Wahrnehmen und Beobachten: Der Prozess der Wahrnehmung

Wahrnehmen und Beobachten
Der Prozess der Wahrnehmung
  • Einleitung: Wahrnehmung als Tor zur Welt und zum Selbst.

  • Sinne: Sehen, hören, riechen, schmecken, fühlen, tasten.

    • Verbinden Innen und Außen.

    • Ermöglichen Orientierung, Kommunikation und Selbstbewusstsein.

  • Illusion der Realitätstreue: Unsere Augen scheinen Fenster zur Welt, aber die Wahrnehmung ist komplex und störanfällig.

  • M.C. Escher: Künstler, der zeigt, dass Wahrnehmung keine einfache Abbildung der Realität ist.

  • Beispiel: Junge Braut oder Schwiegermutter?

  • Alltagsverständnis: Wahrnehmen als unmittelbarer Kontakt mit der Wirklichkeit; Inhalte der Wahrnehmung sind identisch mit Umweltbestandteilen.

    • Sehen als passives Hinnehmen.

  • Modernes Verständnis: Wahrnehmung ist ein aktiver Prozess.

    • Einflussfaktoren: Erfahrungen, Gedächtnis, augenblickliche Befindlichkeit.

  • Definition (Psychologie): Wahrnehmung ist Prozess und Ergebnis der Informationsgewinnung und -verarbeitung von Sinneseindrücken.

  • Arten von Reizen:

    • Äußere Reize (Umwelt)

    • Innere Reize (Körper)

Wahrnehmungsvorgang im Detail

  • Beispiel: Spaziergang an einer Landstraße mit Zug.

  • Sinneseindrücke: Visuell, auditiv, taktil, olfaktorisch.

  • Physikalische und chemische Reizsignale: Antworten auf Licht, Schall, Vibrationen und chemische Substanzen.

  • Visuelle Empfindungen: Antworten auf Licht (elektromagnetische Strahlung).

    • Form, Farbe und Bewegung des Zuges durch Lichtreflexion.

    • Fotorezeptoren nehmen Licht auf.

  • Auditive Empfindungen: Antworten auf Schall (Druckschwankungen).

    • Mechanorezeptoren nehmen Schall auf.

    • Pfeifen und Rattern der Räder.

  • Bewegungsempfindungen: Gefühlte Vibrationen durch mechanische Schwingungen.

  • Geruchsempfindungen: Antworten auf chemische Substanzen.

    • Chemorezeptoren nehmen Rauch auf.

  • Entstehung von Empfindungen: Reizung der Sinnesorgane, Organisation zur Wahrnehmung, Intensität hängt von Reizstärke ab, Qualität von Sinnesorgan.

Der Wahrnehmungsprozess
  • Beispiel (Zug): Verschiedene Reize führen zu einer Wahrnehmung.

    1. Licht wird vom Zug reflektiert und gelangt ins Auge.

    2. Abbild des Zuges auf der Netzhaut (Retina).

    3. Rezeptoren wandeln Licht in bioelektrische Signale um.

    4. Weiterleitung der Signale über Neuronen.

    5. Neuronen leiten Signale zu den Seharealen des Gehirns.

    6. Verarbeitung und Analyse der Signale in der Sehrinde.

    7. Wahrnehmung des Zuges.
      Bemerkung*: Vereinfachte Darstellung, psychologische Einflüsse wie Denken, Fühlen, Bewerten und Erinnern beeinflussen das Geschehen.

  • Drei Stufen der Wahrnehmung:

    1. Sensorische Empfindung

    2. Organisation der Wahrnehmung

    3. Identifizieren und Einordnen

  • Sensorische Empfindung: Umwandlung physikalischer Energie in Information für Neuronen.

  • Organisation der Wahrnehmung: Aufbau einer inneren Repräsentation eines Gegenstands.

    • Verarbeitung von Wissen und neuen Informationen.

    • Schätzungen von Größe, Form, Bewegung, Entfernung und Ortung.

