Umfassende Studiennotizen zur Linguistik

Grundlagen der Linguistik und der Begriff der Sprache

  • Sprache als Medium: Sprache fungiert primär als Medium für Gedanken.

  • Definition der Linguistik: Die Sprachwissenschaft wird als Linguistik bezeichnet, wobei die Sprache das Hauptfach dieser Wissenschaft darstellt.

  • Wesen der Sprache:

    • Ein Mittel, das auf kognitiven Prozessen basiert.

    • Gesellschaftlich bedingt.

    • Unterliegt einem stetigen historischem Wandel und entwickelt sich kontinuierlich.

    • Dient dem Austausch und der Äußerung von Gedanken, Vorstellungen, Erkenntnissen und Informationen.

    • Dient der Tradierung von Erfahrung und Wissen.

  • Sprache als konventionelles System:

    • Es handelt sich um ein System mit einer konventionellen Struktur von Zeichen.

    • System: Eine Menge von Elementen, die in geordneten Beziehungen zueinander stehen.

    • Struktur: Basierend auf dem Strukturalismus folgt Sprache einer Hierarchie mit Subsystemen und verschiedenen Ebenen.

  • Abgrenzungen in der Linguistik:

    • Menschliche vs. Tiersprache: Der Terminus "Sprache" wird in der Linguistik ausschließlich für die menschliche Sprache verwendet.

    • Natürliche vs. künstliche Sprachen: Die Linguistik konzentriert sich auf natürliche Sprachen. Künstliche Sprachen wie Esperanto (entwickelt Ende des 19.19. Jahrhunderts von L. Zamenhof) haben das Ziel, eine sprechbare Sprache mit theoretisch und praktisch relevanten Aspekten zu schaffen.

  • Gegenstandsbereiche der Linguistik: Umfasst die Struktur, den Sprachgebrauch und den Sprachwandel.

  • Ebenen des Sprachwandels:

    • Lexikalische Ebene: Zum Beispiel Historismen und Archaismen.

    • Grammatische Ebene: Zum Beispiel die Form ’zu Hause’ (mit der alten Dativ-Endung e-e).

    • Generelle Ebene: Textkomposition, Satzaufbau (z. B. die Tendenz zu längeren und komplizierteren Sätzen in Zeitungen der Vergangenheit).

  • Wissenschaftliches Arbeiten in der Linguistik: Hilft bei grammatischen Problemen und dem Verständnis der Sprachstruktur. Die Schritte umfassen:

    1. Beobachtung

    2. Fragestellung und Hypothese (Annahme)

    3. Experimente

    4. Ergebnis (Resultat)

    • Jeder Schritt muss in einer wissenschaftlichen Arbeit belegt sein.

  • Etymologie:

    • Abgeleitet von lateinisch lingua = Zunge, Rede.

    • Im 16.16. Jahrhundert wurde das Wort "Linguist" erfunden; damals bedeutete es "Sprachkenner" (jemand, der viele Sprachen kennt), wurde aber sehr selten verwendet.

    • Ende des 19.19. / Anfang des 20.20. Jahrhunderts etablierte sich die Linguistik als moderne Disziplin.

Teilbereiche und Typen der Linguistik

  • Psycholinguistik: Befasst sich mit Problemen beim Spracherwerb (Kind/Schulkind), der Begriffsentwicklung, der Bedeutung und den Gefahren sprachlicher Tests sowie Sprachstörungen. Ein Unterbereich ist die Pädolinguistik. Sie untersucht den Zusammenhang von Sprache und Denken (Kognition).

  • Patholinguistik / Neurolinguistik: Steht in engem Kontakt zur Medizin. Untersucht unter anderem die Aphasie (anatomische Verletzung des Gehirns).

  • Angewandte Linguistik: Fokus auf erfolgreiches Lernen und Lehren von Mutter- und Fremdsprachen, typische Fehler und Interferenzen, angemessenes Übersetzen und maschinelle Sprachverarbeitung.

    • Beinhaltet: Sprachdidaktik, Lexikografie, kontrastive Linguistik, Fehler- und Interferenzlinguistik, Übersetzungstheorie und Computerlinguistik.

  • Historiolinguistik: Verstehen alter Formen und Texte, Entwicklung der Standardsprache (Hochsprache, Einheitssprache) und der Gegenwartssprache.

    • Beinhaltet: Sprachgeschichte und Prinzipien des Sprachwandels.

  • Systemlinguistik: Grundlagenwissenschaft zur Erforschung der Grammatik natürlicher Sprachen, Erstellung von Grammatiktheorien, Sprachvergleich und normgerechter Gebrauch. Klärt Verstehensschwierigkeiten aufgrund von Fremdwörtern oder komplexen Sätzen.

