Industrialisierung ist ein technischer, wirtschaftlicher und sozialer Wachstumsprozess, der die agrarisch geprägte Gesellschaft binnen weniger Jahrzehnte zur Industriegesellschaft wandelte und bis in die Gegenwart wirksam ist.
Sie begann Ende des 18. Jahrhunderts und entwickelte sich im 20. Jahrhundert weltweit.
Merkmale der Industrialisierung:
erhebliches Wachstum des Sozialprodukts (wenn auch schwankend oder kurzfristig unterbrochen)
Anstieg der Investitionsquote
technische Neuerungen (auch organisatorische)
Einsatz von Arbeits- und Energieerzeugungsmaschinen
Massenproduktion in Fabriken
Arbeitsteilung/spezialisierte Fertigungsprozesse
starke Zunahme von Lohnarbeit
Verschiebung des Gewichts der Wirtschaftssektoren (vom Agrarstaat zum Industriestaat)
Vorreiterrolle Englands im Industrialisierungsprozess
England spielte eine Vorreiterrolle im Industrialisierungsprozess und wurde als die „Werkstatt der Welt“ bezeichnet.
Mitte des 18. Jahrhunderts: Beginn der Industrialisierung in England.
England ist das „Mutterland der Industrialisierung“, weil dort frühzeitig der Übergang von traditioneller, handwerklicher Fertigung in Kleinbetrieben zur modernen industriellen Produktion in Fabriken vollzogen wurde.
Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden erste industrielle Ballungszentren.
Voraussetzungen für die Industrialisierung in England:
Politisch:
Wirtschaftsliberalismus nach Adam Smith:
Der Staat darf die wirtschaftlichen Prozesse nicht nach seinen Interessen steuern. Das bedeutet, dass sich der Markt durch Angebot und Nachfrage reguliert, nicht durch den Staat.
Der Staat hat die Aufgabe, günstige Rahmenbedingungen für eine funktionierende Wirtschaft zu schaffen.
Englische Regierungsform (konstitutionelle Monarchie): Das Bürgertum besaß politisches Mitspracherecht.
Es gab keine Zunftschranken:
Bis zur Gewerbefreiheit war für Handwerker keine freie Berufswahl möglich.
Sie waren verpflichtend in einer Organisation zur Wahrung gemeinsamer Interessen, den sogenannten Zünften, eingebunden.
Dieses System sollte den Handwerkern ein gerechtes Einkommen sichern und sie vor Konkurrenz schützen.
Man konnte zum Beispiel Konkurrenten des gleichen Handwerks zutritt zur Stadt verweigern, da sie nicht Mitglied der Zunft waren.
Die Mitglieder einer Zunft bekamen zur Sicherung von Qualität jedoch Produktionsmethoden vorgeschrieben. Dadurch konnte man zwar Überproduktionen verhindern, jedoch verhinderte es gleichzeitig die Einführung neuer, produktiverer Produktionstechniken.
Außerdem unterlagen die Zunftmitgliedern strenger Kontrolle und bekamen sehr viel vorgeschrieben (z.B. Arbeitsweise, sittliche Lebensführung d.h. Gesellen unterlagen Heiratsverboten,…).
Durch dem Umstand, dass es in England keine Zunftschranken mehr gab, bestand nun keine Einschränkung der Gewerbefreiheit mehr, was für die Etablierung neuer Technologien förderlich ist und außerdem erlangte das Bürgertum mehr Freiheiten, die ihm vorher durch die Zünfte verweigert worden waren.
Kontinentalsperre:
Die Kontinentalsperre war eine Handelsblockade des europäischen Festlands gegen England, die am 21. November 1806 von Napoleon ausgesprochen wurde.
Damit wollte er England schaden, denn er selber strebte eine Hegemonie (Vormachtstellung) Europas an und da England einen sehr großen Einfluss hatte, stand es ihm dabei im Weg.
Diese Kontinentalsperre beinhaltete ein Verbot der Einführung von ausländischen Produkten.
Anfangs stellte sie tatsächlich ein Problem für England dar, da dieses beispielsweise Weizen immer importiert hatte. Durch die vielen Kolonien, die England besaß konnte dieser Verlust der Importgebiete stark reduziert werden.
Zudem führte die Sperre dazu, dass man sich nach Alternativen umsah. Als Folge dessen kam es zu einer Ausweitung der Industrie im Binnenland, was ein wichtiger Aspekt der Industrialisierung war.
