internistische Basistherapie.

  • Nichtmedikamentöse Therapie:

    • Psychotherapie und Soziotherapie.

    • Erinnerungsarbeit und Biografiearbeit.

    • Milieutherapie.

    • Kreativtherapie, Ergotherapie, Physiotherapie.

    • Edukation und Beratung der Angehörigen.

  • Juristische Aspekte:

    • Pflegeversicherung und Wohnraumgestaltung.

  • Zentrale Therapieziele:

    • Verzögerung der Verschlechterung.

    • Reduktion der Beschwerden und Steigerung des subjektiven Wohlbefindens.

    • Steigerung des Selbstwertes.

    • Abwehr von Eigen- oder Fremdgefährdung.

    • Schutz vor Überlastung der Angehörigen und Hinauszögern der Heimaufnahme.

Delir – Akute Verwirrtheit

  • Definition und Merkmale:

    • Bewusstseinsstörung mit verminderter Aufmerksamkeit.

    • Globale Störung der Kognition: Verwirrtheit, Merkschwäche, Wahrnehmungsstörungen (Verkennungen, Halluzinationen, Wahn).

    • Psychomotorische Störungen (hyperaktiv, hypoaktiv oder Mischtyp).

    • Störung des Schlaf-Wach-Rhythmus.

    • Akuter Beginn mit fluktuierenden (schwankenden) Symptomen.

  • Abgrenzung Delir vs. Demenz:

    • Symptombeginn: Delir (subakut/akut) vs. Demenz (schleichend).

    • Verlauf: Delir (kurzfristig, fluktuierend) vs. Demenz (stabil/progredient).

    • Bewusstsein: Delir (verändert) vs. Demenz (klar).

    • Aufmerksamkeit: Delir (häufig gestört) vs. Demenz (anfänglich nicht).

    • Halluzinationen/Schlaf: Delir (häufig) vs. Demenz (möglich/später).

  • Ursachen des Delirs:

    • Zerebral: Demenz, Depression, Narkosemittel, Medikamente (anticholinerg), Substanzentzug (z. B. Alkohol - Delirium tremens).

    • Systemisch: Hohes Fieber, Infekte, Flüssigkeitsmangel (Dehydration), sensorische Defizite (Sehen/Hören), Blutzuckerschwankungen (Hypo-/Hyperglykämie), Elektrolytentgleisungen, Schmerz, Hypoxie (Sauerstoffmangel).

  • Risikofaktoren:

    • Alter (besonders ab 8080 Jahre).

    • Kognitive Beeinträchtigungen, Gebrechlichkeit, Mehrfacherkrankungen.

    • Isolation, Einsamkeit, Leben in Pflegeeinrichtungen.

    • Multimedikation, ZNS-Medikamente, Alkoholsucht.

  • Erscheinungsformen des Delirs:

    • Hyperaktives Delir: Gesteigerte Motorik, Ruhelosigkeit, Umherwandern, Agitiertheit, Aggressivität.

    • Hypoaktives Delir: Reduzierte Motorik, Verlangsamung, Passivität, Apathie (wird oft übersehen).

    • Mischtyp: Kombination aus beiden Formen.

Management und Prävention des Delirs

  • Nichtmedikamentöse Maßnahmen (Reorientierung):

    • Benutzung eigener Brillen und Hörgeräte.

    • Uhren und Kalender sichtbar platzieren, aktuelle Tageszeitung bereitstellen.

    • Zimmerwechsel vermeiden und Nachtruhe einhalten (Lichtreduktion).

    • Hohe Konstanz der Bezugspersonen.

    • Einbindung der Angehörigen.

  • Allgemeine pflegerische Maßnahmen:

    • Lärm und Kältereize reduzieren.

    • Schmerzmitteilung und ausreichende Schmerztherapie.

    • Frühmobilisation, ausreichende Oxygenierung, Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr.

    • Vermeidung von Polypharmazie.

    • Anordnung freiheitsbeschränkender Maßnahmen (FEM) nur nach Ausschöpfung aller gelinderen Mittel.

  • Assessment-Instrument: NuDESC (Nursing Delirium Screening Scale):

    • Bewertung von 55 Symptomen (00 bis 22 Punkte):

      1. Desorientierung.

      2. Unangemessenes Verhalten.

      3. Unangemessene Kommunikation.

      4. Illusionen/Halluzinationen.

      5. Psychomotorische Retardierung.

    • Auswertung: Gesamtsumme 2\ge 2 deutet auf ein Delir hin.

Chronischer Schmerz im Alter

  • Definition nach McCaffery (1968):

    • "Schmerz ist das, was der Patient beschreibt. Er ist immer dann vorhanden, wenn er geäußert wird."

    • Chronischer Schmerz: Besteht länger als 33 Monate oder tritt wiederkehrend auf.

  • Häufige Pflegeprobleme im Zusammenhang mit Schmerz:

    • Eingeschränkte Mobilität (80%80 \%, Spitzenreiter).

    • Veränderungen beim Wohlbefinden/Schmerz (41%41 \%, gleichauf mit Ernährungsdefiziten).

    • Angst (30%30 \%, Verstopfung (26%26 \%, Schlafstörungen (22%22 \%.

  • Gründe für Schmerzen im Alter:

    • Abnützungen des Bewegungsapparats.

    • Muskelschwund (fehlende Stabilität).

    • Sensibilitätsstörungen (Berührungsempfindlichkeit).

    • Nervenschädigungen und chronische Erkrankungen.

    • Alte, verheilte Frakturen.

  • Problematik der Schmerzwahrnehmung:

    • Schmerz wird fälschlicherweise als normale Alterserscheinung betrachtet.

    • Angst vor Nebenwirkungen der Therapie führt zu Unterversorgung.

    • Patienten können oder äußern Schmerzen oft nicht adäquat.

Schmerzerfassung (Assessment)

  • Strukturiertes Schmerzinterview:

    • Erfassung der Lokalisation (Körperschema zum Ausmalen).

    • Abfrage spezifischer Regionen: Mund/Zähne, Kopf, Nacken, Gelenke etc.

    • Intensität der letzten 77 Tage.

    • Dauer, Chronizität und Modifikatoren (Was lindert/verstärkt?).

  • Schmerzskalen zur Intensitätsmessung:

    • NRS (Numerische Rangskala): Bewertung von 00 bis 1010.

    • VRS (Verbale Ratingskala): Begriffe wie "kein", "leichter", "mäßiger", "starker", "stärkster".

    • VAS (Visuelle Analogskala): Kontinuierliche Linie zwischen zwei Extremwerten.

  • Beobachtungsskala: BESD-Skala (Beurteilung von Schmerzen bei Demenz):

    • Kriterien: Atmung, negative Lautäußerungen, Gesichtsausdruck, Körpersprache, Trostbarkeit.

    • Einsatz bei Personen, die sich nicht mehr verbal äußern können.

  • Schmerzreduzierende Maßnahmen:

    • Medikamentöse Therapie.

    • Physikalische Maßnahmen (Kälte/Wärme).

    • Mobilisation und Bewegung.

    • Entspannungsmethoden: Aromatherapie, Tiertherapie.

    • Ablenkung.

    • Regelmäßige Evaluation der Maßnahmen mittels Assessment (bei Akutschmerz mind. 1×1 \times pro Schicht).", "title": "Studiennotizen: Demenz, Delir und Chronischer Schmerz"}