    • Beinhaltet: Sprachstrukturforschung, Grammatik, Typologie, Phonologie, Morphologie, Wortbildungslehre, Syntax, Semantik, Textgrammatik und Lexikologie.

  • Soziolinguistik: Untersucht Kommunikationsbarrieren durch Gruppensprachen, ungleiche Chancen für Schulerfolg und Probleme der Sprachnorm (Regeln der Sprache, grammatischer Kodex).

    • Beinhaltet: Varietätenlinguistik und Dialektologie.

  • Pragmatik: Untersucht Missverständnisse durch falsche Einschätzung von Form und Intention, sowie Manipulation durch Sprache.

    • Beinhaltet: Handlungs- und Texttheorie, Sprechaktheorie, Sprachwirkungsforschung, Propaganda- und Werbesprache.

Zeichentheorie (Semiotik)

  • Sprachliche Zeichen: Sie repräsentieren etwas (machen die bekannte Welt verfügbar) und sind arbiträr sowie linear.

  • Charles Sanders Peirce (183919141839-1914): Amerikanischer Philosoph und Logiker. Er klassifizierte Zeichen nach der Art der Relation zwischen Zeichen und Bezeichnetem:

    1. Signifié (= Bezeichnetes): Die Vorstellung.

    2. Signifiant (= Bezeichnendes): Das Lautbild.

    • Hinzu kommt der Interpret, der diese Relation interpretiert.

  • Kategorien von Zeichen nach Peirce:

    • Ikon: Ikonisches Zeichen; eine Abbildung, die Aspekte des realen Objekts oder Lautes imitiert.

    • Index: Indexikalisches Zeichen (Anzeichen). Ein physikalisches Phänomen, das kausal von einem anderen hervorgerufen wird (z. B. Rauch → Feuer; dunkle Wolken → Regen; Fieber → Krankheit).

    • Symbol: Basiert auf menschlicher Konvention (z. B. Rotes Licht → Stop). Sprachliche Zeichen sind Symbole, da die Zuordnung von Ausdrücken zur Realität willkürlich (Arbitrarität) ist.

      • Ausnahme: Onomatopoetische (lautmalende) Ausdrücke wie "zischen" (tschechisch: syāëet), "Kuckuck" (kukaāèka), "kikeriki" (kykyrykyā°r;).

  • Zeichentypen:

    1. Verbale Zeichen: Gesprochen, geschrieben, tastbar (Blindenschrift).

    2. Paraverbale Zeichen: Qualität der Stimme, Betonung.

    3. Nonverbale Zeichen: Gestik, Mimik, Blickkontakt, Körperhaltung.

  • Sprachaufbau:

    • Systemischer Sprachaufbau: Von der Gesamtheit zu Details; Sprache als komplexes Regelsystem, in dem eine Änderung das Gesamtsystem beeinflusst.

    • Analytischer Sprachaufbau: Isolierung einzelner Bestandteile; Grammatik wird durch eigenständige Wörter gebildet. Deutsch liegt an der Grenze zwischen systemisch und analytisch.

  • Entwicklung des Deutschen: Vom Germanischen/Althochdeutschen (8.11.8.-11. Jh.) gibt es eine Tendenz zum synthetischen/analytischen Umbau:

    1. Verlust oder Veränderung von Flexionsendungen.

    2. Funktion der Flexionsendungen wurde von Artikeln übernommen.

    3. Artikel verändern sich.

    4. Funktion der Artikel wird teilweise von Präpositionen übernommen.

    • Deutsch gilt heute als analytische Sprache; Realität wird in einzelne Symbole zerlegt und nach logischen Regeln zusammengesetzt.

Ferdinand de Saussure und der Strukturalismus

  • Ferdinand de Saussure (185719131857-1913): Schweizer Linguist, Begründer des Strukturalismus und der modernen Linguistik.

  • Strukturalismus: Sprache als hierarchisches System. Beeinflusste den Prager Linguistenkreis (PLK), der jedoch den funktionalen Aspekt stärker betonte.

  • Hauptwerk: Cours de linguistique générale (19161916); tschechische Übersetzung: Kurs obecné jazykovāědy (19891989).

  • Synchron vs. Diachron: Saussure untersuchte Sprache rein synchronisch (zu einem konkreten Zeitpunkt).

  • Semiologie: Allgemeine Zeichentheorie (Griechisch semeion = Zeichen). Untersucht Zeichengebrauch in der Gesellschaft. Linguistik ist bei Saussure eine Teildisziplin der Semiologie.

  • Dreiteilung der Sprache:

    1. Langue: Abstraktes System von Elementen und Regeln.

    2. Parole: Konkrete Realisierung und praktische Verwendung des Systems.

    3. Langage: Die menschliche Fähigkeit, sich Sprache anzueignen und mittels ihrer zu kommunizieren.

Prager Linguistenkreis (PLK) und strukturalistische Analyse

  • Strukturalistische Ansätze: Phonologie, Morphologie, Morpho-Phonologie, Syntax.