Ein weiterer Aspekt ist, dass die Schranken zwischen dem Bürgertum und dem Adel geringer wurden, was zur Folge hatte, dass die Bürger durch den Erwerb von Grundbesitz relativ leicht in den Adel aufsteigen konnten. Um dann Profit mit dem neu erworbenen Land zu machen, wurde es intensiver genutzt, wodurch es automatisch zu einer Produktivitätssteigerung kam.
Geografisch:
Viele Kolonien (z.B. Indien, Kanada, Australien,.. d.h. Nahezu weltweit), was eine Sicherung von Rohstoffen und Absatzmärkten beinhaltete
Durch die Insellage hatte England beste Seehandelsvoraussetzungen. Es hatte außerdem sehr viele Häfen, sodass die Entfernung zum Meer maximal 120 km beträgt. Dies stellt eine sehr gute Voraussetzung für Exporthandel dar, aber auch für Import, denn Rohstoffe konnten dadurch billig transportiert werden.
England verfügte über große und leicht abzubauende Kohle- und Eisenerzvorkommen, d.h. England besaß sehr gute Resourcen
England besaß außerdem kurze und kostengünstige Verkehrswege wie Straßen und Kanäle, später auch Eisenbahn
England besaß große Ackerflächen und neue, ertragssteigernde Anbaumethoden. Dies stellte eine optimale Voraussetzung für eine marktorientierte Agrarproduktion mit kapitalistischer Organisationsweise dar.
wirtschaftlich:
Bevölkerungszunahme (durch medizinischen Fortschritt) und die Möglichkeit des Umzugs der Landbevölkerung (weil die Bauern nicht mehr zwingend an ihren Grund und Boden gebunden waren) in die Städte. Dies führte zu einem großen Angebot an Arbeitskräften in den Städten.
Die Kommerzialisierung des Grundbesitzes führte zu einer intensiveren Nutzung der Böden und zu einer Steigerung der Produktion, da jeder Großgrundbesitzer möglichst viel Profit machen möchte. Es kam somit zu einer Agrarrevolution d.h. Die bestehenden landwirtschaftlichen Strukturen wurden grundlegend verändert.
England besaß außerdem ein gut funktionierendes Finanzwesen und besaß beispielsweise eine Zentralbank. Das Land besaß einen relativ großen Binnenmarkt, der sehr gut strukturiert und koordiniert wurde durch ein geregeltes Zoll- und Finanzsystem.
Außerdem war England im 18./19. Jahrhundert Mittelpunkt des Welthandels. Es verfügte über einen großen Exportmarkt (u.a. wegen der Kolonien, aber auch Europa war wichtig für den Export) und kontrollierte als führende Seemacht die Handelswege.
Die billige Einführung von Baumwolle aus den Kolonien stellte eine optimale Voraussetzung für die Textilindustrie dar. In diesem Sektor war England aufgrund von neuen technischen Erfindungen (z.B. Spinnmaschine „Spinning Jenny“ 1768 und der mechanische Webstuhl,1785) Weltmarktführer, denn diese führten zu einer Qualitätserhöhung (die billige Baumwolle war die Grundlage für diesen Wirtschaftszweig). Aus diesem Grund war die Textilindustrie der Ausgangspunkt der Industrialisierung in England.
Es folgten die Schwerindustrie mit dem Bau der Dampfmaschine (James Watt,1769) und dem Bau der Eisenbahn. Dadurch konnte man Industriegüter billig transportieren, ohne von Wind und Wasser abhängig zu sein.
Massenproduktion mit strikten Fabrikordnungen
Fazit: Zahlreiche Kopplungseffekte führen zu technischen Innovationen (durch die Landflucht mehr Menschen in der Stadt, dadurch mehr Arbeitskräfte, dadurch höhere Produktion und Produktivitätssteigerung, dadurch technische Innovationen, dadurch …)
Grundlagen und Verlauf der Industrialisierung in Deutschland
Die Industrialisierung in Deutschland erfolgte im Vergleich zu England zeitlich verzögert. Erst in der der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Deutschland zum Industriestaat.
Gründe für die Verzögerung liegen in:
Wirtschaftliche Strukturen:
kleinere Absatzmärkte infolge des deutschen Partikularismus (= Streben der Teilstaaten ihre besonderen Interessen gegen allgemeine Interessen durchzusetzen), was sich durch die territoriale Zersplitterung als Ergebnis des des 30 jährigen Krieges begründen lässt.
Es bestand also eine staatliche und wirtschaftliche Zersplitterung (weil unterschiedliche wirtschaftliche Entwicklung in den einzelnen Ländern).