  • Identifizieren und Einordnen (Klassifikation): Zuweisung einer Bedeutung zum Erlebten.

    • Denkprozesse höherer Ordnung.

    • Wertvorstellungen, Überzeugungen, Interessen, Bedürfnisse und Einstellungen spielen eine Rolle.

Leistungsfähigkeit der Sinne

  • Begrenzte Leistungsfähigkeit: Reize müssen eine bestimmte Stärke haben, um wahrgenommen zu werden (Wahrnehmungsschwelle).

  • Beispiele (WERNER HERKNER):

    • Sehen: Kerzenlicht in 45 km Entfernung.

    • Hören: Ticken einer Uhr in 6 m Entfernung.

    • Schmecken: Ein Teelöffel Zucker in 7 Liter Wasser.

    • Riechen: Ein Parfümtropfen in einer 6-Zimmer-Wohnung.

    • Berührung: Sandkorn aus 1 cm Höhe auf die Wange.

  • Selektion: Nur ein Teil der Wirklichkeit wird bewusst wahrgenommen.

    • Auswahl interessanter und wichtiger Reize.

    • Andere Reize werden ignoriert, um Überforderung zu vermeiden.

  • Wahrnehmung ist keine einfache Abbildung der Wirklichkeit.

Größenkonstanz

  • Netzhautabbild vs. Wahrnehmung: Ein Mensch erscheint nicht kleiner, auch wenn sein Netzhautabbild kleiner wird, da der Abstand größer ist.

  • Gehirn: Nutzt Durchschnittsgröße eines Menschen zur Korrektur.

  • Extrembedingungen: Konstanzwahrnehmung bricht zusammen (z. B. Menschen von Wolkenkratzer sehen aus wie Ameisen).

  • Bedeutung: Konstanzwahrnehmung ist eine wichtige Fähigkeit.

  • Aufgabe der Wahrnehmung: Invariante Eigenschaften trotz Veränderungen auf Netzhautbildern entdecken.

  • Störanfälligkeit: Amesscher Raum als Beispiel für Täuschung.

  • Erklärung der Täuschung: Raum wird als rechteckig wahrgenommen, obwohl er nicht rechtwinklig ist. Das Gehirn macht einen „Rechenfehler“.

Formenkonstanz und Farbkonstanz

  • Formenkonstanz: Eine Euro-Münze wird stets als rund wahrgenommen, auch wenn sie aus verschiedenen Blickwinkeln als Ellipse erscheint.

  • Farbkonstanz: Die Farbe eines roten Gegenstands bleibt gleich, auch bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen.

  • Korrekturprozesse: Merkmale eines Gegenstands werden relativiert, um Konstanz zu gewährleisten.

  • Erleichterung: Das Zurechtfinden in der Welt wird durch Organisationsleistung erleichtert.

  • Mehrdeutigkeit: Wenn Reize mehrdeutig sind, ist ein genaues Bild der Wirklichkeit erschwert (wie bei der jungen Frau/alten Frau).

  • Rubin-Kelch: Vase oder zwei Gesichter?

  • Figur-Hintergrund-Bild: Flächen können als Vordergrund oder Hintergrund erkannt werden.

  • Necker-Würfel: Oben oder unten?

  • Wahrnehmungsalternativen: Das Gehirn löst scheinbar unlösbare Probleme auf überraschende Weise.

Irrtümer der Sinne oder geometrisch-optische Täuschungen

  • Definition: Sinne täuschen eine fehlerhafte Erfahrung eines Reizmusters vor.

  • Betroffenheit: Alle Menschen gleichermaßen betroffen.

  • Müller-Lyer'sche Täuschung: Linien gleicher Länge erscheinen unterschiedlich lang.

Erklärung

  • Dreidimensionale Deutung: Wahrnehmung ist darauf eingerichtet, Sinneseindrücken eine räumliche Tiefe zuzuordnen.

  • Hering'sche Täuschung: Parallele Linien scheinen vom Strahlenzentrum weggebogen.

  • Ehrenstein'sche Täuschung: Quadrat scheint zum Trapez verzerrt.