  • Phonologie:

    • Untersucht die Funktion von Lauten für die Bedeutung, insbesondere die distinktive (unterscheidende) Funktion.

    • Abgrenzung zur Artikulation (Perzeption von Lauten).

    • Phonem: Kleinste sprachliche Einheit mit potenziell bedeutungsunterscheidender Funktion.

    • Die Entwicklung ist untrennbar mit dem PLK verbunden, gegründet am 6.10.19266.‐10.‐1926 durch Vilém Mathesius. Weitere Mitglieder: Mukaāřovský, Trubeckoj, Jakobson.

  • Funktionale Satzperspektive: Konzept von Mathesius zur Unterteilung in:

    • Thema: Bekannte Information.

    • Rhema: Kern der Aussage, neue Information (z. B. "Sie kommt | morgen um 7").

  • Nikolaj Sergejeviāč Trubeckoj: Autor von Grundzüge der Phonologie (19391939); er definierte Phoneme wissenschaftlich präzise.

  • Morphologie:

    • Morphem: Kleinste bedeutungstragende Einheit (langue).

    • Silbe: Rein lautliche Einheit (parole).

  • Vladimír Skaliāčka und die Sprachtypologie:

    1. Agglutinierend: Jeder Affix hat genau eine Bedeutung (z. B. Ungarisch).

    2. Flektierend: Ein Affix kann mehrere Bedeutungen tragen; freie Wortstellung (z. B. Deutsch, Tschechisch).

    3. Introflexiv: Lautveränderungen im Wortstamm (z. B. Arabisch, aber auch Deutsch: sitzen-setzen, Tochter-Töchter).

    4. Isolierend (Analytisch): Syntaktische Beziehungen durch Wortstellung; feste Wortstellung, unklare Wortartgrenzen (z. B. Englisch: snow/to snow).

    5. Polysynthetisch: Keine Deklination/Konjugation; grammatische Bedeutung durch lexikalische Mittel oder Komposition (z. B. Chinesisch).

  • Roman Jakobson: Theorie der privativen Opposition. Ein Paar, bei dem ein Teil ein Merkmal trägt, das das andere nicht hat (z. B. markiertes Femininum vs. unmarkiertes "generisches" Maskulinum).

Pragmatik und Sprechakttheorie

  • Karl Bühler: Vater der Pragmatik, Mitarbeiter des PLK. Schuf das Organon-Modell.

  • Sprachtheorie (19341934): Drei Grundfunktionen der Sprache:

    1. Darstellungsfunktion: Beschreibung der Welt (Gegenstände/Sachverhalte).

    2. Ausdrucksfunktion: Emotionen des Senders.

    3. Appellfunktion: Aufforderung an den Empfänger.

  • Zentrale Thesis: "Wenn wir sprechen, handeln wir." Sprache als Werkzeug des Sprachhandelns.

  • Teilnehmer: Kommunikationspartner, Produzent/Rezipient, Sender/Empfänger, Sprecher/Hörer.

  • Deiktische Ausdrücke: Verweisende Wörter (Deixis), deren Bedeutung nur im Kontext (wer, wann, wo) klar ist (z. B. "hier", "ich", "heute").

  • Präsuppositionen: Mitgeteilte Fakten, die im Satz nicht explizit formuliert werden (vorausgesetztes Wissen).

  • Proposition: Die eigentlich mitgeteilte Information.

  • Sprechakt (John Langshaw Austin, 19551955): Unterscheidung zwischen konstativen (feststellenden) und performativen (etwas vollziehenden) Äußerungen.

    • Lokution: Physischer Akt des Sprechens und Artikulierens.

    • Illokution: Die Absicht hinter der Äußerung.

    • Perlokution: Die beim Empfänger erzielte Wirkung.

  • John Rogers Searle (19691969): Erweiterte die Theorie; unterteilte den Sprechakt in Äußerungsakt, propositionalen Akt, Illokution und Perlokution.

Semantik

  • Definition: Untersuchung der Relationen zwischen Zeichen und Bezeichnetem.

    • Abgrenzung: Syntax (Zeichen zu Zeichen); Pragmatik (Zeichen zu Benutzer).

  • Geschichte: Im 19.19. Jahrhundert Teil der Etymologie. Zuvor geprägt durch Theologie, Philosophie und Lexikografie.

  • Merkmalssemantik (20.20. Jahrhundert): Suche nach dem Sem (kleinste distinktive Bedeutungseinheit).

    • Unterschied Morphem/Sem: Morphem ist die kleinste lautliche Bedeutungseinheit (Lehr-er); Sem ist eine abstrakte Bedeutungskomponente (z. B. bei "Mann": menschlich, erwachsen, männlich).