Durch die territoriale Zersplitterung bestehen viele innerstaatliche Grenzen und damit hunderte Zollschranken (nicht nur zwischenstaatliche Zölle, sondern auch Binnenzölle und Zölle für die Benutzung von Wegen) d.h. Es besteht kein einheitlicher Wirtschaftsraum
Da in den meisten Ländern Absolutismus herrschte, griff der Staat stark in die Wirtschaft mit Zöllen, Handelsbeschränkungen, Ein- und Ausfuhrbestimmungen etc. in die Wirtschaft ein
Durch die vielen einzelnen Länder gab es außerdem eine Vielzahl an Maß-, Münz- und Gewichtssystemen
Es bestand eine Ständegesellschaft d.h. Eine starre Gesellschaftsordnung (es bestand Zunftzwang und Leibeigenschaft d.h. Es bestand häufig eine persönliche und wirtschaftliche Abhängigkeit von einem Herrn, sodass man in der Gesellschaft kaum Aufstiegschancen hatte).
Agrargesellschaft in Deutschland d.h. Das Bürgertum war nicht auf ein Unternehmertum orientiert
Agrarwirtschaft weit hinter England, obwohl Landwirtschaftsgeprägtes Land
schlechtes Verkehrsnetz somit hemmende wirtschaftliche Expansion z.B. keine Kanäle,…
Soziale Strukturen:
Lehenswirtschaft
harte Standesschranken
fehlende Mobilität
Erfolgsstreben & Wirtschaftliche Neuerungen nicht möglich
Geistige Strukturen:
durch Standesschranken, einschränken von innovatorischem Denken und Handeln (konservative Grundeinstellung)
Geographische Strukturen:
starke Klimaschwankungen
kaum Häfen bzw. Küstengebiete
Gebirge (Alpen) im Süden behindern Transport
eingeengte Mittellage
ungleichverteilte Rohstoffe, rohstoffvorkommen weit auseinander
politische Strukturen:
300 Terretorialstaaten (Partikularismus)
Eingeschränkte Zukunftsvoraussichten
Fürsten massiver Eingriff in wirtschaftliche Entwicklung
Absolutistisches Regierungssystem (Herrscher (Monarch) der uneingeschränkt und ungeteilte Macht über das Land und seine Untertanen ausübt)
Weitere Strukturen:
Kaum Geld
Kaum Märkte
Kaum Interesse an Produktionssteigerung
Kaum Außenbeziehungen
Viele Kriege viele Feinde
Fazit: Die Voraussetzungen für die Industrialisierung in Deutschland waren wesentlich schlechter als in England. Unter anderem begann aus diesem Grund die Industrialisierung in Deutschland später, als in England.
Durchbruch der Industrialisierung in Deutschland:
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts begannen die deutschen Staaten nun sukzessive, die rechtlichen Hindernisse für einen Wirtschaftsaufschwung zu beseitigen und Bedingungen für die Entstehung freier Arbeits-, Kapital- und Bodenmärkte zu schaffen.
Die preußischen Reformen „Revolution von Oben“
Ausgangslage: Französische Revolution, Revolutions Kriege, Niederlage von Preußen 1806 gegen Napoleon, Fremdherrschaft Napoleons in Deutschland
Ziel von Hardenberg: Demokratische Grundsätze in einer monarchischen Regierung, so viel Freiheit und Gleichheit wie möglich
Abbau der Hemmnisse durch PREUßISCHE REFORMEN (auch Stein-Hardenbergsche Reformen):
(Bauern)Agrarreform und Bauernbefreiung: Am 9. Oktober 1807 wurde das Oktoberedikt verabschiedet, durch das nun auch Nicht-Adlige über Grundbesitz verfügen und Gutsherrschaft ausüben durften.
Abschaffung Leibeigenschaft. Es war für Bauern nun möglich sich von den Grundbesitzern zu lösen, wodurch sie viele Freiheiten hatten, die ihnen vorher verwehrt wurden. Sie durften nun beispielsweise heiraten und umziehen. Dadurch kam es zur Landflucht, sodass auch hier in den Städten ein großes Angebot an Arbeitskräften herrschte.
Land wird Ware
(Wirtschaft)Aufhebung des Zunftzwanges (selbstständige Arbeit möglich) und zusätzlich Gewerbefreiheit. Durch die zunehmenden Freiheiten (wirtschaftlich und persönlich) entstand nach und nach auch in Deutschland ein wirtschaftlicher Liberalismus, wie Vorreiter England ihn hatte.