  • HERING: Quadrat über konzentrischen Kreisen: Kanten des Quadrats scheinen nach innen gekrümmt.

  • Praktische Anwendung: Kuchenstücke beim Kindergeburtstag.

  • Umgebung: Das Wahrnehmungsergebnis hängt stark von der Umgebung eines optischen Reizes ab.

  • Mondtäuschung: Mond am Horizont erscheint größer als am Himmel.

  • Größenkonstanz: Missdeutung der Größenkonstanz führt zu Täuschung.

  • Sander'sche Parallelogramm: Diagonalen erscheinen unterschiedlich lang, obwohl sie gleich sind.

  • Ebbinghaus'sche Täuschung: Kuchenstücke erscheinen unterschiedlich groß aufgrund der umgebenden Stücke.

Organisation unserer Wahrnehmung
  • Ordnungsstreben: Wir versuchen, Sinn und Ordnung in die Vielfalt der Reize zu bringen.

  • Beispiel: Dalmatiner-Bild (schwarze und weiße Flecken).

  • Ganzheitlichkeit: Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile.

  • Sprachbeispiel: Studie über die Reihenfolge der Buchstaben in Wörtern.

Die Gestaltgesetze der Wahrnehmung

  • Gestaltpsychologie: Richtung gegründet von MAX WERTHEIMER, ERNST KOFFKA, WOLFGANG KÖHLER und WOLFGANG METZGER.

  • Definition: Regeln, die beschreiben, welche Wahrnehmungen entstehen, wenn bestimmte Reizbedingungen gegeben sind.

    1. Das Prägnanzgesetz

    2. Das Gesetz der Ähnlichkeit

    3. Das Gesetz der Nähe

    4. Das Gesetz der guten Fortsetzung

    5. Das Gesetz der Geschlossenheit

    6. Das Gesetz der Erfahrung bzw. Vertrautheit oder Bedeutung

Das Prägnanzgesetz

  • Zentrales Gesetz: Auch Gesetz der guten Gestalt oder der Einfachheit.

  • Ergebnis: Jedes Reizmuster wird so einfach wie möglich gesehen.

  • Beispiele: Quadrat und Ellipse, Rechteck und Dreieck.

  • Gute Formen: Kreise, rechte Winkel und Geraden.

  • Erinnerung: Prägnantes prägt sich besonders gut ein (Werbeslogans!).

Das Gesetz der Ähnlichkeit

  • Gruppenbildung: Ähnliche Elemente werden als Gruppe wahrgenommen.

  • Ähnlichkeit: Farbe, Helligkeit, Größe, Orientierung oder Form.

  • Beispiele: Eröffnungszeremonien bei Sportveranstaltungen.

  • Personenwahrnehmung: Angehörigen bestimmter Gruppen werden allzu gerne übereinstimmende Eigenschaften zugeschrieben.

Das Gesetz der Nähe

  • Zusammengehörigkeit: Reize, die nahe beieinander liegen, werden als zusammengehörig wahrgenommen.

  • Veränderung der Wahrnehmung: Die Nähe kann Dinge einander ähnlicher machen.

Das Gesetz der guten Fortsetzung

  • Kontinuitätsgesetz: Reize, die eine Fortsetzung vorausgehender Reize zu sein scheinen, werden als zusammengehörig wahrgenommen.

  • Beispiel: Zahlen und Buchstaben (12 13 14 oder A B C)

  • Gemälde von CAMILLE PISSARRO: Fortsetzung trotz Unterbrechungen.

Das Gesetz der Geschlossenheit

  • Vervollständigung: Unvollendete Reize werden als vollendet wahrgenommen.

  • Beispiele: Punkte werden als Kreis wahrgenommen, Papierschnitzel als Hund.

Das Gesetz der Erfahrung

  • Vorinformation: Vorwissen, Erfahrung und Vertrautheit spielen eine bedeutende Rolle.