  • Herausforderungen:

    • Autosemantika (eigenständige lexikalische Bedeutung) lassen sich gut beschreiben.

    • Synsemantika (Konjunktionen, Präpositionen) drücken nur Beziehungen aus.

    • Objektsprache: Zirkelschluss bei Definitionen (z. B. Bäckerei durch backen zu erklären).

  • Bedeutungskomponenten:

    1. Denotation: Grundbedeutung.

    2. Konnotation: Zusätzliche Stil- oder Emotionalfärbung.

    3. Kollokation: Typische Wortkombinationen (z. B. im Deutschen bellt eine Verkäuferin nicht jemanden an wie im Tschechischen).

    4. Assoziation: Individuelle oder kollektive Vorstellungen (z. B. "Führer" → Hitler).

Spracherwerb

  • Bedingungen: Sprachlicher Input, harmonische Beziehung, Geborgenheit, physiologische Voraussetzungen, Erfüllung der Grundbedürfnisse.

  • Neurologie: Sprachzentren in der linken Großhirnrinde.

    • Paul Broca (18621862): Steuerung der Sprechorgane links.

    • Carl Wernicke (18741874): Inhaltliche Seite der Rede links.

    • Aphasie: Anatomisch bedingter Sprachverlust.

  • Phasen des L1-Erwerbs:

    • Pränatal: Wahrnehmung von Lauten und Musik.

    • 242-4 Wochen: Erkennen der Mutterstimme.

    • 88 Wochen: Unterscheidung bekannt/unbekannt.

    • 6106-10 Monate: Lallphase (redupliziertes Gebrabbel).

    • 9109-10 Monate: Protowörter (intentionaler Laut).

    • 1212 Monate: Erste Wörter (Substantive, Interjektionen).

    • 152515-25 Monate: Die ersten 5050 Wörter; Wortschatzspurt.

    • 182418-24 Monate: Elementare Sätze (22-Wort-Sätze).

    • 2.3.2.-3. Jahr: Hauptphase; Ausbau des Lexikons (aktiv ca. 10001000 Wörter).

Sprachfamilien der Welt

  • William Jones (17861786): Entdeckte die Ähnlichkeit von Sanskrit (altindisch) zu Griechisch und Latein. Postulierte die genetische Verwandtschaft (Sprachfamilie).

  • Indoeuropäische (Indogermanische) Familie:

    • Germanische Sprachen:

      • Westgermanisch: Englisch, Deutsch, Niederländisch, Afrikaans, Friesisch, Flämisch, Luxemburgisch, Jiddisch.

      • Ostgermanisch: Gotisch (überliefert durch Bischof Wulfila, 4.4. Jh., Codex argenteus).

      • Nordgermanisch: Isländisch, Färöisch, Schwedisch, Dänisch, Norwegisch.

    • Romanische Sprachen: Französisch, Italienisch, Spanisch, Katalanisch, Rumänisch, Portugiesisch, Ladino.

    • Slawische Sprachen: Ost-, Süd- und Westslawisch.

    • Baltische Sprachen: Litauisch, Lettisch, Altpreußisch (erloschen).

    • Weitere: Keltisch, Griechisch, Armenisch, Albanisch, Indische Sprachen (Hindi, Bengali), Iranische Sprachen (Persisch, Kurdisch).

  • Andere Sprachfamilien:

    • Uralisch: Finnisch, Ungarisch, Estnisch, Samojedisch.

    • Afroasiatisch: Semitisch (Hebräisch, Arabisch, Maltesisch), Iwrit (Neuhebräisch ab 19481948), Kuschitisch (Somali), Berber.

    • Altaisch: Türkisch, Mongolisch, ggf. Japanisch.

    • Sinotibetisch: Chinesisch, Tibetisch, Thai.

    • Bantu-Sprachen: In Afrika (z. B. Suaheli).

    • Isoliert: Baskisch (keine nachgewiesene Verwandtschaft).

Sprachliches Relativitätsprinzip (Sapir-Whorf-Hypothese)

  • Zentrale Frage: Beeinflusst die Muttersprache die Weltwahrnehmung?

  • Edward Sapir (188419391884-1939): Erforschte Indianersprachen (mit Franz Boas). Ansicht: Sprache widerspiegelt Wirklichkeit und beeinflusst gleichzeitig das Denken.

  • Benjamin Lee Whorf (189719411897-1941): Analysierte die Hopi-Sprache. Stellte fest, dass deren Struktur völlig anders als SAE (Standard Average European) ist.

  • Schlussfolgerung: Es gibt keine objektive Wirklichkeit; die Welt wird erst durch die Sprache geschaffen. Die Wahrnehmung ist relativ zur Muttersprache.