(Städtische Selbstverwaltung) Die Städteordnung vom 19. November 1808: ermöglichte mehr Mitbestimmung der Bürgerschaft (hauptsächlich nur Bürger mit gewissem Einkommen) auf Städteversammlungen
Praktisch politische Konsequenzen& Maßnahmen
Bildungsreform: einheitliches Schulwesen: Abitur wurde Voraussetzung für das Studium, Berlin war Zentrum der Wissenschaft (ausgehend von Wilhelm von Humboldt)
Judenemanzipationsgesetz: verbessert die rechtliche Stellung der Juden, aber nicht die soziale Eingliederung
Militärreform: Aufbau eines Volksheeres (jeder kann Offizier werden) und Einführung der Wehrpflicht nach französischem Vorbild
Folgen dieser Maßnahmen:
Steigerung Freiheit der Person
mehr freie Berufswahl
Bildung nimmt zu
mehr Arbeitskräfte werden aufgrund Abschaffung Leibeigenschaft frei
Geld und Investitionen machen Innovationen möglich
Fazit: Es kam zu einer umfassenden Modernisierung des Staates, auch in Bereichen, die nicht direkt mit der Wirtschaft in Verbindung stehen. Die Reformen fördern zwar die wirtschaftliche Entwicklung, jedoch bestehen weiterhin ungünstige politische Verhältnisse, uneinheitliche Regierungsformen und ein schlechtes Verkehrsnetz.
Weitere Reformen und Entwicklungen
Napoleonische Reformen in den Rheinbundstaaten: Beseitigung der Adelsvorrechte, Vereinheitlichung des Wirtschaftsraumes, einheitliches Rechts- und Steuersystem: dadurch Aufhebung der starren Gesellschaftsordnung
zu Beginn des 19. Jahrhunderts beseitigten bedeutende Länder wie Preußen, Bayern, Württemberg und Baden ihre Binnenzölle.
1834: Gründung des deutschen Zollvereins und damit Schaffung eines einheitlichen Wirtschaftsraumes. Zusätzlich wurde zwischen den verschiedenen Landeswährungen ein fester Wechselkurs vereinbart. Außerdem sicherte sich so Preußen wirtschaftlich mehr Einfluss im deutschen Bund
Weitere Schritte zur Vereinheitlichung des deutschen Wirtschaftsraumes waren die Gründung der Zentralnotenbank (1875) und die Schaffung der Einheitswährung „Deutsche Mark“ (1876).
Importe von Rohstoffen und neue Technologien (z.B. Verhüttungsverfahren) um die geringen natürlichen Rohstoffvorkommen zu kompensieren (Deutschland hatte keine Kolonien und nur wenig Erze)
In Deutschland war die Schrittmacherindustrie für die Industrialisierung nicht die Textilindustrie, sondern der Eisenbahnbau. Ab 1835 fuhr die erste Eisenbahn zwischen Nürnberg und Fürth (6,5 km). Der Staat unterstützte den Ausbau des überwiegend privat finanzierten Eisenbahnnetzes, indem er z.B. die Zulassung von Aktiengesellschaften genehmigte. Die starke Nachfrage an Rohstoffen für den Maschinen und Schienenbau führte zu einem starken Entwicklungsschub in diesem Bereich. Die neu entstandenen Industrien (wie Streckenbau,.. ) schufen eine Vielzahl an neuen Arbeitsplätzen.
Eisenbahnbau
Schwerindustrie/Stahlindustrie
Textilindustrie
1870 hatte Deutschland Frankreich in der Roheisenproduktion überholt.
Annexion von Elsass Lothringen nach dem deutsch Französischen Krieg (= wichtiges Eisenerzgebiet)
Frankreich musste nach Niederlage im Deutsch Französischen Krieg Reparationen an Deutschland zahlen, die es als Anschubfinanzierung in vielen Industriebereichen nutzte, wodurch der Boom der „Gründerjahre“ (Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs, viele Unternehmensgründungen) ausgelöst wurde.
Beschäftigungsrate stieg
in den 1890er Jahren wurde die Elektro- und Chemieindustrie zum neuen Leitsektor und sorgte für einen weiteren Industrialisierungsschub in Deutschland.