  • Beispiel: BEV DOOLITTLE Die Gestaltpsychologie umfasst mehrere Gesetze, die beschreiben, wie Menschen Wahrnehmungen organisieren:

    1. Prägnanzgesetz (Gesetz der guten Gestalt): Reize werden so einfach und klar wie möglich wahrgenommen.

    2. Gesetz der Ähnlichkeit: Ähnliche Elemente werden als Gruppe wahrgenommen.

    3. Gesetz der Nähe: Reize, die nahe beieinander liegen, werden als zusammengehörig wahrgenommen.

    4. Gesetz der guten Fortsetzung: Reize, die eine Fortsetzung bilden, werden als zusammengehörig wahrgenommen.

    5. Gesetz der Geschlossenheit: Unvollständige Reize werden als vollständig wahrgenommen.

    6. **Gesetz der Erfahrung

Weitere Aspekte der Wahrnehmung

  • Konstanzphänomene:

    • Mechanismen, die sicherstellen, dass Objekte unter verschiedenen Bedingungen (z.B. unterschiedliche Beleuchtung oder Entfernung) als stabil wahrgenommen werden.

    • Umfassen Helligkeitskonstanz, Farbkonstanz, Größenkonstanz und Formenkonstanz.

  • Objektwahrnehmung:

    • Prozesse, durch die wir Objekte in unserer Umgebung erkennen und identifizieren.

    • Beteiligt sind sowohl Bottom-up-Verarbeitung (von den Sinnesorganen zum Gehirn) als auch Top-down-Verarbeitung (Erwartungen und Vorwissen beeinflussen die Wahrnehmung).

  • Theorie der sozialen Wahrnehmung:

    • Befasst sich damit, wie wir andere Menschen wahrnehmen und verstehen.

    • Beinhaltet die Attributionstheorie, die erklärt, wie wir das Verhalten anderer auf interne (Persönlichkeit) oder externe (Situation) Faktoren zurückführen.

  • Fehler in der Personenwahrnehmung:

    • Halo-Effekt: Ein positiver Eindruck in einem Bereich führt zu einer positiven Gesamtbeurteilung.

    • Bestätigungsfehler (Confirmation Bias): Wir suchen und interpretieren Informationen so, dass sie unsere bestehenden Überzeugungen bestätigen.

  • Konformität (Solomon Asch):

    • Der Grad, in dem eine Person ihre Meinung oder ihr Verhalten ändert, um mit den Meinungen oder Verhaltensweisen einer Gruppe übereinzustimmen.

    • Experiment von Solomon Asch: Zeigte, dass Menschen bereit sind, offensichtlich falsche Antworten zu geben, um sich der Gruppe anzupassen.

  • Rosenthal-Effekt (Pygmalion-Effekt):

    • Hohe Erwartungen führen zu einer Leistungssteigerung.

    • **

Die Attributionstheorie ist ein Teil der sozialen Wahrnehmung und beschäftigt sich damit, wie Menschen das Verhalten anderer erklären. Sie geht davon aus, dass wir dazu neigen, die Ursachen für Handlungen entweder in der Person selbst (interne Faktoren wie Persönlichkeit, Fähigkeiten) oder in der Situation (externe Faktoren wie Umstände, soziale Normen) zu suchen.

Es gibt verschiedene Modelle innerhalb der Attributionstheorie, wie z.B.:

  • Das Kovariationsmodell von Kelley: Dieses Modell besagt, dass wir bei der Ursachenzuschreibung verschiedene Informationsquellen berücksichtigen: Konsistenz (verhält sich die Person immer so?), Distinktheit (verhält sich die Person nur in dieser Situation so?) und Konsens (verhalten sich andere auch so?).

  • Der fundamentale Attributionsfehler: Die Tendenz, das Verhalten anderer übermäßig auf interne Faktoren zurückzuführen und situative Einflüsse zu vernachlässigen.

  • Der Actor-Observer-Bias: Die Neigung, das eigene Verhalten eher mit der Situation zu erklären, während das Verhalten anderer eher auf deren Persönlichkeit zurückgeführt wird.