Phasen der Industrialisierung
Vorindustrialisierung (von1830-35)
Änderung der rechtlichen Rahmenbedingungen
Gewerbefreiheit, Zölle, Freizügigkeit
neue Produktionsmethoden und Produkte, sowie Produktionsstäten
zunehmende Arbeitsstellung
Verbesserung der Infrastruktur
Anlauf- & Vorbereitungsphase
Durchbruchsphase (1835-70/80) „take-off-Phase“
Umfassende Industrialisierung
Textil und Montanindustrie (Bergbau)
Eisenbahnbau, Maschinen& Anlagenbau
Änderung der Arbeitswelt
reglementierte Arbeitsprozesse
Mechanisierung der Landwirtschaft
>Landflucht -> Verstädterung
Hochindustrialisierungsphase Aufstieg zum Industrie Staat (ab1870/80)
Gründerzeit (1871-73)
Gründerkrise (1873-75)
Ausdehnung der Montanindustrie & Metallverarbeitung
Elektro-& Chemieindustrie
soziale Probleme entstehen
Folgen der Industrialisierung
Urbanisierung (Veränderung des Stadtbildes und Wirtschaft einer Stadt)
Mietskasernen (mehrgeschossiges Mietshaus mit einem oder mehreren Innenhöfen)
Massenproduktion/Fließbandarbeit
Massenkonsum
Modernes/neues Lebensgefühl
Umweltgefährdung
neue Schichten: Bourgeoisie (Wohlhabendes Bürgertum) & Proletariat (Arme Arbeiter die von Betreiben abhängig sind und keinen eigenen Besitz haben)
Soziale Frage
Der Begriff „soziale Frage“ kam in den 1840er-Jahren auf und bezeichnet die Auseinandersetzung mit den sozialen Missständen infolge der Industrialisierung. Kernprobleme der sozialen Frage waren in erster Linie Pauperismus (Massenarmut), sowie die unzumutbaren Lebens- und Arbeitsbedingungen der Industriearbeiter. Die soziale Not, vor allem in den Unterschichten, führte zu Unruhen(Weberaufstand 1844,…)
Pauperismus = Massenelend
Arbeit
bis zu 17h am Tag
6 Tage die Woche
Männer/Frauen/Kinder müssen Arbeiten
kein Urlaub
häufig Unfälle (schlechte Arbeitsbedingungen)
keine Rechte gegenüber dem Arbeitgeber
kein Gesundheitsschutz
Leben
teurer Wohnraum
wenig Platz (oft mehrere Familien in einer Wohnung)
keine Privatsphäre
Hygiene-Probleme (Bäder meist teilen mit anderen Mietern, kaum bis kein Wasser)
Verelendung der unteren Schichten
Schlafburschen -> bezahlen um in fremden Betten zu schlafen
Rechte
Frauen schlechter bezahlt als Männer
Frauen/Kinder keine Rechte
keine rechtlichen Vertreter
erst keine Versicherung
1883 Krankenversicherung
1884 Unfallversicherung
1889 Rentenversicherung
Umwelt
Zerstörung der Umwelt durch Bevölkerungszuwachs und Industrie,…
Merkmale der sozialen Frage:
Bevölkerungswachstum: Seit Mitte des 18. Jahrhunderts kam es zu einer Bevölkerungsexplosion, sodass die Bevölkerungszahl von ca. 25 Millionen auf 65 Millionen Menschen Anstieg. Die traditionelle Agrarwirtschaft konnte nicht mehr ausreichend Nahrungsmittel zur Verfügung stellen. Dadurch kam es bereits zu Beginn, zu der Arbeitslosigkeit und Massenarmut.
Verstädterung: Die Industrie war örtlich an die Rohstoffvorkommen gebunden. Dazu kam, dass man Absatzmärkte und eine gute Verkehrsanbindung brauchte. Hinzu kam, dass sich die Bauern durch die Bauernbefreiung und die Agrarreform von ihren Gutsherren lösen konnten. Durch diese Umstände kam es zu einer Landflucht, die eine Verstädterung zur Folge hatte.
Es entstanden neue gesellschaftliche Gruppen. Durch die Industrie gliederte sich die Gesellschaft in Industriearbeiter (frei, aber ohne persönlichen Besitz von Produktionsmitteln, hatten gegenüber den Unternehmern keine Rechte, bekamen nur einen geringen Lohn für ihre Arbeit) und Unternehmer (gewannen zunehmend an sozialem Ansehen und bilden die neue Elite in Wirtschaft und Gesellschaft).
Arbeitsbedingungen: sehr lange Arbeitszeiten (bis zu 17 Stunden täglich), niedrige Löhne, fehlende Arbeitsschutzbedingungen, keine Entschädigung bei Unfall, Krankheit,.. (durch Überangebot an Arbeitskräften)
Wohnverhältnisse: Mietskasernen mit katastrophalen hygienischen Verhältnissen. Es gab häufig kein fließendes Wasser und keine Kanalisation. Die Räume waren sehr beengt, dunkel und feucht, ebenso die Hinterhöfe (auch dunkel). Familien mussten sich die engen Räume teilweise teilen, gerade wegen Schichtarbeiten. Durch diese Wohnbedingungen kam es zur Ausbreitung ansteckender Infektionskrankheiten.
Frauen- und Kinderarbeit: Der niedrige Lohn, den die Väter mitbrachten, reichte oft nicht aus. Aus diesem Grund mussten also Frauen und Kinder zusätzlich in der Fabrik (Kinder an Maschinen, wo Erwachsene nicht hinkommen) oder zu Hause arbeiten. Sie bekamen aber noch viel weniger Lohn (nur ein Viertel des Lohns eines ungelernten Arbeiters). Die Fabrikarbeit führte zu gesundheitlichen Schäden, was vor allem bei schwangeren Frauen und Kindern ein Problem war. Außerdem hatten die Frauen nun eine Doppelbelastung (Haushalt, Kinder, Arbeit) und die Kinder konnten wegen der Arbeit häufig nicht in die Schule gehen.
Lösungsansätze der sozialen Frage
Gruppe / Institution: Motive / Maßnahmen
Kirchen:
Motive:- traditionelle christliche Verantwortung gegenüber den Schwächeren der Gesellschaft und karitatives(wohltätig, Notleidende Unterstützung) Engagement -soziale Einrichtungen und Bildungsinitiativen -auffordern Unternehmer Arbeiter besser bezahlen - Johann Hinrich Wichern- Waisenhäuser - Adolf Kolping -Kolpinghäuser
Staat:
Motive:- einerseits staatliche Fürsorge - andererseits: Schwächung der Arbeiterbewegung (aufgekommene Unruhen) und der Sozialdemokratie (Arbeiter wollten diese im 19. Jahrhundert verwirklichen) - Gewährleistung der Schulbildung - Erhaltung der Gesundheit junger Männer für den Militärdienst
(unter Bismarck)- Verbot der Kinderarbeit - Fabrikinspektionen - Sozialistengesetz(Otto von Bismarck 1878) zur Bekämpfung der Sozialdemokratie d.h. Sozialistische Parteien und Organisationen wurden verboten - Sozialgesetzgebung um Arbeiter für sich(Bismarck) zu gewinnen: Einführung der Krankenversicherung (1883), Unfallversicherung (1884), Invaliden- und Altersversicherung (1889)
Unternehmer:
Motive: - einerseits: Fürsorgepflicht als „Oberhaupt des Unternehmens“ und ethische Verantwortung - andererseits: ökonomisches Kalkül (höhere Motivation und Produktivität, weniger Arbeitsausfälle bei besseren Bedingungen)- Einrichtung von Kranken- und Pensionskassen (Betriebsrenten) - Bau von günstigen Werkswohnungen und Schulen - Senkung Arbeitszeit (1900 ca. 8h) - Ziel: Arbeiter an Unternehmen binden
Gewerkschaften:
Motive: - Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiter - Fürsorgepflichtfür Mitglieder durch Unterstützung in sozialen Notlagen - Verbesserung der Aufstiegschancen - Anerkennung als gleichberechtigte Partner z.B. im Tarifstreit- Zusammenschluss zu organisierten Interessenverbänden: Entstehung der ersten deutschen Gewerkschaft (1865) - Aushandlung von Tarifverträgen - Streik als Mittel in den Tarifkonflikten mit den Unternehmern - Einrichtung von Streik- und Unterstützungskassen (z.B. beisozialer Not infolge einer Kündigung) - Bau von Gewerkschaftshäusern (Bildungsangebote, preiswerte Unterkunft für Gesellen auf Wanderschaft,..)
Arbeiterparteien:
Motive:- Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen - politisches Mitspracherecht - sowohl marxistische Forderungen (Überwindung der Klassengegensätze durch Revolution), als auch reformerische Ideen (Wahlrecht, Verzicht auf Gewalt,…)- Gründung von Arbeiterparteien, die sich dann zur sozialistischen Arbeiterpartei zusammenschlossen - enge Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften im Kampf um eine Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen - Kampf für politische Freiheiten (als Voraussetzung für die ökonomische Befreiung der Arbeiter)
Weitere Lösungsansätze:
Ferdinand Lassalle:
Gründung des „Allgemeinen deutschen Arbeitervereins“ 1863
Ziele:
gleiches Wahlrecht für alle
Lösung der sozialen Frage durch den Staat
Verwaltung der Fabriken durch die Arbeiter
Willhelm Liebknecht:
Gründung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei SDAP 1869
August Bebel, Ferdinand Lassalle, Willhelm Liebknecht
Sozialistische Arbeiter Partei Deutschlands (später 1890 SPD)
Partei Programm:
allg. Wahlrecht ab 20 Jahren
politisches Mitbestimmungsrecht des Volkes
Verbot Kinderarbeit
Schutzgesetze für Leben und Gesundheit (Grundrechte)
Produktionsmittel in Fabriken als gesellschaftliches Gemeingut
Karl Marx/ Friedrich Engels:
Karl Marx sah Entwicklungen in den Städten während Industrialisierung kritisch
Manifest der Kommunistischen Partei (1848)
Ziele:
Zusammenschluss aller Proletarier gegen aktuellen Staat
politische Herrschaft der Arbeiter
Abschaffung des Privateigentums und Produktionsmittel in Unternehmen
Übergang von Kapitalismus zu Sozialismus zu Kommunismus
Liberale, nationale und konservative Ideen und ihre Umsetzung in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts
Wiener Kongress bis Revolution
Nach dem Sieg über Napoleon berieten Vertreter der europäischen Großmächte 1814/1815 in Wien über die politische Neuordnung Europas. (Wiener Kongress begann 1. November 1814)
geleitet von Österreichischen Kanzler: Fürst Klemens von Metternich
Ausgangslage Wiener Kongress:
Napoleon ging aus der französischen Revolution als Kaiser hervor und eroberte anschließend zahlreiche Gebiete in Europa. Dadurch hatte sich das Europa wie man es vorher kannte erheblich verändert: viele Staaten wurden aufgelöst, viele neue Ländergrenzen wurden geschaffen,…
An Russland scheiterte Napoleon schließlich und wurde 1815 endgültig verbannt
Ziel des Wiener Kongresses: politische Neuordnung Europas nach der Niederlage Napoleons. Zeit nach der französischen Revolution zurück drehen. Teilnehmer: Bevollmächtigte Vertreter aus etwa 200 europäischen Staaten und Städten. Die wichtigsten Rollen spielten die Großmächte Preußen, Österreich, Russland, England und Frankreich.
Hauptziele der 5 Großmächte auf dem Wiener Kongress:
Restauration: Wiederherstellung der vorrevolutionären (vor der französischen Revolution) politischen und gesellschaftlichen Ordnung
Legitimität: Die Herrscher wollten wie früher berechtigt sein d.h. Sie wollten eine Herrschaft aus dem alten Recht und dem Gottesgnadentum. Zurück zur alten Ordnung
Solidarität: enge Zusammenarbeit der europäischen Fürsten gegen revolutionäre National- und Befreiungsbewegungen d.h. Sie wollten gemeinsam gegen revolutionäre Ideen und Bewegungen kämpfen.
Mächtegleichgewicht: Gleichgewicht der fünf europäischen Großmächte in Europa (Pentarchie), um zukünftige Kriege in Europa zu verhindern. Eine territoriale Neuordnung sollte dieses Gleichgewicht absichern. Aus diesem Grund wurden auf dem Wiener Kongress sehr viele Ländergrenzen bestimmt. So wurde Frankreich beispielsweise in den Grenzen bestätigt, die es vor der Revolution hatte d.h. Die eroberten Gebiete Napoleons wurden abgegeben, aber nicht mehr (siehe Restauration).
Viele deutsche Patrioten haben gehofft, dass auf dem Wiener Kongress ein deutscher Bundesstaat geschaffen wird. Vor Napoleon gab es das Heilige Römische Reich deutscher Nation, das wurde jedoch nicht wieder hergestellt. Eine Rückkehr zu den territorialen Verhältnissen des 18. Jahrhunderts war aufgrund der Europapolitik Napoleons nicht möglich. Stattdessen wurde der Deutsche Bund gegründet.
Der Deutsche Bund war ein loser Staatenbund von anfangs 35 Fürstenstaaten und 4 freien Städten. Außerdem gehörten Preußen und Österreich mit ihren deutschen Gebieten zum deutschen Bund. Der Deutsche Bund besaß sogar einen Bundestag (= ständiger Kongress in Frankfurt am Main). Obwohl es insgesamt eher ein loser Staatenbund war, hat er trotzdem dazu beigetragen, dass Mächtegleichgewicht in Europa zu behalten. Die unterschiedlichen Interessen und das Fehlen einer gemeinsamen Exekutive erschwerten aber die Beschlussfähigkeit, sodass der Staatenbund kaum handlungsfähig war.
Am 26.9.1815 Heilige Allianz zwischen Preußen, Russland, Österreich. Alle Staaten des deutschen Bundes traten diesen bei, auch Frankreich und Schweiz. Großbritannien nur Sympathieerklärung.
Nationale, liberale und konservative Bewegungen vom Wiener Kongress bis zur Märzrevolution
Die Beschlüsse vom Wiener Kongress konnten langfristig die Ideen der französischen Revolution nicht mehr unterdrücken. Liberalismus und Nationalismus waren die beiden Strömungen, die im Bürgertum immer mehr Anhänger fanden. Sie waren in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eng miteinander verbunden.
Die Liberalen traten für die Freiheit des Einzelnen ein, für die Umsetzung der Menschen- und Bürgerrechte und für die Einführung eines Rechts- und Verfassungsstaates.
Die Anhänger des Nationalismus betonten den Gemeinschaftsgedanken, der auf der Vorstellung einer Kulturnation beruhte, die durch die gemeinsame Sprache, Kultur und Geschichte geprägt war. Diese Kulturnation sollte zu einer Staatsnation mit einem fest definierten Gebiet und festen Grenzen zusammenwachsen.
Die Reaktion der Fürsten: 20.9.1819 erließ der Deutsche Bund die Karlsbader Beschlüsse zur Unterdrückung der liberalen und nationalen Bestrebungen(als Anlass diente der Mord an von Kotzebue, der gegen die liberale/nationale Bewegung war, von einem Studenten). (Karlsbader Beschlüsse waren der Höhepunkt des Einflusses von Österreich im deutschen Bund)
Sie beinhalteten:
ein Verbot der Burschenschaften (Studentenverbindungen mit liberalen und nationalen Ideen und Überzeugungen) und Entlassung kritischer Universitätsprofessoren
eine staatliche Zensur von Presse und Schrifttum (Pressegesetz)
die Einrichtung einer Zentraluntersuchungskommission zur Überwachung demagogischer (hetzerisch/ propagandaartig) und revolutionärer „Umtriebe“ (v.a. An Universitäten).(Universitätsgesetz)
Der europäische Vormärz:
Der Vormärz ist die historische Periode in Deutschland von 1815 bis zur Revolution im März 1848. Seit 1830, verstärkten sich die revolutionären National- und Freiheitsbewegungen in Europa. Einige Beispiele dafür sind
Julirevolution in Frankreich 1830 mit dem Ergebnis einer konstitutionellen Monarchie
Gründung eines belgischen Nationalstaats 1831 infolge revolutionärer Unruhen.
Aufstände für nationale Selbstbestimmung und Freiheit in Italien
… im März 1832 verbat der Bundestag mehrere radikale Zeitungen.
Auch in im Deutschen Bund kam es zu Protestbewegungen. 1832 versammelten sich mehr als 25000 Menschen beim Hambacher Fest (besonders viele Studenten), um ihren Forderungen nach nationaler Einheit, Presse- und Meinungsfreiheit, Demokratie, … Ausdruck zu verleihen. 1833 versuchten Studenten sogar mit der Erstürmung der Frankfurter Hauptwache eine Revolution auszulösen, jedoch scheiterte dieser Versuch.
Bundestag reagiert auf die Hambacher Versammlung mit den „sechs Artikeln von 28.06.1832“, bekannt geworden als die „Maßregeln“
Die deutschen Fürsten reagierten unterschiedlich auf die Proteste: in einigen Staaten erließen Verfassungen und Reformen. In anderen Staaten wurde die Pressezensur und das Versammlungsverbot verschärft, Verdächtige verhaftet,…
Die Bewegung im Vormärz war noch keine Massenbewegung, jedoch gewann sie immer mehr an Kraft.
Ursachen, Verlauf, Ergebnis der Revolution 1848
Die Revolution 1848/1849 war ein gesamteuropäisches Ereignis.
Das zündende Hölzchen war dabei wieder Frankreich. Die Februarrevolution in Frankreich (Paris) löste einen „revolutionären Flächenbrand aus“, der im Frühjahr 1848 beinahe jeden europäischen Staat erreichte, außer England und Russland.
Ursachen der Revolution:
große soziale Spannungen: Sie entstanden durch den Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Es gab ein großes Bevölkerungswachstum, das zu einem Arbeitskräfteüberschuss und einem Arbeitsmangel führte. Es bestanden zusätzlich Hungersnöte. In Folge dieser Umstände kam es 1844 beispielsweise zum Weberaufstand.